Suomalaisten ja germaanisten kielten varhaisimmista lainakosketuksista, ajanlaskun alun aikaan

Saksan johtava fennouristi (ihka oikea germaani siis!) tyrmäsi Jorma Koivulehdon pan-germanistisesen kielitieteen hölynpölyksi jo 1993!

V. 2011 edesmennyt fennougristiikan professori Ralf-Peter Ritter piti HY:n ”suomen kielen arkkimuinaisia germaanilainoja pronssikaudelta”, ajalta ylipäätään ennen ajanlaskun alkua, väärin metodein pseudotutkittuna huijauksena.

” In der Untersuchung wird dargelegt, welche Aussagen über Alter, Umfang und Schauplatz der ger- manisch-ostseefinnischen Sprachkontakte beim derzeitigen Stand der Kenntnisse möglich sind: Vor dem Auftreten der ersten germanischen Runeninschriften beginnen die Ostseefinnen aus dem Ger- manischen zu entlehnen. Ob der Beginn der Lehnbeziehungen vor der Zeitwende (und gegebenenfalls, wie lange davor) anzusiedeln ist, läßt sich nicht feststellen. Germanische Entlehnungen in das «Früh-urfinnische»(d.h. Ostseefinnisch-Lappische) sind bisher nicht zwingend nachgewiesen worden. Die traditionelle Auffassung, daß der Beginn der baltisch-ostseefinnischen Lehnkontakte vor dem der germanisch-ostseefinnischen liegt, ist jedenfalls nicht zu widerlegen.

Die etymologische Methode, mit der gegenteilige Ergebnisse erzielt wurden, hält einer kritischen Prüfung nicht stand. ”

Tutkimuksia itämerensuomen vanhimmista germaanilainoista (1.3.1993)

” Tutkimuksessa esitetään, mitä on mahdollista sanoa germaanis-itämerensuomalaisten kielikontak- tien iästä, laajuudesta ja esiintymisalueista tämänhetkisen tietämyksen vallitessa: Ennen ensimmäis- ten germaanisten riimukirkjoitusten ilmaantumista (n. 100 j.a.a.) alkoivat itämerensuomalaiset lainata sanastoa germaanikielistä. Voidaanko lainayhteyksien alku vetää ajanlaskuun alkuun asti (ja kuinka kauaksi siitä taaksepäin), ei ole varmistettavissa. Germaanisia lainauksia ”varhais-muinaissuomessa” (itämerensuomi-lapissa) ei ole tähän mennessä pitävästi todistettu.

Perinteinen käsitys,että balttilais-suomalaisten lainakontaktien alku sijoittuu ennen germaanis-itämerensuomalaisia, ei ole mitenkään kumottavissa.

Se etymologinen metodi, jolla päinvastaisia tuloksia on saatu, ei kestä kriittistä tarkastelua. ”

 

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2015/12/suomalaisten-ja-germaanisten-kielten-varhaisimmista-lainakosketuksista-ajalaskun-alun-aikaan

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2015/12/suomalaisten-ja-germaanisten-kielten-varhaisimmista-lainakosketuksista-ajalaskun-alun-aikaan-2

(Olen poistanut kirjan liettuankielisistä sanoista painomerkit (à, á, ã) koska liettuaa osaamattomat sekoittavat ne foneettisiin äännemerkkeihin, käsittävät nuo eri äänteiksi, mitä ne eivät ole. Loput ”ylimääräiset” merkiit ovat äännemerkkejä.

Ralf-Peter Ritter

Studien zu den ältesten germanischen Entlehnungen im Ostseefinnisehen

Vorwort

In der vorliegenden Untersuchung wird dargelegt, welche Aussagen über Alter, Umfang und Schau- platz der germanisch-ostseefinnischen Sprachkontakte beim dezeitigen Stand der Kenntnisse möglich sind. Der Arbeit sind auf verschiedenen Stufen ihrer Fertigstellung Ergänzungen und Berichtigungen folgender Kollegen zugute gekommen: Helmut Fischer, Jost Gippert, Jänos Gulya, Adelheid Hafnerl, Hartmut Katz, Thomas Krisch, Rosemarie Lühr, F. Javier Martinez Garcia, Tatjana und Johannes Reinhart, Hans-Jürgen Sasse, Christiane Schaefer, F. Javier Martinez Garcia gebührt Dank für Hilfe bei der Erstellung der Druckvorlage, Ilse Tröster für das Lesen des Korrekturausdrucks.

Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . …………….. 1

Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . … …………….3

Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . …………….. 5

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ……………..9

Die neue Konzeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . …………..21

Die Chronologie der Kontakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ………..29

Das Germanische als ”Prestigesprache” . . . . . . . . . . . . . ………..57

Germanische vs. ostseefinnische Kulturstufe . . . . . . . . . . ……..67

Lautlehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ……………..71

*ti > *si . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . …………………….. 71

”(früh)nrgerrn.”  *s -> ”(früh)urfi.” (> h) . . . . . . . . . . ……..93

ostseefi. *o für urgerrn. *a . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . …………….103

urgerm. *ē > nwgerm. ā . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ……………….. 108

Phonotaktik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ……….. …………116

Zur Beweiskraft des Finnischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. ………..141

Der Schauplatz der gerrnanisch-ostseefinnischen Kontakte . .151

Westgerrnanische Elemente im Urostseefinnischen? . …………159

4. Studien zu den ältesten germanischen Lehnwörtern im Ostseennniscnen

Gemeinsame germanische Elemente des Ostseefinnischen,
Slavischen, Baltischen und Romanischen . . . . . . ………………173
Sachgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..          193
Zur semantischen Gruppierung der Entlehnungen . . . . ……..203
Methodisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . … ……..205
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. ………225
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ……. ……….227
Indizes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ……………249

 

Einleitung

§ 1. Aus der Menge der in der langen Geschichte der Erforschung des ostseefinnisch-germanischen Sprachkontaktes geleisteten Beiträge ragen drei heraus. Bei dem ersten handelt es sich um die Disser-tation THOMSENs (1869), der mit der Sichtung des bis dahin vorhandenen Materials die Grundlage für eine solide wissenschaftliche Behandlung des Themas schuf. POSTI hat 1953 versucht, den durch die Entlehnungen erwiesenen engen Kontakt zwischen Germanen und Ostseefinnen in Form einer ausgebauten Theorie für die Geschichte des Urostseefinnischen nutzbar zu machen.

Mit einem intensiven, planmäßigen Etymologisieren und der konsequenten Berücksichtigung der Phonotaktik als Mittel zur Findung neuen Lehngutes hat schließlich KOIVULEHTO zu Beginn der siebziger Jahre der nach KARSTEN einset nur durch einsetzenden POSTIs Arbeit unterbrochenen – eher ”kontemplativen” Phase der germanisch-ostseefinnischen Lehnwortforschung ein Ende gesetzt.

Die Hervorhebung der beiden erstgenannten Arbeiten als Marksteine in der Geschichte der germa-nisch-ostseefinnischen Lehnwortforschung steht im Widerspruch zu einigen Beurteilungen dieser Werke durch die Fachwelt. So erwähnt KYLSTRA, daß nach NORDLING ”von einer Überschätzung Thomsens” durch die Rezipienten gesprochen werden könne (1961, 175). Die Zurückhaltung gründet sich im wesentlichen auf den Umstand, daß THOMSEN die Leistung des Johan IHRE, eines schwedischen Gelehrten aus dem 18. Jahrhundert, nicht gebührend berücksichtigt habe. IHRE,”der größte Materialsammler vor Thomsen”, sei ”nicht durch den Umfang, sondern durch die Behandlung des Materials” als ”Bahnbrecher auf dem Gebiete der Lehnwortforschung” anzusehen (23).

 

s. 10

 

KYLSTRAS Darstellung der Verfahrensweise IHREs (17 ff.) gibt indessen nicht den geringsten Anlaß, an der oben gegebenen Wertung des Werkes Abstriche vorzunehmen, da es, wie KYLSTRA an anderer Stelle hervorhebt, belanglos ist, wieviel der bei THOMSEN 10 Studien zu den ältesten germanischen Lehnwörtern im Ostseefinnischen verzeichneten Gleichungen von ihm selbst stammen, und da ”man seine Dissertation den Anfang der eigentlichen Lehnwortforschung nennen” könnte, ”auch wenn er keine einzige Gleichung selbst gefunden hätte” (56). KYLSTRA stellt fest:

”Die Kritik berührt weder Beweisführung noch Ergebnis, sondern nur die Einleitung und auch diese nur zum Teil. Sie betrifft nur die kurze Übersicht über die früheren Arbeiten, schon dadurch, daß THOMSEN ”im einzelnen die formen entwickelt und zu begründen versucht” hat, ”in denen die lehn- wörter aus den germanischen sprachen in den finnisch-lappischen erscheinen” (115), hebt er sich von seinen Vorgängern ab. Das Urteil muß noch günstiger ausfallen, wenn berücksichtigt wird, daß THOMSEN bei angeblichen (vgl. 5. 6) Fehleinschätzungen oft sehr vorsichtig formuliert. KYLSTRAS Angabe, daß in fi. rengas ‘Ring’ ”nach ihm hervorgegangen” sei (58), entspricht in der deutschen Fassung ein ”bisweilen ist e wol (!) aus i hervorgegangen, wie vermuthlich (l) in rengas” (55).

Es sei ferner an die anläßlich der Behandlung der Wiedergabe der germanischen -ja-Stämme im Ostseefinnischen geäußerte Vermütung THOMSENS bezüglich des Unterschieds ja : ia im Ausgang finnischer Wörter erinnert, ”dass derselbe im germanischen einmal ein ähnlicher gewesen sei, wie im finnischen, nämlich dass der stammauslaut nur nach einer kurzen wurzelsilbe -ja- war, sonst aber ia”, die in nuce bereits das SIEVERSsche Gesetz beinhaltet. Die Formulierung des SIEVERschen Gesetzes erfolgte 1879 in PBB 5 (129 ff.). Die 1870 erschienene deutsche Übersetzung des THOMSENschen Werkes stammt aus der Feder von SIEVERS. 1.

Damit soll aber nichts gegen die Leistung IHRES gesagt sein. Die älteren Forscher dürfen nicht unter-schätzt werden. KYLSTRA konstatiert, daß Jacob GRIMM für die ostseefinnisch-germanischen Lehn- beziehungen ”nichts Entscheidendes und nichts Neues” beigebracht (32) und ”die Lehnwortforschung nicht gefördert” habe (35).

1. Hier liegt ein ähnlich erstaunlicher Fall einer Vorwegnahme indogermanistischer Erkenntnis durch die Finnougristik vor wie bei ANDERSON, dessen ”glaube an die ursprünglichkeit des altind. a gegen- über europ. e und o” schon vor ”den arbeiten von Collitz, Brugmann und namentlich Johannes Schmidt” – wie er freilich erst 1893 versichert – ”längst erschüttert” war (1).

 

s. 11

 

Das liegt aber zu einem Teil an den Rezipienten. Die von GRIMM (s. KYLSTRA 34) vermütete fin- nische Herkunft von an. refr ‘Fuchs’ (fi. repo; das Wort gilt als einheimisch, s. SKES) findet sich ein Jahrhundert später bei BERGSLAND wieder. Die Abhängigkeit einer solchen Beurteilung vom jewei- ligen Forschungsstand unterstreicht auch die in KOIVULEHTOS Ausführungen zur SIEVERsschen Regel relevante Zusammenstellung von fi. maltsa mit dt. Melde usw., die sich schon 1881 bei DIE- FENBACH findet. Die von T. ITKONEN 1980 vorgelegte Deutung von fi. makea ‘süß’ als Entlehnung des urgermanischen Vorläufers des deutschen schmecken hätte bereits im Jahre 1860 erfolgen können, wenn sich WEDGWOOD nicht auf ”imitation” mit ”dropping of the s” kapriziert hätte. 2.

2. Es fragt sich übrigens auch, ob KYLSTRA mit seiner Behauptung, daß GRIMMs Außerungen zur Frage der unverwandtschaft zwischen dem Indogermanischen und dem Finnisch-Lappischen wider-sprüchlich seien, recht hat. Es fällt auf, daß sich die von KYLSTRA der Feststellung GRIMMs, ”andere bewandtnis hat es aber um urverwandte, weder aus deutsche dem deutschen ins finnische, noch aus dem finnischen ins deutsche gekommene Worter, z.B. …finn. mato wermis, goth matha, ahd. mado; finn. hanhi, skr. hansa, lat. anser, ahd. kans, altn gaas, (KYLSTRA 34) gegenübergestellten Belege aus GRIMMs Schriften sämtlich auf die Urverwandtschaft von Sprachen beziehen (33). Diese ist aber für Grimrn offenbar eine graduelle. So stellt er in seiner Geschichte der deutschen Sprache fest:”viel entlegner und eigentlich unverwndt sind die Finnischen sprachen” (1880,175). Entscheidend für die Vergabe des Merkmals ”unverwandt” scheint für ihn in erster Linie ”die innere structur” zu sein, die im Falle des Finnischen und Lappischen von der des Indogermanischen ”bedeutend abweicht” (6).

Es mag sein, daß es für GRIMM in eigentlich unverwandten” Sprachen durchaus ”urverwandte” Wörter geben kann. Am Schluß seiner Akadernierede ”Uber den ‘Ursprung der Sprache” (1851) läßt er es offen, ”in wie fern mit der … indogermanischen sprache die andern zungen der erde aus ein und derselben quelle dürfen abgeleitet werden” und nennt insonderheit das Finnische uber das er ”verschiedentlich nachgedacht” habe (1986, 2003).

 

12.

 

Ebenso kann die Leistung KARSTENS, dessen Bearbeitung auch die jüngeren Entlehnungen umfaßt, nicht hoch genug eingestuft werden. Die Darstellung von KARSTENs Rolle in der germanisch-finnis- chen Lehnwortforschung bei KYLSTRA konzentriert sich in ungerechtfertigter Weise auf seine ”Theo- rie von den Lehnwörtern mit unverschobenem, bzw.nicht ganz verschobenem Konsonantismus” (176), dem ein ganzes Kapitel gewidmet ist, fast ein Drittel des ganzen Forschungsberichtes (107-160). 3.

3. ”Das seiltänzerische Manövrieren Karstens,dessen ständig modifizierte Ansichten Forscher wie Hirt und Streitberg kritiklos annahmen” (KYLSTRA 176), bezieht sich auf einen Aspekt, der zu einem Zent- ralproblem der germanisch-finnischen Lehnwortforschung aufgebauscht wurde. Für die Germanistik hätte – jedenfalls in der von KYLSTRA dargestellten Periode – eine Lösung im Sinne KARSTENS kei- nen entscheidenden Fortschritt bedeutet. Die Lautverschiebung bedurfte keines Beweises, und auch für die Chronologie wäre nichts gewonnen gewesen, da der Beginn der Lehnbeziehungen nicht zu bestimmen war. Für die Fennistik wäre der Beweis der KARSTENschen Theorie unter Verwendung des von der Germanistik eruierbaren terminus ante quem von relativ geringer Bedeutung, da sich der Zeitpunkt selbst gegenüber der ”Auffassung Öhmanns und Fromms von der gotischen Provenienz der ältesten Schicht” (KYLSTRA 177) nur unwesentlich verschieben würde.

POSTIs Erklärung der Genese des ostseefinnischen Stufenwechsels durch das VERNERsche Gesetz wiederum wird u.a. von FROMM und KYLSTRA abgelehnt. KYLSTRA läßt sich aber immerhin von FROMMs Kritik an der Möglichkeit einer Umgestaltung des ostseefinnischen Phonemsystems durch das Germanische nicht überzeugen (1961, 176).

Die von POSTI gemachte Beobachtung, daß das urostseefinnische Konsonantensystem und die Menge der zulässigen Konsonantenverbindungen genau die Schnittmenge der Menge der Konsonanten und Konsonantenverbindungen des Urfinnischugrischen, Urbaltischen und Urgermanischen repräsentiert, nötigt förmlich zu der Hypothese, daß Baltisch und Germanisch für die Genese des urostseefinnischen Konsonantenvorrats verantwortlich seien. Dagegen ist vorgebracht worden 4., daß Sprachkontakte gewöhnlich nicht so tiefgreifende Veränderungen hervorrufen (vgl. LAANEST 2.2.1.18). Es handele sich sonst in der Regel nur um Umgestaltungen, Erweiterungen durch neue Korrelationen u.a.; Elimi-nierung von Phonemen sei hingegen selten zu beobachten. Eine ausgesprochene Verstümmelung, wie sie im Falle des Urostseefinnischen vorliegt, scheint noch nicht beobachtet worden zu sein. An Fällen von Erweiterungen können etwa die Herausbildung einer Palatalitätskorrelation im Rumänischen (PETROVICI) und im Wepsischen durch den Kontakt mit dem Altbulgarischen bzw. dem Nordgroßrussischen genannt werden.

4. FROMMs Hauptargument, die Existenz eines ”Nachdruckrestes” auch im Urgermanischen (1957/ 58, 233), ist aber schwer nachvollziehbar. Es erscheint gegen FROMM (l. c.) plausibler, daß ein Nebenton bei festem Akzent – wie im Urostseefinnischen – stärker sein kann als im Falle von wechselndem Akzent – wie im frühen Urgermanischen – , da hier die Opposition undeutlicher würde.

 

13

 

Verwunderlich wäre es auch, daß einem so tiefgreifenden Einfluß auf phonologischer Ebene keiner auf anderen Sprachebenen, die leichter affiziert werden, voraufgegangen ist. Man denke etwa an die zahl- reichen Lehnbildungen nach slavischem Muster im phonologisch vom Slavischen kaum beeinflußten Ungarischen (KISS) 5. Allerdings ist in einigen Arbeiten von Beeinflussungen die Rede, die einen noch intensiveren Kontakt implizieren, als für die Entstehung von Lehnbildungen vorausgesetzt werden muß.

§ 2. SCHLACHTER macht die Beobachtung,”daß im Finnischen und Lappischen die Zahl der entlehn- ten Adjektiva und Verba unverhältnismäßig niedriger ist als die der Substantiva” 5. Es ist zu fragen, ob es überhaupt ein Lehnverhältnis intensiver Art gibt, bei dem dieser Umstand nicht festzustellen ist. Auch unter den slavischen Lehnwörtern des Ungarischen überwiegen die Substantive bei weitem, und von den bei HÜBSCHMANN verzeichneten persischen Elementen des Armenischen machen die Adjektive keine 15% aus. SCHLACHTER stellt des weiteren fest, daß es sich in semantischer Hinsicht vorwiegend um abstrakte Adjektive handelt, die dem Germanischen entlehnt wurden, und sieht eine Ursache darin, ”daß eine sprachliche Analyse der Umwelt, die an den Dingen abstrakte Eigenschaften erkennt, in den fiugr. Sprachen noch später entstehen konnte als in den indoeuropäischen”, und es sei ”klar, daß die Finnen z.B. seit uralter Zeit den Zustand des Krankseins kannten; aber es scheint der Denkform, wie sie im fiugr. Typus Gestalt gewonnen hat, besser zu entsprechen, den Zustand als ein in seiner Äußerung konstantes, kontinuierliches Geschehen auszudrücken als durch ein Sein: unserem ‘krank sein’ entspricht etwa finn. das Verb kipua. 6. (25 f.).

5. Man muß freilich in Rechnung setzen, daß die in Rede stehende Sprachebene im Falles des Slavischen sehr viel besser bekannt ist als im Falle des Urgermanischen.

6. Ein solches Wort verzeichnen die gängigen Wörterbücher nicht.
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Aber auch altgriechischer ”Denkform” scheint das ”besser entsprochen” zu haben, denn ‘krank sein’ heißt hier voσeiv, ασϑεsvεiv. Ein Plato mußte sich demnach noch einer hyperboreischen Ausdrucks- weise bedienen, als er dem Sokrates ein [ου γαρ αμα δήπου υγιαίνει τε καί νοσεϊ όϑρωπος] ‘Der Mensch ist nicht gleichzeitig gesund und krank’ (Gorgias 495 E) in den Mund legte,während die Ost- seefinnen zum nämlichen Zeitpunkt – jedenfalls nach der neuen Konzeption – diesen Sachverhalt dank urgermanischer Entwicklungshilfe schon unter Verwendung eines Adjektivs formulieren konnten.

Eine Reihe von semantischen Entsprechungen zeigt die Merkmallosigkeit einer verbalen Ausdrucks- weise für ‘krank sein’. Auch im Slavischen steht neben der Ableitung von urslav. *rzemogt´ das Verb *boléti‚ eigentlich ‘schmerzen’ vgl. fi. kipu/*kipua; vgl. auch russ. xвopamь [hvorat´] und das zu dt. Sorge, abg. sragaKrankheit’ gestellte litauische sirgti 7. Es muß zumindest konstatiert werden, daß SCHLACHTERS Beispiel für die Behebung eines ererbten Begriffs – bzw.

Denknotstandes des Ostseefinnischen durch das angeblich weiter entwickelte Germanische schlecht gewählt ist. Die Übernahme von urgerm. *saz’razkrank’ mag vielmehr die gleiche Ursache haben wie das Eindringen des ungarischen beteg krank’ in fast alle Nachbarsprachen des Ungarischen. Da die Germanen – jedenfalls nach traditioneller Ansicht – wie die Ungarn die ”Arbeitgeber” in den Kontaktzonen waren, erscheint das ”Krankfeiern” als sachgeschichtlicher Hintergrund nicht ausgeschlossen.

Im übrigen liegt in der Verbindung olla kipua eine dem Deutschen entsprechende Ausdrucksweise vor; bei kipeä handelt es sich aber nach Ausweis der verwandten Sprachen um eine bereits urostseefinnische Ableitung 8.

7. Beim Verbum ist im Litauischen ein Wechsel von Schwund- und Vollstufe ganz gewöhnlich.So kann z.B. lit. sirgti ‘krank sein’ über seinen Präsensstamm serg- mit dem finnischen särky ‘Schmerz’ ver- bunden werden. Die Zusammenstellung des finnischen Wortes mit dem ererbten särkyä ‘brechen’ ist im Prinzip semantisch unbedenklich, zumindest wird man annehmen dürfen, daß sich die Bedeutung ‘Schmerz’ nach dem Baltischen herausgebildet hat.

8. Bei dem der finnisch-ugrischen ”Denkform“ gemäßen *kipua mag es sich überdies um ein Lehn- wort handeln. Die Wortsippe ist in allen ostseefinnischen Sprachen nachzuweisen, und es findet sich auch eine lappische Entsprechung, z.B. schwed. ‘lapp. skepp, norw. skippa ‘kränklich’, die von SKES als finnische Entlehnungen aus dem Finnischen angesehen werden, wobei der anlautende Sibilant offenbar als unorganischer Laut betrachtet wird. Im Germanischen scheint keine geeignete Basis vorzuliegen. Allenfalls könnte man an die für dt. Schiff usw. postulierte Wurzel der Bedeutung ‘hauen, schneiden’ denken und eine Beziehung wie zwischen dt. Schmerz und engl. smart ‘scharf, beißend, geschmeidig’ annehmen. Die baltische Entsprechung (vgl. lett. shkibit ‘id.’) würde aber dem ostseefin-nischen Wort gerecht.Im Ostseefinnischen wäre eine zwar naheliegende, die Herleitung aber natürlich erschwerende Bedeutungsentwicklung zu ‘schmerzen, krank sein’ anzunehmen. Man vgl. noch griech. όδυγήͮ [odune] ‘Schmerz’, arm. erkn ‘Schmerz, Wehen’, air. idu ‘Wehen’, die zu uridg. *h1ed- ‘essen’ gestellt werden.

[HM: kantabaltin syöttää, syödä on *en-s-ti (*enda) = pistellä sisään, josta tulee liettuan ėsti (ėda) jne. Sama, ehkä *hen-s-ti, on voinut olla kantaindoeuroopassakin, tai sitten ei.]

 

15

 

§ 3. Für die Tatsache,daß bei den Verben das Gros der Entlehnungen auf Originale aus der schwachen Klasse zurückgeht, hat KOIVULEHTO eine sehr plausible Erklärung gefunden: die bessere morpholo-gische Integrierbarkeit in den ostseefinnischen Typenvorrat (1974, 119 f.). FROMM hat dagegen einge-wandt, daß ”unbequeme Phonemstruktur” i.a. keine ”Zurückweisung des Lexems” verursache (1986, 222).

Hier geht es aber um ”unbequeme” morphologische Struktur! Beispielsweise werden im Apachischen und Irokesischen aus dem Englischen keine Verben entlehnt, weil die Wurzeln nicht erkennbar sind, und im Baskischen war Verbentlehnung erst möglich, als der synthetische Konjugationstyp aufgegeben wurde (Mitteilung von H.-J. SASSE).

Ferner ist zu berücksichtigen, daß in dieser Verbklasse ein hoher Anteil von Denominativa vorliegt. Es leuchtet nun ein, daß z.B. mit einem germanischen *rōkō (fi. ruokka ‘Pflege, Kost’) auch das zuge- hörige Verb *rōkjan– (fi.ruokkia) entlehnt wird (zu den finnischen Wörtern s. KOIVULEHTO 1981b, 176). Außerdem hätten wir es hier nicht nur mit den sogenannten Bedarfsentlehnungen zu tun.Bei der allgemein angenommenen – mit einem hohen Grad der Zweisprachigkeit verbundenen – Intensität der germanisch-ostseefinnischen Kontakte muß auch eine erkleckliche Anzahl von ”überflüssigen” Entleh-nungen vorausgesetzt werden (vgl. hierzu HOFSTRA 1985,365 f. und 421). Es ist z.B. kaum anzuneh- men, daß die Ostseefinnen vor den Kontakten mit den Germanen die mit sallia oder valita bezeich- neten Inhalte ‘erlauben’ bzw. ‘wählen’ nicht haben ausdrücken können. Daß nun morphologisch leicht integrierbare ”Fremdwörter” häufiger in die Rede einfließen und sich damit eher etablieren als andere, erscheint evident. Zu einem Teil wird sich der Überschuß an Verben aus der germanischen Gruppe der schwachen Verben aus entbehrlichen Entlehnungen rekrutieren.
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Andererseits weist HOFSTRA auf Frequenz und Produktivität der in Rede stehenden germanischen Verbalgruppe hin und meint, daß die mit dem ”Aufkommen neuer Techniken” und ”neuer sozialer Verhältnisse” verbundenen Verbalinhalte gerade mit Mitteln dieser Gruppe gebildet worden sein dürften (1985, 226). Ohne auf HOFSTRAs gegenteilige Ansichten einzugehen, wiederholt FROMM seine 1984 veröffentlichte Deutung der KOIVULEHTOschen Beobachtung (1986, 222 ff.). Die ”früh-ostseefinnische Periode” habe sich ”in einer geschichtlich vergleichbaren Situation wie die urgerm.” befunden. Die Parallelität zwischen Urgermanisch und Frühostseefinnisch bestehe darin, daß in den finnisch-ugrischen Sprachen ”eine dem Idg. vergleichbare Entwicklung von einem primär aspektbe-zeichnenden zu einem primär den Zeit- oder Zeitstufenbezug anzeigenden System stattgefunden” habe (222). Zu den ”kompensatorischen Mitteln”, die im Urgermanischen entwickelt wurden, hätten ”in besonderer Weise die vier Klassen der sw. Verben, deren Bildungsmorpheme Aspekt- und Aktions-artbedeutung besitzen: kausative, iterative, durative und inchoative” (223) gehört. Auch die ”frühost-seefinnische Periode” hätte ”mit der Umschichtung ihres Verbalsystems sationen” entwickelt,”um sich aspektive Ausdrucksmöglichkeiten zu bewahren”. Zu Kompensationen aus eigenen Sprachmitteln wie ”im besonderen Objektskasus sen – auf ihn geschossen, ihn angeschossen’)” wäre ”die Entlehnung von germ. Bildungstypen getreten, die ein entsprechendes Angebot darstellten” (224). FROMM vermutet, ”daß das semantische Merkmal von Resultativität bzw. Vorgängigkeit eines Prozesses, das im germ. sw. Verbum zum Ausdruck kommt ins Osfi. darstellte” (223 f.).
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Nun ist aber nicht die mit den finnischen Beispielen FROMMs angesprochene ”aspektive” Opposition gemeint, wenn für das Kategoriensystem des urindogermanischen Verbums für Präsensstamm und Aoriststamm die Funktion eines imperfektiven bzw. perfektiven Aspekts angesetzt wird. Ebensowenig läßt sich beispielsweise die russische, durch Verbdubletten konstituierte Aspektkategorie durch den Begriff der ”Resultativität” charakterisieren. Beide FROMMschen Sätze sind im Normalfall mit dem perfektiven Aspekt wiederzugeben: он застрелил eго (on zastrelil jego) ‘er hat ihn erschossen’; он пастрелил eго (on postrelil jego) ‘er hat ihn angeschossen’, und auch bei dem resultativen Verb ist der imperfektive Aspekt möglich; so würde z.B. die Antwort auf die Frage ”Was hat ein Sheriff im Wilden Westen mit einem auf frischer Tat ertappten Pferdedieb gemacht?” lauten: он yбиввл eго (on ubival jego) ‘er hat ihn getötet (imperf.)’. Ebenso wird auch in ”(die Wölfe jagen) ελαϕον … βεβλεμενον òν τ´ εβαλ´ αηρ” ‘einen verwundeten Hirsch, den ein Mann angeschossen hat’ (mit dem Pfeil) (Il .l1, 475) der Aorist, also der perfektive Aspekt, verwendet, und nicht nur in ”καi p’ εβαλle Kλεϊov” ‘und erschoß den K.’ (15, 445). Das finnisch- ugrische ”aspektive” System kann mithin nicht mit dem urindogermanischen identisch gewesen sein, wenn es durch die von FROMM erwähnte Opposition ”kompensiert” werden konnte.

Hätten die Bildungsmorpheme der in der urgermanischen schwachen Konjugation vereinigten Verben ursprünglich tatsächlich ”Aspektbedeutung” im Sinne FROMMs besessen, hätte für das von FROMM vermütete (früh)urgermanische ”Angebot” auf ostseefinnischer Seite mithin gar keine Nachfrage bestanden. Ob es im Vorostseefinnischen eine Aspektopposition gegeben hat oder nicht, und ob die von FROMM aufgelisteten Verbgruppen auch Aspekte oder – nach der herkömmlichen Unterscheidung – nur Aktionsarten ausgedrückt haben sollten, was nach Ausweis der frühen germanischen Einzelsprachen wahrscheinlich ist 9., – es ist befremdlich, daß die Ostseefinnen Lexeme entlehnt haben sollen, deren außerlexikalische Merkmale in ihrem System gar nicht morphologisch markiert waren.

9. Es gibt auch keine Indizien dafür,daß man nach KURYLOWICZ trotz gewisser Unterschiede zum Gegensatz Präsens – Aorist nicht bezweifeln zu können ”scheine” (sie! Was soll das genau heißen?), daß die Opposition got. mēljan – gamēljan einen”echten” Aspekt markiere (KURYLOWICZ 1975, 38l, Anm).

 

18.

 

Man könnte sich allenfalls denken, daß die Ostseefinnen suppliert haben; aber dann stellt sich die Frage nach dem Verbleib der einheimischen Oppositions glieder. 10. Im übrigen versäumt es FROMM, der KOIVULEHTOs Vermutung ein vermeintliches typologisches Argument entgegensetzt, seinerseits, die von ihm angenommene absonderliche Art von Beeinflussung anderweitig zu belegen.

Die von SCHLACHTER und FROMM vermuteten Interferenzerscheinungen haben mithin schwerlich Realitätswert. Indizien für einen starken Einfluß außerhalb des Lexikons gibt es demnach nicht. Eher verständlich würden daher die von POSTI dem Germanischen angelasteten tiefgreifenden Verände-rungen auf phonologischer Ebene durch die Annahme eines Sprachwechsels einer germanischen Gruppe, die das Urostseefinnische den Artikulationsgewohnheiten des Germanischenanpaßte. Ein Teil der ältesten germanischen Elemente des Ostseefinnischen könnte dann als eine Menge von Reliktwörtern angesehen werden.

Dies würde die von HOFSTRA konstatierte ziemlich große Menge von ”überflüssigen” Entlehnungen erklären; diese Wörter könnten wegen besonderer Konnotationen, die den entsprechenden finnischen Lexemen abgingen, beibehalten worden sein. Die Reliktwörter hätten natürlich auch den neuen (d.h.fremden) Lautverhältnissen angepaßt werden müssen.

Gegen die zweite Hypothese POSTIs, die germanische Herkunft des ostseefinnischen Stufenwechsels‚ ist vor allem die Existenz eines Stufenwechsels auch in der Geminatenreihe ins Treffen geführt worden (s. KYLSTRA 160). Auch später hat sich aber in ostseefinnischen Einzelsprachen der Stufenwechsel auf ursprünglich nicht beteiligte Phoneme ausgeweitet. Im Estnischen und Wotischen wechseln z. B. auch die Sibilanten und sogar die neu entstandenen Kessellaute: s : ss, s’ : s´s´.

Als Ausgangspunkt der Analogie kämen in erster Linie die Verbindungen aus Nasal und Klusil in Betracht. Nach einem Verhältnis sanka: *sanγan (> sangan) ‘Henkel, Griff’, kann) : *kanδon (> kannon) ‘Stubben’ und sampi : *samβen (> sammen) ‘Stör’ könnte sakka-*/sakγan/, katto – */katδon/ ‘Dach’ und sappi — */sapβen/ ‘Galle’ entstanden sein. Die schwache Stufe der Geminaten wäre dann als *ŤT (> T) realisiert worden.
10. Gänzlich anderer Meinung als FROMM ist in diesem Falle auch SCHLACHTER: ”Hän luki kirjan bedeutet ‘Er las das Buch von Anfang bis zu Ende, las es durch (ein ‘resultatives Moment schwingt mit´); hän luki kirjaa dagegen ‘Er las (gerade) das Buch, war mit Lesen beschäftigt’ oder auch in dem Sinn ‘er war noch nicht damit zu Ende gekommen’. In solchen Satzpaaren klingt etwas an, das z.B. in den slav. Sprachen gewöhnlich, aber nicht notwendig mit dem perfektiven Aspekt verbunden auftritt und in der Tat mit den Aspekten nichts zu tun hat … (1968, 81).

 

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Die neue Konzeption

§ 4. Eine ausführliche Darstellung der Methode und der Ergebnisse KOIVULEHTOs erübrigt sich hier. Sein bisheriges Werk hat in HOFSTRA einen kompetenten Chronisten gefunden (1985). HOFSTRA stellt fest:

”Die Darstellung der Entwicklung seit 1961 hat in erster Linie KOIVULEHTOs Forschungsmethoden und -ergebnisse zu berücksichtigen.

Ihm verdanken Altgermanistik und Fennistik ausser einer grossen Zahl neuentdeckter germ. Lehnwörter neue Erkenntnisse hinsichtlich Lautsubstitution und Datierung der Anfänge der germ.-osfi. Kontakte” (117).

”Führender Forscher” (HOFSTRA 1.c.) auf dem Gebiet der germanisch-finnischen Lehnwortforschung ist KOIVULEHTO zweifellos hinsichtlich der Mengen 11 der in einem ”nicht mehr abreifienden Strom von Veröffentlichungen 12 vorgetragenen Herleitungen und der durch eine nunmehr fast ein Vierteljahrhundert anhaltende Konzentration auf das Thema erworbenen Kennerschaft.

11. Doch hat KOIVULEHTO jetzt in KATZ seinen Meister gefunden (1990). Die einfache Vorausset- zung, dass germanische Anlautcluster im Ostseefinnischen nicht nur durch Weglassen des bzw. der ersten Konsonanten aufgelöst werden, ermöglicht ihm auf einen Schlag die Aufstellung Von 111 neuen Gleichungen.

12. Allerdings macht der ”Ström” einige Schleifen. Vielfach haben die Aufsätze im wesentlichen identischen Inhalt. Beispielsweise kann man die Problematik kasvaa/rasva in KOIVULEHTO 1988, 1990a und 1990b ausführlich referiert finden.

Vor dem Hintergrund der von HOFSTRA hervorgehobenen Führungsrolle nimmt es sich recht eigen- artig aus, dass KOIVULEHTO kleinlich auf Prioriät pocht. Mindestens viermal (einmal auf finnisch, dreimal auf deutsch) vermerkt er, dass er die Substitution durch die lange Affrikata in germanischen Entlehnungen schon 1977 entdeckt habe (1979a, 290, Anm.; 1981b, 366 f., Anm.; 19810,173, Anm. 5 und 1986a,257). An der letztgenannten Stelle heisst es: ”Ich habe dieses Substitutionsmodell mit meh- reren Beispielen zum ersten Mal bereits 1977 in einem Vortrag behandelt (5. die Zeitschrift Virittäjä 1978 (Bd.82): 188; T. Itkonen 1981: 20). Nunmehr hat auch Ralf-Peter Ritter (1979) unabängig von mir dieses Lautverhältnis erkannt … “.

Sieht man von den kuriosität ab, dass zwei Jahre nach im jahre 1977 im Jahre 1986 noch ”nunmehr” ist, bleibt festzustellen, dass die Diktion suggeriert, der Fund hätte schon 1978 aus der Literatur rezi- piert werden können, wodurch das Einräumen der ”Unabhängigkeit” nachgerade als grosszügig ge- wertet werden müsste.Tatsächlich findet sich aber in Virittäjä 82 lediglich die Notiz ”13. lokakuuta apulaisprofessori Jorma Koivulehto: «Arjalaisia, balttilaisia ja germaanisia lainakosketuksia: mitä ohran, kehrän, ohjan, ratsaan ym. sanojen takana?»” in einer Aufzählung der im Jahre 1977 vor der Kotikielen Seura gehaltenen Vortrage! Der falsche Eindruck hatte sich schon dadurch vermeiden lassen, dass die Stellenangaben vor das ‘Wort behandelt gesetzt Worden waren. Man fragt sich ausser- dem, was KOIVULEHTO so sicher macht, dass die erwähnte ”unabhängige” Vermütung nicht ihrer- seits lange vor dem 13.10.1977 irgendwo öffentlich bekannt wurde. ITKONEN nennt unter Hinweis auf den bewussten Vortrag KOIVULEHTO als den alleinigen Entdecker. Dass auf einen Vortrag von 1977 und nicht auf die Veröffentlichung des Fundes in KOIVULEHTO 1979a (in Virittäjä!) – wo sich das gesamte relevante Material findet – hingewiesen wird, 12:15: nur eine Deutung zu.

 

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Für die ”Groninger Schule” mag ”führend” auch im eigentlichen Sinne des Wortes Gültigkeit haben 13 nicht jeder der auf dem in Rede stehenden Gebiet tätigen Wissenschaftler will aber seine Ergebnisse als Beitrage zum KOIVULEHTOschen Lehrgebäude verstanden wissen. Insbesondere kann man KOIVULEHTO in der Beurteilung des Sicherheitsgrades einer Reihe Von Zusammenstellungen und hinsichtlich der aus ihnen gezogenen Schlüsse nicht folgen.

In der Germanistik hielt sich die Rezeption lange in Grenzen. So stellt SEEBOLD noch 1981 unter Berufung auf FROMM 1957 fest, dass die urgermanische Herkunft der altesten Lehnwöter im Ostsee-finnischen ”in neuester Zeit bestritten” werde (105), und die ungefahr dreieinhalbtausend Titel umfas- sende Bibliographic zur Neuauflage Von FEIST 1939 (LEHMANN 1986) enthalt neben einigen ande- ren germanisches Lehngut im Ostseefinnischen behandelnden Arbeiten FROMM 1957 und KYLSTRA 1961, jedoch keinen einzigen Aufsatz KOIVULEHTOS.

13. So dürfte es sich zum Beispiel nicht bloss um eine etwas verglückte Formulierung handeln, wenn HOFSTRA feststellt, die Ansicht VILKUNAs, dass die kleineren Laub- und Heumengen mit germanis- chen Entlehnungen, die grösseren Wintervorräte hingegen mit Erbwörtern bezeichnet würden, müsse ”jetzt geringfügig korrigiert werden, weil Koivulehto … inzwischen  saura ´Heuschober´ … als germ. Lehnwort gedeutet hat” (1985, 307 f.), Dass die Deutung das Richtige trifft, ist offenbar bereits trivial.

 

23

 

Wenn in SEEBOLDs Bearbeitung des KLUGEschen Wörterbuchs die zahlreichen Hinweise ”früh ins Finnische entlehnt” u.ä. fehlen 14.,so mag dies auf der Meinung beruhen,dass dergleichen nicht in ein etymologisches Wörterbuch einer germanischen Einzelsprache gehört, das Vorgehen ware aber nach einer Sichtung des Materials auch die einzig denkbare Konsequenz gewesen, denn es hatte einen nicht zu verantwortenden Arbeitsaufwand bedeutet, aus der Fülle der prinzipiell vertretbaren Herleitungen die wahrscheinlichen zu eruieren.

Die Möglichkeit, dass die Ergebnisse KOIVULEHTOS in die germanistischen Handbücher Eingang finden, besteht jetzt dadurch, dass FROMM 1986 eine Arbeit Von 1983 in einem Rahmen, der ihr leicht den Status einer Expertise verleihen könnte, mit geringfügigen Erganzungen noch einmal ver- öffentlicht hat (s.u.). In Finnland dürfte das neue Gedankengut, das auch revolutionäre Aspekte ”vor- germanischer” Lohnschichten umfasst, über den 6. Band des ”Nykysuomen sanakirja” (HÄKKINEN 1987), des Wörterbuchs desheutigen Finnischen, in weiten Kreisen bekannt und dort naturgemäss als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis rezipiert werden.

Wenn fi. tosi ‘wahr’ als *dm(h2)tó- gezahmt’ eine ”sehr archaistische indoeuropäische Lehnschicht” repräsentiert und damit ”alter als die Von alters her bekannten baltischen und germanischen Entleh-nungen” sein soll, ferner daran die Weiterung geknüpft wird,dass ”die Vorvater der Finnen im grossen und ganzen schon erheblich früher als man seit alters gewöhnlich dachte in den heutigen Siedlungsge-bieten gewohnt haben müssen” (op. cit. 339 f.), andererseits dieser folgenträchtigen Etymologie durch einen Forscher, der die KOIVULEHTOsche Konzeption weitgehend akzeptiert (urgerm. *ti, *st-, *s- z ostseefi. si bzw. s-, [> h] u.a.),mit drei Zeilen ”der Boden entzogen” werden kann (KATZ 1988),ist es SKOLD nicht zu verdenken,dass er in seiner Rezension Von HOFSTRA 1985 die ”Verirrungen der gegenwärtigen Forschungen” beklagt (1988, 214).

14. Man vergleiche etwa die Lemmata Bert, Habicht, Kessel, Morgen, Roggerz, sehr und üppig. Wenn einmal bei König Vermerkt wird, dass fi. kuningas ”einen alten Lautstand bezeugt”, so ist das in Ordnung – mit der Einschrankung, dass der Ausgang prinzipiell auch ein finnischer Zusatz sein kann (s. § 62).

 

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Aus der Feder FROMMs stammt eine rezente Bestandsaufnahme der ”neuen Welle” der germanisch-ostseefinnischen Lehnwortforschung im Rahmen eines massgeblichen altgermanistischen Standard-werkes:

”Koivulehto hat bekanntlich mit zunehmender Sicherheit und Überzeugungskraft zeigen können, dass

1. die urfi. Sprachgeschichte sich entgegen alterer Anschauung vielfach als hilfreicher erweist als die länger erforschte germanische;

2. Quantität und Qualität der germ. Lehnwörter im Osfi. nicht nur auf Verkehrsberührungen beruhen können, sondern ihre geschichtliche Grundlage in einem Substrat-Superstrat-Verhältnis haben müssen – eine Anschauung, der schon früher T.E. Karsten and K.B. Wiklund zugeneigt hatten;

3. die Kontaktwellen, die E.N. Setälä (I906), Björn Collinder 0932/41) und ich (I957/58; vgl. Kylstra I961) seinerzeit als die frühesten zu bestimmen gesucht hatten, nicht die jeweils ältesten sein können, sondern dass ihnen eine um mehrere, wenn nicht viele Jahrhurzderte frühere vorausgegangen sein muss. Koivulehto selzte die Zeit der ältesten Entlehnungen in die frühostseefinnische (=frühurfin- nische = frosfi.) Periode, d./1. archäologisch ausgedrückt, in die jüngere Bronzezeit oder, in absoluter Chronologie, an die Wende vom 2. zum 1. vorchristlichen Jahrtausend;

4. es möglich ist, auf systematischem Wege zur Ermittlung neuer Lehnwarter zu gelangen, und zwar auf dem Wege des phonotaktischen Vergleichs … Damit sind alle verhältnisse umgedreht: die Datierung einer Entlehnung kann verlässlicher mit Hilfe des lappischen Vokalismus der Slammsilbe vorgenommen werden theorieabhangigen Chronologisierurzg phonologisch-morphologischer Vorgange im Germanischen” (1986, 213 f.).

 

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Berücksichtigt man noch den ”befreienden” (FROMM op.cit. 226) Vorschlag T. ITKONENs, dass die ”Hauptmasse der alten germ. Lehnwörterter” nicht ”vom nördlichen Baltikum nach Finnland gelangt sei”, dass es vielmehr ”sinnvoll” sei, ”sich die entgegengesetzte Richtung vorzustellen”(1.c.), trifft für die Grundzüge der neuen Konzeption im Prinzip WIKLUNDs Charakterisierung des Forschungsstan- des hinsichtlich der germanisch-ostseefinnischen Kontakte vor mehr als sechzig Jahren zu:

”Man ist jetzt geneigt, den Anfang dieser Berührungen etwas zurückzuschieben, man verlegt sie zum Teil in andere Gegenden und man leugnet die Möglichkeit der Berührung der Finnen mit den Goten” (1917/20,49), wenn man unter diesen ”Finnen” die frühesten Kontaktnehmer versteht.

Wie man sich überhaupt dazu versteigen konnte, besagte ”Kontaktwellen” als die ältesten zu deklarie- ren, ohne ”got. Herkunft auch nur eines einzigen osfi. Wortes eindeutig nachzuweisen” (HOFSTRA 1985, 383; vgl. § 69), bleibt unerfindlich.

Demnach stehen vor allem folgende Fragen zur Debatte:

1. Welche linguistischen Kriterien gibt es für die Bestimmung der Rolle des Urgermanischen in der ”Substrat-Superstrat-Beziehung”?

2. Auf welchen Indizien beruht die absolute Chronologie des Beginns der germanisch-ostseefinnischen Kontakte?

3. Welche Konsequenzen hat die neue Ansicht über den Schauplatz der ersten Kontakte im Verein mit deren Datierung für die Frage der Genese des Germanischen und den Ursprung der Germanen? Der Zuwachs an Material griindet sich z.T. auf neue Entsprechungsregeln (fettgedruckt), beispielsweise bei den Konsonanten:

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[taulukoita]

Pannaan tässä balttilainen punaisella ja neljällä eri sävyllä: vasarakirves, muinaisliettua/-latgalli, preussi, kuuri, ruteeni (slaavin kautta) Uudet germaanilanat vihreällä: Mustista huomattava osa on omaperäisiä (tässä eivät värit valitettvasti näy; noista sanoista ovat germaanisia viikko ja mahdollisesti juhla ja kaunis ja ehkä osin kuningas; muut ovat mm. vasarakirvestä: mainita, valita, tarve, aine, ainoa, sairas, nauttia, laiva; muinaisliettuaa: helppo, verta, valta, ranta, raha, tehdas (tehdä); preussia: tila, kauppa, kuuria: äiti)

Welchen enormen Erdrutsch die neueren Forschungen auf dem Gebiet der germanischen Elemente des Ostseefinnischen bewirkt haben, wird deutlich, wenn man die tausend hüfigsten Worter des Finnischen, wie sie HAKKINEN im Etymologieband des ”Nykysuomen sanakirja” lauflistet, nach ihrer Herkunft sichtet.

Von schon in der früheren Literatur als ältere germanische Entlehnungen angesehenen Lexemen ent- hält die Liste, Wenn man nur die Grundworter berücksichtigt, 28 Lexeme: ja ‘und’, sama ‘derselbe’, mainita ‘erwöhnen’, helppo ‘Hilfe’ [ei ole!], valita ‘wahlen’, tila ‘Gelegenheit’, äiti ‘Mutter’, kaunis ‘schon’, viikko ‘Woche’, laaja ‘weit, breit’, tarve ‘Bedarf’, aine ‘Stoff’, ainoa ‘einzig’, verta ‘Betrag’, valta ‘Macht’, ranta ‘Strand’, kuningas ‘Konig’, mitata ‘messen’, pöytä ‘Tisch’, raha ‘Geld’, sairas ‘krank’ (vertreten durch sairaala ‘Krankenhaus’), nauttia ‘geniefien’, kauppa ‘Kauf’, laiva ‘Schiff’, tehdas ‘Werkstätte’, sallia ‘erlauben’, juhla ‘Fest’ und vaate ‘Kleid’.

 

28

 

Gemessen an der Gesamtzahl der eruierten Gleichungen entspricht dies etwa der Anzahl der Baltis- men in der Liste (ca. 10  [18, RK]). Die in der jüngsten Zeit aufgestellten Etymologien schlagen in der Liste hingegen mit 39 Eintragungen zu Buche (die vorgermanischen ”germanischer Prägung” mitge-rechnet): suuri ‘gross’, asia ‘Sache’, käydä ‘gehen’, katsoa ‘betrachten’, tietää ‘wissen’, pyrkiä ‘streben, versuchen’, paikka ‘Platz, Stelle’, joukko ‘Gruppe’, sija ‘Stelle, Platz’, kansa ‘Volk’, huo- mata ‘bemerken’, havaita ‘id.’, pohja ‘Boden’, paha ‘schlecht’, kutsua ‘rufen, einladen’, tarjota ‘bieten’, tavata ‘treffen’, aamu ‘Morgen’, pinta ‘Oberfläche’, hakea ‘suchen’, etsiä ‘id.’, ruoka ‘Nahrung, Speise’, tosi ‘wahr’, hauska ‘angenehm’, heittää ‘werfen’, hidas ‘langsam’, puhdas ‘rein’, lahja ‘Geschenk’, peittää ‘bedecken’, kärsiä ‘dulden’, kallis ‘teuer’, rakas ‘lieb’ (Vertreten durch rakastaa ‘lieben’), kuiva ‘trocken’, varma ‘sicher’, ohja ‘Richtung’ (vertreten durch ohjata ‘richten’), palvella ‘dienen’, vahinko ‘Schaden’, levy ‘Scheibe, Platte’.

[Tässä lähinnä sana joukko (joka tulee iestä tarkoittavasta sanasta) lienee germaaninen. Balttilaisia ja salaavilaisia ovat ainakin suuri, asia, käydä, pyrkiä, sija, kansa, tarjota, tavata, hakea, tosi, heittää, hidas, kärsiä, rakas ja ohja; omaperäisiä ovat tietää, huomata, havaita, aamu]

Damit hätte sich das im Verlauf von zweihundert Jahren Von einer Legion Von Forschern zusammen-getragene Material innerhalb zweier Jahrzehnte nahezu verdreinfacht. Wenn man jetzt noch in Rech- nung setzt, dass in der Haufigkeitsliste Ableitungen jeweils als gesonderte Eintragungen fungieren, erscheint der germanische Anteil im – zumindest synchron – wichtigsten finnischen Wortschatz noch erstaunlicher.

Ein solcher Vergleich wird durch eine Reihe von Arbeiten ermöglicht, deren Material den jeweiligen Forschungsstand repräsentiert. Mit SETÄLÄs ”Bibliographischem Verzeichnis” (1912/13), LIIMOLAs ”Forschungen” (1928), KARSTENs ”Finnar och Germaner” (1943/44) und HOFSTRAs Forschungsbe- richt dürfte die Gesamtmenge der bisher eruierten diskutablen Gleichungen hinreichend angenahert sein.

 

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Die Chronologie der Kontakte

 

§ 5. HOFSTRA sieht in folgender Äusserung KOIVULEHTOS einen ”Wandel in der Datierung der Anfänge der germ.-ostfi. Lehnbeziehungen” (1985, 376):

”Bei der Altersbestimmung der germ. Lehnwörter hat man sich versucht, wie alt die ältesten Lehnwör- ter mindestens sein müssen, um noch ihre urgermanische Lautgestalt bewahrt zu haben. Die Möglich- keit aber, dass die Wörter alter, einige sogar wesentlich alter sind, is: an sich nicht ausgeschlossen”. Dass sich hier eine Änderung der Konzeption andeuten würde, ist nicht zu sehen. Ein ”terminus ante quem” bedeutet in einem Zusammenhang ohne weitere chronologische Aussage definitionsgemess dasselbe wie die hier als ”Neuerung” bezeichnete Feststellung.

FROMM operiert mit dem Zusammenfall von a und o im Germanischen als Mittel, den Terminus ”a quo” für die ältesten germanischen Lehnwörter im Ostseefinnischen zu gewinnen. Diesen bestimmt er durch den mutmasslichen frühesten Zeitpunkt der Berührung des Germanischen mit dem ”balt.-slav.-illyr.-indo-iran. a-Block” (vgl. HOFSTRA 126). Der Tatbestand, dass es keine sicheren germanischen Lehnworter mit o-Vokalismus gebe, schlösse dann zwar die Möglichkeit, dass es zahlreiche Entleh-nungen mit e-, i- oder u-Vokalismus noch älteren Charakters gibt, aus statistischen Griünden aus, doch können einzelne Lexeme wie z.B. rengas ‘Ring, Reifen’ durchaus vor dem nach dem oben genannten Kriterium bestimmten Zeitpunkt entlehnt sein, da es ”… den Ausgang -as auch bei den arischen Elementen” gebe (vgl. porsas ‘Ferkel’). HOFSTRA schlieflt die Wiedergabe der FROMMschen Überlegungen wie folgt ab:

”Nach van Coetsem sind die Germanen um die Mitte des 8. Jh:s vor Chr. an die Weichsel und in die mittelbare Nachbarschaft der Slaven gelangt. Es ware dann eine Datierung ins 8. bis 6. Jh. v.Chr., wenn nicht noch früher, fur die Phonemverschmelzung Wahrscheinlich”.

Die Auslösung der ”Phonemverschmelzung” erfolgte mithin über einen Zwischentrager,der offensicht- lich nicht eimnal in der Lage war, Lexeme zu vermitteln, denn Urslavisches bzw. Urbaltoslavisches lässt sich im Germanischen nicht nachweisen.

 

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Als letztliche Quelle für die in Rede stehende Sprachbunderscheinung wird das Indoiranische in An- spruch genommen (s.HOFSTRA 125). Im lexikalischen Bereich haben die Kontakte der Balten mit den Indoiraniern keine Spuren hinterlassen, und die iranisch-slavischen Berührungen haben kaum ge- meinslavisches Lehngut gezeitigt,das Gros der iranischen Elemente ist jedenfalls nur ostslavisch. Dass sich eine Artikulationsneuerung über verschiedene Sprachen ausbreitet, ohne dass sich der hierfür vorauszusetzende enge Kontakt in weiteren Isoglossen oder Interferenzen auf lexikalischer Ebene auswirkt, wird man nicht a priori ausschliessen können, für den vorliegenden Zusammenhang ware es aber beruhigender,wenn sich die behaupteten Beziehungen auch auf anderen, in der Regel vorrangig affizierten Sprachebenen belegen liessen, womit sichergestellt ware, dass es zu dem im Hinblick auf *o > a usw. angenommenen Kontakt überhaupt gekommen ist. Rechnet man aber mit einem baltischen Substrat, müsste man schon mehr Einwirkungen auf phonologischer Ebene namhaft machen können als nur den Zusammenfall von a und o. Es ist ferner darauf hinzuweisen, dass ein Zusammenfall von a(:) und o(:) offensichtlich auch im Hethitischen eingetreten ist, was den ”a-Block” ziemlich diffus macht.

Die Normalvertretung von uridg. *ō im Litauischen ist uo (daneben ō), die Von hingegen nur ō. Der ”Zusammenfall” betrifft mithin nur die Kürze. Das Germanische müsste demnach den Anstoss bei der Kürze bekommen haben und dann weiter gegangen sein als das Baltische selbst.

Das ist selbstverstandlich kein zwingendes Argument gegen die Adstrathypothese, die grundsatzlichen Bedenken werden aber verstarkt.

Aber selbst Wenn man den ”Zusammenfall” von a und o als Sprachbunderscheinung gelten 1:13: – die Frage der Genese ist schwerlich zu Iösen. Auch hinsichtlich der Herkunft eines der lautlichen ”Balka-nismen”, die Existenz eines Mittelzungenvokals im Bulgarischen, Rumanischen und Albanischen, der in den beiden letztgenannten Sprachen vor allem auf unbetontes a zurückgeht und im Bulgarischen unbetontes a vertritt, gehen die Meinungen auseinander: Substrateinfluss, bulgarischer Ursprung, spontane Entstehung zumindest im Albanischen und Rumäinischen (s. SOLTA, 180 f.). Dabei sind im Falle des Balkansprachbundes die Bedingungen wesentlich günstiger als für die sich in Zeit und Raum verlierenden Vorstufen des ”a- Blockes”.

 

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Wenn es aber so gut wie aussichtslos ist, die Verantwortlichkeit des Baltischen für den germanischen Wandel zu erweisen,hat FROMMs Idee für die Chronologie der germanisch-ostseefinnischen Kontakte keinen Sinn. Im übrigen könnte auch hier prinzipiell mit der Einwirkung irgendeines gemeinsamen Substrates gerechnet werden, womit das Argument ohnehin entfiele.

Hinzu kommt, dass dem Rezipienten das Problem überlassen bleibt, wie sich die oben referierten An- sichten mit den Meinungen von Vertretern der Nachbardisziplinen, z.B. der SCHELESNIKERS, dass sich ”die Trennung der Germanen von den Balten und Slaven in der Zeitspanne nach 2000 v.Chr. und vor 800 v. Chr.” ansetzen liesse (24), abgestimmt werden können. Welche Kriterien gibt es, aufgrund derer ausgeschlossen werden kann, dass der ursächliche Zusammenhang zwischen den jeweiligen Erscheinungen des ”Phonemzusammenfalls” im Baltischen, Slavischen und Germanischen – falls ein solcher Zusammenhang tatsachlich besteht – nicht als gemeinsame Neuerung aus der Zeit, ”in der die vorgermanischen, vorbaltischen und vorslavischen Stamme noch eine engere Dialekt- und Verkehrs-gemeinschaft gebildet haben müssen” (SCHE-LESNIKER 23), zu interpretieren ist? Der terminus ante quem für das Ende dieses ”indogermanischen Dialektkontinuums” (SCHELESNIKER 23) Vertrüge sich durchaus mit KOIVULEHTOs Ansichten über den Beginn der germanisch-ostseefinnischen Kontakte!

§ 6. In Anbetracht des langen Bestehens einer dem rekonstruierten Urgermanischen sehr ähnlichen Sprachform kann eine Reihe von altertümlich anmutenden germanischen Lehnwörtern des Finnischen noch in relativ rezenter Zeit übernommen worden sein. So stellt SEEBOLD fest:

”Die Runeninschriften im älteren Futhark sind in Skandinavien bis zum Ende dieser Tradition, also sagen wir: bis etwa 700 n. C. dem postulierten Urgermanischen noch sehr ähnlich. Sie sehen so aus, wie wir uns Urgermanisch vorstellen,und nur an Einzelheiten lasst sich sehen, dass sie regionale und zeitliche Merkmale aufweisen” (1986, 182).

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Das Altgutnische hat noch ai. In den Handbüchern wird dieser Umstand zumeist so dargestellt, dass der Diphthong bewahrt blieb (z.B. RANKE/HOFMANN § 55).

NOREEN sieht allerdings in Formen wie agutn. flestr, mestr, helgan (Akk. Sg. m.), die eine Zwischenstufe *æi voraussetzen würden, den Beweis für eine Rückverwandlung (1904 §124, Anm. 2, S. 115). Zumindest kann man aber konstatieren, dass zur Zeit der altgutnischen schriftlichen Überlie- ferung prinzipiell ein Wort mit ai (ebenso mit au) ins Ostseefinnische bzw. in bestimmte Einzelspra- chen gelangt sein kann, d.h., auch ein finnisches tauti ‘Krankheit’ (i-Stamm) mag erst in sehr später Zeit aus dem Gutnischen übernommen worden sein! Auch SKÖLD möchte ”keine Schlüsse auf altger-manische Zustande aus solchen Lehnwortern ziehen, die ebensogut oder besser jüngere schwedische Entlehnungen sein können” (1988, 213).

Wenn PENZL mit seiner Lesung HLEWAGASTIZ recht hat und die Datierung des Goldenen Horns von Gallehus in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts (1985, 164; HUTTERER gibt das 5. Jh. an – 1975, 147) stimmt, dann braucht es auch mit der Altertümlichkeit eines finnischen kaunis ‘schon’ nicht allzuweit her zu sein.

Die Möglichkeit, aus dem Nebeneinander von Fenni bei Tacitus und Phinnoi bei Ptolemäus einen terminus ante quem für rengas zu gewinnen, entfällt, wenn man mit JUNGANDREAS die griechische Version als ostgermanisch ansieht (1981, 34), solange es kein zwingendes Argument dafür gibt, dass *eNC > iNC gemeingermanisch ist. Die Formulierung FROMMs – ”Hebung des -e- vor Nasal Konso- nant (Fenni φivvoi)“ (1986, 221) – lässt vermuten, dass er ostgermanische Herkunft der griechischen Uberlieferung nicht erwügt. Es kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass THOMSEN mit sei- ner Vermutung eines sekundaren Charakters des e in rengas (vgl.§ 1) das Richtige getroffen hat,denn erstens gibt es im Ostseefinnischen Anzeichen für eine Senkung von i in der Umgebung der Tremulans (s. § 9),zweitens scheint e < i in der Umgebung von r typologisch merkmallos zu sein,man vgl., spora- disches pa für pl.in den äolischen Dialekten des Griechischen: thess. xpεvvεμεv VS. lesb. xpivvω (S. BUCK § 18 [s. 25 veri ‘Blut’]) ist ein entsprechender Wandel anzunehmen, vgl. UEW s.v. *wire ‘id.’.

 

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Auch die Möglichkeit, dass das e in teljo für germanisches i substituiert wurde, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Es gab ja im Urostseefinnischen wegen des Wandels *ti > si lange – auf jeden Fall noch nach den Kontakten mit den Balten – kein ti. Es ist möglich – am ehesten freilich auf einer Stufe *t’i < *ti -, dass die Ostseefinnen zunächst ein germanisches ti durch te substituierten (vgl. § 51), d.h., fi. teljo müsste eine ältere Entlehnung sein als tila ‘Gelegenheit’ u.a.(<urgerm.*tila-,got. til,dt. Ziel). Isolierte Beispiele – im Falle von verkilö (5.§ 27) könnte wiederum Senkung vor r vorliegen (s.o) – wie teljo haben letztlich für die Altersbestimmung keinen Beweiswert. Ostseefi. e urgerm. *e vor *NC (> urgerm. i) scheint aber wenig- stens in kenno ‘Zelle einer Wabe der Honigbiene; Hülle, Hautblase’< urgerm. *hennon- (> an. hinna ‘dünne Haut’) eine Stütze zu haben (s. HOFSTRA 1985, 100).

[HM: verkilö, ripustinlenkki esimerkiksi pyyhkeessä, on latviaa (verkls), eikä sillä ole mitään tekemistä minkään germaanin, uuden eikä vanhan kanssa.]

§7. Als Beweis für eine germanische Lehnwortschicht bereits in der ostseeflnnisch-lappischen Grund-sprache werden von KOIVULEHTO zunachst zwei ältere Zusam-menstellungen angeührt:fi. rauta, lapp. ruow’de ‘Eisen’ (an. rauði ‘Eisenerz’) und fi. vartoa, lapp. vuor´detwarten’ (an. varða ‘Sorge tragen’). Hier läge die gleiche Entsprechung vor wie in Erbwortern (*a, fi. a, lapp. uo), wogegen finnische Entlehnungen ein a aufwiesen (HOFSTRA 130). Im Zusammenhang mit der Entsprechungs- reihe urgerm. *a – fi. a, lapp. uo kann noch folgendes gemeinostseefinnische Wort angeührt werden, dessen germanische Herkunft bei SETÄLÄ erwogen wird (15): fi. apaja(s), apa(p)aa ‘Stelle, wo das Netz ausgeworfen wird; mit einem Netzwurf gefangene Fischmenge; weit (vom Wald und vom Land); grosser Graben, Abzugskanal’, weps. abai ‘kleine, flache Bucht mit geringer Stromung’, wot. apaja ‘Wasser unter dem Sumpf, Sumpfwasser, Bucht, Wasserlache’, estn. abaja, abaj(a)s ‘kleine, tief ins Land reichende Meeresbucht mit enger Mündung, Bucht eines Flusses oder Baches’, das zu lapp. N vuop’pe, P vüöhp’pi (vuöhppi), Kr vöhp‘pi, Kt vüohp´pi ‘deep recess in the bank, shore, of a river, Kt also in the shore of a lake’ (NIELSEN 1979 III 816) gestellt wird (SKES s.v.). Die Worter lassen sich mit den urgermanischen Grundformen Von dt. Ebbe, ae. ebba m. ‘Ebbe’, an. efja f. ‘Schlick-boden, Bucht am Fluss’, norw. evje, schwed. ävja, dan. (dial.) eve ‘Schlick, Schlamm, versumpfte Bucht’, norw., schwed. ave ‘Wasserloch, Sumpf’ zusammenstellenz *abjan-, *abjōn– bzw. *aban– (KLUGE/ MITZKA s.v. Ebbe, HOLTHAUSEN 1934, 87).

[HM: Suomen apaja– ja appaa -sanat eivät ole välttämättä samaa juusta. Apia liittyy kuurin sanaan apia = joki, preussin apis, appaa taas mahdollisesti sanaan apus = lähde, kaivo (latvia). Toisin nuokin voivat olla samaa juurta, ja se juuri on balttilainen.]

34

 

Im Finnischen usw. ware freilich ein *apia zu erwarten; die lappische Form konnte aber ein germa-nisches *abjan– reprasentieren, vgl. N moar’se, < fi. morsian ‘Braut’. Da das germanische Wort hochstwahrscheinlich zu dt. ab gehort, konnte man für die ostseefinnische Vertretung eventuell an die Hypostasierung eines *aba denken: *abajan-. Die ostseefinnischen und lappischen Worter würden die jüngere Bedeutung widerspiegeln; ”der grösste Teil Schwedens und Dänemarks hat keinen Gezeitenwechsel” (KLUGE/MITZKA 1. c.). Für germanische Herkunft der Wortsippe spricht sich auch NIKKILÄ aus (1988).

Der Wandel *a > uo ist aber nicht unbedingt die früheste der Veranderungen, die zu den das Ostsee-finnische und das Lappische unterscheidenden Merkmalen geührt haben, d.h., ein durchaus schon als Lappisch zu bezeichnendes Idiom kann noch *a (> uo) gehabt haben, ebenso wie es in einem ”Ostsee-finnischen” das noch sehr lange gegeben haben mag; die betreffenden Lautveranderungen können mithin sehr Viel später als die extralinguistische Leitfossilie für den Zeitpunkt der Auflösung des ”Frühurfinnischen”,von der weiter unten die Rede sein wird,zu datieren sein.Die genannten Gleichun- gen können also ebensogut als Beweismittel dafür in Anspruch genommen werden, dass die Lappen früher begonnen haben, aus dem Germanischen zu entlehnen als aus dem Finnischen, d.h. noch vor dem Wandel von *a zu uo. Getrennte Übernahme eines germanischen Wortes ins Ostseefinnische und Lappische ist keine Seltenheit. Sie kann für alle weiteren von KOIVULEHTO für die in Rede stehende Lautentsprechung ins Treffen geführten Beispiele angenommen werden.

Wie SKÖLD feststellt, gibt es keine Möglichkeit, mit Hilfe der Sprachwissenschaft zu beweisen, dass die Ostseefinnen früher als die Lappen mit den Germanen in Berührung gekommen sind (1961, 60). Die Formulierung impliziert, dass auch die gegenteilige Annahme nicht zu verifizieren ist.

Auf lappologischer Seite hat man aber durchaus damit gerechnet, dass es auch durch das Finnische vermittelte germanische Entlehnungen gibt, die den Übergang von *a < uo mitgemacht haben (E. ITKONEN 1969, 162 s.v. ruow’de ‘Eisen’). Wenn keine lappischen Entlehnungen ostseefinnischer Erbwörter mit einem Verhältnis ostseefi. a – lapp. uo nachgewiesen werden können, so ist das noch kein zwingendes Argument dafür, dass z.B. ein lappisches ruow’de ‘Eisen’ nicht aus dem Finnischen rauta stammen kann.

 

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Dass die in vorhistorischer Zeit lange unter identischen ökologischen Bedingungen mit den Ostseefin- nen zusammenlebenden Lappen zunächst nur die Bezeichnungen der durch die Germanen gebrachten Neuerungen übernahmen, erscheint plausibel. Es ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen,dass eine Sprachgemeinschaft vielen Völkern auch indirekt dieselben Lexeme liefert. Es können also durchaus die Ostseefinnen gewesen sein,die den Lappen die germanischen Wörter vermittelt haben. Der sachge- schichtliche Hintergrund ist dabei nicht immer einwandfrei zu bestimmen. So mag es Verwunderlich erscheinen, dass ausgerechnet das germanische Wort für ‘Ausschau halten, erwarten’ sowohl ins Lap- pische als auch ins Ostseefinnische gedrungen ist. Die Gründe für Entlehnungen sind auch sonst oft rätselhaft. So ist neben zahlreichen ”Termini des offentlichen Lebens” (s. hierzu die Arbeit Von SCHU- BERT) ung.beteg ‘krank’ in den meisten Anrainersprachen des Ungarischen vorhanden (rum.beteag, skr. beteg ‘Krankheit’, sln. bétez’, slk. bet’ah ‘Krankheit’,ukr. bit’ug, betéga; doch vgl.§ 2).Im Falle Von fi. vartoa, lapp. vuor’det kann immerhin darauf verwiesen werden, dass das nämliche germa-nische Original auch in die Romania entlehnt wurde (it. guardare, friaul. uardé, span. guardar usw. – MEYER-LUBKE 9502, S. 726, s.u. § 73).

[HM: sana on myös liettuassa: tvarkyti (tvarko) = vartioida, ja suomen sana tulee sieltä. Sana tulee kantaindoeurooapan juuresta kwer- = lyödä, hakata, sotia, siitä tulee myös suomen sana varus– = sota, liettuan karas = sota, preussin karja = sotaväki, englannin war, ranskan guerre.]

Die einschlägigen germanischen Worter, die nur im Lappischen nachzuweisen sind (z.B. buoi’de ‘Fett’, germ. *faita- 15 und die Von KORHONEN (1981) als ”besonders beweiskraftig” im Sinne der Konzeption KOIVULEHTOS erachtet werden, kann man gerade als Indiz dafür ansehen, dass die in Rede stehenden beiden Sprachgruppen gemeinsamen Lexeme sehr wohl auch gesondert übernommen worden sein konnen. Ein Nachweis der germanischen Entlehnungen ins ”Frühurfinnische” kann mit diesen Wortern nicht geführt werden.

[Sana (maha)paita on vasarakirvestä ja tarkoittaa “juotettua”, lihotettua, tulee aivan säännöllisesti kantabaltin verbistä *pen-ti = juottaa, ruokkia, lihottaa. Siitä tulee myös suomen sanat pentu, peni, (sosiaalinen) poika, kirjaimellisesti ”juotto”, ja venäjän poika = juomingit, liett. puota. Erkoista on penin taipuminen uudella kaavalla.]

15. Das Hinterglied der finnischen Komposita mahapaita, vatsapaita ‘die inneren Organe schüt- zende scheibenformige Fettschicht, Trennwand der Bauchhohle’ (maha, vatsa ‘Magen, Bauch’) wird in SKES von lapp. buoi’de getrennt und s.v. paita ‘Hemd’ behandelt.Dies ist angesichts der Beschaffen- heit der Sache, die sich auch in der deutschen Bezeichnung Netz niederschlägt, gerechtfertigt.
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§ 8. Ein germanistischer Rezipient des KOIVULEHTOschen Ergebnisses, dass der Wandel regional *ē1 > ā schon im ersten Jahrhundert v. Chr. vollzogen gewesen sei,ist sich kaum dessen bevusst, dass die Datierung des Beginns der germanisch-ostseefinnischen Lehnbeziehungen, die mittelbar Auswir-kungen auf die Datierung des genannten germanischen Lautgesetzes hat, wesentlich davon abhängt, ob die Benützer einer bestimmten Keramik in Osteuropa Urbaltisch gesprochen haben oder nicht, d.h. von der Identifikation einer prähistorischen Kultur mit den Urbalten.

KORHONEN zitiert in seiner ”Chronologie der Ursprachen des Finnischen” die Ansicht ARISTEs, der- zufolge ”die ostseefinnisch-baltischen Lehnkontakte ca. 2000 v. Chr. anfingen,als die wohl von bal- tischen Stammen getragene Streitaxtkultur im Ostseeraum erschien” (16).Diese Kultur sei zwar ”durch nichts direkt an die baltischen Kontakte und das Ende des Frühurfinnischen geknüpft”, es han- dele ”sich lediglich darum, dass die Forschungsergebnisse zweier verschiedener Wissenschaften auf grund deren Wahrscheinlichkeit miteinander verbunden werden”.Mit den Anfangen des Ackerbaus am Ende des dritten vorchristlichen Jahrtausends im ”Wohngebiet der finnisch-wolgaischen Völker” liege durch den gemeinsamen landwirtschaftlichen Wortschatz der finnisch-permischen Völker das Ende der finnisch-permischen Zeit fest. Die Entlehnung aus dem Baltischen ins Finnisch-Wolgaische habe um das Jahr 1800 v.Chr. begonnen,so dass einzelne baltische Elemente noch das Wolgafinnische erreicht hätten (das Mordwinische weise 9-10, das Tscheremissische 4-5 Baltizismen auf). Das Ende der finnisch-wolgaischen Periode wird dementsprechend auf 1500 v. Chr. festgelegt. Als Ende der ge- meinsamen lappisch-ost- seefinnischen Periode wird die Wende vom zweiten zum ersten Jahrtausend angegeben, was sich mit der Tatsache vertrage, dass das Lappische immerhin 20 baltische Lehnworter aufwiese. Wahrend des vorhergegangenen Zeitraums von ca.1000 Jahren habe es jeweils verschiedene Grade der Kommunikationsfahigkeit gegeben (ähnlich bereits SZINNYEI 19).

Was die ”Wahrscheinlichkeit” einer Kausalbeziehung zwischen zwei Phänomenen der Vorgeschichte einerseits und der historischen Sprachwissenschaft andererseits betrifft, muss man sich folgendes vergegenwärtigen.

 

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Wenn es nur darum ginge, dass eine sicher datierbare archäologische Kultur mit dem zweifelsfrei für den nämlichen Zeitpunkt anzusetzenden Beginn der Aufspaltung einer Sprachgemeinschaft in Bezie- hung gebracht wird, könnte man in der Tat von einer gewissen Wahrscheinlichkeit eines Zusammen- hanges sprechen, vorausgesetzt, es liegen Erfahrungswerte für solche Koinzidenzen vor, dem nur dann lässt sich die Verwendung des Begriffes ”wahrscheinlich” rechtfertigen. Wenn man einmal die Uberle-gungen KORHONENs bezüglich der Aufspaltung der finnisch-permischen bzw. wolgafinnischen Grup- pen akzeptiert, kommt für den Zeitpunkt der Entstehung der beiden Schwestersprachen Urlappisch und Urostseefinnisch prinzipiell das gesamte erste vorchristliche Jahrtausend 16 in Betracht. Die Un- terschiede zwischen dem belegten Finnischen und dem belegten Lappischen können nicht zugunsten eines fruhen Zeitpunktes der Auflosung ins Treffen geührt werden, da es keinen verbindlichen Mass- stab dafür gibt. Gemessen an zweitausend Jahren finnischer Sprachgeschichte müsste der Ubergang vom Althochdeutschen zum Frühneuhochdeutschen nicht vierhundert,sondern viertausend Jahre gedauert haben. Wie rasant eine grundlegende Umgestaltung ablaufen kann,zeigt das Mittelpersische, das nach wenigen Jahrhunderten geradezu einen Von dem des Altpersischen abweichenden Sprachtypus repräsentiert.

Damit das Argument der Wahrscheinlichkeit einer Beziehung der in Rede stehenden Ereignisse zum Tragen kommen kann, muss man die baltischen Elemente des Urostseefinnischen und des Urlappis- chen, die noch gemeinsame Merkmale reflektieren, hinzuziehen. Dann kann man unter Benutzung einer Zusatzhypothese auf archäologischer Seite, der Identifikation der Streitaxtler mit den Sprechern des Urbaltischen, eine Kausalbeziehung zwischen dem Auftreten dieser archäologischen Kultur und dem Phänomen der Aufspaltung der gemeinsamen Grundsprache der Lappen und Ostseefinnen als Schlusshypothese formulieren.

[HM: Vasarakirveskieli ei ole ollut kantabalttia:se ei ole ollut kaikkien nykyistenkään balttikiel- ten kantamuoto, itse asiassa se ei ole MINKÄÄN ykyisen kielen kielen kantakieli, ei edes latvia-kielten kantamuoto. Seeli, goljadi ja kuuri voisivat olla sen jatkeita, mutta latvia-kielistäkään zemgalli ja latgalli eivät. Liettua ja latvia ovat arkaaisempia, lähempänä kantabalttia kuin vasarakirveskieli.]

16. Die Feststellung, dass ”sich die Grundfunktion des dem [französischen] Teilungsartikel entspre-chenden wepsischen sprachlichen Zeichens nach Ausweis der Einzelsprachen schon in gemeinostsee-finnischer Zeit, also spatestens zum Ausgang des ersten nachchristlichen Jahrtausends herausgebildet haben” muss, wird in Linguistica Uralica XXVII (68) eigenartigerweise als die Aussage, das Urostsee-finnische ”habe sich spätestens zum Ausgang des ersten nachchristlichen Jahrtausends herausgebil- det”, interpretiert und als ”sprachlicher Lapsus: nach pro vor” gewertet. Tatsachlich ist nicht von der Herausbildung des Urostseefinnischen, sondern Von der des Partitivs und dem spätestmoglichen Ende der urostseefinnischen Periode die Rede.

 

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Es handelt sich hier also allenfalls um eine Wahrscheinlichkeit 17 zweiten Grades, denn auch die Streitaxtkultur ”ist durch nichts direkt” an die nachmaligen Balten ”geknüpft”, sondern Streitaxtler und historische Balten werden bestenfalls ebenso ”nach der Wahrscheinlichkeit” miteinander verbunden”, wobei aber mindestens zweieinhalb Jahrtausende überbrückt werden; esgibt jedoch keinerlei Evidenz dafür, dass zu dem fraglichen Zeitpunkt auf dem Territorium der Streitaxtkultur ”Baltisch” gesprochen wurde. Theoretisch besteht zwar die Möglichkeit, durch eine Besonderheit der materiellen Kultur, die sich onomasiologisch in einer Sprache belegen lässt, eine Zuweisung einer Kulturschicht zu einer historischen Sprachgemeinschaft vorzunehmen, doch scheint es keine Beispiele für diesen Fall zu geben. Es besteht demnach nicht die geringste Aussicht,dass die Identitätshypothese jemals erhärtet werden kann. Andererseits ist es undenkbar, dass die Folgerungen mit den Fakten in einer Weise kombiniert werden konnten, die die Grundannahme entbehrlich machen würde, d.h., nicht einmal der Status einer Arbeitshypothese ist zuzubilligen. Die Rezeption der mit einer solchen Voraussetzung belasteten Ergebnisse kann den Germanisten nicht zugemutet werden.

§ 9. Die Hypothese, dass die Kontakte mit dem Baltischen am Anfang des 2. vorchristlichen Jahrtausends begannen, kontrastiert im übrigen mit der Meinung, dass erst nach 2000 v. Chr., ”vermütlich um 1500 v. Chr.”, überhaupt die Ausgliederung des Baltoslawischen aus dem Verband der europäischen Indogermania stattfand (LAMPRECHT 14 bzw. 192). Die Ausgliederung des Urslavischen wird Von LAMPRECHT zwischen 700 und 200 v. Chr. datiert. Demnach konnten die baltischen Elemente des Ostseefinnischen, die ja etwa im Vokalismus ein klares baltisches Gepräge zeigen, nicht vor der Mitte des 1. Jahrtausends übernommen worden sein.

17. ”Nach der Wahrscheinlichkeit” müssten z.B. die Träger der mittelasiatischen Kultur, deren Sprache als Tocharisch bekannt ist, entweder Sprecher eines türkischen oder eines iranischen Idioms sein. Tatsachlich handelt es sich beim Tocharischen um eine ”westindogermanischeKentum-Sprache.

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Man kann natürlich die Realität eines Baltoslavischen leugnen – zu widerlegen ist diese Annahme prinzipiell nicht – , was aber eine zusätzliche Prämisse bedeutet, die die gesamte Konzeption belastet.

COLLINDER hat allerdings versucht, einen alteren, Vorbaltischen Reflex im Ostseefinnischen nachzuweisen. Danach würden einige finnische Worter mit er/är statt zu erwartendem ir noch auf silbisches r der Gebersprache schliessen lassen. Von den betreffenden Wörtern sind jedoch immerhin drei durch ein anlautendes  h gekennzeichnet: fi. herne ‘Erbse’ (vgl. lit. žirnis), fi. herhiläinen ‘Hummel’ (lit. širšuo usw.), fi. härkä ‘Ochse’ (lit. žirgas ‘Pferd’). Die letztgenannte Zusammenstellung wird von SKES in Frage gestellt; eine Vermittlung der Bedeutungen über ‘Zugtier’ scheint indessen angesichts eines litauischen arklys ‘Pferd’ (zu einem Wort fur ‘pflügen’) plausibel. Die erwartungsgemasse Vertretung des baltischen ir trotz h- zeigt hingegen hirvi ‘Elch’, das zu apr. sirwis ‘Reh’ gestellt wird. Hier konnte man zur Not eine nachträgliche Umgestaltung eines älteren *härvi/härve– nach hirveä ‘schrecklich’ annehmen. Das Problem erledigte sich, wenn man im Gefolge von KATZ (1990) fi. hirvi ‘Elch’ mit dem germanischen Wort fur ‘Stier’ (got. stiur usw.) verbindet, das nach HOFSTRA auch das Etymon von fi. teuras ‘Schlachtvieh’ ist (s. § 51).

Umgekehrt zeigt fi.käärme ‘Schlange’ den in Rede stehenden Reflex (vgl. lit. kirmis ‘Wurm’), wogegen fi. kirves ‘Axt’ (lit. kirvis) die Normalvertretung aufweist. Hier konnte wiederum Angleichung an kääriä ‘wickeln, winden, umhüllen’ vorliegen. Auf jeden Fall lässt sich konstatieren, dass är (bzw. äär) gegenüber baltisch ir nur bei einem voraufgehenden h oder k zu beobachten ist, womit sich die Erklärung COLLINDERs erübrigt. Es ware überdies hochst eigentümlich, dass nur Entlehnungen mit silbischem  r  des Vorbaltischen, aber keine mit silbischem  l  oder Nasal vorliegen würden.

§ 10. HOFSTRA bezeichnet KORHONENs Datierung als ”einstweilen die beste zeitliche Festlegung des Endes der osfi.-lp. Spracheinheit” (1985, 371), begründet jedoch seine Ansicht nicht näher. Offenbar genügt ihm für diese Einschatzung der Umstand, dass KORHONENs Datierung ”die Mitte zwischen den frühen und den extrem späten Datierungen” halt (1.c., zu abweichenden Meinungen s. ebd.).

 

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Wenn man Von der Unsicherheit absieht, die darin besteht, dass die Heimat der finnisch-permischen Grundsprache in das Gebiet verlegt wird, in dem der Ackerbau um 2000 begann, ist es, wie dargelegt, vor allem die Identifizierung von Streitaxtleuten und Sprechern des Urbaltischen, die Reserviertheit gegenüber den Überlegungen nahelegt. Die Gleichsetzung der Trager einer archäologischen Kultur mit einer Ursprache, deren Abkommlinge erst seit dem ausgehenden Mittelalter auf dem in Rede stehenden Territorium nachzuweisen sind, erheischt ein Eingehen auf die Problematik der Verbindung von Archéiologie und Paläolinguistik.

Das Problem der Identifikation Von prahistorischer Kultur und Sprachgemeinschaft fasst der Prähistoriker LEYDEN in Worte, wie sie treffender schwerlich gewahlt werden können:

”Vergegenwärtigen wir uns, dass die Begrifie Germanen, Slawen, Indogermanen usw. zunächst sprachlicher Art sind, so ist uns klar: der Gebrauch der gemanischen Sprache als Muttersprache ist eine Mindestvoraussetzung, um den Namen ‘Germanen’ beanspruchen zu können. Wer die Träger einer urgeschichtlichen Kultur mit solch einem Namen belegt, erweckt damit also gegenüber Vertretem anderer Wissenschaften den Anschein, als meine er eine Sprachkontinuität van der Zeit jener Kultur bis zu der Zeit, aus der uns die betreffende Sprache überliefert ist. Eine solche Sprachkontinuitdt ist jedoch nur mit sprachlichen Mitteln, etwa mit Hilfe von aufgefundenen Sprachdenkmiilern oder van 0rts- und Fluflnamen oder dgl. festzustellen. Mit Mitteln der Urgeschichtsforschung ist sie bestenfalls mehr oder weniger wahrscheinlich zu machen: Je mehr sonstige Kontinuitätslinien sich feststellen lassen, desto grosser ist die Wahrscheinlichkeit auch einer Sprachkontinuität 18!

18. Der Schluss Von der archäologischen Kontinuität auf die Kontinuität der Sprache findet sich bei SALO (1984). Im Resümee heisst es: ”Seit der spätneolithischen Zeit scheint die Besiedlung sich lückenlos an der Küste fortzusetzen, was auch für die Kontinuität in der Sprachgeschichte spricht; der Ursprung der finnischen Bevölkerung ist nicht aus der angenommenen Einwanderung nach der Zeitenwende herzuleiten” (190).

 

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Es ist a priori nicht auszuschliefien, dass sich Reprasentanten einer prähistorischen Kultur auf mehrere Sprachen verteilen, wie umgekehrt eine Sprachgemeinschaft verschiedenen Kulturen zugeordnet sein kann.

Wenn man fiir ”Kultur” einmal von neuzeitlichen Verhaltnissen ausgeht, so sind Basken und Sorben doch wohl auch Reprasentanten der spanischen bzw. deutschen materiellen wie geistigen Kultur- und waren es auch vor dem Stadium der generellen Zweisprächigkeit-, obwohl natürlich auch von einer baskischen und einer sorbischen Kultur gesprochen werden mufi. Auch KORHONEN sieht keinen unbedingten Zusammenhang zwischen archaologischer und sprachlicher Entitat. Er stellt fest, dass es auf dem Gebiet ein und derselben Sprache mehrere verschiedene Kulturen geben konne und auf dem Gebiet ein und derselben Kultur mehrere verschiedene Sprachen und dass sich ebenso die sprachlichen Verhaltnisse eines Gebietes andern konnen, ohne so ”dramatisch” abzulaufen, dass sie archäologisch nachzuweisen wären (1984, 66). Dass in einem ökologisch identischen Gebiet die archäologischen Spuren z.B. einer Migration minimal und damit schwer nachweisbar sind, betont auch VERES (373). Ebenso spricht BIRKHAN nur Von der Möglichkeit eines Zusammenfalls von ”archäologischen Formenkreisen und sprachlichen und ethnischen Gruppierungen” (1970, 108).

Man konnte mithin bestenfalls davon ausgehen,dass z.B.Trager der Jastorf-kultur Germanisch gesprochen haben bzw. Germanisch sprechende Individuen an der Herausbildung der Jastorfkultur beteiligt waren.

Eine ähnliche Position nimmt RAMAT ein, der unter Berufung auf WAHLE konstatiert: ”Zwar kann ein Bevölkerungs- und somit auch ein Sprachwechsel stattfinden, ohne dass diesbezüglich archäologische Spuren hinterbleiben, und umgekehrt muss eine Anderung des Kulturtyps nicht unbedingt von einem Bevolkerungswechsel begleitet sein” (1976, 24). Die Einschrankung bestehe im folgenden: ”Andererseits wirft aber doch eine dokumentierte Umgestaltung des archäologischen Tatbestandes einer bestimmten Gegend unvermeidlich die Frage auf,ob nicht eine solche Veranderung durch einen ethnischen Wandel verursacht oder mitverursacht ist, der notwendigerweise auch sprachliche Rückwirkungen gehabt haben muss” (1.c.). Die Ansicht JÖRGENSENs, ”dass Kultur, Stamm und Sprache verschiedene Dinge und daher streng zu trennen seien”, mag ”bezüglich des Ursprungs der Nordfriesen” – jedenfalls was die Folgerung anlangt – ”unter einem übertriebenen Skeptizismus” leiden (RAMAT l.c.), grundsatzlich ist JÖRGENSEN aber beizupflichten.

 

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Es stellt sich nun die Frage, was prazise unter ”Kultur” zu Verstehen ist. KOST- RZEWSKI geht bei der Diskussion des Verhältnisses von urgeschichtlicher Kultur zu Sprachgemeinschaft Von folgender Definition aus:

”Als archäologische Kulturen bezeichnen wir Komplexe typischer Formen der Keramik, der Bewaflnung, der Geräte, der Schmucksachen, der Bauweise, der Wirtschaft, der Bestattungssitte und andere Erscheinungen der maleriellen, geistigen und sozialen Kultur, die in der gegebenen Periode auf einem geschlossenen Gebiet auftreten” (5).

Das Merkmal ”typisch” entscheidet offenbar darüber, ob zwei Kulturen als verschieden angesehen werden konnen oder ob man mit zwei Varianten ein und derselben Kultur zu operieren hat. Die Prähistoriker mögen sich für ihre Zwecke eindeutige Kriterien erarbeitet haben. Für den Linguisten stellt sich aber für den Fall einer eineindeutigen Relation zwischen Sprache und Kultur das Problem des Sprach(en)wandels. Was passiert mit der Kultur, wenn sich die Sprache andert? Beginnt der Kulturwandel überhaupt mit den Veränderungen im Sprachsystem oder ist nicht umgekehrt immer der Kulturwandel das Primäre? Fraglich ist auch das Verständnis von ”Sprache”.

Was heisst es, wenn einer bestimmten Theorie zufolge die Urostseefinnen mit den Kammkeramikem in Verbindung gebracht werden? Dann würden die Träger dieser prähistorischen Kultur eine Sprachform gehabt haben, die sich nach der gängigen Charakteristik der Handbücher zunächst nur durch eine Reihe von lautlichen Besonderheiten vom Urlappischen unterscheidet. Handelt es sich aber bei einem Idiom, das sich durch ein  h  anstelle eines  š  in genetisch identischen Wortern von einem Verwandten unterscheidet, notwendigerweise um eine andere Sprache? Aber auch wenn man die Morphologie beriicksichtigt, etwa im vorliegenden Fall das erweiterte Kasus-system des Urostseefinnischen als Kriterium hinzuzieht, wird sich die Frage nicht in eindeutiger Weise beantworten lassen.

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Die genannte Identifikation bedeutet demnach linguistisch nicht mehr, als dass die Kammkeramiker das Heu mit *haina  (fi. heinä) benannt haben, während Vertreter einer benachbarten Kultur dafür zumindest eine Zeitlang *šajna gesagt haben. Unter Benutzung des üblichen Terminus für die gemeinsame Grundsprache von Ostseefinnen und Lappen konnte man die Kammkeramiker dann als  h-Frühurfinnen on den š-Frühurfinnen absondern 19. Umgekehrt kann aber, wie oben bemerkt wur- de,ein Idiom, das aufgrund anderer Merkmale schon als ”Ostseefinnisch” vom Lappischen hätte geschieden werden müssen, noch lange ein *šajna gekannt haben.

[HM: Tämä ei käy ”rajapyykiksi”: hainat, heinät sainat ja suoidnat ovat balttiperäisiä ja tarkoittavat alun pernin KYLVETTYÄ heinää.

Kantabalt(oslaav)in ”kylväminen” on ”maattamista” juuresta *zem- = maa

*žem-ti (*žem´a, *žeme), josta sitten tulee mm. liettuan sėti (sėja, sėjo) = kylvää, šiena = heinä, sėmuõ,-eñs = siemen, latvian preussin semen = siemen, venäjän sejat´, latinan  sēmen  = siemen jne.]

Bei der Definition Von ”Sprache” könnte man sich für den vorliegenden Zweck auf das Kriterium der Verständigungsmöglichkeit einigen, obwohl auch diese eine relative Grolie ist, zumal bei genetisch verwandten Sprachen. Von dieser Moglichkeit macht KOSTRZEWSKI Gebrauch. Es gebe ”eine ganze Reihe von archäologischen Kulturen, die auf dem ganzen Gebiet ihrer Verbreitung einen auffallend einheitlichen Charakter aufweisen”. Als mögliche Ursache für diese Einheitlichkeit wird nur eine genannt, namlich: ”dass die Volker, die Trager dieser Kulturen sind, nahere Beziehungen zueinander unterhielten, vielleicht gemeinsame Markte und Kultplatze besassen”, und weiter wird gefolgert:

”Solche nahen Beziehungen im Bereich eines Volkes mit einer identischen oder ähnlichen Kultur waren nur möglich, wenn dieses Volk eine leichtere Verständi-gungsmöglichkeit untereinander als mit den Nachbarwölkern besass, d.h. eine gemeinsame Sprache hatte, obwohl sie in Dialekte eingeteilt sein konnte”.

Dabei wird immerhin eingeraumt, dass es vorkommen könne, ”wofür K. Moszynski einige Beispiele angeführt hat, dass mehrere gleichzeitig existierende Volker, die verschiedene Sprachen sprechen, eine gemeinsame Kultur besitzen”. Dieser Um- stand würde jedoch grundsätzlich nichts ändern, denn es handele sich um ”seltene Ausnahmen,die durch einen starken Einfluss der Kultur eines Volkes auf die Kultur des Nachbarvolkes zu erklaren sind. ”

19. Bei Verwendung der oben erwähnten unbewiesenen, aber nicht falsifizierbaren Behauptung über das genetische Verhältnis von Slavisch und Baltisch liesse sich die Ursache der Auflösung der ”frühur finnischen” Sprachgemeinschaft mit ”Einfluss des š-Baltoslavischen” bezeichnen.

 

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KOSTRZEWSKI kommt zu dem Schluss:

”In der Mehrzahl der Fälle können wir jedoch annehmen, dass ein genau definierter archäologischer Komplex mit geschlossener Verbreitung einer in der betrefenden Zeit entstandenen ethnischen Einheit entspricht”.

Bei diesen Überlegungen wird aber ganzlich das Phänomen der Zweisprachigkeit in Grenzgebieten ignoriert. In der Kontaktzone zweier Sprachgebiete versteht man sich. Die bilinguen Individuen können Kulturelemente übernehmen und sie an ihre weiter entfernten Sprachgenossen weitergeben. Ausserdem erscheint es nicht abwegig, dass es auch in prähistorischer Zeit gelegentlich zu so etwas wie einer lingua franca gekommen sein kann.

§ 11. Eine andere Sachlage ergibt sich, wenn literarische ethnographische Quellen für das fragliche Gebiet vorliegen. ”Grundsätzlich ethnischen Begriffen in dem gut durch schriftliche Berichte (z.B. im Falle der Quaden) erfassten historischen Milieu auszuweichen,wäre ein hyperkritischer Standpunkt” (PIETA 207). Aber mit der Identifizierung eines literarisch bezeugten Ethnos ist noch nicht unbedingt etwas für die sprachliche Zugehörigkeit gewonnen, da man selten mit Sicherheit feststellen kann, welche Merkmale in den Quellen die Grösse ”Volk” bestimmen.Angenommen, Tacitus’ Aestii lassen sich aufgrund der Angaben des Autors mit einer bestimmten archäologischen Kultur des Baltikums identifizieren – waren es dann Germanen, Balten oder Ostseefinnen? Vielleicht waren die Aestii auch ein Zusammenschluss von Balten und Ostseefinnen? Fur das Friesische der römischen Epoche charakterisiert RAMAT das Problem der ”Gleichsetzung von archäologischen und linguistischen Fakten” überzeugend:
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”Wir haben für diese Periode geschichtliche, nicht etwa vorgeschichtliche Individualitiät (die der Frisii) und andererseits eine ziemlich genaue archäologische Facies für das Gebiet, von dem wir sicher wissen, dass es von den Frisii besiedelt war. Es liegt nun die Hypothese sehr nahe, gerade die Frisii hätten diese kulturelle Facies mit der beschriebenen Keramik geprägt. Die Gedankenführung ändert sich jedoch sofort, wenn man daraus ableiten will, dass die Frisii im sprachlichen Sinne germanische Friesen sind, Rekonstruktionsmöglichkeiten der Archäologie übertreffen, da wir eine nicht bewiesene Tatsache als gegeben annehmen, nämlich dass die Frisii germanisch sprachen” (25).

Um wieviel diffuser werden die Konstellationen, wenn man – wie es fur die germanisch-ostseefinnischen Kontakte gemacht wird in die Bronzezeit zurückgeht!

PIETA fasst in dem Kapitel über das ”Problem der ethnischen Zugehörigkeit der Púchov-Kultur” (207 – 213) seine Diskussion der einzelnen Theorien wie folgt zusammen:

”Diese kurze Übersicht der Problematik der ethnischen Zusammensetzung der Púchov-Kultur wies darauf hin, dass nach dem gegenwärtigen Forschungsstand die Besiedlungsgrundlage aus ursprünglicher postlausitzischer Bevölkerung bestand, die von Siedlergruppen mit der Laténe-Kultur überschichtet wurde. Hypothetisch kann vorausgesetzt werden, dass es Reste der keltischen südwestslowakischen Bevölkerung waren, die im Norden unter dem Namen Kotiner auftreten. Wahrscheinlich lassen sich auch die dakischen Elemente vom Beginn der römischen Kaiserzeit als Verschiebung der Bevölkerungsreste aus dem südlichen Randgebiet tiefer in das Zentrum des Púchov-Gebietes interpretieren, wo sie jedoch rasch assimiliert wurden”.

Hier treten als Konstituenten einer prähistorischen Einheit, die als ”Kultur” bezeichnet wird, Ethnika auf, deren Etikette zunachst Bezeichnungen fiir Sprachen sind: ”keltisch”, ”dakisch”. Dazu kommt die lingua ignota der ”postlausitzischen Bevölkerung”.

 

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Konfrontiert man dieses Ergebnis mit KOSSINNAs Feststellung,”streng umrissene, scharf sich her aushebende, geschlossene archäologische Kulturprovinzen fallen unbedingt mit bestimmten Völker- oder Stammesgebieten zusammen” (21), muss man schlussfolgern, dass es entweder zweierlei Arten Von archäologischen Kulturen gibt, ”streng umrissene” und andere, zu denen dann die Púchov-Kultur gehören muss, oder aber dass ”Volk” oder ”Stamm“ nicht mit Sprachgemeinschaft gleichzusetzen ist, oder ursprünglich linguistische Termini wie ”keltisch”, ”dakisch” bei PIETA nur mehr Bezeichnungen für kulturelle Einheiten sind, die nach verwandten Kulturen benannt sind, wobei nicht notwendig die Trager dieser Kultur das Idiom des Ursprungsgebietes gesprochen haben müssen.

Schwierigkeiten mit der Konzeption einer eineindeutigen Relation zwischen archäo-logischer Kultur und Sprachgemeinschaft hat man auch bei anderen Angaben in der Fachliteratur. Die von Herodot erwähnten Neurer werden aufgrund einer Etymologisierung ihres Namens als Balten identifiziert. Den Volkernamen findet man in Flussnamen des baltischen Siedlungsgebietes wieder. Die herodoteischen Neurer, denen skythische Lebensweise und skythische Sitten zugeschrieben werden, identifiziert man nun mit der Milogrady-Kultur im südlichen Wessrussland und in der Westukraine (GIMBUTAS 109 ff., PBIBAKOB 146 f., 191).

Nach GIMBUTAS hatte noch in der mittleren Bronzezeit die ”baltische Kultur”, wor- unter die Autorin Sprecher des Baltischen versteht, ihre grosste Ausdehnung. Sie erstreckte sich vom Südural trichterformig bis zur Oder im Westen, bis zu den Karpaten und den Pripjatsümpfen im Süden und bis Südfinnland im Norden (76).

Dies ware nach der Zeitrechnung Von GIMBUTAS der Zustand etwa bis zum Jahre 1100 V. Chr., dem Beginn der ”spaten” Bronzezeit, von dem an das Territorium der ”baltischen Kultur” im Norden bis auf die historische Verbreitung schrumpft (77).

Da die in Rede stehende Kultur auf das Dnjepr-Pripjat-Gebiet beschrankt ist, wer- den die Neurer bzw. Trager der Milogrady-Kultur als ”Ostbalten” Von den übrigen geschieden (l.c.).Wir hatten es hier also mit einer archäologischen Kultur sui gene- ris zu tun,die aber mit einer anderen Kultur bzw.anderen Kulturgruppen (West- bzw. Küstenbalten) die Sprache teilen würde. Man könnte natürlich annehmen, dass die Sprache der Ostbalten ein eigenstiindiger Dialekt des Baltischen war. Dann ist man wieder bei der Frage angelangt, wie gross denn die sprachlichen Unterschiede sein müssen, damit sie sich in einer Weise in der materiellen Kultur niederschlagen, die archéiologisch nachweisbar ist. Aber auch die Ostbalten miifiten noch differenziert sein, denn GIMBUTAS will auch die nach Herodot ostlich Von den Neurern anzu- siedelnden Budiner für das Baltentum in Anspruch nehmen (116).

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Diese werden aber mit der Juchnovo-Kultur identifiziert (GIMBUTAS l.c.;PЫBAKOB 191). PЫBAKOB zahlt sogar noch die nordlich von den übrigen ”Ostbalten” anzu- siedelnden Androphagen hierher (188) – in den Neurern, die ebenfalls als Reprä-sentanten einer gesonderten archäologischen Kultur angesehen werden, sieht er jedoch die Slaven (191).

§ 12. Die Verquickung Von archéiologischer und linguistischer Evidenz ist schon verschiedentlich bemangelt worden. So stellt HACHMANN fest:

”Eines allerdings muss klar sein:Jede «gemischte» Argumentation muss selbst bei exemplarischem Vorgehen zu einem im ganzen unbrauchbaren Ergebnis führen! Der Archäologe muss wissen, dass er seine Quellen nur mit den ihnen adäquaten Methoden bearbeiten darf. Er muss femer wissen,dass bei der Auswertung archäo- logischer Quellen nur «archäologische» Argumente gelten dzüfen. Wehe dem Ar- chäologen,der vorschnell nach der Geschichtsforschung oder nach der Germanistik schielt und dort seine Beweise finden möchte… Genauso schliesslich muss der Philologe wissen, dass seine Quellen ihre spezifischen Methoden beanspruchen. Wehe dem Germanisten, der sich seine Beweise beim Archdologen oder beim Historiker holen möchte, wo sie nie sein können” (11).

Es ist freilich nicht so, dass solche Bedenken nicht zur Kenntnis genommen wer- den bzw. nicht Von vornherein vorhanden waren. Einschlagige Aufierungen werden dann ”mit allem Vorbehalt” oder der Versicherung ”grundsatzlicher Skepsis” gemacht; bei den Schlussfolgerungen geraten die Pramissen dann allerdings oft in Vergessenheit.

Ein Musterbeispiel für die Verfilzung von prahistorischen und sprachwissenschaft-lichen Argumenten ist eine Stelle aus MAKKAYs Schrift über das Neolithikum in Ungarn (1982, 83). Er betont die immense (ung. éricisi ‘riesig’) Hilfe, die der Vor- und Frühgeschichte für das Verständnis des Wesens Von Kulturgruppen von der historischen Sprachwissenschaft zuteil werden könne.

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Dies trafe auch im Falle des mitteleuropaischen Neolithikums zu, und hier sei es HARMATTA, der – vom prähistorischen Gesichtspunkte her geurteilt – bei der Erforschung der altesten Geschichte der indogermanischen Sprachen am weitesten vorangekommen sei. Für das Verständnis der neolithischen archäologischen Kulturen des Karpatenbeckens, des Balkans und allgemein der Gebiete Osteuropas sei besonders hilfreich, dass HARMATTA nicht mit ”abstrakten Kategorien” arbeite, sondern sich der modemen Ergebnisse der südosteuropaischen Vor- und Frühgeschichte bediene!

Ein ähnlich liegender Fall betrifft das Alter der germanischen Entlehnungen im Ostseefinnischen, wobei besonders bedeutsam ist, dass es sich im folgenden um Beitrage zu einem Symposium handelt. KOIVULEHTO schlisst das Resumee mit folgenden Worten ab: ”The earliest loans date back at least to the Nordic Bronze Age (approx. 1500-500 B.C.).

This is strongly supported by archaeological evidence” (1984, 205). SALO wiederum beruft sich bei seiner Behauptung, dass an der finnischen Kuste ”der Ursprung der finnischen Bevolkerung … nicht aus der angenommenen Einwanderung nach der Zeitenwende herzuleiten” sei und dass es ”wahrscheinlich schon in der Mitte des 2. Jahrtausends” eine erste ”Einwanderungswelle” gegeben habe (190), u.a. auf KOIVULEHTOS Datierung der frühen germanischen Lehnworter in die beginnende Bronzezeit und eine frühere Periode (186 mit Anm. 58)”.

§ 13. Die Forderung,den sprachwissenschaftlichen Befund mit den archäologischen Gegebenheiten in Einklang zu bringen, ist unberechtigt.

”Die Freiheit, unbeeinflusst mit seinem eigenen Instrumentarium zu arbeiten”, die sich daraus ergebe, dass ”die Erkenntnisse der Sprachhistoriker und der Archäo- logen nicht recht zur Deckung zu bringen” sind – so die FROMMsche Formulierung einer Bemerkung T. ITKONENs (FROMM 1976, 214) – , ist auch im gegenteiligen Fall zu gewähren.

20. Fur den Laien nicht einschätzbar ist zudem die Sicherheit eines argumentume silentio in der Vor- und Frühgeschichte. Wie stichhaltig ist z.B. das von HARMATTA zugunsten der Autochthonie des Het- hitischen ins Treffen geführte Argument, dass die Einwanderung eines neuen Volkes in dem fraglichen Gebiet archäologisch nicht zu verifizieren sei (s. KORENCHY 29)?

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Der Sprachhistoriker muss in jedem Fall ”mit seinem eigenen Instrumentarium” operieren bzw. die seinem Gegenstande angemessenen Beweismittel verwenden“, ebenso wie der Mathematiker seine Sätze auf der Basis der Von ihm gewühlten Axiome und Schlussverfahren Vornimmt, obwohl der Behauptung physikalische Realität zukommt und der Physiker sein mathematisches Modell erst durch den experimentellen Nachweis als zutreffend ansieht. Es ware doch ein Unding, ein lin- guistisch zwingendes Ergebnis,das im Widerspruch zu archäologischer Erkenntnis steht, deswegen zu verwerfen,weil sich bisher linguistischer und archäologischer Befund deckten. Dann war dieser Tatbestand eben akzidentiell.”Eine Sprache ohne Sprecher” ist im übrigen durchaus nicht ”misslich” (FROMM 1986), sondern es gehört zum Wesen der rekonstruierenden linguistischen Disziplin, dass sie eine Sprache ”ohne Sprecher” – i.e. mit historisch nicht identifizierbaren Sprachtragern – zum Gegen – stand haben kann. Die Frage der Identifizierung einer Kulturgruppe ist in wissenschaftlichem Niemandsland angesiedelt.

Archaologe und Sprachhistoriker werden zwangslaufig zu Dilettanten, wenn sie daran gehen, eine prahistorische Kultur mit einer rekonstruierten Sprache zu iden- tifizieren. Die vermuteten Gesetzmässigkeiten zwischen Sprachwandel und prähis-torischem Kulturwandel überschreiten hinsichtlich des methodologischen Rust- zeugs die Grenzen der jeweiligen Wissenschaft und zwar in Richtung auf eine drit- te eigenständige Disziplin, die allenfalls innerhalb einer historischen Soziologie an- zusiedeln ware. Fraglich ist aber, woher eine solche Disziplin ihre Daten beziehen sollte (vgl. § 18)”.

§ 14. Die Behauptung, dass sich die entsprechend den Definitionen ergebenden prähistorischen Kulturgrenzen immer mit Sprachgrenzen decken, ist natürlich mit historischer Evidenz nicht zu falsifizieren. Aber auch wenn man annimmt, dass zu einer urgeschichtlichen Sprachgemeinschaft notwendigerweise eine distinkte Kultur gehört, bleibt es fraglich,ob es nun gerade die aufgrund des archäologischen Befun- des abgesteckten Kultureinheiten sind, die mit diesen durch das gemeinsame Ver- ständigungsmittel bedingten Kulturgemeinschaften zusammenfallen.

21. Das heisst nun freilich nicht, dafi sich der Sprachhistoriker bei seiner Arbeit nicht archäologischer Erkenntnisse bedienen kann (vgl. § 83 ff.).

22. Auch BIRKHAN bezweifelt, ob ”die ethnologischen Erfahrungen aus rezenter Zeit sowie Beobach-tungen fiber das Ineinanderspielen Von Dialektentstehung politischer Geschichte in neuerer Zeit” auf prähistorische Verhältnisse iibertragbar sind (1970, 102).

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Die Zuversicht KYLSTRAs, dass etwa die Frage der gotischen Lehnwörter mit Hilfe der Archäologie zu lösen sei (1961, 176), scheint unbegründet.

Über genaue Kenntnisse der sprachlichen Landschaft Finnlands im letzten vor- christlichen Jahrtausend verfiigt MEINANDER:

” … an den Küsten eine skandinavisch gefärbte Bronzezeitkultur mit Steinhügelgrä- bern, Bodenbau und skandinavischen Bronzen, im Binnenland die textilkeramische Sarsa-Gruppe 23 und ihre Nachfolger, im Norden die Lappen.

Die Sprachen dieser Gruppen waren immer urfinnische Dialekte, …” (371), wobei offengelassen wird, was es bedeuten könnte, dass diese Sprachen nicht ”immer” urfinnische Dialekte waren. Aüsserst kritisch beurteilt MEINANDER die Vorstellun- gen der traditionellen Finnougristen:

”Finnisch-Ugrisch oder Ugro-Finnisch ist ein konstruiertes, sprachwissenschat-liches Fachwort,das eine Gruppe von miteinander verwandten Sprachen in Nordost- europa bezeichnet. Man kann auch die Menschengruppen, die diese Sprachen sprechen, Finno-Ugrier nennen. Das ist eine Parabel von derselben Art, wie «lndo-germanen». Die Philologen sind davon überzeugt,dass der sprachbestimrnende Teil dieser Völkerschaften einmal eine sprachlich, wahrscheinlich auch eine rassisch, kulturell und geographisch einheitliche Gruppe bildete,und dass es somit berechtigt ware, von einem Urvolk and von seiner Urheimat zu reden, also von jener Gegend, wo das Urvolk zuletzt eine geschlossene Einheit bildete.

Ich halte es nicht ür ausgeschlossen, dass diese Begrifle nur Fiktionen sind. Hier möchte ich doch davon ausgehen, dass das allgemein anerkannte Modell der Wirk- lichkeit entspricht, und dass es somit rational ist,vom Ursprung der Finno-Ugrier zu reden.

23. Bei der Sarsa-Gruppe handele es sich urn eine an der südwestlichen Küste und an Binnenseen Finnlands, in Karelien und im Kargopol-Gebiet angesiedelte Kultur, die in Spuren auch in Estland nachzuweisen und deren Beginn um 1200 v. Chr. festzulegen sei.

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Auch wenn wir diese Frage befriedigend beantworten kannen,ist der Problemkomp- lex der Ethnogenese noch nicht gelöst. Jedes finnougrische Volk hat seine eigene Ethnogenese, ist als Resultat eines historischen Prozesses entstanden, wobei die heutige Sprache vielleicht nicht dem biologischen Ursprung entspricht.Man hat z.B. behauptet,dass etwa 70% der Gene des heutigen finnischen Volkes van allgemein- europdischem Ursprung sind. Für die Esten ist dieser Prozentsatz noch höher. Urheimat, sprachliche Zugeharigkeit and Ethnogenese sind also nicht synonyme Begrifle ” (363).

Es verwundert zunächst, dass es für notwendig befunden wird, Teilnehmern eines Symposiums über die Ethnogenese europäischer Völker zu erklären, dass ”fin- nisch-ugrisch” nicht etwa die Benennung einer existierenden Sprachgemeinschaft in einer konkreten Sprache ist, sondern ”ein künstliches, sprachwissenschafiliches Fachwort”. Dass diese ”Parabel” auf der Uberzeugung der ”Philologen” beruhe, der ”sprachbestimmende Teil dieser Völkerschaften” habe ”einmal eine sprachlich, wahrscheinlich auch rassisch,kulturell und geographisch einheitliche Gruppe” gebil- det, entspricht nur teilweise den Tatsachen. Die unter Beachtung regelmässiger Lautentsprechungen und semantischer Plausibilität aus den Vertretungen der fin- nisch-ugrischen Einzelsprachen rekonstmierbaren Lexeme und Formelemente stel- len eine so grofie Menge dar, dass es irrational wire anzunehmen, dass nicht ein hinreichend grosser Teil der Rekonstrukte zeitlich und räumlich koinzidiert hätten, d.h. etwa *kala ‘Fisch’ und *uje ‘schwimmen’ oder *wete ‘Wasser’ und eines der Lokativzeichen. Die Annahme, dass die in Rede stehenden Elemente – oder wenn nicht diese“, dann irgendwelche anderen – irgendwann und irgendwo zu einer Aüs- serung ”Der Fisch schwimmt im Wasser” – oder mit anderen Elementen eine an- dere – verwendet wurden, gründet sich auf die Empirie bei belegbaren Tochter- und Grundsprachen, etwa im Falle der romanischen Sprachen und des Lateins.

24. Im Prinzip kann es sich natürlich z.B. im Falle *wete um eine sehr frühe Entlehnung aus dem Urin- dogermanischen bzw. Urarischen ins Ursamojedische, Urfinniseh-permische und Urugrische handeln.

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Ebenso wie das aus den romanischen Einzelsprachen rekonstruierbare Protoroma- nische in Annäherung das belegte Latein darstellt, kann eine nicht bestimmbare Untermenge – die grösste der Mengen koinzidierender Elemente – der Gesamtheit der Rekonstrukte als die annahernde Darstellung eines konkreten prähistorischen Sprachsystems verstanden werden. Die Gesamtheit der Rekonstrukte wird einer- seits mehr Elemente enthalten als das zu rekonstruierende System, da gemein- same friiheinzelsprachliche Bildungen nicht immer zu erkennen sind, andererseits erhebliche Liicken aufweisen, da nicht alles in den belegten Einzelsprachen fortge- setzt ist.Ein Fall aber,dass sich historisch belegbare nicht – bzw.nicht unmittelbar – verwandte oder am Beginn ihrer Belegbarkeit nicht mehr als (umnittelbar) verwandt erkennbare Sprachen durch gegenseitige Beeinflussung und gemeinsame Entlehn-vorgange so ähnlich geworden sind, dass sich bei Anwendung der etablierten Re- konstruktionsverfahren auf diese Sprachen gegen die historische Wirklichkeit eine konsistente, einer natürlichen Sprache isomorphe ”Ursprache” ergeben hätte, ist bisher nicht bekannt”. Das Grundsprachenmodell andererseits hat sich bislang als widerspruchsfrei erwiesen.

Die Annahme einer durch einen bestimmten Teil der Rekonstrukte abgebildeten konkreten Sprache impliziert eine Sprachgemeinschaft und diese wiederum ein Areal, auf dem die in Annaherung fassbare Sprache gesprochen wurde. Es gälte mithin zu begründen,warum es sich bei diesen Referenten (! – s.o.) der Begriffe ”Ur- volk” und ”Urheimat” um ”Fiktionen” handeln soll. Da nun die ohne Zweifel beste- hende Möglichkeit einer Fehlrekonstruktion nicht gerade bei den Kulturwörtern in jedem Einzelfall angenommen werden muss, kann man auch gewisse Aussagen über den vermutlichen kulturellen Status der Sprachgemeinschaft machen. Dass diese Sprachgemeinschaft in bezug auf andere kulturelle Elemente auch ”unein-heitlich” gewesen sein mag, ist damit nicht ausgeschlossen.

25. Man stelle sich einmal vor,dass sich von den slavischen Sprachen nur das Neubulgarische erhalten hätte und von den übrigen keinerlei schriftliche Dokumente existieren würden und ebenso das Latei-nische ohne schriftliche Überlieferung bis auf das Balkanromanische dem Germanischen hätte weichen müssen; würde sich dann mit dem üblichen Rekonstruktionsverfahren aus dem Bulgarischen, Rumänischen und Albanischen, deren Gemeinsamkeiten man aufgrund der tatsächlichen Beleglage als Sprachbunderscheinung wertet, ein ”Urbalkanisch” in der Art des Urgermanischen oder Urugrischen erschliessen lassen?

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Ebensowenig ist jemals bezweifelt Worden, dass die grundsprachliche Form des Satzes ”Der Fisch schwimmt im Wasser” zu irgendeinem Zeitpunkt sowohl Von ”europiden” als auch von ”mongoliden” Individuen mit muttersprachlicher Kompe- tenz geiiufiert Worden sein mag. “Urvolk”, falls dieses Wort überhaupt eimnal im sprachwissenschaftlichen Zusammenhang benutzt wird, heisst nichts anderes als die Summe aller Individuen, die eine Sprache gesprochen haben,Von der angenom- men wird, dass ein Ausschnitt aus ihrem Zeichenvorrat durch einen Teil der Rekon-strukte annahernd abgebildet wird. Wenn also MEINANDER ankündigt, ”wir setzen als Arbeitsmodell von einem Urvolk herstammende Sprachfamilie bilden”, verbindet er einen linguistischen Begriff unzulässigerweise mit einem Begriff ”Urvolk” im Ver- ständnis eines Vor- und Frühgeschichtlers. Dass sich weder die Sprecher des Fin- nischen noch die des Ungarischen oder irgendeiner anderen verwandten Sprache in direkter Filiation Von dieser prähistorischen Sprachgemeinschaft herleiten, ist jedem Finnougristen bewusst.

Die Belehrung, jedes finnisch-ugrische Volk habe seine eigene Ethnogenese, ist eine Platitüde, die Feststellung, dass ”Urheimat, sprachliche Zugehörigkeit und Ethnogenese Ungereimtheit. MEINANDER dänkt es, ”dafl wir die finnisch-ugrische Frage nicht nach dem Stammbaummodell mit Urvolk,Ursprache und einer Urheimat lösen können”, meint aber, ”es kann nicht unsere Aufgabe sein, ein neues philolo-gisches Modell vorzulegen” (372) – die erforderliche Kompetenz steht offenbar aus- ser Frage.Warum fiir die Lösung der ”finnisch-ugrischen Frage” in der Vorgeschich- te ein ”neues philologisches Modell” notwendig ist, Wenn ”sprachliche Zugehörig- keit” und “Ethnogenese” nicht ursachlich zusammenhängen, bleibt unerfindlich.

MEINANDER vermerkt noch: ”… wir können nicht mit einem ungeeigneten Modell weiter spielen”. Vielleicht stellt das folgende Modell ein für den Prahistoriker geeig-neteres Spielzeug dar. HAJDÚ hat 1978 den Teilnehmern des Wiener Internationa- len Linguistenkongresses ”einen modernisierten Grundsprachenbegriff” präsentiert (99): ”Die Uralistik hat … auf die Rekonstruktion des synchronen Systems der Grundsprache verzichtet und erklärt diese für eine Metasprache, die nicht als eine natürliche Sprache aufzufassen ist; eher stellt sie eine abstrakte Verdichtung der Kenntnisse Von der uralischen Sprachvergleichung dar” (l.c.).

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Die Formulierung ”des synchronen Systems der Grundsprache” kann schwerlich anders interpretiert werden, als dass auch die Avantgarde die reelle Existenz einer uralischen Grundsprache voraussetzt, jedoch von der Rekonstruktion ihres ”synch- ronen Systems” Abstand nimmt.Dann ist es aber nicht ”diese” (Grundsprache), die fiir eine Metasprache ”erklart” wird, sondern der Begriff ”Grundsprache” bekommt eine andere Auslegung. Da aber eine ”Metasprache” eine durch sie darzustellende ”Objektsprache” impliziert, fragt sich, was mit der neuen Konzeption, in der zudem mit dem Grundsprachenmodell erzielte Ergebnisse ”verdichet” werden, eigentlich gewonnen ist“. Dal} die Summe aller Rekonstrukte ein Modell für die Grundsprache darstellt, hätten womoglich sogar die Junggrammatiker unterschrieben. Es ist dies eine Selbstverständlichkeit, die nicht betont werden muB. Ein ”hypothetisches, logisch fundiertes System … , dessen Diasysteme bzw. Elemente dialektal und sprachgeschichtlich gesehen verschiedenartig auslegbare Erscheinungen umfas- sen” (HAJDU l.c.), ist mit der Änderung ”umfassen können” auch auf die traditio- nelle Grundsprachenkonzeption beziehbar. Im iibrigen ist die Standortbestimmung durch HAJDU offensichtlich nicht praxisorientiert.

Es wurden vor einem Jahrzehnt und werden noch immer Abhandlungen in Menge publiziert, die nichts von dem – wie die Formulierung HAJDÚs suggeriert allgemei- nen – neuen Trend erkennen lassen. Auch der Aufbau des seit 1986 erscheinenden Uralischen Etymologischen Wörterbuchs der Ungarischen Akademie der Wissen-schaften ist gänzlich nach dem traditionellen Grundsprachen- und Stammbaummo- dell ausgerichtet”.

Im Sinne des metasprachlichen Modells freilich stellte dieses Wörterbuch eine an- notierte Liste Von Kürzeln dar – z.B.ware *kala ‘Fisch’ zu lesen als ”fi.k- entspricht ung. h- Vor velarem Vokal” usw., ”fi. -l- entspricht lapp. -ll-/-l-, ung. -l” usw. – und enthielte eine Unmenge von Redundanzen. Kritisch ware z.B. der Status von *s’orwa ‘Horn’; schliesslich dringen Lehnworter nicht in Metasprachen ein.

26. Insbesondere interessiert, ob mit dem neuen Grundsprachenmodell mehr und bessere Ergebnisse erzielt werden konnen.

27. Also nicht einmal die finnougristische Weltelite – deren neuester Stand in der deutschen Version Von HAJDU 1976 vorn Jahre 1988 – huldigt geschlossen der neuen Konzeption.

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Man fragt sich ausserdem, ob der ”modernisierte” Grundsprachenbegriff auch z.B. für das Urostseefinnische, das nach den nämlichen Prinzipien aus dem Finnischen, dem Estnischen usw.rekonstruiert wird wie die finnisch-ugrische Grundsprache aus dem Finnischen, dem Ungarischen usw.,gelten soll. Ist hier ebenfalls ”Verzicht” auf die Rekonstruktion des ”synchronen Systems” zu leisten, wo die entsprechende ”abstrakte Verdichtung der Kenntnisse” auf eine Art Karelisch hinauslauft? Wenn ja, obliegt es den Vertretern des ”modernisierten” Grundsprachenkonzepts, im ein- zelnen die Möglichkeit einer Fehlinterpretation zu begründen.Falls sich die neue Konzeption nur auf die uralische bzw. finnisch-ugrische ”Grundsprache” beziehen sollte, würde man gern die Kriterien erfahren,nach denen beim Vergleich der Einzel- sprachen die Entscheidung zwischen ”Rekonstruktion des synchronen Systems” und ”Verdichtung der Kenntnisse” zu treffen ist.

Selbstverständlich wächst die Unbestimmtheit einer Rekonstruktion mit den Sprachebenen (in traditioneller Anordnung). Die Ansicht PENZLs jedoch,dass dem ”Verfassen” von Texten kein ”wissenschaftlicher Realitätswert” zukomme, weil man die ”notwendigen aussersprachlichen, pragmatischen Umstande irgendeiner Textentstehung nicht rekonstruieren” könne (150), erscheint zu rigoros. Für einfache Syn- tagmen bedarf es keiner Kenntnis vorzeitlicher Pragmatik. Mit Formelementen rekonstruiert man auch Funktionen. Wenn man beispielsweise ein Akkusativzeichen rekonstruiert, impliziert dies, dass es auch Syntagmen aus Verbalformen und mit diesem Zeichen versehenen Nominalformen gegeben hat.

Rekonstruktion einer Partizipialform liefert mit der für sie rekonstruierten Funktion ein Stück Syntax. Natürlich werden nicht alle der rekonstruierbaren Syntagmen Realitat beanspruchen können. 28

28. Wenn MORGENROTH meint, ”heute denkt niemand mehr daran, eine Fabel in das erschlossene ‘Urindogermanisch’ zu übersetzen” (GERMANEN 103), so irrt er. BIRKHAN gibt im Anhang zu seiner ”Etymologie” neben der HIRTschen Version auch eine den neuesten Erkenntnissen angepasste Fassung der SCHLEICHERschen Fabel (307 f.) – pädagogischen Wert hat eine solche Synopse allemal. Die Behauptung ist von MORGENROTHs Rekonstruktionsverständnis her zu erwarten. So wertet er den elnzelsprachlichen Befund des Gen. Sg. der o-Stamme als ”Beweis für die Unmöglichkeit, eine völlig einheitliche Grundsprache zu rekonstruieren” (l.c)!

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Die SCHLEICHERsche Fabel wird in der Form nie aus ”urindogermanischem Mun- de” geklungen haben. Wenn man aber den ganzen Äsop in ”urindogermanische Prosa” überträge, dürfte die eine oder andere Fabel zumindest annahernden ”Reali-tätswert” haben. Es wird ja nur postuliert,dass das Rekonstrukt dem System ange- hört haben konnte. Die Norm bleibt dabei ausser Betracht.Im übrigen lässt sich bis zu einem gewissen Grade auch ”Pragmatik” rekonstruieren.So wird nicht alles,was sich etwa in der Mythologie und anderswo an übereinstimmenden Junkturen findet (z.B. eine Wurzel für ‘schwinden’ in der Phrase ”unvergänglicher Ruhm”), auf zufül- liger Parallelentwicklung beruhen. Auch Texte – wenn auch extrem kurze – lassen sich in der ”indogermanischen Dichtersprache” finden.

57.

 

Das Germanische als ”Prestigesprache”

 

§ 15. HOFSTRA stellt fest: ”Das Germanische muss die Sprache mit dem hoheren Prestige gewesen sein;der Einbahnverkehr des Lehnguts und die Tatsache,dass so viele entbehrliche Lehnwörter Vorliegen, weisen in dieselbe Richtung.” Diese Be- hauptung impliziert, dass sich unter den heutigen germanischen Stéimmen direkte Nachkommen derjenigen Germanen befinden,von denen die Ostseefinnen ihr Lehn- gut übernommen haben. Die lehngebenden Germanen konnen jedoch in den Ost- seefinnen aufgegangen oder sonst irgendwie von der Bildfläche verschwunden sein.

Prinzipiell konnen die Vorfahren der historisch bekannten Heruler oder Gepiden die Lehngeber gewesen sein. Ob die Lehnbeziehung tatsächlich einseitig verlaufen ist, lässt sich mithin gar nicht nachweisen. HOFSTRA hat an anderer Stelle seines Buches (366) obigen Gesichtspunkt berücksichtigt. Er führt aus: ”Auch die Tat- sache, dass es im Germanischen anscheinend keine frühen ostfi. Lehnwörter gibt, legt den Gedanken nahe, dass die germ.-osfi. Kontakte östlich der Ostsee statt-fanden und die in ihrer osfi. Umgebung allmühlich aufgegangenen Germanen diese Kontakte zustande gebracht haben” (so bereits SZINNYEI, 16 f.). Was die spätere, skandinavische Epoche anlangt, so ist zu beriücksichtigen,dass es eines Mindest- masses an Sprachträgern bedarf, damit es zu einer Diffusion des Lehngutes kommt. Die Skandinavier, die mit den Finnen in Kontakt kamen, mögen im Verhält- nis zur Bevölkerung des Hinterlandes zu wenig zahlreich gewesen sein, um ihre etwaigen Fennismen in ihrer Sprachgemeinschaft zu Verbreiten”.

Auch das Merkmal der ”Uberflüssigkeit” des Lehnguts als Indiz für ein hoheres Prestige der Gebersprache erweckt Bedenken. Wenn in den österreichischen Tou- ristenzentren immer mehr das Wort Schlagsahne statt des einheimischen Schlag- obers auf den Speisekarten erscheint, so hat das Pragmatische Gründe und beruht nicht auf einem hoheren Prestige des ”Reichsdeutschen”.

39 Doch vgl. den Artikel von BERGSLAND.

58

Auch die Urostseefinnen werden gut daran getan haben, wenn sie ihre Felle mit dem germanischen Wort an den – germanischen – Mann zu bringen trachteten. So wie Schlagsahne über den Fachjargon des Gastgewerbes durchaus zu einer fakul-tativen Variante in der österreichischen Gemeinsprache werden könnte,mögen sich auch zahlreiche germanische Termini über bestimmte Gruppen von Ostseefinnen, die gezwungen waren, sich im öffentlichen Leben des Germanischen zu bedienen, im Ostseefinnischen eingebürgert haben. Was ”überflüssiges” und was ”notwendi- ges” Lehngut ist, läßt sich im übrigen in Unkenntnis der genauen ökologischen Gegebenheiten dieses prähistorischen Entlehnungszeitraums zumeist nicht sicher entscheiden. Auch syntaktische Handlichkeit und größere semantische Durchsich-tigkeit gegenüber der ostseefinnischen Entsprechung kann natürlich die Übernah- me verursacht haben. Ein Schluß von der Beschaffenheit des germanischen Lehn- guts des Ostseefinnischen auf ein Bewußtseinsmerkmal seiner Sprecher,die Wert- schätzung des germanischen Idioms,erscheint jedenfalls recht kühn.”Prestigespra- che” ist für den Zeitraum, in den die Kontakte verlegt werden, wahrscheinlich ohnehin ein Anachronismus.

Die Vorstellung eines höheren Prestiges des Germanischen spielte auch in der Be- weisführung POSTIs bei der Erklärung des ostseefinnischen Stufenwechsels durch den germanischen grammatischen Wechsel (VERNERsches Gesetz) eine Rolle.

Die Ostseefinnen hätten die germanische Artikulation eines Ostseefinnischen *sata / Gen. *satan ‘hundert’ als *sata/*sadan° durch die Wiedergabe als *satha/ *saöan zu imitieren gesucht, wobei der Konsonantenwechsel in der germanischen Form des ostseefinnischen Paradigmastellenpaares durch einen relativ starken Akzent auf der geschlossenen Silbe im ostseefinnischen Original“ bedingt gewe- sen sei (*sátan/*satän).

30. Daß die Ostseefinnen die germanischen Spiranten im Inlaut und im Anlaut durch ihre homorga- nen Tenues substituierten, besagt nichts für die Frage, ob die Germanen die ostseefinnischen Tenues in beiden Positionen mit ihren Spiranten wiedergegeben hätten. Es kann nichtsdestoweniger die ostseefinnische Anlautstenuis im Verhältnis zur Inlautstenuis eine Fortis gewesen sein. Es ist mithin gegen FROMM (1957/58, 237) methodisch einwandfrei, wenn POSTI die germanische Substitution durch die Tenues nur für die im Rahmen seiner Theorie allein relevante Inlautsposition postuliert, d.h., ein urostseefinnisches *pata durch urgermanisch *patha substituiert sein läßt.

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Statt eine Nachahmung der falschen, germanischen Aussprache des Ostseefinnis- chen anzunehmen, könnte man auch mit verschiedenen Stufen der Zweisprachig- keit auf seiten der Germanen rechnen.Demzufolge hätten die Germanen selber ihre Aussprache *satha/*sadän allmählich zu *säta/*saöan ”verbessert”. Auf dieser Stufe wären sie dann zum ausschließlichen Gebrauch einer Sprachform überge-gangen, die als Urostseefinnisch rekonstruierbar ist. Danach müßte – aus welchen Gründen auch immer – die Bevölkerung, deren Sprache übernommen wurde, in den fennisierten Germanen aufgegangen oder sonstwie verschwunden sein.

Reserviertheit gegenüber der Superstrathypothese klingt in dem rezenten Artikel von SCHOUWVLIEGER an, wenn der Verfasser seine Vorstellungen von der Gene- se des Urostseefinnischen mit der Feststellung kommentiert:”Die geschilderte Ent- wicklung macht es unnötig, germanische ‘Herrscher’ zur Erklärung der tiefgreifen- den Sprachentwicklung vom Frühurfinnischen zum Späturfinnischen anzunehmen …” (123). Die apostrophierte soziale Überlegenheit spielt in POSTIs Theorie aber nur bei der Annahme einer prestigebedingten Übernahme germanischer Sprechge-wohnheiten seitens der Urostseefinnen im Zusammenhang mit der Entstehung des Stufenwechsels eine Rolle. Für die Vermutung der Umgestaltung des ererbten Kon- sonantensystems – bzw. seines vom Baltischen nicht affizierten Teiles – nach dem Germanischen, die eigentlich einschneidende Veränderung, kommt man mit der Annahme jeder anderen denkbaren Art von sozialem Status aus; in den nach POSTI nicht minder einflußreichen Balten sieht man ja auch kein ”Herrenvolk”.

31. Die Germanen müssten demnach,wenn sie ostseefinnish sprachen,den Genitiv von ostseefi. *sata – in ihrer Aussparche *sátha – oxytoniert artikuliert haben; *sadan. Die Ostseefinnen indessen wären bei ihrer Imitation nicht so weit gegangen, dass sie auch den falschen Akzent nachgemacht hätten. sie ha- ben *sadan gesagt. FROMM (op. cit., 238) meint,es wäre nicht wahrscheinlich, dass es neben urgerm. fathoon ´den Zaun´ noch ein *fadan (”germanischer” Ge. von ostseefi. *pata, zum f-vgl. die voraufge- hende Anm.) gegeben habe. Aber nicht ein *angeeignetes … *fadan wäre mit urgerm. *fáthoon zu konfrontieren, sondern ein *fadán und das hätte nicht ”daneben … gestanden” (FROMM 1,c) sondern wäre ein Element des ostseefinnischen Systems der Germanen gewesen!

60.

Prinzipiell könnten die Machtverhältnisse also auch genau umgekehrt gewesen sein 32: eine finnische Herrscherschicht übernimmt Sprechgewöhnheiten einer zahlenmäßig überlegenen Gesellschaft germanischer Untertanen, die dann allmäh- lich ihre Sprache aufgegeben haben”.

Diese Version käme sogar der für die in Rede stehende Art der Beeinflussung wohl notwendige Annahme einer Substratrolle des Germanischen entgegen.

Im anderen Zusammenhang treten die Ostseefinnen in der Literatur ja auch durch- aus als anderen Völkern überlegene oder zumindest ebenbürtige Gemeinschaft auf. So deutet E.ITKONEN den etymologischen Zusammenhang zwischen fi.orja, estn. ori usw. ‘Sklave’ und lapp. oarje ‘Süden, Südwesten’ (Virittäjä 1946; referiert in VAJDA 435) unter Verwendung der Hypothese,daß sich die Ostseefinnen von ihren ursprünglichen Wohnsitzen südlich und östlich des Finnischen Meerbusens aus den im Süden angrenzenden Gebieten durch Uberfälle Sklaven verschafft haben.

32. Zu dem Klischee, daß im Verhältnis von Ostseefinnen und Germanen letzteren die Eroberer, die Herren sind, ist die ebenso unbeweisbare Unterjochung Germanen durch die Kelten eine Parallele, wenn auch die Germanen-Finnen-Theorie nicht solche Blüten getrieben hat wie die entsprechende bei den ”Keltomanen” hierzu BIRKHAN 57 ff.).

33 SCHOUWVLIEGER verfügt über sehr detaillierte Vorstellungen vom Mechanismus der Kontakte, die zu der Beeinflussung geführt haben sollen:

”Als die Steinzeit zu Ende lief, drangen aus (sic!) Süden und über Skandinavien Ackerbau und Vieh- zucht nach Norden vor, und es folgte die Zeit, in der die ersten Urfinnen auf diese Erwerbszweige um- schalteten. Eine derart eingreifende Umwälzung beschränkte sich anfangs wohl auf nur einige wenige kleine Gruppen oder gar nur Familien. Sie folgten, entweder aus freiem Willen oder – wahrscheinlicher – durch die sich ändernden Umweltbedingungen dazu genötigt, dem Beispiel ihrer baltischen und ger- manischen Nachbarn und müssen durch ihren neuen Erwerbszweig zu enger Zusammenarbeit mit die- sen gezwungen gewesen sein – von wem sonst hätten sie ihr erstes Vieh, ihr erstes Getreide und nicht zuletzt ihr erstes ‘Fachwissen’ bekommen? Es lässt sich leicht denken, dass sich andererseits zwischen ihnen und ihren ehemaligen Stammesgenossen eine Klufl gebildet haben muss. Der enge Kontakt dieser anfangs kleinen Gruppe mit der anderssprachigen Nachbarbevölkerung (inklusive Mischehen) hat tiefgreifende Sprachentwicklungen zur Folge gehabt und zu einer Sprachform geführt, die sich deutlich und endgültig von der alten Sprache abhob. Diese Sprache wurde durch zahllose neue Be- griffe auf dem Gebiete neuer Erwerbszweige und der neuen Gesellschaftsform des Lebens in Dorfsge-meinschaflen (sic!) statt Stammesgemeinschaften einerseits, und durch eine neue, eigenständige Lautentwicklung andererseits (Posti 1953) gekennzeichnet: das Späturfinnische war entstanden” (122).

61

Der Historiker ROSTOFZEFF schätzt die Finnen sogar als mögliche – den Völkern des Ostens gleichwertige – Gegner Roms zur Zeit Trajans ein, und spricht von den ”Gefahren, die in der Ausbreitung des Reichs nach Norden und Südosten enthalten waren. Die Eroberung Germaniens hätte unvermeidlich zum Zusammenstoß mit Slaven und Finnen geführt, und die Eroberung des Partherreiches hätte Rom zum Feinde der übrigen Iranier und der innerasiatischen Völker gemacht” (329). ROS- TOFZEFF differenziert nicht einmal zwischen Finnen und Germanen der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte: außerhalb des römischen Reichs ”befand sich nichts außer den wilden Stämmen der Germanen, Slaven und Finnen” (364).

Von vornherein läßt sich in der Tat die Möglichkeit nicht ausschließen, daß das Germanische im Verhältnis zum Ostseefinnischen den Status einer Un- tertanensprache hatte.

Die Meinung, daß die Germanen im Baltikum Vorgänger der Finnen gewesen sind, wurde früher durchaus vertreten (s.CLASSEN 25). Die Semantik des Wortschatzes scheint nicht gegen eine solche Annahme zu sprechen.Vergleicht man etwa das in der Größenordnung mit dem germanischen im Finnischen vergleichbare älteste sla- vische Lehngut des Ungarischen, so lassen sich zahlreiche Parallelen beobachten.

So übernehmen die Ungarn ebenso Termini einer höher entwickelten Landwirtschaft von den Slaven wie die Osteefinnen von den Germanen.

[HM: Suomessa ei todellisuudessa ole germaanisia maataloussanoja: esimerkisi suonen aura tarkoitta vasarakirveskielessä ilmaa, ja auraaminen ”ilmaamista” KU- TEN MUISSAKIN BALTTIKIELISSÄ! Viron ader taas tulee ”terällistä” tarkoittavasta sanasta atstras < atš-t-ras atš(u)r- < ak´war- Tämä yhteiskäsitteen muodostus on tapahtunut satemisoitumisen jälkeen, sillä -kr- oli sallittu äänneyhdistelmä, mutta š-r ei ole: sen väliin tulee ”loisvokaali” -t-. Joissakin kielissä se olisi k. Myös atstas on etikka, ”pistävänmakuinen”, sekä a(h)train(as), jonka -ain-johdin kertoo kyse olevan vasrakieverkielstä: *Raudain- = punainen (surun (veren), *raudan eli puna- mullan, mahdollisesti ”ruumisvärin” kaltainen, geltain- = pistetyn (geltas), verettö- män ruumiin värinen = keltainen jne.] Die von HOFSTRA in seiner ”semantischen Gliederung” der germanischen Entleh-nungen des Ostseefinnischen vorgenommene Unterteilung der Gruppe ”Ackerbau” läßt sich ohne weiteres für die entsprechende Gruppe der slavischen Elemente des Ungarischen übernehmen, wobei es sich zu einem großen Teil um die nämlichen Lexeme handelt: 62 1. Anbaufläche: ugar ‘Brachfeld’, parlag ‘wüster Acker’, 2. Geräte: csoroszlya ‘Vorschneidemesser am Pflug’, borona ‘Egge’, ösztöke ‘Pflugreute’, kasza ‘Sense’. 3. Düngemittel: ganaj ‘Dünger, Düngerhaufen’. 4. Nutzpflanzen: rozs ‘Roggen’, zab ‘Hafer’, hajdina ‘Buchweizen’. 5.Unkräuter: konkoly ‘Lolch’, laboda ‘Melde’. 6. Getreide auf dem Feld: gabona ‘Getreide’. 7. Spreu, Hülsen, Stroh: szalma ‘Stroh’, polyva ‘Spreu’,‘Ähre, Granne’. 8. Verarbeitung des Getreides, z.B. zu Bier oder Brot: ‘Kuchenbrot’, maläta ‘Malz’, täszta ‘Teig’, koväsz ‘Sauerteig’. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Viehzucht: 1. Einzeltiere: birka ‘Schaf’ , bárány ‘Lamm’, kakas ‘Hahn’, ‘Henne’. 2. Herden: csorda ‘Herde’. 3. Gehege, Ställe, Stricke zum Anbinden des Viehs: pajta akol ‘Schafstall’. 4. Wildwachsende Pflanzen, die als Viehfutter verwendet werden konnten: aszat ‘Distel’, szittyo’ ‘Binse’. 5. Futtergewinnung und -aufbewahrung: jäszol ‘Krippe’, ‘ Heuschober’, kazal ‘Heuhaufen, —schober’ , kalangya ‘Heu-, Getreidehaufen’. 6. Produkte der Viehzucht: szalonna ‘Speck’, zsir ‘Fett’. [HM: Tässä ainakin ugar (palokenttä), parlag (kesanto), ösztöke (auranterä), konkoly (mätäs, raiheinä ym.), maläta (maltaat), pajta = jotto-, lihotus-, teuras-, aszat (ohdake), kazal (heinäkasa) ovat vasarakirveskielisiä, joka tapauksessa balttilaisia sanoja. Unkatilaisia asui rautakauden alussa n. 500 e.a.a. Volgalla, missä he mm. tunsivat raudan, mutta käyttivät sitä (itse) vain rituaalisesti. Mm. vainajalla saatettiin alittaa pienen senti-parin levyset rautanapit ”silmiksi”. Ainakin osa lähti itään päin Obin ja jenisein laaksoihin, josta he tulivat takaisin hunnien mukana n. 1000 vuotta myöhemmin.] Bei der Gruppe ”Gemeinschaftsleben” vermerkt HOFSTRA zu ersten Untergruppe, Verwandtschaft, eheliche und außereheliche Beziehungen: Terminologie der Verwandtschaft und der ehelichen und außerehelichen Beziehungen ist von urgerm. Einflüssen auf das Urfmnische kaum berührt. Die Zahl und die Verbreitung dieser Wörter gering” (327). 63 Immerhin finden sich darunter zwei Bezeichnungen für ‘Hure’ und das Wort für ‘Mutter’ (aljo, huora bzw. äiti). Bei der Terminologie der engeren Verwandtschaft trifft dies auch für die entsprechenden slavischen Entlehnungen des Ungarischen zu – von dem hier gegenstandslosen Aspekt der Verbreitung abgesehen. Aus dem Ungarischen lassen sich anführen család ‘Familie’, mostoha ‘Stiefmüt- ter’, koma ‘Gevatter’, dajka ‘Amme’, dád ‘Ahn’, unoka ‘Enkel’ (dial. ‘Neffe’) u.a., ferner kurva ‘Hure’, parázna ‘Hure; ehebrecherisch’. 2. Gruppen: csata ‘Schar, Truppe’. 3. Macht, Gewalt und Verwaltung: szolga ‘Diener’, rab ‘Sklave’, parancs(ol) ‘Befehl(en)’, vajda ‘dux, princeps’. Die Ungarn übernehmen also den dem fi. ruhtinas entsprechenden Terminus aus der Sprache ihrer Untertanen. Die Finnen könnten nun ebenso ihre Herrschafts-struktur nach germanischem Muster umstrukturiert haben, wie die Ungarn in Pannonien nach slavischem! 4. Vergehen und Strafe – ”Nur wenige Wörter gehören zu dieserGruppe” (HOFSTRA 329) – gonosz (ursprünglich) ‘Laster, Schandtat’, panasz ‘Klage’, poroszlo’ ‘Vollstrecker’. 5. Ehre und Schande (drei Wörter): tiszt ‘Ehre’. 6. Notlagen: kár ‘Schaden’, munka ‘Qual, Mühe’ (heute ‘Arbeit’), nyavalya ‘Not, Elend, KrankheitK. 34. 34. Weder HOFSTRA noch HÄKKINEN nennen für die finnische Entsprechung vahinko das germanische Etymon. Interessant ist bei dem Wort vor allem das Suffix. Das Finnische verfügt über ein Formans -nka, das aus einer Kombination der Formantien -nka und -i erklärt wird. Hierbei wird eine Lautentwicklung *ai > oi > o vorausgesetzt. Das rückläufige Wörterbuch von TUOMI weist die folgenden Bildungen mit dem in Rede stehenden Formans auf: iljanko ‘glatte Stelle’, ojanko ‘Graben, Vertiefung’, alanko ‘Ebene, Niederung’, karanko ‘Stab, trockener Ast’, tasanko ‘Ebene’, ahdinko ‘Enge, Gedränge, Bedrängnis’, vahinko ‘Schaden’, lepinko ‘Aussteuer’, tasinko ‘Ausgleich, Besserung’, osinko ‘Anteil’, morsinko Färberwaid’, aurinko ‘Sonne’. SKRK nennt noch etsinko ‘Suche, Untersuchung’, salanko ‘Stift, Dübel’ (?), tulinko ‘Fackel’ (I § 53.39, S.147 f. bzw. § 55.17, S.185). Die hochvokalische Variante ist nur spärlich Vertreten: ylänkö ‘Erhebung, bergige Gegend’, syvänkö ‘unter dem Meeresspiegel gelegener Landstrich’. Von den aufgeführten Bildungen sind etsinko, lepinko, tasinko als deverbal zu bestimmen: etsiä ‘suchen’, leppiä (dial.)s germanischen Formans *-ingo-vorliegt, das swohl denominal als auch deverbal verwendet wurde und zur Bildung von Abstrakta diente. Der Vorgang wäre als eine Art Attraktion anzusehen; das denominale Formans -nko wäre – möglicherweise gestützt durch Bildungen von Nomina auf -i (vgl. tulinko) – bei den Verben verwendet worden, bei de- nen das Ergebnis der Wortbildung im Ausgang an funktionell entsprechende germanische Ableitun- gen anklang. Die Verbreitung der -nko-Bildungen innerhalb des Ostseefinnischen wiese auf einen Ein-fluß des Altnordischen. Diese Quelle würde auch verständlich machen, warum es zu keiner Beeinflus-sung durch die germanische Variante *-ungo‘- gekommen ist,die bei finnischen u-stämmigen Verben das gleiche Ergebnis gezeitigt haben müßte. Im Altnordischen überwiegen die -ing-Bildungen bei weitem und die ung-Variante ist deverbal zumindest extrem selten (vgl. § 69; im übrigen s. MUNSKE)

[HM: Kuurin kielen adjektiivin johtopääte ”johonkin liittyvä” on -ing-, Se vaistaa mm. vasrakirveskielen ja jotvingin päätettä -ain-, liettuan -in-, skalvin -en/on- ja preussin -un-. Kielet lainaavat toistaan johdannaisia eri vivahduksiin. Esimerkiksi liettuassa tuunetaan kaikki nuo johdinpäätteet ja tiedetään suurin piirtein, mitä ne merkitsevät, ammoin kadonneetkin kielet mukaan lukien.]

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7. Schutz, Fürsorge, Pflege (hier vermutet HOFSTRA einen Zusammenhang der Wörter fi. ruoka ‘Pflege, Nahrung’, fi. ruokko ‘Pflege, Wartung, Nährung’ und fi. tarjo ‘Angebot’ ”mit der von Vilkuna angenommenen erzwungenen Bewirtung von Germanen durch Ostseefinnen” – 330): abrak ‘Nahrung’.

Nach HOFSTRA sind ”die aus dem älteren Germanisch entlehnten Fischfangtermini … auffallend zahlreich” , wobei einige dieser Wörter … eine allgemein oder beinahe allgemein osfi. Verbreitung” haben (302). Auch hier besteht eine Parallele. Die landnehmenden Ungarn wurden durch die Slaven mit neuen oder weiter ent- wickelten Fangmethoden bekannt: varsa ‘Reuse = rysä’, szágye ‘Fischkasten’, tanya (ursprünglich) ‘Fischfangstelle’

§ 16. Die Konzeption eines germanischen Joches stützt sich u.a. auf Indizien der folgenden Art: ”K. Vilkuna stellt fest, daß im Gegensatz zu den ältesten bei der Laub- und Heuernte verwendeten Geräten und im Gegensatz zu den größeren Win- tervorräten an Laub und Heu, die mit fi. Erbwörtern benannt werden,die beim Zahlen der Gastungssteuer benötigten Bezeichnungen der kleineren Heu- und Laubrnen- gen ausnahmslos erm. Lehnwörter sind. Dies zeige, welche Sprache die Steuerer- heber gesprochen hätten” (HOFSTRA 307).

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HOFSTRA stellt aufgrund dieser Konzeption bei der Gruppe ”Vergehen und Strafe” die Uberlegung an: ”Es fällt auf,daß gerade das Wort für ‘Dieb’ allgemein osfi. ist. War etwa Diebstahl das schlimmste Verbrechen, wodurch die als Besteuerer inmit- ten der Ostseefinnen lebenden Germanen geschädigt werden konnten?” (329).

Es ist aber zu vermüten, daß ungeachtet der auf das Finnische und Ingrische be-schränkten Verbreitung des Wortes murha ‘Mord’ auch ein ”Besteuerer” des ersten vorchristlichen Jahrtausends sein Leben höher bewertet hat als die sicher reparable Minderung des Steuervolumens!

§ 17. Bei der neuen Konzeption eines extrem frühen Beginns der germanisch-ostseefinnischen Beziehungen bleiben also die traditionellen Vorstellungen von der Natur der Beziehungen, d.h.dem kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund des Einflusses, bestehen.Die vermeintliche Evidenz wird indessen aus einer wesentlich rezenteren Periode gewonnen.

Beispielsweise kann von den Tributzahlungen der Wikingerzeit nicht auf urgerma-nische Verhältnisse geschlossen werden. VILKUNA deutet in seiner Arbeit mit dem unfreiwillig komischen Resümeetitel (31) ”Die Einbürgerung der Kuh in Familie und Gesellschaft in Finnland” (1976,19-32) die germanischen Lehnwörter nauta ‘Vieh’ und lammas‘Schaf’ als Steuertermini, wobei er darauf hinweist, daß schon für das Mittelalter (!) der Name eines Steuerkreises zu belegen sei,der fi.nautakunta ‘Rin- derschaft’ hieße (32). Bei den Lappen wäre der ”Tribut” in Form von Fellen entrich- tet worden, dementsprechend bedeute lapp. naw’de ‘teurer Pelz’. Der Übergang von der Bedeutung ‘Besitz, Gut’ des ungarischen Wortes jäszäg, einer Ableitung von ´jo’ ‘gut’ (s. TESz) zu ‘Vieh’ zeigt, daß sich die Bedeutungsdiskrepanz auch weniger dramatisch erklären läßt.

Die Lappen können das germanische Wort in der Bedeutung ‘Gut, Vermögen’ ent- lehnt haben; bei ihnen war verständlicherweise nicht das Rindvieh ”das höchste Gut”, sondern ein Vorrat an guten Pelzen, mit dönen man handeln konnte. Vgl. hierzu VAJDA (484), der aber mit einer ”Verschiebung des Bedeutungsinhaltes” ‘Rind’ > ‘Pelztier’ rechnet, und unten, § 84.

66.

Daß das germanische Wort auch ins Slavische gedrungen ist (aruss. нyma, nuta, ‘Rind’) spricht nicht unbedingt für den von VILKUNA vermuteten Zusammenhang,da die Germanen vor allem Viehzüchter waren (HALLER/DANNENBAUER 22). Strabo nennt die Viehzucht sogar als ausschließliche Nahrungsquelle für die germanis- chen Stämme zwischen Rhein und Elbe (VII 1.3).Daß die Nachbarvölker von diesen Spezialisten etwas gelernt haben können, erscheint plausibel. Wenn die Ostseefin- nen auch sonst Termini aus dem Bereich der Viehzucht dem Germanischen zu ver- danken haben (s. HOFSTRA 1985, 304-308), warum sollen dann ausgerechnet nauta und lammas Steuerbegriffe sein? Im Ungarischen gibt es beiläufig 200 rumänische Lehnwörter im Bereich der Schafzucht und der Milchwirtschaft, und es waren nicht die Wlachen, die die Steuern kassiert haben. Zum ”Steuervolumen” gehörten nach WEINHOLD auch Ankertaue aus Wal- und Seehundshaut. Da VIL- KUNA nun auch Entlehnungen wie fi. leipä ‘Brot’ in diesen Zusammenhang stellt, gewinnt man den Eindruck, daß so gut wie jeder Sachbegriff als ”Steuerterminus” erklärt werden kann. 35.

35. Zur ”Lappensteuer” bzw. zum ”Finnenzins” vgl. noch VAJDA 446, 486 ff.

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Germanische vs. ostseefinnische Kulturstufe

§ 18.Bei der Erklärung eines starken fremden Einflusses auf eine Sprache war man mit der Vorstellung eines ”Kulturgefälles” seit jeher schnell bei der Hand. So meint HÜBSCHMANN,es hätte ”im Laufe der Jahrhunderte die höhere persische Kultur in Krieg und Frieden auf die Armenier intensiv eingewirkt und ihnen gegeben, was sie vor der Annahme des Christentums an Bildung überhaupt besassen” (HÜBSCH- MANN ll). Mag die Überlieferung, daß der armenische König Artawazd II (56-34) griechische Tragödien geschrieben habe (ABEGHIAN 58), nichts weiter als eine hübsche Anekdote sein – die ohnehin durch den Umstand relativiert wird, daß das Herrscherhaus parthischer Herkunft war – ,so dürfte die Feststellung MOMMSENs, daß Armenien ”immer ein ungriechisches Land geblieben” sei (HÜBSCHMANN l. c), kaum zutreffen. Es ist jedenfalls schwer vorstellbar, daß die Armenier nach dem Alexanderreich keinen direkten Kontakt mit dem Hellenismus hatten, sondern alles Griechische durch das parthische Medium kennengelernt haben sollen. Das Fehlen alter griechischer Elemente besagt nicht viel. Wieviel läßt sich davon im Mittelper-sischen nachweisen?

Bei Strabo wird auch den zwischen Rhein und Elbe sitzenden Germanenstämmen eine relativ primitive Lebensweise zugeschrieben;sie treiben keine Landwirtschaft, sammeln keine Schätze und leben in Hütten und Wagen (VI 1.3). Auch die Schil-derungen der germanischen Verhältnisse bei Tacitus erwecken nicht den Eindruck, daß es sich hier um eine Kultur handelt,die der aus dem einschlägigen Erbwort-schatz und den baltischen Lehnwörtern recht gut erschließbaren ostseefinnischen beträchtlich überlegen gewesen wäre,wobei freilich in Rechnung zu setzen ist, daß Tacitus dem Zweck seines Werkes entsprechend bei der Schildefüng der Einfach- heit der Germanen vielleicht etwas über- trieben hat. Im Hlnblick auf die vermeint- liche bedeutende kulturelle Überlegenheit des germanischen Partners der Ostsee- finnen mutet es eigentümlich an, wenn HALLER/ DANNENBAUER darauf dringen müssen, ”sich das äußere Dasein dieser Völker nicht allzu primitiv vorzustellen”(23),auch wenn der Maßstab hier natürlich durch die römische Kultur bestimmt ist. Doch deutet der archäologische Befund auch auf eine relativ primitive Bestellung des Ackers bei den Germanen hin.

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Hakenpflug – möglicherweise ergänzt durch Holzspaten und Furchenstock – waren in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende die einzigen wesentlichen Geräte. Ein erstes Indiz für die Verwendung eines schollenwendenden Pfluges gibt es erst für das 1. vorchristliche Jahrhundert (GERMANEN 124).

Das recht umfangreiche germanische Lehngut aus dem Bereich der Viehzucht könnte, wenn man die Taciteische Nachricht, daß der germanische ”wehrhafte Mann” die Arbeit – ”in der Hauptsache die Wartung des Viehs” – ”Frauen, Kindern und Schwächlichen” überläßt

(HALLER/DANNENBAUER 24), auch für die Lehngeber der Ostseefinnen voraus-setzt, natürlich so erklärt werden, daß ostseefinnische Abhängige diese Arbeit für die Germanen Verrichteten. Der Tatbestand würde sichaber ebensogut durch Heirat mit ostsee-finnischen Frauen deuten lassen, deren Kinder diese Termini von ihren Müttern übernommen haben.

Es ist des weiteren zu berücksichtigen,daß die Vorfahren der Ostseefinnen und Lappen lange mit arischen Völkerschaften in Berührung waren. Es ist schwer vor- stellbar, daß sie diesen Einflußbereich auf einer wesentlich niedrigeren Kulturstufe verlassen haben, als für die frühen Germanen – auch nach deren Kontakten mit den Kelten – vorauszusetzen ist. Schon von diesem Gesichtspunkt her muß es als wahrscheinlicher gelten, daß das Gros der germanischen Elemente des Ostseefin-nischen aus einer sehr viel späteren Zeit stammt.

Anders als hinsichtlich der Mitteilungen des Tacitus über germanische Verhältnisse muß bezüglich der Fenni bezweifelt werden, ob dieSchilderung ihrer Lebensweise für bare Münze zu nehmen ist. Wie MÜLLENHOFF hervorhebt (39), haben die Römer diese Kunde sicher den Germanen zu verdanken. Auch wenn ”Mitteilungen römischer Ritter, die ins Bernsteinland gekommen sind” (SCHWARZ 1972, 296) die Kenntnisse über die Fenni vermehrt haben sollten, wird dies nicht auf Autopsie – beruhen. Die Einschätzung von Nachbarvölkern dürfte aber in früheren Zeiten kaum anders gewesen sein als heute. Das ‘uictui herba’ ist möglicherweise nicht anders zu bewerten als das ‘Spaghettifresser’ der Deutschen für die Italiener oder das ‘Krautfresser’ der Engländer für die Deutschen. Die weitgehende Übereinstimmung der Schilderung der Lebensweise der Expiütrpivvot (skrithifinnoi) bei dem späteren Historiker Prokop“ (Benum VI,15) mit der des Tacitus für die Fenni – vgl. MÜLLEN- HOFF 43, NORDEN 449 – kann schwerlich für die Objektivität der Taciteischen Schilderung ins Treffen geführt werden.

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In der Fennistik hat man die Charakterisierung der Fenni durch Tacitus auf die Lap- pen abgewälzt. Man kann aber kaum erwarten, daß die Germanen ihren römischen Interessenten gegenüber eine Unterscheidung zwischen Lappen und Ostseeflnnen machten. Es kann mithin durchaus sein, daß sich die Taciteische Erwähnung der Fenni aufOst- seefinnen und Lappen bezieht. Fenni mochte bei den germanischen Informanten die Pauschalbezeichnung für jene ”Kümmerlinge” jenseits der Aestii gewesen sein” (Vgl. abermals SCHOUWVLIEGER).Wenn es sich bei den Fenni des Tacitus um die Lappen handeln sollte,welches der in der ”Germania” genann- ten Völker meint dann die Ostseefinnen? Es ist schwer vorstellbar, daß die Germa- nen von diesen den Römern keine Nachricht überliefert haben sollten. Es kommen wohl nur die Aestii in Betracht,falls man nicht davon ausgeht,daß die Ostseefinnen am Ausgang des ersten nachchristlichen Jahrhunderts noch nicht in der Nähe des Baltikums gesiedelt haben.

36. Der ‘abstoßenden Dürftigkeit’ bei Tacitus entspricht eine ‘ziemlich tierische Lebensweise’ bei Pro- kop, bei beiden findet sich die Angabe über die gemeinsame Jagd der Männer und Frauen, über das Fehlen des Ackerbaus und die Fellkleidung (vgl. zum Problem der Fenni auch SCHOUWVLIEGER 124). Bei der Erwähnung der Teilnahme der Frauen an der Jagd könnte eine Variante des Topos von der Beteiligung der Frauen der Barbaren am Kampf, eine andere gewöhnlich den Männern vorbehal- tene Tätigkeit (s. hierzu GERMANEN 238, Anm. 51), zugrundegelegen haben. Man beachte auch die Entrüstung des Tacitus über die Führung der Staatsgeschäfte durch eine Frau bei den Sithonen (45).

37 In der komi-permjakischen Überlieferung sind es übrigens die Tschuden, genauer ein Typ der Tschuden, die kleinwüchsig sind, in Erdhütten hausen, aber den Ackerbau kennen (MIKUSCHEW, 57 ff.), d.h. eine nach dem für die Nachricht des Tacitus ersonnenen Schema halb ”lappische”‚halb ”ostseefinnische” Lebensweise haben.

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Vor dem Hintergrund einer Vielzahl von offenen Fragen nimmt sich die programma-tische Äußerung HOFSTRAs, ”für eine sprach soziologisch orientierte Darstellung der Geschichte der germ. Sprachen dürfte der lange andauernde, intensive und nur in einer Richtung sich geltend machende germ. osfi. Kontakt eine interessante Er- scheinung sein” (1985, 421), etwas eigenartig aus. Als ob man hinsichtlich Ethno-graphie, Siedlungsgeschichte usw. nicht schon genug im dunkeln tappte – es fehlte gerade noch, daß man den einschlägigen Disziplinen eine ” Paläosoziologie” hinzufügte (vgl. § 13)!

37. Auf der anderen Seite läßt es HOFSTRA offen, ”wie tief die jahrhundertelangen germ.-ostfi. Kontakte auch das soziale und geistige Leben der Ostseefinnen beein- flußt haben” (1985, 351). Was ist aber die Verwendung eines fremden Idioms als ”Prestigesprache” anderes als eine tiefgreifende Beeinflussung der Sozialstruktur? Es fragt sich, ob ”Entbehrlichkeit” überhaupt ein angebrachter Begriff ist. Wenn das Wort dem ”Prestige” dient, ist es eben nicht entbehrlich.

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Lautlehre

5. 19. Das spektakulärste Ergebnis der Forschungen KOIVULEHTOS dürfte sein, ”daß der urfi. Lautwandel /ti/ > /si/ nicht länger als terminus post quem der germ- osfi. Lehnbeziehungen gelten kann” (HOFSTRA 1985,156). Das Belegmaterial um- faßt Lexeme mit dem Ausgang -ia/-iä und e-stämmige Nomina auf -si im Nomina- tiv (fi. *kalsi si reflektieren sollen, ist fi. kärsiä ‘leiden,dulden’< urgerm.*harđjan (>aschwed.härþa), *harđēn (> ahd. hartēn ‘ausharren’). Hier ist zu berücksichtigen, daß ahd. harđēn offenbar ursprünglich ‘hart werden’ bedeutet hat.Der ingressiv-inchoative deadjektivische Typ ist aber gerade nur im Althochdeutschen produktiv geworden (KRAHE/MEID III250), so daß nicht einmal westgermanisches Alter dieses Verbs ohne weiteres ange- nommen werden kann. Was den anderen Ansatz betrifft, so weist die altnordische Entsprechung herða offenbar nur auf eine Bedeutung ‘härten, (be)festigen, insistie- ren’. Der Vermutlich erst einzelsprach- liche Status des althochdeutschen Wortes und die auf das Altschwedische beschränkte Bedeutung ‘ausharren’ machen die Gleichung als Zeugnis für ein bis ins Wolgafinnische gedrungenes germanisches Lexem denkbar ungeeignet.

Zur Glaubwürdigkeit der Zusammenstellung trägt auch nicht gerade bei, daß sich KOIVULEHTO offensichtlich nicht für einen klaren Ansatz des Etymons entschei- den kann,wie aus einer Anmerkung HOFSTRAS erhellt;zur Auswahl stünden *hardān-, *hardian-, *harþia- < *harþēja-, *hard(w)(i)ja-, *hard(w)ēja-, *harþ(w)ja, *harþ(w)ēja- (1985, 206, Anm. 26) 38.

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38. KATZ bemerkt zu dieser Etymologie lakonisch: ”Falsch Koivulehto 1979: l49f.: < germ. harđia ‘härten’ (Vok[al der]l[.]Sil[be]!)”, wobei hinsichtlich der Begründung die außerostseefinnischen Entsprechungen entscheiden (1985, 326). KATZ selber geht von einer zugrundeliegenden Bedeutung ‘eisern sein’ aus und nimmt eine Ableitung von einer arischen Entlehnung der Bedeutung ‘Eisen’ an (l.c.). 72 Gegen eine Herleitung von fi. karsia ‘beschneiden’ aus dem durchan. skerða ‘mindern, verringern, schmälern, kürzen’ bezeugten *skardan läßt sich in semantischer Hinsicht kaum etwas vorbringen.Dentalerweiterungen der urindogermanischen Wur- zel *sker- sind indessen nicht nur im Germanischen bezeugt. Der finnischen Be- deutung sogar noch näherstehend ist das litauische skardyti, in dem ‘schneiden’ wie in russ. peзamь und ung. levágni zur Bezeichnung des Inhalts ‘(ein Schwein) schlachten’ verwendet wird. § 20. Eine Sequenz -Vsia ist im Finnischen in folgenden Nomina belegt: asia ‘Sache, Angelegenheit’, ha(a)sia ‘Darre, Horde’, rasia ‘Schachtel’, huosia ‘Besen, Schrubber’ und hosia ‘Schachtelhalm’. Die Phonemfolge -Vsiä scheint außer in der palatalen Variante von näsiä ‘Seidel- bast’ nicht vorzukommen. Fi. asia sieht KOIVULEHTO im Hinterglied eines urger-rnanischen ‘tuz-andia- (an. arendi, ahd. erendi ‘Botschaft, Angelegenheit’), rasia führt er auf ein urgermanisches *randja- (schwed. dial. rände ‘Rand einer Schach- tel’) zurück.Im Falle von asia finde nach HOFSTRA der genannte germanische An- satz durch die Zusam-menstellung ”eine Stütze, wenn nicht gar eine Bestätigung” (1985,420). Dem steht aber entgegen, daß das Wort im Altschwedischen den für Suffixe charakteristischen drei- fachen Ablaut aufweist (NOREEN ä 180.4), wobei die altgutnische Variante mit der altsächsischen Vertretung übereinstimmt! Zu rasia s.u. § 21. Fi. nasia, näsiä ‘Seidelbast’ wird von KOIVULEHTO mit dem Hinweis, daß die ältesten Netze aus Bast hergestellt wurden,mit got. nati ‘Netz’ usw. verbunden. Gegen diese Zusammenstellung ist zunächst in semantischer Hinsicht einzuwen- den, daß Netze kaum vorzugsweise aus dem Bast von Daphne mezereum herge-stellt wurden, sondern es werden doch wohl auch andere Pflanzen, z.B. der Flachs oder die Linde, das nötige Rohmaterial geliefert haben. Umgekehrt wird der Bast von Daphne m(ezereum). kaum vorwiegend für die Herstellung von Netzen benutzt worden sein. Dann erscheint es aber unglaubhaft, daß die Pflanze nach dem fertigen Produkt be- nannt sein soll. Von einem Kompositum ‘Netzbaum’ oder ‘Netzstrauch’ muß man aber ausgehen, denn ein -jo- oder -i-Stamm von der Wurzel *nat- mit der Bedeutung ‘Seidelbast’ läßt sich im Germanischen nun einmal nicht nachweisen. 73 Allenfalls könnte man noch ein urgermanisches *natilōn- zugrunde legen, aber dies bedeutet ‘Nessel’ – von dem fraglichen Schicksal des Formans im Ostseefin-nischen einmal abgesehen. Da uridg. *ned- ‘knüpfen’ im Germanischen als Verbal- stamm nicht belegbar ist, erscheint es bedenklich, eine Ableitung mit der Bedeu- tung ‘Seidelbast’ – der Sinn wäre ‘zum Knüpfen verwendbar’ o.ä. – anzusetzen. Die in Rede stehende Zu- sammenstellung ist mithin so unsicher, daß sie bei dem Versuch, einen Wandel *ti > si in germanischen Lehnwörtern wahrscheinlich zu machen, außer Betracht bleiben muß.

[HM: ”Näsiä”, ”Näsi, -in” on laina viron nimestään ”näsiniin” eli ”jyrsijänkuori,-niini”. Näsima tulee latvian/kuurin ”kuonoa, kitaa” tarkoittavasta sanasta ”nāsis” ja mah- dollisesti samalla ”kynsiä” tarkoittavasta sanasta ”nādzis”. Näsiä on ollut tärkeä myrkkykasvi, josta on tehty myös verkkoja esimerkiksi ruiokamonttujen suojaksi, joita kaikki nelijalkaiset varkaat pelkäävät.]

Immerhin erscheint die Zusammenstellung einer Bezeichnung für eine Pflanze, die für die Herstellung von Bast verwendet wird, mit dem Namen einer anderen Pflanze, die dem nämlichen Zwecke dient, wesentlich plausibler. Dann läge aber ein potenti- elles Etymon für fi. nasia, näsiä in apr. noatis ‘Nessel’ vor, das in IEW – offenbar nach TRAUTMANN – auf eine Grundform *näte’ zurückgeführt wird, also wie andere Pflanzen- namen aus dem Elbinger Glossar als Nom. Pl. interpretiert wird, vgl. soalis ‘Kraut’, wickis ‘Wicken’. Daneben könnte noatis ein o-Stamm oder ein io- Stamm sein, auch ein i-Stamm läßt sich nicht ausschließen.Am geeignetsten wäre im Hinblick auf fi.nasia ein jo-Stamm: urbalt. *natja- ‘Nessel’ > urostseefi. *nātia > fi. nasia ‘Seidelbast’.

§ 22. Wenn HOFSTRA zu KOIVULEHTOS Etymologie von f. ha(a)sia ‘Trockenge- stell für Heu, Getreide’ bemerkt, sie ”wäre, falls sie zutrifft,ein Indiz für einen frühen Lautwandel /ē/ > /ā/”, weil sie ”die Substitution von urgerm. /s-/ durch früh- oder mittelurfi. /s/ (> späturfi./h-/)” voraussetze (145),so ist dies maßlos untertrieben: das in Rede Stehende nordwestgermanische Merkmal hätte gleichsam ”methusa- lemisches” Alter, denn die Entlehnung müßte noch vor dem Wandel *ti > si erfolgt sein. Als Etymon wird von KOIVULEHTO nämlich *sāt(i)-ja- < urgerm. *sētja- (>an. sæti ‘Sitz; Heuschober’) vorgeschlagen (1982b, 269, Anm.16). Schwed. hässja ‘Heureiter’, dessen altnordische Vor- form von KARSTEN als Quelle des finnischen Wortes angesehen wird (1943/44 s.v.), müßte dann – wie schon in SKES erwogen wird – aus dem Finnischen stammen, denn an zufälligen Anklang wird man schwerlich denken dürfen.

74

Der Tatbestand wäre der folgende:Das Ostseefinnische entlehnt aus dem Urgerma- nischen ein Wort für ‘Heuhaufen’ (*sātja-) und entwickelt daraus die Bedeutung ‘Stangengerüst zum Trocknen von Heu oder Getreide’ und entlehnt später das Grundwert *sāta- mit der ursprünglichen Bedeutung (saatto)! Der Ansicht KOIVULEHTOS kommt entgegen, daß das schwedische Wort und seine Entsprechungen in den übrigen skan- dinavischen Sprachen im Nordischen isoliert sind und keine zwingende indogerma-nische Etymologie haben; seit TORP/FALK 1909 denkt man an ein urgermanisches *hasjōn- zu einer Wurzel idg. *k’es- ‘schneiden, spalten’ (lat. casträre ‘verschneiden’ u.a.)‚ das auch in an., norw. hes ‘Art Zapfen oder kleine Stange’ vorliegen soll (86).

Doch erwecken die weite Verbreitung des Wortes in den nordischen Sprachen und das Bedeutungsspektrum des von TORP/FALK herangezogenen hes einige Beden- ken gegen die Möglichkeit einer finnischen Herkunft. Die Annahme einer Übernah- me des fin- nischen Wörtes ins Nordische ließe sich freilich durch schwed. ria, aschwed. rie ‘Darre’ stützen,das als Entlehnung eines finnischen riihi gilt, das wiederum mit syrj. riniš, wotj. inšjr, šinir unter einem Ansatz *riȠeš vereinigt wird (SKES). KLUGE/MITZKA stellen norw. rjaa ‘Stange zum Trocknen von Getreide’ aber als *rihan- mit schwed. ri f. ‘Pfahl,Stange’ zu dt.Reck < *rikno’- zusammen (s.v. Reck). Nach JOHANNESSON bedeutet nisl. hes neben ‘wirbelzapfen (warrel) in einem spannriemen, um zu verhindern, dass dieser sich verschlingt’ noch ‘troc-kengerüst, -schnur’ und ‘schnauze, bes. von rindern’. Auch BLÖNDAL gibt für hes,Pl. hesjur die Bedeutung ‘senkrechte Stangen zum Trocknen von Heu’ an. Bei RIETZ findet sich schwed. häs in der Bedeutung ‘(Heu-) schober’. Auch die jön-Bildung kommt im Norwegischen (hesje) und Dänischen vor (hesse). Letzteres hat nach JOHANNESSON ”seinen namen nach den zapfen in den senk-rechten pfählen, auf denen die querstangen ruhen” (250),und KARSTEN meint, daß die vor- springenden Zacken oder Zapfen, an denen das Heu usw. haftet, zumindest für das fin- nländische Gerüst sehr wesentlich seien (101). Im Hinblick auf die Be- deutung der vermuteten indogermanischen Wurzel ist noch zu vermerken,daß nach RIETZ die schwedischen Heureiter aus Stangen oder Balken mit Einkerbungen, in die waagerechte Stangen eingesetzt werden, gebaut sind (s.v. häsja). Daß es sich bei der in Rede ste- henden skandinavischen Sippe doch um Erbgut handelt, ist mithin nach wie vor im Auge zu behalten. 75 Solange die traditionelle Erklärung dieser Wörter mit sach- und wortgeschichtlichen Mitteln nicht falsifiziert ist,erscheint es müßig,ernsthaft über eine Etymologie nach- zudenken,die ostseefi. *š für urgerm. *s und *ti > si nach urgerm.*ē > nwgerm. ā (!) datiert und die auf einer nur im Altnordischen belegbaren Bedeutung ‘Heuschober’, i.e. ‘Heuhaufen, -diemen’ (s. BAETKE) für das germanische Wort für ‘Sitz’ fußt.

Bei der Etymologisierung der skandinavischen Sippe wurde auch an eine Wurzel der Bedeutung ‘trocken’ gedacht (de VRIES). Eine Grundbedeutung ‘Darre’, d.h. ‘Gerät zum Dörren’, wäre in der Tat einleuchtend.

Ein anklingendes und von einer Grundbedeutung ‘trocken’ her verständliches Wort scheint aber nur in an. häss, aschwed. häs und he’s ‘heiser’ (NOREEN 1904 § 80, I, Anm. 5) vorzuliegen, das zu ahd. heisi, as. häs ‘heiser’ gehört. Die nordischen Formen mit ā (< *ai) machen einen Ansatz *hairsaz nötig (*ai > ā vor r, s. NOREEN 1904 § 80 I, Anm. 2).

[HM: Diftogi -ai- on ominainen vasarakirveskielelle, mutta sitä tuskin esiityy lainkaan kantabaltissa.]

Norw. (dial.) haas ‘rauh’ und hæ(r)sa ‘Trockenheit’ reflektieren die angesetzte Grundbedeutung, die sich in den wohl dazugehörigen Wörtern ahd. hei ‘trocken’, gihei ‘Dürre, Hitze’ fände (s. KLUGE/MITZKA s.vv.).

Ein *hairsijōn- hätte nun mit Assimilation von *rs > ss (NOREEN 1923 § 272.3) über *hāsijōn- zu *hasjōn- werden können.Fi. haasia und hasia könnten dann verschiedene Entwicklungsstufen des nordischen Wörtes wiedergeben.Die Umstel- lung von *haisra- (dt. heiser, engl. hoarse) zu ‘hairsa (> hæ(r)sa) ist vielleicht durch *tarsa- ‘trocken (vgl. Darre, schwed. dial. tarre) bedingt.

Eine andere Erklärung der Genese von schwed. hässja usw. bietet sich durch ein fränkisches *haisia-, das in der Romania in vielfältiger Bedeutung als Lehnwort vor- liegt (VON WARTBURG 16,121 ff.). In Frage kommen hier die Bedeutungen ‘Zaun, kleine Tür, Barriere’. Es handelt sich um aus Stangen bzw.Ruten verfertigte Geräte, vgl. z.B.afr. haise ‘clȏture faite avec des branches entrelacées composée de traver- ses souvent garnies de menues branches’ und die Bedeutung ‘Wagenleiter’ (dial. hez ‘ridelle de charette’). Eine Ableitung hazette findet sich fr. dial. als ‘Hürde aus Holz zum Trocknen von Speck, Käse, Früchten’. In westgermanischen Dialekten scheint das Wort nur im Flämischen überlebt zu haben: heize ‘Raufe im Stall (in Form einer Leiter)’ – VON WARTBURG 122b.

76

Daß es in Schweden raufenartige Darren gab, zeigt eine bei GRIMM (s‚v. Raufe) vermerkte Stelle aus einem Reisebericht von 1599: ”dasz man in Schweden mas- chinen im felde und auf den wiesen hat, einer groszen aufgestellten leiter oder raufe gleich, auf denen man das getreide oder das heu trocknet’. Ob es sich dabei um die mit hässja bezeichneten Geräte handelt, muß freilich dahingestellt bleiben.

§ 23. Bedenken gegen den postulierten Wandel *ti’ > si in germanischen Entleh- nungen erweckt vor allem der Umstand, daß ein Dutzend von angeblichen Belegen (vgl. das Material bei HOFSTRA 1985,156) keinen einzigen Fall aufweist, in dem der dentale Klusil nicht an der Morphemgrenze stünde (vgl. hingegen tila ‘Gelegen-heit’, tina ‘Zinn’ gegenüber den baltischen Lehnwörtern silta ‘Brücke’ [zu lit. tiltas ‘id.’], karsina ‘Verschlag’ [zu lit. gardinys ‘id.]’). Es könnte sich aber z.B. im Falle von germ. *natja-, d.h. *nat’-ja- (gegenüber germ. *tina-;konsonantisches i palata-lisiert stärker als silbisches), um eine Substitution durch *c´ handeln (*nac’-ja > *nas-ja > nasia) als urostseefi. *ti bereits *c’i (<*t’i) war (und gegebenenfalls nach- dem *t’j’ noch ohne Perzeption der Morphemgrenze durch c´c’ substituiert worden war – vgl. § 65).

§ 24. Ein palsi ‘harte Erdschicht’ (s.HOFSTRA 1985,132), ‘trockene Lehm- oder Kieskante’ (s. KORHONEN 1981, 35) kann theoretisch drei verschiedenen Stamm-klassen angehören.Neben der im Finnischen vorherrschenden Flexion Gen. palsin, Part. palsia usw., dem für Lehnwörter aufi charakteristischen Typus, und dem von KOIVULEHTO hier als ursprünglich angesehenen Typ palte- (Gen. pallen, Part. paltta), der für den Ausgang -lsi nur noch durch fi. jälsi ‘Baumsaft’ vertreten zu sein scheint (zu einem *kalsi s.u.)‚ ist auch eine Flexion palsi, Gen.*palsen, Part. *palsta (Typ tuohi, tuohen, tuoh- ta ‘Birkenrinde’) denkbar. Ein strukturell dem palsi besser entsprechender Vertreter dieses Typs wäre kusi, kusen‚ kusta ‘Harn’, dem ein *kunse- < *kun´c’e- zugrunde liegt (lapp. N guǯǯâ, wog. P kunš´, sam. kam. kunze). 77 Konfrontiert man dieses Deklinationsschema mit den übrigen, ergibt sich folgendes Bild: Daß speziell im Finnischen auf dem größten Teil des Sprachgebietes ein Übergang vom ”Lehnworttyp” lasi in den altertümlichen Typ jälsi/jälte- stattgefunden haben soll, erscheint nahezu ausgeschlossen. [kuva] Umgekehrt wäre palsi- aus dem Typ jälte-, der durch zahlreiche Vertreter – kynsi, kynte- ‘Kralle’ usw. – gekennzeichnet ist, so daß keine Veranlassung zu einer Ver- äderung bestand,nicht erklärlich. Vom strukturellen Gesichtspunkt erscheint mithin eine ursprüngliche Flexion palsi,Gen.*palsen am wahrscheinlichsten. Ein wie kusi flektie-rendes palsi wäre mit -Cs- singulär gewesen und hätte überdies im Partitiv eine nur noch in dem homophonen palsta ‘Parzelle’ vorkommende Konsonanten-verbindung aufgewiesen. Es wäre verständlich,daß ein *palsi/palse in der Flexion nach dem anderen Wort mit -lsi (jälsi) umgebildet wurde (zum Part. *palsta/paltta vgl. noch fi.varsta, dial. vartta ‘Schwengel des Dreschflegels’).Ein Stamm *palse- müßte bei grundsprach-licher Herkunft auf ein *pale- (Typ kusi) oder *palče- (Typ kynsi/kynte-) zurückgehen. Die Verbindung *lc’ fehlt zwar in KORHONENs Zusammenstellung (1981,189 f). Es gibt aber keinen ersichtlichen Grund, ihre Zulässigkeit in Abrede zu stellen. Die Entwicklung wäre parallel zu *mc’ > lapp. wǯ’, fi. ms (lawǯe bzw. lämsä ‘Lasso’). Transponiert man diesen Ansatz ins Lappische ergibt sich ein lapp. N buolǯâ. (vgl. ural. *kunc’ea, lapp. N guǯǯâ ‘Harn’). Ein solches Wort liegt nun in der Bedeutung ‘steep ridge of moraine,dry gravelly eminence (often with a shap edge)’ vor (s. NIEL- SEN 260 f.).

78

Diese Bedeutung paßt genau zu dem für fi.palsi bzw. karel. palzi belegten Bedeu- tungen ‘trockene Lehm- oder Kieslficj und ‘Abhang, Rand’, wobei die Bedeutung ‘Abhang’ der karelischen Entsprechung von fi. palt(t)a ‘Abhang’ und seiner Sippe bezogen sein kann. Das zu palsi gestellte lulelappische puolta ‘Abhang, (Birken-) wald’ wäre freilich zu trennen; aus *palc’e- erwartete man ein *puoltja,aber puolta bedeutet schließlich nicht ‘palsi, buol´ǯâ’, sondern nur ‘palt(t)a’.

In dem oben erwähnten palsta ‘Streifen, Parzelle’ findet KATZ ein urgermanisches *spaldō- ‘Spalte (1990, 44). Das lautliche Phänomen ist sein ”Korpsion-Typ”, der im Verein mit Bume (für Blume) den Titel der Arbeit gezeitigt hat. KATZ führt aus: ”Diesen Typ konnte V[er]fIasser]. in wenigstens zwei unabhängigen Fällen an deut- schen (ca. 5- 6-jährigen) Kindern in Südfrankreich beobachten, die das Wort Skor- pion als Korpsion wiedergaben”, wofür er einen ”Zeugen” namhaft macht (39 mit Anm.).

[HM: Suonreuna-palsi *paltis = kuiva(tt)ama ei liity tuohon jonkin reunan taittami- seen,kijaimellisesti kantandoeuroopan ULOSPALTTAMISEEN,vaan se liittyy kanta- indoeurooppaan ja ”sen murteeseen” KANTABALTTIIN samaan sanaparveen kuin pelto (=kivatettu), puoli, (Ranta)peltojen maa Puola (liettuan Lenkija on myös ”Peltomaa”, mutta eri verbistä).Se liittyy myös germaanin sanan fält, field, MUTTA SUOMEN PELTO EI MISSÄÄN TAPAUKSESSA TULE SIELTÄ: on oikeampaa sanoa että PÄINVASTOIN kuin noin! Felt tulee vasarakirveskielestä kermaanikieliin. (Sanskriitissakin on kyllä ihan sama sana, eikä ole suinkaan ainoa). Liettuasta tulee tähän liittyvä sana palšta.

Englannin etymologinen tosiasiassa piruilee nimeä mainitsematta Koivulehdon ”etymologialle”:

http://www.etymonline.com/index.php?allowed_in_frame=0&search=board

field (n.)

Old English feld ”plain, pasture, open land, cultivated land” (as opposed to wood- land), also ”a parcel of land marked off and used for pasture or tillage,” probably related to Old English folde ”earth, land,” from Proto-Germanic *felthuz ”flat land”

(Cognates: Old Saxon and Old Frisian feld ”field,” Old Saxon folda ”earth,” Middle Dutch velt, Dutch veld Old High German felt, German Feld ”field,” but not found originally outside West Germanic;Swedish fält, Danish felt are borrowed from Ger- man;

Finnish pelto ”field” is believed to have been adapted from Proto-Germanic).

This is from PIE *pel(e)-tu-, from root *pele- (2) ”flat, to spread” (see plane (n.1)). The English spelling with -ie- probably is the work of Anglo-French scribes (compare brief, piece).

Vaikka Koivulehto ei aluksi ehdottomasti kiistänytkään muiden indoeurooppalaisten kuin germaanien olemisen mahdollisuutta (Suomessa ja Ruostissa) ennen germaa- neja, tuollaset pölhöetymologiat sulkisivat sellaisen mahdollisuuden ehdottomasti pois, jos olsivat totta!

Palsi kuuluu ainoana sanana kahteen tärkeään Koivulehdon harhautuslistaan: muka ”vanhalla kaavalla taipuviin muinaisgermaanilainoihin, sekä NÄIHIN:

Koivulehto toteaa ”suomen germaalainojen ikäämiskirjoituksensa” II osassa muka kantagermaanin a:n lainautumista kantalapin -uo-:ksi:

JK: ” 5.11. Kaikkiaan on kertynyt siis 12 etymologiaa, joissa (kanta)germaanista /a/-foneemia vastaa lapissa uo, useimmissa tapauksissa itämerensuomikin on edustettuna (ims.a):

arpa, hauta, kansa, lanka, palsi, rauta, vanne, vartoa, vaula, vain lapissa buoi’de, luoi’kât, ruow’dâ.

Joka ainoa on balttlaina, josta enemmän täällä:

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2015/07/jorma-koivulehdon-suomen-arkkimuinaiset-kermaanilainat-3000-vuoden-takaa-ovat-humpuukia

Erityisen koominen on tuo ”lanka”:

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2014/11/korkeatasoista-balttietymologiaa-suomen-ja-itabalttikielten-suhteista

Weiter heißt es: ”Der Vorgang ist klar: in dem den Kindern bekannten Dt. kam sk- nicht vor, war nicht aussprechbar, die Information s sollte aber erhalten werden und wurde in eine passende Inlautposition (vgl. etwa Knirps) verlegt”. Ein in zwei ersten Klassen einer Spandauer Grundschule unmittelbar nach Beginn des Schuljahres durchgeführter Test hat ergeben, daß zumindest 39 das Wort Skelett zum aktiven Wortschatz der Schulanfänger gehört, Skorpion hingegen weitgehend unbekannt ist. Auch für KATZS Informanten dürfte das Wort Skorpion ”aussprechbar” gewesen sein; eher haben wir es hier mit dem auch bei Erwachsenen häufig zu beobachten- den Phänomen zu tun, daß man sich an ein einmal oder selten gehörtes Wort – z.B. ein Fremdwort oder einen Na- men – nur unvollkommen erinnert; man hat die Phoneme im Kopf, bekommt sie jedoch nicht mehr vollständig in die Reihe. Auch die von KATZ zitierten ungarischen Parallelen dürften sich auf diese Weise erklä- ren. Die in einschlägigen ungarischen Veröffentlichungen als ”mundartlich” gekenn- zeichneten Varianten sind nicht unbedingt für eine ganze Dialektgemeinschaft symptomatisch;es ist durchaus auch Idiolektisches aufgenommen.

39. Vermutlich kennen die meisten 6-jährigen auch die Wörter Skandal und skrupellos. Singularität eines Phonems allein ist aber ohnehin kein hinreichender Grund für einen Ersatz. Jedes dreijährige Kind weiß, was eine Garage ist, und kann das Wort artikulieren; weitere Lexeme mit ž kommen in der Regel erst in der Schulzeit hinzu (Blamage, Rage, Gage u.a.).

79

Das Korrektiv der Sprachgemeinschaft verhindert in solchen Fällen eine Ausbrei- tung der Entgleisungen. Die für die germanisch-ostseefinnischen Kontakte voraus-zusetzende weitgehende Zweisprachigkeit dürfte das nämliche bewirkt haben. Schließlich ist nicht einzusehen warum sich die Ostseefinnen nur wegen des Erhalts eines anlautenden s das sie sonst unterdrückten, eine exzeptionelle inlautende Konsonantenverbindung eingehandelt haben sollten 40.

§ 25. In dem mit dem Possessivsuffix der 3. Pers. versehenen Adessiv kallellaan sieht KOIVULEHTO (l97lb,386 f.) ein gerrnanisches Adjektivabstraktum *halþīn- (> Nom. Sg. kalsi), das in got. wilja-halþei ‘Gunst’ (”Willensgeneigtheit”) belegt ist. Da die -i-Deklination, der auch das denominale Formans -i folgt, schwerlich erst zur Zeit der Kontakte mit den Urgermanen aufgekommen ist, mußes verwundern, daß ein germanisches *halþīn- nicht einen Stamm *kalti- (> *kalsi) gelifert hat im bzw. dieses *kalsi/Gen. *kalsin in den Typ kalsi/kalte- übergegangen ist.

[HM: ”Kallellaan” (kalsi) on liettuaa. [HM: Keskustelua aiheesta:

Jaska [Häkkinen]: http://www.kotikielenseura.fi/virittaja/hakemistot/jutut/1976_247.pdf
” Germaaniset sanat loppuivat yleensä z*-äänteeseen, joka johtaa joko *-as tai *-eš (> *-eh) -substituu-tioon. Jälkimmäinen siis taipuu *hyljeh: *hylkehen (> hylje: hylkeen). Silti myös e-vartaloita tavataan, kuten palsi: pallen. Tästäkin sanasta tavataan silti myös *-eš-substituutiota: palle: palteen. Muita e-vartaloisina taipuvia germaanilainoja ovat karsi, kilpi, liesi, lovi, tuppi, umpi, kalsi, paasi, pursi, suuri, tuoni, vaaksi, vyyhti.

Tämä oli tärkeä rivi: Koivulehdon esittämät ”vanhalla kaavalla taipuvat muinaiset gemaanilainat”.

Todellisuudessa tuossa ei ole ainotakaan germaanilainaa, uutta eikä vanhaa. Koivulehdon ”etymologiat” ovat täysin ”ufologisia” Paasi on kelttilaina (basis = poh- jakivi), siitä on myös vsk-muoto paaden (paatenen), vyyhti on slaavilaina, joka lisäksi taipuu UUDELLA kaavalla: vyyhdin (se on ehkä joskus sekoitettu vanhalla kaavalla taipuvaan balttilainaan viipsi (vyyhti, linko > jtv. vilpsnis), Sanaa vaaksi (muka vaahto) ei ole lainkaan olemassa, se esiintyy yhdessä ainoassa paikassa kantelettaressa Elias Lönnrotin runollisiin riimeihin virittämänä.

Käyän noita värejä sopivin vaikoin myöhemminkin. Germaani on vihreä. Noista balttilainoista lähinnä umpi (joka on kuurissa sijamuodon päätekin), voisi alun perin olla lähtöisin SU-puolelta.
Mutta siihen ”kalteen”: Fraenkel:
Lithuanian: ”kãlti = kallistua (sivulle)”

Etymology: 1. (kaliù, kaliaũ) ’anlehnen = nojata, kallistua (pystysuoraan nähden)’,
atkalti, ãtkaltìs, atkãltas, ãtkalta ’(Rücken)lehne = selkänoja’,
ãtkalas, -ùs ’angelehnt, sich stützend’ und ’umgekehrt, entgegengesetzt’,
Adv. atkaliai ’entgegen, im Gegensatz, umgekehrt, anderseitig, aufs neue’, daneben
atkalu, atkaluonis ’adversarius’,
lett. atkal(t) ’abermals, hinwiederum’.
Lit. pakalà, -ỹs, pakalas, lett. pakaļa ’Rückenteil, Rückseite, Hinterteil = selkäpuoli, tausta
pakaļ, pakal ’hinterher = takaisinpäin’,
als Präp. ’hinter, nach’, atpakaļ ’zurµck = takaisin’,
cf. ai. kát·aka- ’Bergabhang’,
got. wiljahal ei ’Parteilichkeit = puolueellisuus’, huls ’hold, geneigt, gnädig’,
ahd. heldan ’neigen, auf die Neige bringen = nojata, panna nojalleen’,
halden ’sich neigen, abschüssig sein = kallistua’,
aisl. hallr ’(vorwärts) geneigt = etunoja(ssa)’,
als Subst. ’Neigung, Senkung, Halde, Hügel’, halla ’neigen, beugen, zu Ende gehen’.
Mit Verallgemeinerung eines Nasalformans abg. kloniti ’neigen, beugen’,
poklonú ’Verneigung, Anbetung’ etc.
Ũber lit. pakalìkas ’Lakai, Diener’ s.s.v. ]

Die von HOFSTRA (1985,156 f.) referierte direkte Zurückführung der finnischen Basis auf das Abstraktum aber erscheint unproblematisch. HOFSTRA konstatiert an anderer Stelle ”eine auffällige Verbindung” zwischen ”der fi. Flexion mit Nom. Sg. auf -ea/-eä einerseits und der germ. Adjektivdeklination mit Nom.Sg. mask. auf -jaz andererseits” (1985, 117). Er führt ein Dutzend finnischer Adjektive germanischer Provenienz – davon ein Viertel init Fragezeichen – an.

Er sieht hier eine ”Substitution von urgerm. -jaz” durch das urostseefinnische Adjektiv-formans -eða/-eða und erwägt die Möglichkeit daß ”zweisilbige” Aussprache des urgermanischen jaz die Ursache hierfür sei.

40 Bei den von KATZ vorgenommenen Zusammenstellungen gelegentlich zu einem Häulfeln KOIVU-LEHTOscher Ideen; vgl. fi. hulpio usw. < urgerm. *stulp(i)jö-, d.h. Unterdrückung des Dentals in st und substitution des *s durch *s’, was es bei KOIVULEHTO (noch?) nicht gibt.

80

Es stellt sich indessen die Frage, warum ein germanisches -jaz dann nicht als fi. -ijas realisiert worden ist, wie es in baltischen Entlehnungen des Finnischen der Fall ist und wohl auch in fi. autio/autia ‘wüst, öde’ zu beobachten ist, das auf urgerm. *auþijaz zurückgehen kann 41.

Die von HOFSTRA (1985,120) zitierte Zusammenstellung von fi. häpeä ‘Schmach, Scham’ mit an. hað ‘Spott,Hohn’ (<urgerm.*hawiþa-) deutet indessen eine andere Erklärungsmöglichkeit an. Die in Rede stehenden ostseefinnischen Adjektive könn- ten die zugehörigen germanischen Verbalabstrakta auf *iþo- widerspiegeln, d.h., fi. ankea ‘bedrängt’ wäre kein urgermanisches *angwjaz, sondern das durch got. aggwiþa bezeugte Abstraktum *angwiþō- ‘Bedrängnis’. Der Unterschied in der Wortart ist für den Sprachtyp,den das Urostseefinnische repräsentierte, unerheb- lich.Unter den in SKRK (I § 33,s.65) angeführten Wörtern des heutigen Finnischen, die sowohl als Adjektive wie auch als Substantive fungieren und für die substanti-vischer Ursprung erwogen wird, gibt es auch gerade zwei -ea-Fälle: pimeä ‘dunkel’ und valkea ‘weiß’.

Das von HOFSTRA gegen seine eigene Erklärung angeführte Beispiel fi. rapea‚ für das sich nur ein a-Stamm nachweisen lasse (an. frár ‘hurtig, schnell’), fände nun eine Deutung durch das zugehörige germanische Adjektivabstraktum. Die urgerma-nischen *-iþō-Bildungen waren noch einzelsprachlich produktiv. Es wäre demnach gleichgültig, ob eine solche Bildung zu einem potentiellen Etymon eines ostseefin-nischen Adjektivs belegbar ist oder nicht; es war jederzeit bildbar, wenn es der Kontext erforderte.

Sollte die von HOFSTRA beobachtete Beziehung zwischen -ea-Formans und -ja- Adjektiv statistisch relevant sein, ließe sich das damit erklären, daß bei den ja- Bildun- gen die Übernahme des Abstraktums insofern erleichtert wurde, als der Anlaut des Adjektivformans – bis auf die silbische oder unsilbische Realisation – mit dem Abstrakt-formans identisch war;es könnte mithin Attraktion vorliegen. Zur laut- lichen Seite der Erklärung sei noch auf fi.apea (<russ.oбыдa,obyda) hingewiesen.

In diesen Zusammenhang gehört möglicherweise auch fi.hapea ‘gierig = ahne, hi- mokas, geizig = saita, itara’. Ung. kapzsi (zu kap ‘fassen, ergreifen, bekommen’) und seine deutsche Entsprechung ‘hab- gierig’ bringt einen auf den Gedanken, daß dem finnischen Wort ein Abstraktum zu einer -ja-Bildung von der in haben und heben vorliegenden germanischen Wurzel *hab- zugrunde liegt, vgl. ahd. luggi < *lugja- ‘lügnerisch’ (KRAHE/MEID III 71).

[HM: Sana hapea on laina baltista slaavikieln kautta, jossa g ääntyy h:na, eli käytän sellaisesta tästä eteenpäin nimeä RUTEENILAINA:

Lie. gabštus m., -i f. gabšus (taip pat gobštus, gobšus) giminiški gobėtis ‘būti godžiam = olla ahne, pavydžiam = kateellinen ’, gobus ‘pavydus = kateellinen’, (valkovenäjä) br. habáć ‘imti = ottaa, griebti = tarttua, omia’ ir t.t. žr. godus = ahne, voitonhimoinen.

Gobšus, m. sibst gobšukas, gobši, f. , sibst. gobš(t)yte tarkoittaa nimenomaan lyhytnäköistä, ahdasmielistä tyhmänkankeaa ”paskainen loppu”-ahnetta,naista, esimerkiksi pikkutyttöä tarkoittava on vielä koomillisempi kuin mistä tarkoittava. sanan keskellä olvat -t- ilmaisee passiivin partsisiippia ja tarkoittaa, että henkilö on kasvatettu sellaiseksi kuin on.

Kovavartaloisesta maskuliivista voi tulla ”hapea”, ja pehmeävartaisesta feminiinistä – ”häpeä”, sillä ludennus lainatuu usein ulos a:n, o:n ja u:n etuvokaalisuutena, ja latvia-kielissä ilmeisesti kasitavuisen sanan jäkitavun liudennus on määrännyt etu- tavunkin liudennuksen, ennen kuin liudentuneista konsonanteissa on niissä tullut kokonaan eri kansonatteja, mitä ne liettuassa eivät ole, kuten eivät venäjässäkään. Myös kapea ja suomessa myös selskästi negatiivinen kopea, vaikka virossa onkin kabe = lauha, heikko, mutta kobe = lihava, voimakas. K:lliset tulvat suoraan baltista.

Muita näin määiiteltyjä ruteenilainoja ovat esmerkiksi hormi, preussin gorme, venäjän gorm, sekä paha, baltin blogas, vv.

Lie. blogas, la. blāgs ‘silpnas, niekingas, blogas’, abu galbūt < br. błahij ‘blogas, bjaurus’, r. blagoj ‘stuobrys, bjaurus’, galbūt giminiškas lo. flaccus ‘nulėpęs, silpnas’ ir t.t.] 41. Ein *auþjaz hätte allerdings auch autia ergeben. 81 § 26. Fi. lenseä, lensiä wird auf ein urgermanisches *lenþja- (> ahd. lindi ‘weich, zart’) zurückgeführt (s.HOFSTRA 1985,86,157),wobei für die Entwicklung folgendes vorauszusetzen wäre: *lent’iä > *lenc’iä > lensiä, was impliziert, daß der Nasalschwund bereits bei dem ererbten *c´, als es also noch ein *t(’)i gab, vonstatten gegangen war. Das bedeutet aber, daß zum Zeitpunkt der vorauszusetzenden Zwis- chenstufe *lenc’iä eine Verbindung *n´c’ nicht zugelassen war.Dann ist aber anzu- nehmen, daß *lenc’iä aus phonotaktischen Gründen sein *n´ eingebüßt hätte. Allerdings ist es in phonetischer Hinsicht die weitaus wahrscheinlichere Annahme, daß der Nasal erst mit bzw. nach dem Übergang von *c´ > s geschwunden ist 42.; dann wäre aber ein lensiä vollends unverständlich.

Neben den Möglichkeiten, daß es sich bei lensiä um die Entlehnung eines Wortes mit -ns- handelt oder ein ererbtes *lente- zugrunde liegt, kommt ein grundsprachlicher An- satz *len´c´e- als Basis in Betracht. Die in UEW referierte Zusammen-stellung des Wor- tes mit ostj. Vj. lisǝk ist nicht so sehr wegen der Vokalqualität bedenklich (l.c.), sondern eher wegen der Bewahrung des Nasals. Rechnet man aber wie in bestimmten unga- rischen Lexemen (lágy ‘weich’, langyos ‘lauwarm’ < fugr. *lon´c’a-) mit sporadischer Bewahrung des Nasals für das Ostseefinnische, könnte man annehmen,daß fi.lense- auf die genannte Grundform mit einem Ersatz des o durch e vor dem palatalen Cluster zurückgeht.Denkbar ist aber auch, daß durch Einkreuzung des Fortsetzers eines *lenЗ´ (>syrj. S len´ ‘ruhig, still (Wetter), windstill’ – vgl. UEW) der Nasal restituiert wurde.

[HM: ”Lenseä” on kantabalttia tai suorastaan kantaindoeurooppaa, kantabalt(o-slaa)via on sanottu sen ”murteeksi”: *len-s-ti (lensia, lend(i)a) = irtoilla, jäädä/jättää joukosta, vapautua/vapauttaa (kansa, karja) > löysäillä, upottaa (maa), olla > leuto jne. lujan kovan ankaran tiukan (kuten pakkasen) vastakohta, > laistaa/laittaa (sivuun), > laita, Liettua (”Laitamaa”, preussista katsottuna), Yksi keskeisimipiä verbaja ainakin johdannaisten määrällä mitattuna.]

42. Der Typ *kynsi < *kynti spricht nicht unbedingt dagegen, da hier Restitution des n aus den Para- digmastellen mit *kynte- vorliegen könnte. Fi. viti/viti- müßte als Erbwort auf ein älteres *vita/o/u zurückgehen. Eine Gleichung fi. viti – lapp. vâccâ ‘dünner gefrorener Schnee’ (< *viče, KORHONEN 1981, 131, 159) aber impliziert, daß der Wandel č´ > ostseefi. t nach dem Wandel *ti > si eingetreten ist, falls man keinen chronologischen Unterschied aufgrund der Umgebung annehmen will (*n´č´ > ost- seefi. nt vor *Vč’ > Vt). Da jedoch als Fortsetzer eines *n´č’e- im Ostseefinnischen ein *vite- zu erwarten wäre, das Wort aber wie last” (Gen. lasin) flektiert, liegt die Annahme einer Entlehnung nahe. Von der Sache her erscheint lappische Herkunft des finnischen Wortes durchaus plausibel. Es müßte bei der Entlehnung eine Substitution von lapp. *č´ bzw. der mutmaßlichen Zwischenstufe zu cc (*c´, s. KORHONEN 1981, 159) stattgefunden haben.

82

§ 27. Eine Möglichkeit, fi. pursi (nach KOIVULEHTO urgerm. *burđa- > an. borð ‘Speisetisch, Brett’ – 979b,146 ff.) als baltisches Lehnwort zu deuten, bietet sich in der urindogermanischen Wurzel *bherh- ‘schneiden, hauen, die in lit. bùrtas ‘Los’, bùrti ‘zaubern, weissagen’ vorliegen soll (s. FRAENKEL und Toporov s.v. *burt-). Zugrunde liegen soll ein Wort für ‘Zeichen’ (< ‘Ritzung’). Die baltischen Wörter werden mit russ. бopТЬ (bort´) ‘Bienenstock’, čech. brt ‘Höhlung im Baum, die den Waldbienen zur Wohnung dient’ (VASMER I, 110) zusammengestellt.

[HM: Burtis voi olla vasrakirveskiletä tarkoittaa ”pujeistettua (*buren). Venäjä bort ei liity siihen, vaan se littyy liettuan sanaan bortas = parras, parsi, hylly, reuna, se on mahdollisesti ennen tarkoittanut joen jään reunaa rannalla, kantabalttia.]

Eine Grundbedeutung ‘ausgehöhlter Baumstamm’ würde natürlich der Bedeutung der finnischen Wörter gerecht werden;sowohl für Bienenstöcke als auch Tröge wur- den – und werden z.T. noch heute – ausgehöhlte Baumstämme verwendet. Solange aber aus dem Baltischen kein Wort mit einer der als ursprünglich angesehenen nä- herstehenden Bedeutung nachgewiesen ist, bleibt diese Herleitung äußerst hypo- thetisch, aber diesen Makel teilt sie mit KOIVULEHTOS Etymologie.

Zugunsten derselben kann man freilich die Existenz der Ableitung purtilo ins Tref- fen führen, da der Wortausgang -ilo/-ilö ein Kandidat für ein germanisches Lehn- suffix ist und somit grundsätzlich die Möglichkeit besteht, daß auch das markierte Nomen instrumenti ein unmittelbares germanisches Etymon hat. Die einschlägigen Bildungen sind in SKRK bei dem Formans -lo/-lö auf- geführt (I § 53.27, S.143).

Dieses Formans liegt z.B. in kohtalo ‘Schicksal, Los’ (dial. ‘die Fleischportion einer Person bei der Mahlzeit’) zu kohta ‘Punkt, Stelle, Situation’ (l.c.) vor. Andere Wörter mit dem Ausgang -lo/-lö legen aber eine Segmentierung -ilo/-ilö nahe, z.B. suppilo ‘Trichter’ (suppea ‘eng’, suppu ‘trichterförmig’); man vgl. allerdings hulpilo ‘Geweberand’ (neben hulpa auch hulpi/hulve- und hulpio) und eben purtilo ‘Trog’ (auch pursilo, purtelo) – SKES s.vv. hulpilo bzw. pursi.

In mindestens einem Wort wäre aber der Ausgang schon aus dem Germanischen übernommen: verkilö ‘Öse am Handtuch, Aufhänger am Mantel’,das zu an. virgill ‘Strick (zum Erhängen)’ (urgerm. *wergilö-) gestellt wird (KARSTEN 1943/ 44 s.v., HOFSTRA 1985, 380). Prinzipiell ist daher denkbar, daß hier das urgermanische Formans zur Bildung von Nomina instrumenti -ila- (< -ilo-) vgl. KRAHE/MEID III 87) vorliegt. [HM: Verlilö on laina latviasta: verkls.Tulee läpipujottamista tarkoittavasta sanasta verti (veria vere). Siitä tulee myös suomen sana ”väärä” (= nurja puoli)] 83 § 28. KOIVULEHTos ”komplizierter Deutung von (os)fi. susi als Entlehnung von idg. (vorgermanischer Prägung) *kynto’- -> *s’unte bzw. *c´unte > s´unti > suzi >susi” ist nach Katz (1988,90) durch die Zusammenstellung des ostseefinnischen Wortes mit wog. TG c´es´ usw, ”der Boden entzogen”

Damit entfalle eine Parallele für fi. tosi ‘wahr’<< uridg.*dm’to- ‘gebändigt, gezähmt’ (> ai. dāntá-), die aber schon durch lapp. duottâ widerlegt werde, da sich in der von KOIVULEHTO angenommenen Entwicklung kein Glied befinde, auf das die lappische Entlehnung zurückgehen könnte (KATZ l.c.).

KATZ sieht in fi. tosi ein urgermanisches *stŌdia- ‘fest(stehend)’ (1988). Hinsicht- lich der Bedeutungsdiskrepanz führt KATZ aus: ”zwar bedeutet tosi selbst nicht ‘fest’, doch wird es und ‘vakava (ernst,sicher,beständig)’ glossiert, die beide auch ‘fest (luja)’ bezeichnen”. Daß man auf Finnisch tosi aikomus oder ottaa todesta sagt, wo es im Deutschen emste Absicht bzw.ernst nehmen heißt und daß tosin in bestimmten Kontex- ten varmasti ersetzen kann (‘bestimmt, wirklich, wahrlich’), kann allenfalls für die umgekehrte Entwicklung in Anspruch genommen werden 43 und sagt nichts darüber aus,ob im Urostseefinnischen tatsächlich ein Bedeutungs- wandel ‘fest’ > ‘wahr’ stattgefunden hat. Für ostseefi. -i vs. urgerm. *-ia- sei ”ein (wenig beachtetes) ostseefinnisches Lautgesetz ins Kalkül zu ziehen, das besagt, daß auslautendes *a/ä der zweiten Wortsilbe nach *j und *i reduziert wurde, zu- nächst zu *i,das nach *lj erhalten ist,sonst mit dem voraufgehenden *j oder *i zu *i verschmolz”. Der zweite Schritt der behaupteten Entwicklung ist für das Finnische Gemeingut der Handbücher: ji > i, und zwar grundsätzlich auch nach l es heißt schließlich fi. neli – und nicht auf die offene Silbe beschränkt,vgl.fi.nurin < *nurjin ‘verkehrt’ zu nurja ‘Kehrseite’ (SKRK I 5 23.H,S.41,SKES s.v. nurea). Allerdings läßt man ein *nelji (> neli ‘vier’) nicht aus neljä entstehen, sondern nimmt Ableitung mittels des Formans -i/i- an,wofür es reichlich Evidenz gibt:neljä: *nelji (> neli) wie väli (< *velji) ‘Zwischenraum’: väljä ‘weit, ausgedehnt’, lakki ‘Mütze’: lakka ‘Schutzdach, Schirm; Laubkrone’ (vgl. lakkapää ‘dicht belaubt’, lakkipää ‘Bemützter; lakkapää’), koti ‘Haus’: kota ‘Hütte’, nänni ‘Brustwarze’: nännä ‘id.’, huhti-kuu ‘April’: huhta ‘Rodung’, soti-sopa ‘Rüstung’: sota ‘Krieg’, iki-vanha ‘uralt, antik’: ikä ‘Alter’ u.a.m. – wobei im Falle identischer Bedeutung mit dem Basiswert zumeist eine Kompositionsform vorliegt; man beachte vor allem auch kolmi (dial.) ‘drei’: kolme ‘drei’ und kolmivuotinen/ nelivuo- tinen ‘drei- bzw. vierjährig’ (s. SKRK I 53.3, S. 105 f.; EYEPI/IX 98 f.). 43. Wenn man keine ernste Absicht hat, ist die Absichtsbekundung nicht wahr. 84 In fi. kaikkialla, estn. köikjal sieht man ein Formans -ja, das u.a. in fi. jokajalla ‘in jeder Richtung’, kumpajalla ‘in beiden Richtungen’, den Lativformen *kahtijak, *kolmijak > kahtia,kolmia ‘in zwei bzw. drei Teile’ und meijä,teijä,heijä ‘unsere, eure, ihre Gemeinde’ (< *mejä usw. mit Einkreuzung des obliquen Pluralstammes *mei- usw.) vorliegen soll (SKRK I, 5 52.6, S.109, BYBPI/IX l.c.). Diese Auffassung gewinnt eine starke Stütze darin, daß im Wepsischen die erweiterten Formen meja- usw. als Basen für die äußeren Lokalkasus und den Lativ fungieren: vepsä mejal usw. ‘bei bzw. von uns usw.’ (KETTUNEN 1943 ä 630, LAANEST 3.3.5.1).

Fi. kaikki/ansa/-aan ‘zusammen, im ganzen’ (-nsa/-aan Possessivsuffix der 3. Person) wird hier nicht eingereiht,da es sich als Part. Pl. analysieren läßt. Auch im Wepsischen wird für ‘kaikkiaan’ der Part. verwendet: kaiked (Sg.): milän´ kangast kaiked koume seinad ol’gi ‘Ich hatte insgesamt drei Seina (Stoffmaß) Leinwand’ (fi. kaikkiaan kolme seinämittaa), kaks kaiked om ‘es gibt insgesamt zwei’ (fi. kaksi kaikkiaan on) – KETTUNEN 1943 5 667. Daß im Finnischen der Plural und das Possessivsuffix verwendet werden,ist nicht auffällig.Zum Plural vgl.KALEVALA: sano jo toet totiset ‘Sag schon die ganze Wahrheit (Pl.)’ (Gemein-sprache Sg., z.B. se an totinen tosi ‘das ist die reine Wahrheit’); jos en saa tosia kuulla nicht die Wahrheit (Pl.) zu hören bekomme -18, 101, 117, 119. Auch in der lappischen Entsprechung von fi. tosi wird in der Bedeutung ‘tosiaan’ der Plural verwendet: duadâi (Gen.).

Damit entfiele ein Argument bei der Beurteilung der fi. kaikkiaan parallel gebildeten Form fi. tosiaan ‘wirklich, wahrhaftig’. Man vergleiche andere Adverbien wie hyötä hyviään (hyötään hyviään) ‘grundlos, vergebens’ (im Wepsischen Part.Pl. ohne Possessivsuffix hödhüvid ‘vergebens’, s. KETTUNEN 1943 § 381), järkiänsä/ järkiään ‘gänzlich; sogleich, hintereinander’, karel. järgieh ‘hintereinander’, olon. järgieh ‘sogleich’. Aus fi. tosiaan, karel. toz´ieh auf ein älteres ”in gedeckter Stellung” erhaltenes *tosia ‘tosi’ zu schließen, wird schon durch das umgangs-sprachliche täysiään ‘vollständig’ zu täysi ‘voll, gänzlich’ widerraten.

85

Im übrigen hätte sich ein *tosia an allen obliquen Paradigmastellen in ”gedeckter Stellung” befunden.Ferner befremdet sehr, daß der postulierte Typ Nom.*tosi‚ Gen. *tosian, Nom. Pl. *tosiat nicht zu *tosi, *tosin, *tosit (Typ lasi) oder *tosi‚ *tosen, *toset (Typ kusi) ausgeglichen sein soll, wo ebenfalls alle Paradigmastellen ein -s- vor den Ausgängen aufweisen würden, sondern zu tosi, toden, todet, d.h.mit Kon- sonantenalternation. Es wäre zumindest dialektal auch der Typ *tosi, *tosin zu er- warten. Schließlich verwundert, daß in mehr als hundert Lexemen auf -ja analogis- cher Ausgleich im Nominativ stattgefunden haben müßte. Schließlich müßte eine Nominativforrn *tosiaan analogisch nach *tosiansa sein.

KATZ unterscheidet nicht zwischen einer Entwicklung urostseefi. *veljä ‘Bruder’ zu fi. veli und estn. veli bzw.*karja ‘Klippe’ zu fi. kari und estn. kari. Im Estnischen ist aber in Zweisilblern generell nachkonsonantisches j durch Apokope des Aus- lautvokals zu i geworden,z.B. ahi ‘Ofen’ < *ahja, asi ‘Sache’ < *asja, vali ‘streng’ < *valju, kali ‘ca. 2 rn lange Stange’ < *kalju (s. KETTUNEN 1962 114 f., SKES 148 f.).Es könnte allenfalls estn.koi ‘Motte’ für die Annahme eines schon urostsee- finnischen Wandels in Anspruch genommen werden, da es im Estnischen *koja hätte bleiben müssen (KETTUNEN op.cit.5 221). Nun weist dieses Wort im Finnis- chen noch eine Reihe weiterer Varianten auf: koisa, koisi (koite-), koisio, koihko (SKES s.v.) – was bei einem Wort dieser Bedeutung nicht verwundert, zumal noch eine Homonymie mit dem Wort für ‘Morgenröte’ besteht, vgl.fi.koi, estn. koi(valge). Im Wepsischen gibt es ein kojeg bzw. koje (s. 3AI7IL1EBA 1981,222 f.), das nach ludeg bzw. lude (< *ludek) ‘Laus’ gebildet sein dürfte, dann aber am ehesten von einer Grundform *koje her verständlich wird, aber natürlich auch aus einem *koi < *koji (< koja wie huhti < huhta) gebildet sein kann. Im Falle von kari ‘Klippe’ fehlt jede Spur eines *karja; hier könnte man freilich mit der Homonymie zu karja ‘Vieh’ operieren; die Ableitung kari hätte sich auf Kosten von *karja durchgesetzt. Zu fi. veli, dessen lappische Entsprechung viel’ljä schwerlich als Lehnwort zu erklären ist (so KATZ 91 mit Amn.l1),da es der einzige Fall einer finnischen Entlehnung vor dem Wandel *e > *ē neben palatalen Konso-nanten wäre, wie er sich in Erbwörtern recht gut belegen läßt (z.B. lapp. čieǯâ ‘sieben’ < s´ec´em > fi. seitsen, lapp. čielgâs ‘hell’ < *s’elke- >> fi. selkeä – s. KORHONEN 1981,84 und 97),ist folgendes zu bemerken:Da es sich bei veli/velje- um einen exzeptionellen Typ handelt,wäre es nicht erstaunlich, wenn aufgrund der Identität des obliquen Pluralstammes mit dem einer Klasse von Nomina auf -jä regional ein neuer Singular veljä entstanden wäre: Gen.Pl. veljien, Sg. veljän, Part.Pl. veljiä,Sg. veljää,I11.Pl. veljiin,Sg. veljään wie neljien, heljien/neljän, heljän; neljiä, heljiä/neljää, heljää; neljiin, heljiin/ neljään, heljään usw. (neljä ‘vier’, heljä – Nebenform von heleä – ‘hell’).

86

Es muß aber eingeräumt werden, daß gegen eine Bedeutungsentwicklung ‘(fest) stehend’ -> ‘wahr’ nichts Entscheidendes vorgebracht werden kann 44; es sei des- wegen vorgeschlagen, fi. tosi aus einem baltischen *statija- (vgl. *stätja > lit. stäčias ‘stehend, aufrecht, gerade[zu]’“ 45) herzuleiten; zum Vokalismus vgl. fi. lohi ‘Lachs’ – lit. lāšis [lašiša, HM].

§ 29. Die Annahme germanischer Entlehnungen vor dem ostseefinnischen Wandel *ti > si ermöglicht es KOIVULEHTO, eine weitere neue Lautentsprechung zu etab- lieren. Er sieht in fi. rasva ‘Fett’ ein germanisches *krausa-; vgl. dt. Gekröse ‘(Fett um die) Eingeweide’ (1986,167 ff.),wobei er eine Metathese von angeblich unzuläs- sigem *us zu *su}: annimmt, Nach traditioneller Auffassung muß die Kombination *us für den Beginn der Kontakte mit dem Germanischen als zulässig angesehen werden, da es ein urostseefinnisches *kausi (fi. kausi/ kaute- ‘Zeitabschnitt’) < *kauti gegeben hat. Ein urgermanisches *krausa hätte also als *rausa realisiert werden können. Bei KOIVULEHTOs Konzeption müßte rasva vor dem Wandel *ti > si übernommen worden sein 46.

44. Die gleiche Entwicklung zeigt z.B. svan. tkic ‘wahr’ < georg. mtkice- ‘fest’.

45 Vgl. lit. kälis, kelis neben kälias ‘Weg’.

46. Urostseefinnischen Alters ist auch fi. lausua ‘äußern, etwas zum Ausdruck bringen, aussprechen, deklamieren’ (vgl. estn. lausuda). KALIMA stellt das Wort mit Bedenken zu lit. klausti, klausiu ‘fragen, nachfragen, sich erkundigen’ (129 f.). Im SKES ist diese Deutung – offenbar wegen der Bedeutungs-diskrepanz – nicht erwähnt. Geht man für lausua aber von dem litauischen klausyti, klaüso ‘(zu)hören, lauschen, Gehör schenken’ aus, so könnte man den Bedeutungswandel dem altnordischen lexikalis- chen Morphem hljöð- anlasten: hljöð ‘Stille, Ruhe (zum Hören oder Gehörtwerden); das Zuhören’, (vgl. beiða, krefja, kveðja sär hljóðs ‘sich Ruhe zum Sprechen erbitten, Gehör heischen’),aber auch ‘Laut, Ton, Klang; Stimme’, vgl. hljöða ‘ertönen, klingen; die Stimme ertönen lassen, rufen, singen’. Die alte Bedeutung von lausua müßte dann zugunsten der neuen Lehnbedeutung irgendwann aufgegeben worden sein. Es ist natürlich verlockend, fi. lausua direkt auf die germanische Entsprechung des litau-ischen klausyti zurückzuführen, vgl. ae. hlyst ‘Gehör, Lauschen’, an. hlust ‘Ohr (besonders von Tieren)’, ae. hlysnan ‘lauschen’. ae. hlosnian, ahd. hlösen, an. hlera ‘lauschen, horchen, spähen‘. Vollstufige Bildungen lassen sich im Germanischen jedoch nicht ausmachen. Ein Einfluß der Sippe von hljöd auf die Bedeutung wäre freilich auch hier anzunehmen.

87

KOIVULEHTO sieht seine Herleitung dadurch ”bestätigt”, daß die nämliche Meta- these auch ”der einzige fi. Reimstamm” aufweist. KOIVULEHTO zufolge ist näm- lich fi. kasva- die Entlehnung eines indogermanischen *h2aukse/o- ‘wachsen’ mit Substitution des Laryngals durch k.

Wenn es sich bei den beiden Wörtern aber um die einzigen Fälle mit der Lautfolge sv handelt, dann war die Verbindung *sv zur Zeit der Übernahme des Vorläufers von fi. kasva- ja ebenfalls unzulässig und stand somit für die Substitution des *sų gar nicht zur Disposition. Hat es aber die Verbindung auch sonst gegeben, verringert sich die Wahrscheinlichkeit ihres fremden Ursprungs bzw. ihrer Monogenese.

Eine weitere Stütze für diese Metathese glaubt KOIVULEHTO in der Umstellung von ųr zu rų im Falle von fi. karva ‘Haar’ < balt. *gaura- (lit. gaüras) gefunden zu haben. Tatsächlich sind aber Metathesen, an denen eine Liquida beteiligt ist, typologisch merkmallos und besagen überhaupt nichts für *ųs > *sų.

Zusätzliche Evidenz für die vermutete Metathese gibt es mithin nicht. KOIVULEH- TOs Etymologie für kasvaa trifft aber ohnehin schwerlich das Richtige. Die von ihm angesetzte urindogermanische Ausgangsform hat es allem Anschein nach gar nicht gegeben. Die indogermanischen Einzelsprachen zeigen bei dem in Rede stehenden Wort folgende Verteilung von Formen mit und ohne s-Erweiterung:

[kuva]

Gotisch aukan wahsjan

Altindisch vaks-mksati

Avestisch vaxš/uxšiieiti

Litauisch augti aukatas

Lateinisch augäre auxilium

Tocharisch (B) aukem auks-

Griechisch oLÖEoo/ öcäEw

88.

Der Befund spricht mithin für ursprüngliche Schwebeablautvarianten *h2ayg (< *h2ey-)/ *h2yegs- (schwundstufig *h2ugs- -s. SCHINDLER 1972b, 152). Das Ger- manische würde klar die alte Verteilung,die durch das Arische gestützt wird, reflek- tieren. Im Baltischen und Lateinischen findet sich die hiervon abweichende Form nur in isolierten Bildungen‚ was für einen späteren Ausgleich spricht, z.B. im Falle von lit. äukstas ‘hoch’ zwischen einem regelrecht mit Schwundstufe gebildeten -to- Partizip *ukštas und augti. Im Tocharischen ist ebenso Kontamination anzuneh- men wie im Griechischen, wobei hier entweder mit einer älteren s-haltigen Variante oder einer Entwicklung auks- < *h2ugs- zu rechnen ist (s. PETERS 1982, 15). Es ist also festzuhalten, daß es gerade in dem für das Finnisch-Wolgaische als Lehn- geber in Frage kommende Indogermanischen (Arisch, Baltisch, Germa-nisch) keinerlei Evidenz für uridg. *h2aykse/o- ‘wachsen’ gibt! Wenn fi. kasva- und mordw. kasom aber kein urindogermanisches *h2aygs-reflek- tieren, dann besagt auch das tscheremissische kuikam ‘wachsen’ nichts,das KOI- VULEHTO auf die schwundstufige Form zurückführen will. Die Ähnlichkeit mit dem finnischen und dem mordwinischen Wort, an deren Zufälligkeit KOIVULEHTO nicht zu glauben vermag, beschränkt sich dann nur auf den Anlaut. Im übrigen wäre ein urtscheremissisches *kukša- gar nicht umgestellt worden, wie die tscheremissischen Entsprechungen von fi. oksentaa ‘erbrechen’ zeigen (uklsänzam usw.). Ein *kukša- wäre nicht anders behandelt worden als urtschere-missisch *maksa- ‘Leber’ (> makš) oder urfgr. *jäkš3 ‘kalt (werden)’ (> jükše- ‘kalt werden’, vgl. lapp. L jieksö- ‘kälter werden [Wetter]’‚ fi. jähty- ‘erkalten’). Es gibt zwar im Tscheremissischen Metathesen, an denen k und s beteiligt sind, die Rich- tung verläuft aber gerade umgekehrt: tatar. baskač > tscher. paksč ‘Leiter, Treppe’ (vgl. LEWY § 39). Das von KOIVULEHTO angeführte üčküž ‘Ochse’ (ai. uksan-) erklärt sich entweder durch dissimilatorische Metathese in der suffigierten Form oder durch die Übernahme eines iranischen *uxšaka- (> tscher. *ukška > *uška)‚ das in den Pamirsprachen fortgesetzt ist.

89

§ 30. Das mit dem Wandel *ti > si in germanischen Lehnwörtern entfallende laut- geschichtliche Argument für höheres Alter der baltischen Elemente ließe sich ohnehin durch eine semantische Analyse des Lehngutes ersetzen 47.

Der einschlägige Wortschatz ist elementarer. Es kommen z.B.unter den Körperteil- namen fi.hammas ‘Zahn’ (lit. zambas [žam̃bas,HM];ererbtes pii zu ung. fog ‘Zahn’ bedeutet ‘Stift’), und fi. kaula ‘Hals’ (lit. kaklas), napa ‘Nabel’ (lett. naba; im Ger- manischen beschränken sich die l-losen Formen der Sippe ‘Nabel, Nabe’ auf die Bezeichnung des terminus technicus) vor. Von den zahlreicheren auf den Körper beziehenden germanischen Entlehnungen ist das elementarste hartia ‘Schulter’ (ererbt ist olka ‘id.’).

Auffallend ist auch das Fehlen jeglicher Farbbezeichnung unter den germanischen Lehnwörtern,während wichtige Zwischentöne des Spektrums mit Wörtern baltischer Herkunft bezeichnet werden: fi. kelta(inen) ‘gelb’, harmaa ‘grau’ (lit. geltas bzw. širmas). Besonders bedeutsam ist auch die Bezeichnung des Rades (fi. ratas, vgl. lit. ratas) und des Wagens (fi. rattaat, Pl. von ratas; vgl. lit. ratai, Pl. von ratas); vgl. hierzu KALIMA 1936, 198 ff. (eine detailliertere Analyse bietet SUHONEN).

Insgesamt sehen die baltischen Elemente des Ostseefinnischen mehr wie Zeug- nisse eines einschneidenden Strukturwandels aus, während die Wörter germanis- cher Provenienz eher eine Verfeinerung, Vervollkommnung vorhandener Technolo- gien zu belegen scheinen. Sowohl von der Anzahl als auch vom Charakter her können die baltischen Elemente des Ostseefinnischen mit den vor der Landnahme übernommenen Turkismen des Ungarischen verglichen werden, wogegen die wäh- rend und nach der Ansiedlung in Pannonien aufgenommenen slavischen den ger- manischen Lehnwörtern des Ostseefinnischen gleichgesetzt werden können – nicht zuletzt auch deswegen, weil der slavische Einfiuß auf das Ungarische wie der ger- manische auf das Ostseefinnische bis in die jüngste Zeit nicht abgebrochen ist 48.

47. Auch wenn KOIVULEHTOS einschlägige Etymologien.richtig sein sollten,könnten die germanisch- ostseefinnischen Kontakte natürlich immer noch sehr viel später als die baltisch-ostseefinnischen begonnen haben.

48. Die ”auffallende …Vermehrung der ungarischen Farbenbezeichnungen in der dem 9. Jh. vorange- henden Periode” wurde nach K.K. CSILLERY ”vor allem wegen der Beschaffung und Herstellung der bunt gemusterten Textilien notwendig” (1985,96). Bei den untergeordneten Schichten der Bevölke- rung blieb in der Tracht ”die weiß-schwarz-rote Farbenharmonie” dominant. Für das Ostseefinnische ist ein Motiv natürlich nicht auszumachen.

90

Konfrontiert man die germanischen und baltischen Entlehnungen für Begriffe, die in SWADESHs 200 Grundwörtem vorkommen, so ergibt sich unter Einbeziehung der neuesten Herleitungen aus dem Germanischen (fettgedruckt) kein Übergewicht des Baltischen. Berücksichtigt ist jeweils nur die Normalvertretung.

[kuva]

germanisch baltisch

bad paha

breast rinta

cut leikata

hair

navel

neck

mother äiti

play pelata

sea meri

seed siemen***

sky taivas

small pieni

snake käärme

tooth hammas

wide laaja

wipe pyyhkiä

worm mato

* karva bedeutet in erster Linie ‘Tierhaar’.

** pelata ist ein schwedisches Lehnwort.

*** siemen bedeutet ‘Samen’.

Die Anzahl der alten germanischen Entlehnungen in diesem Bereich hätte sich mit- hin durch die neuen Ergebnisse verdoppelt. Es ist jedoch zu berücksichtigen, daß die Kontakte mit den Balten nicht mit der gleichen Intensität erforscht wurden wie die mit den Germanen. Außerdem finden sich unter den etablierten germanis- chen Etymologien Fälle, für die eine baltische Alternativerklärung beigebracht wer- den kann. So dürfte es kaum Kriterien geben, die eine Deutung des finnischen ranta ‘Strand, Ufer’ aus einem urbaltischen *krantas (lit. krantas ‘Ufer’) ausschlie- ßen; das litauische Wort erweist sich durch seine Verwandtschaft mit russ. kpymoü usw. als alt.

91

Zum Ausgang vergleicht sich fi. arta ‘Stangengerüst zum Aufhängen von Netzen’ (lit. afdas ‘Stange, an der Flachs zum Trocknen aufgehängt wird’). Finnische Tenuis für baltische Tenuis ist ebenfalls keine Seltenheit. Die Zusammengehörigkeit von urslav. *kratbjb mit lit. krantas wurde von BERNEKER (I 628) bezweifelt.

TPYБAЧHEB hat unter Hinweis auf die nach seiner Meinung semantische Unver-einbarkeit des slavischen und des baltischen Wortes lit. krantas, lett. krants mit litauisch kristi (krinta, krito) verbunden, das die Bedeutung ‘fallen’ hat (6 f.).

[HM: Balttiverbi on JYRSIÄ; JÄYTÄÄ, josta on sekä soinniton kantaverbi *kremsti, latvian kriest (kried), ja soinnillinen vastaava gremzti, lt, griauzti, lv. gremzt.

Kun vaikkapa rotta jyrsii palan (tämä pala on tulos, josta näkökulmasta katsotaan), tai tulva pudottaa taas kiven jyrkältä rannalta, jota nuolee, niin verbi, aspekti on *krimsti, josta tulee tuo nykyliettuan kristi (krinta, krito), mutta kun rotta jyrsiikin REIÄN, palsan POIS objektista, vaikka sitten leivästkin, tai tulava muokkaa toisen rannan koveraksi (kramtas > krantas!)

On huomattava,että tuo baltin aspekti ei tarkoita yksinkertaisesti osaobjektia kuten venäjän aspektit usein ja suomen partitiivi, vaan osaobjekti voidaan noille molem- mille tarvittaessa mm. objektin genetiivimuodolla, Se on siis päin vastoin kuin suo- messa, jossa genetiiviakkusatiivi tarkoittaa kokonaisobjektia. Näille aspekteille ob- jekti on kokaan eri olio: leipä tai haukkapala syödessä, halko tai kärryt lastatessa, koko ranta tai yksittäinen kivi tai puu veden ”syödessä” uomaansa.

Baltin, vasarakirveskansan ja preussin ”jyrsimisestä ja jäytämisestä” tulevat sellai-setkin kansainväliset sanat kuin KRIISI, kreikan crisis sekä suomen riisi, riiden eli riisitauti, venäjän gryža. Noista mm. täällä lisää:

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2014/08/lalli-myrkkymies Tuolle joen LOIVALLEKIN,

Kasautuvalle rannalle on varmaan oma, todennäköisesti yhtä indoeurooppaläinen nimensä, yksi kandidaatti ovat nämä joidenkuiden tutkimat *Suonto-, Syöntö, Santa-, kreikan psammon-nimet. Yksi mahdollisuus on juuri kantaindoeuroopan rekonstruitu *psanta. Verbin, siis ”syödä”, hangata, huuhdella, ja sata sitä ”tulosta, on ervetu ollen *bes- , venäjän peska = santa, eli suomen PESTÄ!

http://www.etymonline.com/index.php?term=sand&allowed_in_frame=0

”Pesujäte” erityisenä tuloksena olisi – mitäs muutakaan – paska. Myös *(p)sonta] tarkoittaisi ainakin etyologisesti samaa. Tuollainen tulvan tuoma maa on aina erityisen hedelmällistä.

griaužti, gráužti = kaluta jyrsiä, latviaksi grauzt = jyrsiä, kalvaa pureskella; gremzt; ēst = syövyttää, joista keskimmäinen on kanbalt(oslaav)ia lähimmä oleva muoto.
Toinen nykyinen muoto on krimsti…kremta…krimo = nakertaa, kalvaa, jyrsiä. Edelleen verbi grizinti tarkoittaa tylsällä työkalulla kuten puukolla tai kirveellä tai sahalla tapahtuvaa vaivalloista ”jyrsimistä”, jyrskyttämistä, nylkyttämistä, ja esimerkiksi sellaiseen liittyvää häiritsemistä.

krimsti (krem̃ta, ~o) = jyrsiä, kalvaa
1. krimst, grauzt
2. pārn. krimst, grauzt, gremzt

krimsti nagus – kost sev pirkstos = pureskella kynsiään
krimstis (krem̃tasi, ~tosi) krimsties, gremzties; skumt, sērot; krenķēties sar.;
krimtimas (2) krimšana, graušana = jyrsiminen, nakertaminen, jäytäminen
riešutų krimtimas – riekstu graušana
krimtimasis (1) krimšanās, gremšanās; skumšana, sērošana; skumjas dsk., sēras dsk.

Sana olisi vaoinut olla vaikka *krimstis = ”*kalvu(u)”, ”*jäytö”]

Auch in diesem Fall wäre das Wort aber für das Urbaltische gesichert, und es würde sich an der Möglichkeit einer Entlehnung ins Ostseefinnisehe nichts ändern 49. Die von KOIVULEHTO im Falle von fi. äes ‘Egge’ (<*äketi <*äkete) für möglich gehaltene germanische Herkunft wird auch von HOFSTRA berücksichtigt (1985, 121). Die Zusatzannahmen‚ die bei Herleitung des Wortes aus urgerm. *agiþō– (”aus älterem *agejbā-”) zu machen sind – Umwandlung in einen e-Stamm und Ersatz des a durch sein palatales Pendant – lassen diese Möglichkeit aber unplausibel erscheinen. Da (He-Stämme im Baltischen gewöhnlich in ostseefinnische e-Stämme münden (s. KALIMA 1936, 82), ist die Zurückführung des Wortes auf die Vorform von lit. akėčios, ekėčios f. (P1.) unbedenklich. Die Zusammenstellung von fi. kiivas ‘eifrig, feurig, auffahrend, heftig’ mit ae. ziw ‘Geier’ erscheint nicht zwingend. Die altenglische wo-Ableitung wäre isoliert. Es erscheint glaubhafter, daß das für das altenglische Wort anzusetzende Adjektiv mit der Bedeutung ‘gierig’ ein Postverbale ist (ae. ziwian ‘fordern, bitten’, verwandt mit dt. gähnen,als ursprünglich ‘den Mund aufsperren’). Die Bedeutung ‘gierig’ vertrüge sich auch kaum mit den Bedeutungen, die für das finnische Wort zu belegen sind. Näher stünde schon das durch got. qius bezeugte urgermanische *kwiwaz ‘lebendig’ (lat. uīuus, lit. gyvas ‘id.’),das im neuen Paradigma auch für fi. kuiva ‘trocken’ beansprucht wird. Es erscheint aber müßig, die nicht erwartungsgemäße Anlauts-vertretung zu diskutieren, denn fi. kiivas entspricht genau dem litauischen gývas. 49. Auch TERENT’EV spricht sich neuerdings für die Möglichkeit der Herkunft des finnischen Wortes aus dem litauischen krantas aus (31). 92 Aus semantischen Gründen überzeugt auch die Zusammenstellung von fi. ruoko ‘Schilfrohr’ mit urgerm. *broka- (ahd. bruoh ‘Moorboden’, Sumpf) nicht, die bei HOFSTRA im Zusammenhang mit der

Möglichkeitwestgermanischer Entlehnungen (s. unten) herangezogen wird. Daß Schilf im bzw. am Sumpf wächst und vielleicht sogar Parallelen für eine Bedeutungsbeziehung beigebracht werden können, ändert nichts daran.Unverständlich ist,warum eine auf BUGA zurückgehende baltische Er- klärung des Wortes überhaupt nicht berücksichtigt wird.Apr.drogis ‘Schilf’ kann ein urbaltisches *drögas repräsentieren,aus dem sich das finnische Wort problemlos herleiten ließe. Man könnte allenfalls zu bedenken geben, daß das altpreußische Wort keinen überzeugenden Anschluß gefunden hat (vgl. TOПOPOB 1975 s.v.) 50. § 31. Im Falle von fi. rauma ‘Meeresströmung’ (vgl.an. straumr ‘Strom, Strömung’) wird – wohl aufgrund seines eingeschränkten Verbreitungsgebietes (vgl. SKES); laut KLUGE/MITZKA nichts-destoweniger ”früh entlehnt” (s.v.Strom) – baltische Herkunft (vgl. lit. sraumuo ‘Strom, Bach’; lett. sträume ‘Strom, Strömung’) nicht erwogen (s. SKES, HOFSTRA 1985, 324). [HM: Tämä sana, joka tarkoittaa salmea, merivirtaa ja HITAASTI virtaavaa jokea, tulee kantaindoeuroopan sanasta *rem- = levätä, olla hiljaa, etuliittellä s- = pois saadaan s-rem-ti = ”poislevätä”, josta tulee länsibalttilaiseen tapaan srauti (*srau- ma > srauna, srovė̃ < *sremwē) = virrata. Näin liettuassa, koska äänneyhdistelmä -sr- on edelleen sallittu. Sen sijaan latvia-kielissä ja vasarakirveskielissä -sr- Ei ole sallittu yhdistelmä, joten silloin kun se aina tavaa takaa kuitenkin osuu eteen johdinpäätteitä yhdistellessä, VÄLIIN PANNAAN NS. LOISKONSONANTTI, joka on vsk:ssa ja kuurissa ainakin -t/d- , mutta joskus myös (zemgallissa?) -k/g-. Näin ollen latvian sanaksi virrata tulee *straut > starvet, ja virtaus on straume.

Vasarakirveskielessä sanan loppu ei välttämättä ole ollut tämä, vaan se on vaoinut olla vaikkapa – strand- = virta, jonka naapurit ovat kuitenkin ymmätäneet nimenomaan sen virran RANNAKSI, tasan samoin kuin sanojen Oka/Akaa (vsk) < *ekwa (kb = ub.) > *ekwer- > ežeras jne.!]

In anderen Fällen entscheidet die Bedeutung die Alternative. Fi. heimo ‘Geschlecht, Stamm, Verwandte’, estn. hõim ‘Verwandtschaft, Verwandter’, liv. äim ‘Gesinde, Familie’ wäre in lautlicher Hinsicht problemlos auf urgerm. *haima- (dt. Heim, got. haim, an. heimr ‘Dorf, Heimat, Heim’) zurückzuführen – vgl. fi. leipä ‘Brot’ < urgerm. *hlaibaz (an. hleifr), keihäs < urgerm. *gaizaz (an. geirr) – , doch weist das Bedeutungsspektrum der ostseefinnischen Vertretungen auf das Baltische (lit. seimä ‘Familie, Gesinde’, apr. seimins ‘Gesinde’, s. KALIMA 1936, 99) 51. 50 Die Zusammenstellung des altpreußischen Wortes als *drugz”s oder *drugis mit lit. drugy”s ‘Fieber’ und ‘Schmetterling’ und damit die Zurückführung auf eine baltoslavische Wurzel *drug- ‘zittern’, Erweiterung einer indogermanischen Wurzel *d”er- (s. MAZIULIS 229), hat nicht viel für sich. 51. Zu einem weiteren implicite von HOFSTRA mitgeteilten Argument für höheres Alter der Baltismen vgl. § 66. 93. § 32. Nicht ganz so folgenschwer wie die Annahme eines Wandels *ti > si in ger- manischen Lehnwörtern ist eine andere Neuerung. Betrachtet man die Wörter mit ”(früh)urgerm.” *s -> ”(früh)urfi.” *š (> h), so findet man sich dem befremdlichen Tat- bestand gegenüber,daß die frühesten Übernahmen aus dem Germanischen die Be- griffe ‘suchen’, ‘langsam’, ‘Verderben’,‘Schutz’, ‘bemerken’,‘Not’, ‘spröde’, ‘werfen’, ‘seufzen’, ‘billig’, ‘Flöte’ und ‘Seehund’ betreffen. Bei dem letztgenannten Wort wird es sich in beiden Sprachen um ein Substratwort handeln (fi. hylje < *šelkeš, an. selr < *selhaz)‚ Daß die von KOIVULEHTO propagierten Entsprechungen von der früheren Forschung nicht erwogen wurden, dürfte den teilweise erheblichen Bedeu-tungs-abweichungen zuzuschreiben sein. Bis 1985 lagen laut HOFSTRA (1985,160 ff.) folgende Gleichungen vor:

fi, (”früh-”)urgerm. einzelspr.

hauta ‘Grube’ *sauþa ae. säap ‘Grube’

hakea ‘suchen’ *säkeja- got. sökjan ‘suchen’

hidas ‘langsam’ *sīþu- got. seiþu ‘spät’

hukka ‘Verderben’ *sukkä- an. sukk ‘Lärm, Vergeudung’ [SU, HM])

huoma ‘Schutz’ *söman- an. sömi ‘Ehre’

huomata ‘bemerken’ *so’mja- an. saema ‘sich richten nach’

hätä ‘Not, Gefahr’ *sætä- an. sa’! ‘Hinterhalt’ [< kaita < kepta = kuumennettu, kuuma, kuume, kulkutauti (vepsä)] hapras ‘spröde’ *sauraz an. saurr ‘Schlamm’ [kuuria: tarkoittaa lannoitteeksi kerät- tyä levää ja muuta meren tuomaa moskaa. Lannoitteista oli todellinen pula dyyneil- lä: hienolla laivolla ei ollut mukava ajaa sontaa, eikä jäitäkään ollut tarpeeksi (eivät- kä sikäläiset hevoset edes sovinnolla menneet jäille). heittää ‘werfen’ *sēja- got. saian ‘säen’ > [HM: kb. *skem(b)ti, alunp. poiskimmota > ampua jousella, *skemba = keihään, niolenkärki, kivikirves > vatjan hampuma, sm. ampua.

huoata ‘seufzen’ *swo’gja ae. swägan ‘rauschen’ (väärin)

halpa ‘billig’ *salwaan. solr ‘schmutzig’ (väärin)

huilu ‘Flöte’ *swiglön- ahd. swegala ‘Flöte’ (väärin)

hajottaa ‘zerstreuen’ *sēja- an. sei ‘säen’ [HM: haja < šēti < žem-ti = panna maahan, kyvää

hylje (s.o.).

Für den Inlaut sind schon lange einige Fälle bekannt,in denen ein ostseefinnisches h einen germanischen Sibilanten vertritt (*z bzw. unter bestimmten Bedingungen s, s. HOFSTRA 1985,97 ff.). Nicht hierher dürfte die von SKÖLD und HOFSTRA gebil- ligte Zusammenstellung von fi. muha, muhea, für das HOFSTRA die Bedeutung ‘Morast, Schmutz, Matsch’, SKES hingegen ‘mürbe, zerbrechlich’ – die Bedeutung ‘Sumpf’ kommt SKES zufolge erst dem Kompositum muhamaa (maa ‘Land’) zu – angibt, mit an. mosi ‘Moor, Moos’ gehören, die auf COLLINDER zurückgeht (HOFSTRA 1985, 98 mit Anm.).

94.

Es läßt sich auch Zugehörigkeit des Wortes zu russ. mox (moh) ‘Moos’ vertreten, dem ein älteres mьxь zugrunde liegt.In lautlicher Hinsicht vergleicht sich bezüglich der Vertretung des velaren inlautenden Halbvokals fi.tuska ‘Sorge,Schmerz’

Ostseefi. h < s im Anlaut war bisher im Lehngut nur in baltischen Etymologien ver- treten. Die in jüngster Zeit hinzugekommenen Fälle mit germanischen Originalen basieren auf der Annahme einer Substitution von urgerm. *s durch urostseefi. *š (> h). Unter den Etymologien, die als Beweisstücke dienen,enthalten hakea ‘suchen’ und hauras, hapras ‘spröde, morsch’ zwei weitere ”nichtklassische” Lautentspre-chungen. Die urgermanischen Originale weisen ein *ō bzw. *au in der Stammsilbe auf, für die man ostseefi. *ō (> fi. *uo) bzw. *au erwarten sollte. Im letztgenannten Fall wird eine Substitution durch urostseefi. *ap (karel. ap, fi. au) angenommen.

§ 33. Unter den einschlägigen Etymologien, die nur die in Rede stehende Substitu- tion voraussetzen, scheint die Herleitung desfinnischen huoata/huoka- ‘seufzen, aufatmen’ bzw. huokua ‘atmen, brausen, rauschen’ aus einem durch got. (gaß- wōgjan ‘seufzen’ und ae. swōgan ‘rauschen, tönen’ bezeugten urgermanischen *swōgjan wegen der Belegbarkeit der beiden ostseefinnischen Begriffsbereiche auch bei den germanischen Originalen auf den ersten Blick schlagend.

Tatsächlich ist die Polysemie aber erwartungsgemäß, beispielsweise weist auch das griechische στενω sowohl die Bedeutung ‘seufzen, stöhnen’ als auch ‘laut tönen, brausen, rauschen’ auf, das nämliche gilt für ung. sóhajt ‘seufzen’ mit dem dazugehörigen suhog ‘rauschen, seufzen’. Die Verwandtschaft beruht hier aber auf Lautnachahmung (s. TESz s.vv.). Derselbe Ursprung, d.h. ein deskriptives *sak-, ist auch für die finnischen Wörter die wahrscheinlichste Annahme. Um eine neue Entsprechungsregel etablieren zu können, bedarf es anderer Indizien.

95.

§ 34.Bei hakea ‘suchen’ betrifft die vermeintliche Entsprechung ostseefi.a urgerm. *ō einen Fall, in dem für das germanische Original ō < uridg. *ā angesetzt wird. Dieser Ansatz beruht auf der völligen Gleichsetzung der germanischen Vertretung mit lat. sāgīre ‘aufspüren’ und griech. ηϒεμαι ‘meinen, glauben’ (urspr. ‘verfolgen’). Daß das germanische Verb die gleiche Ablautsstufe wie seine Kognaten vertritt, läßt sich aber nicht zwingend nachweisen. Die zugrunde liegende urindogermanis- che Wurzel ist als *seh2g ‘aufspüren’ anzusetzen, wozu auch heth. šēkk-, šākk- ‘wissen, erfahren’ gehört: 3. Sg. Perf. fakki ‘er hat aufgespürt’ = ‘er weiß’ < uridg. *(se)-soh2g-ei- (EICHNER 85;OETTINGER 450 f.). Das Bedeutungsverhältnis *‘auf-spüren’–> ‘suchen’ usw. läßt nun aber die Deutung zu,daß es sich bei got. sökjan usw. um ein flterativum/Intensivum mit o-Stufe vom Typ wrakjan ‘verfolgen’ handelt.

§ 35. KOIVULEHTO schließt hier ferner fi.hidas ‘langsam’ an,das er über ”frühurfi.” *šitaz zu ”frühurgerm.” ‘šituz (> got. seiÞus ‘spät’) stellt, wobei er zum Verhältnis germ. -us / fi.-as auf die vermeintliche Parallele fi. harras ‘andächtig’ – got. hardus ‘hart, streng“ 52 und bezüglich der Kürze in der finnischen Tonsilbe auf fi. rikas ‘reich’ gegenüber germ. *rīkjaz verweist (1981b,193). Der semantische Zusammen- hang sei banal, die l.c. genannten Parallelfälle für das Nebeneinander von‘langsam’ und ‘spät’ bei dem in Rede stehenden Wort erübrigten sich.

Nicht ohne weiteres nachzuvollziehen ist hingegen KOIVULEHTOS Bemerkung, daß die Bedeutung schon der zugrunde liegenden indogermanischen Wurzel ”innewohne”.

52. Die Erwehnung einer Zurückfürung

96.

POKORNYS ‘nachlassen, loslassen, säumen (spät), langsam, langdauernd’ (IEW 889) ist weiter nichts als eine Projektion der verschiedenen einzelsprachlichen Be- deutungen in die Grundsprache; die Grundbedeutung der Wurzel *seh,(i)- war nach allen Regeln der Rekonstruktion nichts anderes als ‘nachlassen’. Wenn KOIVU-LEHTOs Zusammenstellung richtig sein sollte, wäre die im Finnischen reflektierte Stammklasse das zu Erwartende, denn das zu der in Rede stehenden Wurzel gehörende reguläre Verbaladjektiv müßte *sh,i-tö- ‘nachlassend’ gelautet haben, wogegen sich das gotische Hapax seiÞu als adverbial gebrauchter Akk. Sg. eines maskulinen -tu-Abstraktums plausibel machen läßt (vgl. LÜHR 1978,122 f.). Der o- stämmige Ansatz hätte sogar den Vorteil, daß man kein Wort über die Quantitäts- diskrepanz verlieren müßte und daß die Substitution des germanischen Anlauts durch s angesichts des Laryngals in der KoIVULEHTOschen Konzeption a fortiori akzeptabel würde. Das Wort würde dann allerdings unbedingt in KOIVULEHTOs ”vorgermanische” Entlehnungen einzureihen sein.Substitution von h,nimmt KOIVU- LEHTO auch im Falle eines aus syrj.pöž- ‘bähen, brühen’, ostj.päl- ‘im Fett braten’ rekonstruierten finnisch-ugrischen *püšä an (uridg. *bheh,-) – 198lb,355, 53.

§ 36. Seine zum ersten Mal in Virittäjä 1976 vorgetragene Deutung von fi. hauta ‘Grab, Grube’ wiederholt KOIVULEHTO in PBB in folgender Form:”Fi.hauta (< früh- urfi. *šauta bzw. *šauδa) ‘Grube, Teergrube, Kochgrube; Vertiefung, Grab’, auch ‘Fanggrube’: sudenhauta ‘Wolfsgrube’ < frühurgerm. *sauþa->> ags.sēaþ ‘Grube, Vertiefung,Brunnen,Wasserloch’,wulf-sēap ‘Wolfsgrube (Fanggrube)’ usw. Daneben urgerm. *sauþja -> urn. *sauþia- > gotl. söde (dial. Lautform säide) ‘Teergrube’; aus urn. *sauþia ist südlp. saude ‘Teergrube’ entlehnt worden.

53. Koivulehto vereint lapp. bässe ‘braten, rösten’, syrj. pöä- ‘bähen, brühen, schmoren’, wotj. pyä- ‘braten, backen’, ostj. päl- ‘im Fett braten’ unter fugr. *püšä-,das er über älteres ‘pešä- aus uridg. *b”eh,- entlehnt sein läßt (355). Eine Grundform *pisä- würde nach ihm den außerlappischen Vertretungen nicht gerecht. Tatsächlich weisen aber auch die obugrischen Vertretungen auf urobugr. *i < fugr. *i (s. STEINITZ 1955, 216; 1964, 60 f.; HONTI 1982, 173), während die permischen Wörter (wotj. S pḭž, K pǝz‘, syrj. S P pḙž-‚ PO pùž-) auf ursprünglichen velaren Vokalismus weisen (UEW 385) und somit auch KOIVULEHTos *püsä- nicht genügen. KOIVULEHTO müßte mithin motivieren, wie aus uridg. *b”eh,- fugr. *pišä- geworden ist. 97 Die germ.Wörter zu germ. *seiþa- ‘sieden=keittää”’ (198lb,193).Hier muß man sich zunächst fragen, welcher Stellenwert in der Argumentation den übereinstimmenden Bedeutungsangaben zukommen soll. Meint KOIVULEHTO, daß die Existenz eines finnischen Determinativsyntagmas suden hauta im Verein mit dem angelsächsis- chen Kompositum wulfisēap die Richtigkeit seiner Etymologie untermauert? Natürlich kann ein Wort,wenn es einmal die allgemeine Bedeutung ‘Grube’ erhalten hat, auch in entsprechenden Kontexten in der Bedeutung ‘Fanggrube’ verwendet werden. ”Am verbreitetsten waren die wolfsgruben”, heißt es bei GRIMM (9, 605 a). Auch ung. verem, zunächst als ‘Vorratsgrube’ entlehnt (vgl. § 70), wird schon 1335 in der Bedeutung ‘Fanggrube’ verwendet: forcos-werum ‘fovea lupis capiendis’ (OklSz. s.v. farkas-verem). Die von KOIVULEHTO angeführten Spezialbedeutungen besagen also nichts für das Urgermanische bzw. Urostseefinnische. Ähnlich verhält es sich mit der ‘Teer-grube’.Wenn das gotländische Wort tatsächlich nur diese Spezialbedeutung haben sollte, so ist darauf zu verweisen, daß es sich um eine Ableitung handelt, was wie- derum für die Bedeutungsstruktur des vermuteten urgermanischen Etymons von fi. hauta gar nichts bedeutet. Der germanische einzelsprachliche Befund und die Ety- mologie des in Rede stehenden germanischen Wortes weisen auf eine Grundbe- deutung ‘Wasserloch, Quelle’ und auf sonst nichts.Von dieser Bedeutung aus ließe sich sogar die Ableitung im Sinne von ‘Teergrube’, d.h. ”grube, woraus ein mit berg- theer oder bergöl durchzogener sand gegraben wird” (GRIMM 1984, 9, 345), direkt erklären, wenn man berücksichtigt, daß man in Gotland den Teer tabuistisch mit vätan ‘Feuchtigkeit’ und der väta ‘das Nasse’ bezeichnet (KLUGE/MITZKA s.v.). Selbstverständlich kann sich die allgemeine Bedeutung ‘Grube’ im Ostseefinnis- chen entwickelt haben, aber diese zusätzliche Annahme mindert den Wert der Etymologie. Vollends fragwürdig wird diese freilich durch Einbeziehung des lappischen suow’de ‘Kierne; Rachen’. KOIVULEHTO kann noch ein Dutzend Parallelen der Art an. geil ‘längliche Kluft’,aschwed.gel ‘Fischkieme’,gotl.gail ‘großer offener Mund; Schlund, Hals; Fischkieme’ (vgl. HOFSTRA 131) beibringen: frühurgerm. *sauþa- ‘Quelle, Wasserloch’ ist für fi. hauta ‘Grube, Grab’ und lapp. N suow’de ‘Fischkieme, Rachen’ kein Etymon, das zum Nachweis germanischen Einflusses auf das ”Frühurfinnische” herangezogen werden kann. 98 Da behält man für fi. hauta besser eine andere, auf LÖNNROT zufückgehende (s. KALIMA 1936,98) Erklärungsmöglichkeit im Auge: Berücksichtigt man die finnis- chen Wörter haudikas, haudikka, hautanauris ‘in einer erhitzten Grube gekochte Rüben’ und lüd.haud(e) ‘naurishaudikas’,haudriik ‘Rübengrube’, ‘gebähte Rüben (haudottu nauris)’ (SKES s.v. hauta), so drängt sich der Gedanke auf, daß hauta ursprünglich die zum Kochen von Rüben benutzte Grube war und mit dem Verb hautoa ‘bähen, brüten’, estn. haududa ‘brüten, wärmen’ usw. (s. SKES) zusam-menzustellen ist. Das Verb wird zweifelnd mit lit. šautas ‘Kohlsuppe’ bzw. lett. sautāt ‘hautoa; schlagen’ in Verbindung gebracht (SKES). [HM: Suomen ”hauta” tarkoittaa ennen kaikkea tervan- ja ruukunpoltto- sekä pais- tohautaa. Se tulee liettuan sanosta ”džiáuta” (džiáuti: džiáuna (-ja), džióvė) ja latvian sanasta ”žauta” (žaut: žauj/žauna, žāva) = ”kuivamaan, paistumaan, savustumaan, poltettvaksi tervaksi, viinaksi, asetettu”. Прабалтийский: *deû- (2) vb. tr., *dǖ- vb. intr. [[Väärin: Tulee kanta-IE:n verbistä *genti, josta tulevat myös liettuan ginti (gena) = ajaa (takaa),ginti (gyna) = puolustaa,latvian dzīt (dzinu) = ajaa tislata,polttaa (vii- naa, tervaa), kuurin *dzautum (*dzauna), peussin guntun, guntwei (gunna) = ajaa, vasarakiervessana lienee ollut gwaiti, gwainu, josta voi tulla sekö kainu(u) (tervan-poltto) että vainu, vaino (ajo, metsästys sota), ja siitä tulee myös ”tökötiksi tislat- tava” eli *goivu. Vasarakirveskansa tislasi todistettavasti oivua eikä mäntyä. On saattanut olla myöe arkaaisempi muoto (tai sellsinen jopa saattanut tulla myöhem- min etelästä *gwen-ti [gwäänti…]= muuttaa kantabaltista: kääntää ja vääntää!]] Значение: dry PRNUM: PRNUM plus-8.png Литовский: džiáuti (džiáuja/džiáuna, džiṓvē) `zum Trocknen aufhängen’, džiū́ti (džiū́sta/džių̃va, džiùvō) ’trocken, dürr werden’ Латышский: žaût (žaûja/žaûna, žâva) tr. `trocknen, zum Trocknen aushängen’, žût (žûstu, žuvu) intr. ’trocknen’, žavêt, žâvêt (-ẽju) tr. ’trocknen, räuchern’ [Semema ‘džiūti’ (jos tranzityvinis opozitas yra ‘kabinti, dėti,kad džiūtų’) gali remtis ‘išbėgti, ištekėti,išsekti (apie skysčius,sultis)’:] lie. džiū́ti,džiáuti, la.žût ‘džiovinti’, žaût ‘džiovinti, iškabinėti džiovinti’: lie. džiáuti ‘bėgti, greitai eiti’, la. žautiês ‘bėgti’, žaut ‘laistyti, lieti, smarkiai lyti’, s. i. dhavate ‘jis bėga, teka’, gr. θέιο ‘bėgu’. этимология слова гнать гоню́, укр. гна́ти, 1 л. ед. ч. жену́, др.-русск. гънати, 1 л. ед. ч. жену, ст.-слав. гънати, женѫ ἐλαύνω (Супр.),сербохорв. гна̏ти, жȅне̑м,чеш.hnáti,ženu, слвц. hnat’, польск. gnać, в.-луж. hnać, н.-луж. gnaś. Родственно лит. genù, giñti «гнать», ginù,gìnti,лтш. dzęnu,dzìt «защищать»,др.-прусск. guntwei «гнать», gunnimai «мы гоним», далее, др.-инд. hánti «бьет», авест. ǰainti, греч. θείνω «бью, рублю», алб. gjanj «гоню»,ирл. gonim «раню»,арм.gan «удары, побои», греч. φόνος «убийство»,др.-исл.gandr м. «тонкая палка», gunnr,guðr ж. «борь- ба»; Френкель, IF 51,142; Мейе – Вайан 21.Об алб. gjanj «гоню»,gjah «охота», которые Г.Майер относит сюда жe. Ст.-слав. прич. гънанъ Зубатый сравнивает с др.-инд.(ā)ghnānás «сражающийся»,авест.avaɣnāna- «убийца». Не требуется разделять женѫ и гънати и сравнивать последнее с лит. gáunu «получаю». § 37. Die Tatsache, daß ”idg. *sē(i) ‘werfen, schleudern’ [HM: Tämä ei ole kantaindoeurooppaa, eikä kantabalttikaan. Kantabaltin verbi kylvää on suomeksi ”*maattaa”, panna maahan eli *žem-ti > žēmē

Tästä voi tulla myös suomen heittää. ]

einem zusammenhängenden alteuropäischen Gebiet zu ‘Samen auswerfen = säen’ spezialisiert wurde” (198lb,190) nötigt KOIVULEHTO im Interesse einer Verbindung mit fi.heittää (nur ‘werfen’) zu folgender Feststellung:”Im Hinblick auf die Semantik fordert die germ.Etymologie für frühurfi.*fejttä also eine sehr frühe Entlehnungszeit. Zur Zeit der Entlehnung muß das urgerm. (oder erst vorgerm.) Verb noch auch im ursprünglichen, generellen Sinne >werfen, fallen lassen< gebraucht worden sein > werfen< >>säen< eine Stufe gegeben hat, – ja, gegeben haben muß -,auf der beide Gebrauchsweisen nebeneinander existierten, eine abrupte Bedeutungsänderung ist nicht vorstellbar” (191). Er geht mithin von einem Zustand aus, der z.B. im heutigen Ungarischen herrscht, wo vetni die beiden in Rede stehenden Bedeutungen aufweist (vgl. auch die Ablei- tung in kocka vetése ‘der Wurf’ – kocka ‘Würfel = arpakuutio’ und kikel a vetés ‘die Saat geht auf’ – kikelni ‘aufgehen’). Diese Phase kann aber zu urgermanischer oder ”vorgermanischer” Zeit bereits abgeschlossen gewesen sein, d.h., das Neben-einander von ‘werfen’ und ‘säen’ im Ur- bzw. Vorgermanischen ist eine Zusatzhypo-these,die die Güte der Etymologie mindert.Als Beweismittel für germ.*s > ”frühurfi.” *š > fi. h ist sie von vornherein nur bedingt geeignet.

99

Die von KOIVULEHTO l.c. erwähnten Zweifel an der Richtigkeit der Herleitung von griech. (jemi) ‘werfe, (ent)sende, schicke’ von uridg. *sē(i)-, gegen deren Berechti- gung KOIVULEHTO zufolge ”einigermaßen die Schlachtreihe, Heer’ und prásita- ‘dahinschießend (von Vögeln)’ sprechen würden, ”die nicht gut von idg. *sē(i)- getrennt werden können” (189) – was natürlich nichts für {nur besagt 54 – sind aber durchaus angebracht.

FRISK,auf den sich KOIVULEHTO bezüglich der erwähnten Zweifel beruft, vermerkt ausdrücklich: ”Die Proportion äünxa (epseha): fēcī: änxoc (epsha): iēcī spricht ent- schieden für einen genetischen Zusammenhang zwischen den beiden letztgenann- ten Formen” (s.v.ί (jemi)). KOIVULEHTO übersieht 55 außerdem, daß auch in neu- eren Arbeiten dieser Zusammenhang vertreten wird.Der Ansatz *h(ī)i-hieh,-mi wird im Gegensatz zu einem *si-seh‚-mi (und allerdings auch einem i´i-jeh,-mi’, das RIX angibt – 1976 § 218 b) der genuin attischen Form hīēmi gerecht (s. PETERS 1976 und 1980, 107); {(jemi) erklärt sich durch den Einfluß von öiöwut (thithomi) usw. Zu (jemi) stellt OETTINGER noch heth. (pi)e-mi ‘(hin)schicken’ (348).

[HM:kanta-IE:n/-baltin *žem-ti voi mainiosti tulla myös kreikan ieti- ja jopa liettuan ietis = keihäs (vaikka se ei kylvämiseen mitenkään liitykään, josta sana varsinai- sesti olisi lähtenyt).]

Mit der Trennung von (jeti) und uridg. *seh‚- entfällt aber auch FRISKs Argument, durch das Nebeneinander von arm.himn ‘Grundlage’ (mutmaßlich *sēmen-), griech. fiua ‘Werfen, Speerwurf’, lat. sēmen ‘Samen’ werde die ”schwerwiegende Einwen- dung, daß idg. *se(i)- ‘entsenden, werfen’ auf europäischem Boden sonst nur im Sinne von ‘säen’ vorkommt, und Armenisch einigermaßen abgeschwächt werden”. Da im Altindischen das zugrunde liegende Verb nicht belegt ist – es wäre aber noch prásiti-gewaltsames Vordringen, heftiger Andrang’ hierherzustellen (s. IEW 890), während die Zugehörigkeit von prásita-, das nur zweimal als Epitheton des soma- bringenden Vogels (Adlers) belegt ist, nicht sicher zu sein scheint (s. KEWA) – beschränkt sich die Bedeutung ‘werfen’ auf ein paar nominale Ableitungen und das Hethitische. Dieser Befund spricht dafür, daß die vermutete Grundbedeutung von germ. *sējan bereits im Spätindogermanischen gar nicht mehr vorhanden war.

54. und was natürlich auch niemandem einfällt!

55. Es verwundert, daß sich KOIVULEHTO bei einer so schwerwiegenden Voraussetzung nur auf FRISKs Wörterbuch verläßt.

100.

§ 38. Das bei der Deutung von heittää als strukturelle Parallele fungierende peittää ‘bedecken, verhüllen, verbergen, verhehlen, verheimlichen’, dessen Zusammenstel- lung mit dt. bähen ‘durch Umschläge wärmen; Brot rösten’ nur mittels einer weit- schweifigen semantischen Überlegung zu bewerkstelligen ist – “Wärmen, bähen’ und ‘bedecken, verhüllen’ verbinden sich dadurch, daß man einen Menschen (bzw. eine kranke Körperstelle und dgl.) wärmen und warmhalten kann, indem man ihn warm zudeckt, in >>Umschläge<< hüllt, ihn einwickelt, >einbettet< (KOIVULEHTO 1981b,196) erklärt sich einfacher mit got.gapaidōn (vgl. auch mhd. enphetten ‘ent- kleiden; ausschirren’ – LEXER).In semantischer Hinsicht bestehen keine Probleme: ‘bekleiden’ ist schon so viel wie ‘bedecken’; zur Bedeutung ‘bemänteln’ im Sinne von ‘verhehlen’ ist es nicht weit. Die Tatsache, daß es unter den Verben auf -Vitta-/ -Vittä- eine Reihe von suffixalen Bildungen gibt (koitta- ‘dämmern’ zu koi ‘Morgen- röte’ usw. KOIVULEHTO 1981b.196),kann nun aber nicht bedeuten,daß alle Verben dieser Struktur so analysiert werden müssen.

[HM: Koittaa (vsk.) ja keittää (mlt.) tulevat sanasta *kepti = paistaa,kovattaa kuu- mentamalla. Siitä tulevat myös mm. Koitere ja Keitele. Aurinko ”paistoi” myös vasarakirveille. Liettuassa se ”keittää”. Vitsissä Kuu sitten ”paistaa”: ”Saulė virė, saulė virė, menuselis kepė!” (lastenloru)]

Daß eine Segmentierung pej+ttä-”strukturell … die einzige motivierte Lösung” sein soll (KOIVULEHTO l.c.), ist nicht akzeptabel. Gerade ein Lehnwort konnte natürlich aus verschiedenen Gründen in diesen Typ eingebaut werden. So ist nicht auszu-schließen, daß ein *(ga)-paidō-jan ebenso einen ostseefinnischen Verbalstamm *peittä- (d.h. *peit + tä-) liefert wie laut KOIVULEHTO (1981b, 358, Anm. 52) ein germanischer Stamm *sniþa-‘schneiden’ nicht einen finnischen Verbalstamm *nīta – wie nach den bloßen Phonementsprechungsregeln zu erwarten wäre – , sondern fi. niittä- (*nīt + tä-) ‘mähen’ geliefert haben soll.

[HM: Peittää tulee samasta kantabaltin sanasta *pen-ti = liho(tta)a, juottaa (teu- raaksi, lt. penus, -i), kuin vasarairvaeesana *paita = mahanpeiterasva. Peittää on myöhemmin ainakin suomeen tullut muoto. Myös piimä on samaa juurta luultavasti vasarakierveskeilen maitoa tarkoittaneesta sanasta *pen-mas (*pinmas, *pynmas), viron piim, liettuan pienas, kuurin *peinas.

http://etimologija.baltnexus.lt/?w=pen%C4%97ti ]

Zum Vokalismus sei auf fi. keihäs ‘Speer’ (< urgerm. *gaizaz) hingewiesen.

§ 39. Damit entfiele eine Etymologie KOIVULEHTOS, die ”zusätzlich” eine auf de VRIES zurückgehende Deutung von urgerm. *bada- ‘Bett’ ”unterbaut” (1981b 203): Germ. *baþa- ‘Bad’, genauer ‘Dampfbad’ hätte als -to- Bildung von uridg. *b”eh,- ‘bähen, wärmen’ ursprünglich ‘Wärme, Warmes (- Schutz,Obdach)’ bedeutet (201).

Germ.*badja- hieße demzufolge ‘was mit dieser Wärme zusammenhängt’ bzw.‘die warme Stelle, wo man vor der Kälte geschützt ist’:”DieserAnsatz,der sich aus dem Derivationsverhältnis von selbst ergibt, ist einleuchtend: in der nordischen Urheimat der Germanen konnte das Bett sehr natürlich als die geschützte Stelle benannt werden, wo man sich wärmen,»sich einbähen«,sich warm zudecken konnte” (201).

[Paha on ruteenilaista kanbaltin sanasta blogas, venäjän plohoi, uskonnollisvaikutteinen ruteenilaina.

Lie. blogas, la. blāgs ‘silpnas, niekingas, blogas’, abu galbūt < br. (valkoven.) błahij ‘blogas, bjaurus’, r. blagoj ‘stuobrys, bjaurus’, galbūt giminiškas lo. flaccus ‘nulėpęs, silpnas’ ir t. t.] 101. Daß der Namengebung ein Prinzip ”so richtig nett – ist’s nur im Bett” zugrunde ge- legen haben soll, entspricht vielleicht nicht ganz dem Bild,das man sich gemeinhin von den alten Germanen macht, ausschließen kann man eine solche Semantik natürlich nicht. Zur herkömmlichen Deutung des gemeingermanischen Wortes für ‘Bett’ als ‘Grube’ (uridg.*bʰedʰ- graben’) bemerkt KOIVULEHTO noch: ”Die >Grube< an sich ist nicht das Wesentliche, sondern >Wärme, Bähung, Schutz, Deckung?“ 56. (203).

Im gleichen Jahr wie KOIVULEHTO äußert auch SEEBOLD Bedenken gegen die bei KLUGE/ MITZKA gegebene Erklärung des germanischen *baaja- (1981 § 338). Er meint, daß es Tacitus sicher erwähnt hätte, wenn die Germanen wie die Fenni auf dem Erdboden geschlafen hätten.

Erdhöhlen als Schlafstätten seien nur für die Buschmänner bezeugt, also aus einem Gebiet mit ganz anderen klimatischen Bedingungen und kulturellen Verhält-nissen. SEEBOLD weist aber auch darauf hin, daß die Germanen auf – entlang den Wänden angeordneten -”Erdbänken” gesessen und geschlafen hätten.

Nun ist die Erklärung als ‘Grube’ nicht die einzig mögliche Anknüpfung an die Wur- zel *bʰedʰ- Geht man von einer Bedeutung ‘stechen, hineinstecken’ aus, wie sie etwa für apr. boadis ‘Stich’, lit. baslys ‘Pfahl’ anzusetzen ist, könnte man auch an ein in den Boden des Wohnhauses gerammtes Bettgestell denken 57.Diese Herlei- tung eröffnet die Möglichkeit der Deutung eines weiteren finnischen Wortes.

Urgerm. *bađja- könnte Kollektiv zu einem maskulinen *ƀađjaz in der Bedeutung ‘Pfahl = paalu, Säule = pyväs’ sein. Mit den neuen Ansichten über die Genese der ostseefinnischen ”langen Affrikata” (s. HOFSTRA 1985, 165 ff.) ließe sich diese Bildung in fi. patsas ‘Säule, Pfeiler = pilari, etwa als Stütze für bühnenartige Aufbe-wahrungsräume; Pritsche u.dgl.’ (KOIVULEHTO 1981b,346,Anm. 45) wiederfinden.

56 Gemeint ist offenbar ”Bedeckung”.

57 Auch für die urslavische Zeit lassen sich Pritschen als Schlafgelegenheit wahrscheinlich machen, vgl. abg.‚ aruss. odpb ‘xlivn (kline), xpöcßßocroc’, russ. odp ‘Bett, Lager’, bg. odbp (od´r) ‘Bretterdiele, Bett’, skr. òdar ‘Bett, Gestell’ (sln. óder ‘Gerüst’, čech. odr ‘Pfahl’, russ. odëp ‘Wagengestell, Gerüst’) – s. VASMER 256.

102.

KOIVULEHTO führt dieses Wort allerdings auf ein urgermanisches *bandsaz ”pri- mitiver Viehstall mit Säulenkonstruktion = Heustapel, Heubühne u.dgl.’ (> an. báss ‘Kuhstand, Lagerraum’, nd. bōs ‘Viehstall’) zurück (l.c.). Eine Ableitung von diesem Wort findet KOIVULEHTO in fi. pohja ‘Boden, Grund’ wieder (s.u.).KOIVULEHTOs Hinweis auf das Fehlen einer weiteren Kontinuante der urindogermanischen Wurzel *bʰedʰ– im Germanischen (199) ist freilich ernstzunehmen. Das Germanische böte im übrigen die einzige Evidenz für die auslautende Media aspirata der Wurzel (vgl. IEW), was Relevanz für die LACHMANNsche Regel des Lateinischen hätte: fossus statt *fōssus (fodere ‘stechen, graben’) wäre im Falle von uridg. *bʰed- eine Ausnahme.

Die Wurzel für ‘bähen’ spielt noch bei einer weiteren Etymologie eine Rolle. HOFSTRA bezieht ohne Vorbehalte KOIVULEHTOS Erklärung von fi. paistaa ‘braten, rösten, der Wärme aussetzen, backen, scheinen (von Sonne und Mond)’ in seine semantische Analyse ein (1985, 344 ff.).

Er gibt die beiden Ansätze nwgerm.*bāja- (mhd.bæjen) und ”(früh)urgerm.” *baka- (ahd. bahhan) – 193. Wegen der starken Polysemie des Wortes sei ein sehr früher Entlehnungszeitpunkt anzunehmen, der sich dann aber nicht mit dem im Etymon *bāja- reflektierten Wechsel urgerm. *ē > nwgerm. ā vertrage. Die Herleitung aus *baka- wiederum erfordert aber die ad-hoc-Annahme eines Überganges *ayi > ai im Urostseefinnischen (l.c.). Damit beruht die Wertung der Zusammenstellung von fi. paista- mit germ. *bēja, *baka- auf der Überzeugung, daß es kein Zufall sein kann, daß das ostseefinnische und das germanische Wort mit labialem Verschluß- laut anlauten und ein Ansatz *paßista- eine ”in früheren Phasen des Finnisch-Ugrischen innerhalb des Wurzelmorphems unmögliche Verbindung von drei Konsonanten” (l.c.) aufweisen würde.

Urostseefi. ‘pajsta- muß nun aber als Erbwort kein altes ”Wurzelmorphem” sein, sondern es kann dem Wort ein Typ *paise- zugrunde liegen, vgl. haise- (intr.); haista- (trans.) ‘riechen’. Der Umstand, daß für paista- keine entsprechende Basis nachgewiesen werden kann, rechtfertigt zwar den Versuch, es als Lehnwort zu deuten (KOIVULEHTO 1981b, 351), einen zwingenden Grund für eine Deutung als Übernahme einer primären oder sekundären Kontinuante von uridg. *bʰeh1- gibt es aber nicht.

Solange KOIVULEHTO keine klare Entscheidung zugunsten des einen der beiden germanischen Kandidaten liefern will,kann man die Zusammenstellung nicht zu den sicheren Gleichungen rechnen und die Eruierung des genauen Etymons eine cura posterior sein lassen.

103.

Im übrigen ist die oben erwähnte Beschränkungsregel nicht pauschal zu beurteilen, jedenfalls impliziert ein grundsprachlicher Ansatz *eukk3 (UEW 76), daß unter bestimmten Voraussetzungen drei konsonantische Moren zugelassen waren. Vgl. auch *jonkc’e (> f. joutsen ‘Schwan’ – UEW 101).

§ 40. Unter den Wörtern, die ostseefi. o für urgerm. *a aufweisen, rangieren bei KOIVULEHTO auch fi. lovi ‘Einschnitt, Kerbe’ (< urgerm. *law[w]ō-‚ vgl. an. logg ‘Falz in den Dauben eines Fasses’) und fi. ronkka ‘Hüfte = lonkka’ (< urgerm. *wranhō, vgl. schwed. ro ‘id.’) sowie fi. lonkka ‘Hüfte’ (< urgerm. *hlankō-, vgl. mhd. lanke) – s. HOFSTRA 1985,123 f. Daß am Beginn der germanisch-finnischen Lehnbeziehungen ausgerechnet Wörter mit der Bedeutung ‘Kerbe = leikkaus (puu- hun ym.),pykälä’ und ‘Hüfte’ gestanden haben sollen, erweckt wiederum Bedenken. Der Fall lovi dürfte sich durch HOFSTRAS Zusammenstellung des Wortes mit an. klofi ‘Kluft, Riß, Spalt zwischen den Beinen’, norw. klov ‘id.’‚ schwed. (dial.) klov ‘Stelle, wo sich etwas spalten läßt; Spalte im Felsen’ u.a. erledigt haben. [HM: Lovi on samaa juurta kui liettua lovys = koverrettu ruuhi lóva = vuode, lepopaikka Straipsnelis: lāu- ‘gultis, įduba’: lie. lóva ‘Bett’, lovỹs ‘Trog = ruuhi, lovys yhdestä puusta kover-rettu, ”leikattu”, Belt (eines Wasserlanfes)’, la. lâva ‘pirties suolas = > sm. lavo, gultas, miego vieta ir t.t.’, r. láva ir t.t. ‘sienos suolas’, dial. ‘lentinė medžiotojų sėdynė medžiuose’

(Vasmer; Walde-Pokorny II 407,Pokorny IEW 682 kaip ‘nupjauta lenta’ su leu- ‘nupjauti, atskirti’;

Kantaindoeuroopan ja -baltin verbi ei ole **leu- vaan se on sma *len- = irrottaa, irrottautua, vapauttaa, vapautua, lentää (?), jättä(yty)ä, jäädä (sivuun), laskeutua, lento, lansi, länsi. Muoto *lauti, launa, lovė” on länsibalttilainen, tätä perua voi olla myös jopa lieti = sataa (”vapauttaa vettä”), lyti on valaa jne.

Fraenkel LEW 387: „Neaišku, ar lie. lóva priklauso lie. liáutis ‘aufhören = sallia’, pr. aulaūt ‘mirti’ šeimai, ar liáutis 2 ‘būti nupjautam, sužabotam’ šeimai)…]

Zwar ist die Einordnung eines späten Lehnwortes in die e-Klasse nicht gewöhnlich, HOFSTRA kann aber zumindest auf den Parallelfall fi. piki ‘Pech’ hinweisen (404). Bei den anderen beiden Kandidaten fällt zunächst der Reimstatus auf, und SKES behandelt lonkka dann auch als Variante von ronkka (s.v.). In der Tat könnte die offenbar nur im Finnischen belegbare l-Form durch Kontamination mit dem in der Wendung olla longallaan ‘krumm stehen, geneigt sein’ vorkommenden lonka ‘schief, krumm’ entstanden sein; die Abweichung in der Quantität des Klusils dürfte hierbei unerheblich sein.

Für ronkka ist zu berücksichtigen, daß die erforderliche Bedeutung nur im Schwe-dischen zu belegen ist; sie kann nicht ohne weiteres ins Urgermanische reprojiziert werden, sie versteht sich am ehesten aus einer Bedeutung ‘Ecke, Kante, Winkel’ (vgl. an. ró). Die Entsprechungen in den verwandten Sprachen zeigen eine ganz andere Bedeutungspalette, z.B. dt. wringen, engl. wrong ‘falsch, unrecht’, got. wruggō ‘Schlinge’ (s. HOLTHAUSEN 1934 s.vv. wrang bzw. wringan).

[HM: Wrong on samaa kantaindoeuroopan wer- juurta (kääntää, läpäistä) kuin suomen väärä.]

104

Ostseefi. o für einen germanischen a-Vokalismus wird auch im Falle von fi. olut ‘Bier’ für möglich gehalten (vgl. HOFSTRA 1985, S. 29). Wenn ae. ealu(δ), an. Ql, lit. alus, oss. aaluton mit lat. alūta ‘Alaunleder’, alūmen ‘Alaun = aluna’ und griech. (Hesych) (alud(o)imon) ‘bitter’ zusammenzustellen sind, ginge das a hier auf uridg. *a zurück. Wenn es also ”zu derselben frühen Lehnwortschicht wie fi. mallas ‘Malz’ hören” könnte (HOFSTRA a.a.O.), müßte germ. a zum gleichen Zeitpunkt mit urostseefi. *a wie mit *o wiedergegeben worden sein; man könnte dann – ad hoc – den folgenden Lateral für die Wahl des gerundeten Vokals verant-wortlich machen. Nun hat aber das Altenglische den auslautenden Dental des in Rede stehenden Wortes bis zum Einsetzen der schriftlichen Überlieferung bewahrt. Auch für das Altnordische ist die Bewahrung bis zur Wirkung des u-Umlautes denkbar, zumal in an. oldr (< *aluþra-), das wie ol ‘Bier; Trunk, Biergelage’ bedeu- tet, der Dental noch vorhanden ist. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß das ostseefinnische Wort auf eine altnordische Form mit noch erhaltenem Dental und nicht synkopiertem u der Binnensilbe, aber bereits gerundetem Anlautsvokal zurückgeht. Der ”ältere u-Umlaut, bei Schwund des u nach kurzer Silbe” wird von HEUSLER zwischen ”700 und 850 datiert. Daß es gerade die Wikinger waren, die das ”Brauereiwesen” der Ostseefinnen Vervollkommnet haben, ist vom altnordis- chen Schrifttum her betrachtet sehr plausibel”. § 41. KOIVULEHTO weist mit Recht darauf hin, daß die von VASMER irrtümlich KALIMA zugeschriebene Annahme einer russischen Herkunft von fi. ohja(t) ‘Zügel’ nicht möglich ist, da russ. ж nicht mehr durch ostseefi. *š (> h) substituiert sein kann und der Schwund des v nicht erklärbar ist (1986, 288, Anm. 11). Hingegen erscheint baltische Herkunft des Wortes zumindest diskutabel. Die Affrizierung von *dj ist aufgrund des litauischen und lettischen Befundes allenfalls für das Urostbal-tische anzunehmen (apr. median ‘Baum’ spricht gegen höheres Alter).

58. W.P. SCHMID zufolge ist das ossetische Wort eine Entlehnung aus dem Germanischen (1986, 188), das ostseefinnische Wort hingegen eine baltische Entlehnung (189).

105.

Da balt. a im Ostseefinnischen auch durch o repräsentiert sein kann (fi. lohi ‘Lachs’, vgl.lit. lāšis; fi. morsian ‘Braut’,vgl.lit. marti; fi. orsi ‘Balken’,vgl. lit. ardas – s. KALIMA 1936, 65) und die Doppelkonsonanz vor *i nicht hätte wiedergegeben werden können,bliebe bei einer Zurück-führung von ohja(t) auf urostbalt. *vadžia- [wad´a] nur der Schwund des v- zu erklären.Nun ist im Lappisch-Ostseefinnischen ein Schwund des ererbten *v- vor Labialvokal eingetreten (lapp. oal’ge, fi. olka ‘Schulter’ gegenüber ung. väll ‘id.’, s. KORHONEN 1981,131). Von daher wäre verständlich,daß ein *vošja- (<balt.*vadžja-) als *ošja realisiert wurde.

Urbalt. *ō ist durch urostseefi. *vō- (fi. vuo-) repräsentiert: fi. vuohi ‘Ziege’ (vgl. lit. 0537s), fi. vuota ‘eine geschundene, rohe Haut vom Rindvieh oder Pferd’ (lit. òda ‘Haut des lebenden Körpers, nicht der abgezogene Balg, sowohl von Menschen als von Tieren’, lett. āda ‘der Balg, im rohen Zustande,das Fell;im gegerbten Zustande, das Leder; die menschliche Haut …’) – s. KALIMA 1936, 67 und s.vv. In dem von vuohi schwerlich zu trennenden finnischen vohla ‘Zicke’ (vgl. lit. oželis ‘Zicklein’, s. KALIMA 1936, 181) dürfte Kürzung des älteren ostseefinnischen *o vor Doppel-konsonanz vorliegen.Die Vertretung eines urbaltischen *ō- durch ostseefi. *vo- wird damit erklärt, daß es zum Zeitpunkt der Entlehnung kein anlautendes o im Ostsee-finnischen gegeben hat (KALIMA 1936,67). Das setzt voraus,daß der Schwund des grundsprachlichen *v- auch vor *ō eingetreten ist, wogegen zunächst lapp. vuollät, fi. vuolla ‘schnitzen,kratzen’ (syrj. vola-vnis,wog.ßalt-) und lapp. vuoggjä, fi. voi < *vōje (< fugr. *voje?) ‘Butter’ (mordw. E oj, syrj. vgj, ostj. uj, ung. vaj) sprechen würden. Es kann aber angenommen werden, daß diese Fälle auf einem späteren v- Vorschlag beruhen (s.KORHONEN l.c.). Zur Zeit der Übernahme der oben genann- ten baltischen Wörter kann es also bereits wieder eine Sequenz *vō- gegeben haben, so daß eine entsprechende Substitution eingetreten sein kann. Vor kurzem Labialvokal hat jedoch ein Vokalvorschlag auf jeden Fall nicht stattgefunden. Dem- zufolge gibt es vo- nur in späten Entlehnungen bzw. deskriptiven Bildungen. Es ist aber auch jetzt noch selten.

Möglicherweise gibt es noch einen Fall mit ostseefi. o- < urbalt. *va- [wa-, HM]. Fi. orsi ‘Sparren, Balken’ wird in SKES aus urbalt. *ardis hergeleitet, das zu lett. ärds ‘Dörrbalken in der Heizriege; dicke Stangen, die über oder neben dem Ofen Kleider usw. angebracht sind’ (s. KALIMA 1936, 143) geworden sein soll.

106.

Nun hat das lettische Wort aber gewöhnlich den Plural ardi (FRAENKEL s.v. ardas). Für das Urbaltische ist mithin ein *ardas zu rekonstruieren. Da das bei KALIMA erwähnte ärde auch nur dialektal ist, gibt es mithin für eine andere urbal-tische Basis keine Evidenz. Das nahezu gleichbedeutende lettische värde ‘der Streckbalken an der Zimmerdecke;zwei an den Streckbalken aufgehängte Stangen zum Aufbewahren von Sachen, auch von Nutzholz und Pergeln (um dort – namentl. über dem Ofen) zu trocknen; eine Stange, wo Fische zum Dörren aufgehängt wer- den´ usw.(MÜHLENBACH 5,499 f.) hat aber nun in lit.(apyvardė ‘Hopfenstange = humalistonsalko’ eine genaue Entsprechung (FRAENKEL s.v. virdis ‘Querbalken’). Es ergibt sich mithin hier für das Urostbaltische ein (j)ē-Stamm, der im Ostseefin-nischen gewöhnlich in den Typ orte- mündete (s. KALIMA 1936, 82).

Fi. morsian, wohl ein urbaltischer Akk. *martian 59, weist auf einen Entlehnungs-zeitpunkt vor der Affrizierung“. Im Falle von tyhjä ‘leer’ hätte sowohl das *t in *tustja- als auch das *č” in *tusčja- eliminiert werden können. Fi. ohja müßte aber nicht zur ältesten Schicht der baltischen Lehnwörter zählen. Fi. o für balt. a könnte auch auf eine Eigentümlichkeit eines urbaltischen Dialekts zurückgehen. Auch in KALIMA 1936 wird höheres Alter der o-Wörter nur als eine Möglichkeit erwogen (65). Aber dennoch wird man für das Ostseefinnische von noch nicht eingetretener Affrizierung ausgehen müssen, wenn auch SHEVELEVs Datierung der letzteren ins 14. bis 15. Jahrhundert (212) schwerlich das Richtige trifft. Man müßte mithin für das Baltische Einkreuzung eines formal und bedeutungsmäßig nahestehenden Verbs annehmen, das in lit. važioti, važiuoti ‘fahren’ fortgesetzt ist.Durch Einkreu- zung der russischen Entsprechung dieses Verbs (603- ‘fahren’) auf einer Stufe *vodža- (< *vodia-) ist offensichtlich auch die Geminate in russ. вoжжa (vožža) Zügel’ zu erklären; ein */vozža/ konnte nur als вoжжa realisiert werden 61.

59. Anders KOIVULEHTO 1990, 10.

60. Vermutlich wäre aber auch die Affrikate wie in slavischen Entlehnungen durch s substituiert worden.

61. Die von SHEVELEV (184) für das russische Wort ad hoc angesetzte Form *vod-d-i- hat nichts für sich.

107

KOIVULEHTO führt indessen fi. ohja(t) ‘Zügel’ auf urgerm. *ansjō- zurück, das in mnd. öse ‘Handhabe, Handgriff, Schlinge zum Festhalten an einer Leine; Schlinge um den Hals eines Tiers’,an. æs ‘Schnürloch’ vorliegt.Für verwandte Wörtern ist die Bedeutung ‘Zügel’ zu notieren: griech. evioz (èvía), ir. ē(i)si (1986, 275). Zur Sach- geschichte merkt KOIVULEHTO an:”Der primitive Zügel war … offenbar ein Seil mit Schlinge, die dem Zugtier umgelegt wurde. …Die an. Bedeutung Schnürloch leitet sich natürlich aus ‘Öse,Schlinge’ ab”.Das finnische Wort habe ”die alte Bedeutung des germ./vorgerm. Wortes bewahrt”. Diese alte Bedeutung ist aber nach dem Be- fund der Einzelsprachen ‘Schlinge,Schlaufe’;es gibt keinerlei Evidenz dafür,daß das Wort in urgermanischer Zeit auch in der prägnanten Bedeutung ‘Zügel’ gebraucht wurde wie im Griechischen oder Keltischen. KOIVULEHTO hingegen behauptet:

” In *ansjā begegnet uns ein altes,bis ins Vorgermanische zurückreichendes Wort für ‘Zügel’. Das Wort ist älter als die erst in germanischer Zeit geschaffenen Wörter Zügel < germ. *tugila- und Zaum < germ. *taugma-, die beide vom Stamm des starken Verbs ‘ziehen’ gebildet sind. Die neuen Wörter wurden wahrscheinlich zur Bezeichnung einer neueren Zügelform eingeführt ” (277). Die ”Vorgermanen” müssen nun aber die primitive Vorform der Zügel nicht unbe- dingt mit demselben Wort bezeichnet haben wie Griechen und Kelten. Die ”Vorgrie- chen” und ”Vorkelten” mögen unabhängig voneinander bei Erfindung des Zügels auf das Erbwort für ‘Schlinge, Schlaufe’ zurückgegriffen haben 62. Ein Parallelfall wäre das vermeintliche Etymon von fi.pohja ‘Boden, Grundlage’,das eine ja-Ableitung von dem für fi. patsas ‘Säule, Pfeiler’ in Anspruch genommenen urgermanischen *bandsaz (> an. báss ‘Kuhstand’) zurückgehen soll. Die Ableitung ist aber offenbar im Germanischen nicht nachweisbar, und die Bedeutungen wei- chen erheblich voneinander ab. Weniger problematisch erscheint ein Wandel von ‘Streu’ über ‘Unterlage’ zu ‘Grundlage, Boden’,der möglicherweise durch ein Neben- einander der Bedeutungen ‘Unterteil, Unterlage’ (estnisch auch ‘Boden’) und ‘Streu; (eläimen alla olevat) kuivikkeet’ (pahna) für ostseefinmsch al (SKES) begünstigt worden ist.

62. Bei HOFSTRA ist ohja(t) in die Rubrik ”Sonstiger Landverkehr” eingeordnet (1985, 314). Das Wort kann aber auch mit dem ”Landverkehr mit Schlitten” (l.c.) in Zusammenhang stehen. Zur Möglichkeit einer baltischen Herkunft des Wortes läßt sich darauf verweisen, daß neben dem Wort für den Wagen (fi. rattaat, vgl. ratas ‘Rad’) auch die Bezeichnung des Schlittens (fi. rekz) aus dem Baltischen stammt (s. KALIMA 1934 s.vv.). In diesen Zusammenhang mag auch die Entlehnung von urbalt. *žirgas ‘Pferd’ gehören: fi. härkä, vermutlich ursprünglich ‘Zugtier’.

108.

Im Schwedischen findet sich ein bysia ‘Streu’ (NOREEN 1904, 424) bzw. bössja ‘ströhalm under kreatur; an läger ät svin eller hundar’ (RIETZ). Die beiden Varianten behandelt KocK im Kapitel über den Wandel y > e (I470),weist aber darauf hin,daß bössja auch eine Form mit i-Umlaut von o sein mag. In der Tat kann man kaum umhin, die genannten Termini mit dem Neutrum bås < bos (KOCK II 110) ‘halm’ in Verbindung zu bringen;sie werden im Dialektwörterbuch auch unter diesem Lemma geführt (71). Die altschwedische Variante bysia erklärte sich dann aus einem *bus, woraus durch a-Umlaut (s.NOREEN 1904, 163.2) die Variante bos entstanden sein könnte (vgl. l.c. aschwed. lof, luf n. ‘Erlaubnis’, lok, luk n.‘gras’). Das Alter dieses Umlauts (s. NOREEN l.c.) erlaubt den Ansatz eines *bosjōn- (> bössja), aus dem sich fi. pohja auf die nämliche Weise erklären ließe wie ahjo ‘Esse’ und lahja ‘Geschenk’ aus einem urgermanischen *asjōn- bzw. nordischen *blahja- (vgl. HOFSTRA 1985, 185 bzw. unten ä 101; Anm. 102).

§ 42. Im Zusammenhang mit dem vermeintlich hohen Alter des Wandels urgerm.*ē > nwgerm. ā nennt FROMM in seinem Überblick (vgl. oben § 4) die finnischen Wörter paüas, kalja und malja. Ein unbefangener Beobachter dürfte den Zusam-menhang zwischen dt. feil ‘verkäuflich’ und Wendungen wie schwäb. hat feil ‘ist mit unziemlicher Entblößung, bes. der Brüste, gekleidet’,schweiz. feil han (von Manns- personen) ‘die Hosenklappen offen haben’ , (von Weibspersonen, auch mit dem Zu- satz Fleisch) ‘die Brust stark entblößt tragen’, feil han, bieten ‘sich zur Schau aus- stellen, z.B. von Mädchen,welche ohne Begleitung eines bestimmten Burschen auf den Tanzplatz gehen’ in bezüglich des ”Exhibitionismus” merkmallosen Kontexten begründet sehen, wo also nackte Körperteile gegen Entgelt zur Nutzung angeboten werden. Der Gedanke,daß die metaphorische Verwendung des Wortes bereits ins Urgermanische zu datieren sei, wird sich dabei zumindest nicht aufdrängen.

Die Zusammenstellung mit fi. paljas ‘bloß, entblößt, bar’ nötigt indessen, sich mit diesem Gedanken vertraut zu machen; sie setzt nämlich voraus, ”daß das germ. Wort von den Urfinnen besonders in solchen Konnexionen vernommen wurde, die den zitierten heutigen Belegen ähnlich waren.

Lehnwörter weisen ja oft einen spezielleren Sinn auf als ihre Originale.

109.

Vgl. noch,daß mhd. veile auch im Sinne von ‘der Gefahr ausgesetzt, preisgegeben’ verwendet wird:den lip veile bieten, da2 leben veile fragen” (1981b, 348). KOIVU- LEHTO geht noch einen Schritt weiter:”es ist aber auch nicht ausgeschlossen,daß das germ.Wort eigentlich ursprünglich gerade ‘preisgeben und dgl.’ (preis> dt.Fell; idg.*pelio- ist dann eben ‘unbedeckt´ ” 64.Die in der etymologischen Literatur vorgenommene Verbindung des in Rede ste- henden Wortes mit indogermanischen Wörtern für ‘verkaufen’ kann KOIVULEHTO nicht billigen.

Nun scheint es aber durchaus unstatthaft zu sein, aus den obigen Phrasen eine Bedeutung ‘entblößt’ für feil zu abstrahieren. Es handelt sich doch um die gleichen Wendungen feil haben, bieten, die ‘zum Verkauf anbieten’ bedeuten. Wenn hat feil ‘ist mit unziemlicher Entblößung bes. der Brüste’ bedeutet, kann man daraus nicht schließen, daß das betreffende Zeichen den Sinn ‘hat Gleichung feil = ‘entblößt’ kommen. Es handelt sich darum, daß der Betrachter eines entblößten Körperteils diesen Tatbestand so interpretiert bzw. böswillig oder parodistisch so darstellt, als geschehe ein Angebot.

Es liegt mutatis mutandis nichts anderes vor als bei dem gut Mus feil der Bauers- frau im ”Tapferen Schneiderlein”. Hier kann man auch keine Bedeutung ‘abgefüllt’ o.ä. für feil abstrahieren.Im übrigen sind die zitierten Wendungen sicher in der an- gegebenen Verwendung akzidentiell; bei modernerer, besser sitzender Mode hätte leicht eine Verwendung ‘den (bedeckten) Busen zur Schau stellen’ prägnant werden können.

63. Fi. paljas steht nun unter dem Verdacht westgermanischer Herkunft, da das Altnordische mit fair < *polos ein für das finnische Wort ungeeignetes Original böte.

64. Die Diktionen ”vielleicht lassen vermuten, daß sich KOIVULEHTO bei seinem Vorschlag etwas unbehaglich fühlt.

110

Auch die anderen ins Treffen geführten Zitate besagen überhaupt nichts; den lip veile bieten heißt nichts anderes als ‘seinen Leib zu Markte tragen’. Es bleibt na- türlich jedem unbenommen, im Interesse einer Klärung der Herkunft von fi. paljas für dt. feil eine Grundbedeutung ‘entblößt’ anzusetzen – vom deutschen Befund wird diese jedoch in keiner Weise gestützt 65.

Die Unbelegbarkeit einer Bedeutung ‘nackt,bloß’ für das vermeintliche germanische Original macht KOIVULEHTOS Etymologie ungeeignet, irgendwelche Folgerungen aus ihr zu ziehen. Die Fraglichkeit der Zusammenstellung wird noch dadurch er- höht,daß es für den Anlaut des finnischen Wortes vier Herkunftsmöglichkeiten gibt, wenn man die Annahme eines Erbwortes ausschließt: *sp‚ *p, *b und *f; auf die Ähnlichkeit des finnischen Wortes mit seinem vermuteten Etymon ist also nicht viel zu geben. Es kommt hinzu, daß aus ahd. fāli nun ganz und gar nicht auf die Existenz eines westgermanischen, geschweige denn urgermanischen ja-Stammes geschlossen werden kann (s. § 43).

Wenn man KOIVULEHTO darin folgt, daß eine jo-Bildung von der Wurzel *pelh- ‘verhüllen’ sozusagen mit Gegensinn eine Bedeutung ‘unbedeckt’ haben kann, also das vermittelnde ‘abgezogene Hülle (Haut) u. dergl.’ sogar ungeachtet seines ande- ren Formans anerkennt, wird man nicht umhin können, für fi. paljas auch ein ‘abge-zogen, abgeschnitten’ als mögliche semantische Grundlage zuzulassen, wie sie das litauische spalis (<*spalijas) ‘Flachsschäbe’ voraussetzt,das mit lat. spolium ‘abgezogene oder abgelegte Tierhaut’ zu einer urindogermanischen Wurzel *spelh- ‘(ab)spalten‚ absplittern,abreißen’ gestellt wird (zur Gestalt des baltischen Formans vgl. § 28). Ein urbaltisches ‘*spaljas (< uridg. *spoljo- > lat. spolium) hätte genau ein finnisches paljas ergeben.

Ob nun die Herleitung eines finnischen Wortes für ‘bloß’aus einem urgermanischen Wort für ‘unbedeckt’, das aus einem deutschen Wort für ‘verkäuflich’ erschlossen wird und zu einer Wurzel mit der Bedeutung ‘verhüllen;Fell,Haut’ gehören soll,wahr- scheinlicher ist als die Zurückführung auf ein durch den Vergleich mit einem formell quasi identischen vJort der Bedeutung ‘abgestreifte Haut, abgezogenes Fell’ einer verwandten Sprache gestütztes urbaltisches,in einer litauischen Bezeichnung für ‘Flachsschäbe’ fortgesetztes Wort mit der Bedeutung ‘abgestreift,abgerissen’ – dies zu entscheiden, dürfte Geschmackssache sein.

65. Hinsichtlich der Herkunft des deutschen Wortes könnte man auch an eine Wurzel der Bedeutung ‘ausbreiten’ denken, die lat. palam ‘offen, öffentlich,vor den Augen der Leute’ (eigentlich ‘ausgebreitet vor jemandem’), russ. nO/lblü ‘offen, hohl’ zugrundeliegen dürfte (vgl. VASMER s.v.).

111.

Zumindest ist das vermutete Etymon nicht wie bei einigen Etymologien KOIVU- LEHTOS angesetzt (vgl. fi. ohra ‘Gerste’ vs. urbalt. *aštra- ‘spitz’ oder fi. raivo ‘Schädel’ vs.an. treya ‘Korb’ – s.5% 100 bzw. 47), sondern wird unabhängig von der Etymologie in der lehngebenden Sprache vorausgesetzt. Die hier propagierte Alter-nativlösung zeigt jedenfalls,daß man zur Not immer etwas findet, das schlecht und recht paßt.

§ 43. Ein althochdeutscher ja-Stamm gegenüber einem a-Stamm im Altnordischen findet sich auch in dem Wort für ‘schwer’: ahd. swāri- – an. svárr. Das Nordische stimmt hier mit dem Gotischen überein: swärs. Da aber nun auch as.swār, afränk. svēr und ae. swær (< *swār,vgl. Nom.Pl. swāran, Dat.Pl. swärum) und auch das Althochdeutsche selbst neben dem ja-Stamm einen a-Stamm aufweisen, liegt die Vermutung nahe,daß hier das Althochdeutsche geneuert hat, etwa nach mārz’ ‘be- rühmt’ (got. mēreis, an. mærr). Es fallt auf, daß es unter den ja-Stämmen verhält- nismäßig viele Adjektive mit ā in der Wurzelsilbe gibt; das Verzeichnis der a-stäm- migen Adjektive bei BRAUNE/MITZKA (§ 249) enthält hingegen keinen einzigen ā- Fall, während sich unter den ja-Stämmen die Wörter drāti ‘schnell’, gizāmi ‘zie- mend’ und scinbäri – ‘glänzend’ neben swäri finden (§ 251). Es drängt sich daher der Verdacht auf, daß auch im Falle von hāli ‘lubricus, caducus’, dessen altnordis- che Entsprechung häll ein a-Stamm ist,die ja-Flexion sekundär ist und ebenso im Falle von fāli (an.falr,vgl. §42). Der Verdacht erhärtet sich bei Berücksichtigung ei- nes repräsentativen Ausschnitts aus dem althochdeutschen Wortschatz (SCHÜTZ- EICHEL 1989;mit MATZEL 127ff.käme noch ein halbes Dutzend ja-Stämme hinzu). Für die Adjektive mit ā in der Wurzelsilbe ergibt sich nämlich folgender Befund, wobei den komponierten Adjektiven, vor allem den mit dem diskontinuier-lichen Formans -ga- … ja-gebildeten einen soderbaren status zukommt: 112 gibāri ‘geartet’ an. bærr ‘berechtigt’ blā — ‘blau’ an. blár anadähte ‘aufmerksam’ drāti ‘schnell’ fāri (sĩn) ‘lauern (auf) gāhi ‘schnell’ grā -— ‘grau’ an. grár hāli ‘glatt’ an háll lāri ‘leer’ ae, lære māri ‘berühmt’ an. mærr nāh nāhi ‘nahe’ ae. nēah nāmi ‘genehm’ an. næmr ‘gelehrig’ rāzi ‘wild’ smāhi ‘gering’ an. smá spāhi ‘klug’ an. spár spāti ‘spät’ gesprāhhe ‘redend’ stāte ‘beständig’ swār swāri ‘schwer’ an. svárr swās – ‘eigen’ trāgi ‘träge’ ae. trāǯ wāhi ‘zierlich’ ae. wāh anawāni ‘glaubwürdig’ wār wāri ‘wahr’ as. wār gizāmi ‘passend’ Es zeigt sich,daß im Althochdeutschen ja-Stämmigkeit bei Adjektiven mit einem ä in der Wurzelsilbe das Gewöhnliche ist. Mit Ausnahme von swäs und den beiden Farbnamen gibt es auch im Falle der Belegbarkeit einer anderen Stammklasse da- neben die ja-Flexion. Daß hier das Althochdeutsche geneuert haben könnte, er- scheint deswegen plausibel,weil offenbar auch viele alte u-Stämme in die ja-Klasse übergegangen zu sein scheinen:ahd. herti (got. hardus),ahd. trāgi (ae. trāǯ), ahd. truobi (ae. ǯedröf), ahd. strengi (ae. strong) – s. KLUGE 1926, § 181 (vgl. auch ahd. zähi neben zäh ‘zäh’ und engl. tough, s. § 55). 113. KLUGE vermerkt noch: ”Anderseits stellt sich im westgerm., bes. im ahd., ein unberechtigter ausgang i oft auch bei a-Stämmen ein: ahd. wāri neben wār, redi neben rad, ginuogi neben ginuog, giri neben ger, fruoti neben fruot, grimmi neben grim” (ebd. Anm.). Will man nun mit KOIVULEHTO fi. kalja ‘glatt’ mit den genannten germanischen Wörtern für ‘glatt’ in Verbindung bringen, ist die erforderliche Basis urgerm. *hāl(i)ja- durch den einzelsprachlichen Befund nicht gestützt. Diese Form zu postulieren und anzunehmen, daß die alte Flexionsweise im Altnordischen verlorengegangen ist, da sich die beiden Klassen – vom Umlaut einmal abgesehen – nur durch das i bzw. j nach g, k bei den langsilbigenja-Stämmen unterscheiden, widerspräche angesichts des oben Dargestellten allen Regeln der Rekonstruktion. Der Umlaut könnte nach dem Substantiv‚ hálka rückgängig gemacht worden sein. Für weitreichende Folgerungen für die absolute Chronologie des Germanischen (s. unten) ist die Gleichung von vornherein denkbar ungeeignet. Die Sippe läßt sich aber auch aus dem Baltischen erklären. Das Lettische hat ein gala ‘Glatteis’ und ein gàle f. ‘dünne Eisdecke’, die als urverwandt mit russ. го́лый ‘nackt, kahl, bloß’ gilt (VASMER 289). Der (j)ē-Stamm gäle könnte im Finnischen direkt durch kalt” vertreten sein – vgl. fi. reki (reke-) ‘Schlitten’ (lit. rāgės), fi. torvi (torve-) ‘Horn’ (lit. taure‘, lett. täure), s. KALIMA 1936, 82 f. – , falls dieses ein e-Stamm sein sollte. SKES gibt s.v. kalju‘ die Klasse nicht an; viel wahrscheinlicher ist aber ein i-Stamm, vgl. kalipää ‘Glatzkopf’, wobei kali Kompositionsform von kalja wäre, vergleichbar mit huhti (von huhta ‘Rodung’) in huhtikuu ‘April’. Da aber das lettische Wort ursprünglich offensichtlich adjektivische Geltung gehabt hat und zu den femininen (i)ė-Stämmen maskuline -ija-Stämme gehören (Typ lit. medinis, medinė ‘hölzern’), ist der Ansatz eines urbaltischen *galja- ‘glatt’ (zur Gestalt des Formans vgl. § 28) unproblematisch. 114 § 44. Fi. malja ‘Schüssel, Trinkschale’, weps. mal´l´ ”(aus einem Birkenauswuchs geschnitzte) Schale für Speise’ (3AйЦEBA /MYЛЛOHEH), ”lange Zeit das einzige allgemein anerkannte alte Lehnwort aus dem Germanischen, das /a/ für urn. (nwgerm.) /ā/ hatte” (HOFSTRA 142), wäre, als *māl(i)ja- zu an. maalir ‘Maß’, ae. maale ‘Becher, Schale, Eimer’ gestellt, in der Tat mit KOIVULEHTO ein bedenkenswerter Beleg, der ”als unzutreffend oder unwahrscheinlich” erweisen würde, ”daß die ä-Qualität erst unmittelbar vor ihren ersten Bezeugungen in den alten Runeninschriften aufkam (RAMAT 1981, 24)” (FROMM 1986, 219), denn die Wieden gabe des germanischen *ā durch ostseefi. a wiese ebenso auf eine relativ frühe Zeit wie das wahrscheinlich im ostseefinnischen Wort reflektierte Fehlen des SIEVERsschen Gesetzes. Nun ist aber das nordwestgermanische Wort offensichtlich eine Sekundärableitung. Die ursprüngliche Bildung von der germanischen Wurzel *mē- ‘messen’ ist in got. mēla- (m.) ‘Scheffel’ belegt. Es spricht nichts dagegen, daß die Nordwestform erst nach dem Übergang von *ē’ > ä entstanden ist, d.h. aus einem der gotischen Form entsprechenden *māla-. Rechnet man nun auch für das Germanische mit der Wirkung des OSTHOFFschen Gesetzes, hätte ein vor der Wirkung des SIEVERsschen Gesetzes gebildeter Stamm *mālja-, da es dann keine Bildungen mit *VRC gegeben haben konnte, als *malja- realisiert werden müssen. Die belegten Formen mit Länge ließen sich unschwer durch Wiederherstellung nach dem Verb, etwa *mālidō ‘ich maß’, bzw. anderen Bildungen wie an. maaling erklären. Das finnische malja würde mithin die zu erwar- tende Form reflektieren. Da es sich bei dem in an. mælir vorliegenden i-Umlaut um die letzte Phase mit erhaltenem i handelt, könnte durchaus eine recht späte altnordische Entlehnung vorliegen, was sich im übrigen mit der Verbreitung des Wortes verträgt (fi.‚ karel.‚ olon., lüd. und weps.). Es gibt mithin kein verläßliches Beispiel, das die FROMMSChe Behauptung stützen würde, da auch paljas und kalja entfallen (s. oben). Ein ”älteres osfr. mālja”, aus dem fi. malja ”mit einer Kürzung des Langvokals vor einer Konsonantenverbindung erklärt werden könnte” (so HOFSTRA 1985, 145, nach T. ITKONEN 1982, 133), hat es den ostseefinnischen phonotaktischen Regeln zufolge schwerlich gegeben; auch das Urostseefinnische hatte wie das Finnische einen ”Sievers”.

§ 45. Gegen das OSTHOFFsche Gesetz verstieße eine lautgesetzliche germanische Vorform von fi. vierre/vierte- ‘Bierwürze’: *wērtez-. Die Vertretung ie für *e oder *i (an. virtr, ahd. wirz ‘Bierwürze’ < *wirtiz-) wäre dagegen singulär. Im Indogermanischen findet das Wort u.a. in griech. pica (riksa), pdöocuvog (radamnos), lesb. ßpioöoc (brisda), lat. rādix, got. waúrts, ahd. wurz Anschluß. Die Formen werden unter einem Ansatz fiterhzd- vereinigt, von dem kein direkter Weg zu *wērtez- führt. 115. Man müßte daher für diegermanische Vorform von einer Dehnstufe ausgehen (vgl. den s-Stamm as. hon ‘Huhn’ – RAMAT 1969 § 79, S. 102 f.; KRAHE/MEID III 5 111, s, 133), der später mit ”Osthoff” gekürzt worden wäre. Die Dehnung müßte dann freilich als Verdeutlichung der Zugehörigkeit angesehen werden: *wertez-: *wun‘- > *wērtez- (> *wertez-, ahd. wirz): *wurt- nach *hönez-,: *hanan- 66.

§ 46. Nach LUICK ist *ē > ā nach Ausweis der Eigennamen im Gebiet des Oberdeutschen nicht vor dem 3.-4. Jh. – im Norden noch später – eingetreten (I/1, 114). Die Behauptung eines Wandels *ē > ā im 1. Jh. v. Chr. bedeutet in Anbetracht des südgermanischen Befundes (s. STREITBERG, 5 77; BRAUNE/MITZKA 5 34), daß der Herd dieses Wandels in Skandinavien lag. KOIVULEHTO vermutet, daß nichts gegen diese Möglichkeit spreche. Das mag zutreffen; wie die west- und insonderheit die südgermanischen Verhältnisse bei dieser Konzeption zu interpretieren sind, hätte aber zumindest angedeutet werden müssen. Das Angelsächsische macht aufgrund der ursprünglichen, kontinentalen Wohnsitze der beteiligten Stämme keine Schwierigkeiten. Im Südgermanischen deutet sich indessen eine Süd-Nord-Bewegung des Wandels an (Literatur s.o.). Das würde bedeuten, daß irgendein germanischer Stamm den skandinavischen Impuls nach Süden verfrachtet hat, um ihn dann an die nördlichen Nachbarn abzugeben. Waren es vielleicht die Markomannen, für die ein sicherer Beleg mit ä schon für das Jahr 170 n. Chr. vorzuliegen scheint (BRAUNE/MITZKA l.c.; doch s. auch STREITBERG l.c.)?

In Frage kämen dann auch die Langobarden, die auf ihrem Zug über Böhmen und Pannonien nach Italien wohl nur mit Ostgermanen und sächsischen Bundesgenossen aus der Nachbarschaft ihrer Heimat – bei denen sich ē aber am längsten bewahrte (BRAUNE/MITZKA l.c.) – in engeren Kontakt kamen.

66. THIEME hat kürzlich die Zugehörigkeit von lat. rädüc zu got. waürts usw. als ”keineswegs zwingend, nicht einmal wahrscheinlich” bezeichnet (493 f., 497 Anm. 15). Er stellt das lateinische Wort mit an. rät ‘Wurzel’ zu einer urindogermanischen Wurzel *rod- ‘graben’, die auch in der altpersischen Postposition rädiy ‘wegen’ vorliegen soll. Dann wäre wohl auch griech. pöcöocuvog (radamnos) abzutrennen. THIEME setzt für das persische Wort einen Nominativ *rādi ‘Ergebnis’ an und verweist auf skrt. müla- ‘eßbare Wurzel’, das in der Bedeutung ‘(wichtiges nützliches) Ergebnis’ verwendet werde, hält aber wohl selbst den Bedeutungsansatz für nicht sicher (492).

116

Für das Langobardische ist aber nur ä zu belegen (l.c.). In das Elbegebiet seien die Langobarden aus Schweden eingewandert (HALLER/DANNENBAUER 64; vgl. hierzu GERMANEN 54,376 f. und zu Skandinavien als Ursprungsgebiet germanischer Stämme generell HACHMANN 1970). Wenn aber KOIVULEHTOS Konzeption zum Ursprung des Wandels *e’ > ä das Richtige trifft, stünde ein brauchbares Kriterium für die Herkunftsfrage südgermanischer Stämme zu Gebote.

§ 47. Anders als beim Versuch, germanische Entlehnungen nachzuweisen, die einen ostseefinnischen Wandel *ti > si mitgemacht haben, handelt es sich bei der Leitetymologie der mit der ostseefinnischen Phonotaktik motivierten Metathese urgerm. *auj -> urostseefi. aiv um eine in semantischer Hinsicht einwandfreie Gleichung: fi. laiva ‘Schiff’ < urgerm. *flauja- (vgl. an. fley) ‘Fähre, Schiff’.

KOIVULEHTO setzt diese Etymologie an die Stelle der auf MUST zurückgehenden Zusammenstellung mit got. hlaiwa ‘Grab’, der sich bezüglich der abweichenden Bedeutung nur auf die Tatsache berufen kann, daß die Gräber der Bronzezeit schiffsförmig waren (s. hierzu § 74).

[Tämä on niin paskainen juttu tämä ”Koivulehdon-laiva”, ettei pidetä kansaa kauempaa jännityksessä, vaan pläjäistään tyhjentävä vasarakirvesseltys tiskiin:

laev : laeva : laeva = laiva ’suur veesõiduk (vedamiseks, transportimiseks)’
○ lõunaeesti laiv, kirderanniku laiv(a)
← alggermaani *flauja-
vanaislandi fley ’laev, (väike) parv’

Nämä kermaanisanat eivät liity laivaan mitenkään. Laiva tulee kantabaltin sanasta *lengwa = liettuan lengva(s), kevyt < kelluva = len-g-wa Sudesta uudesta viron etymologisesta: http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2015/10/viron-pan-germanistinen-susi-etymologinen-sankirja-2 ● liivi lōja ’paat’ [tämäkään ei liity näiden muiden, vaan venäjän lotjan yhteyteen. vadja laiva ’laev’ soome laiva ’laev’ isuri laiva ’laev’ karjala laiva ’laev’ vepsa laiv ’(kehv) paat’ Álgun mukaan balttikielissä ei ole laivasta mitään, vaikka laiva on liettuaksi laivas, latviaksi laiva, preussiksi laigwan, kuuriksi laigus, jotvingiksi laivan ja vasara-kirveskielellä laiva(s), josta se on lainautunut takaisin suomen kautta latviaan ja liettuaan! laiva = inkeroinen [laiva] SSA 2 1995 s. 39 laiva = karjala [laiva] SSA 2 1995 s. 39 laiva = vepsä [laiv] SSA 2 1995 s. 39 laiva = vatja [laiva] SSA 2 1995 s. 39 laiva = viro [laew] SSA 2 1995 s. 39 laiva = liivi [lō̬ja] SSA 2 1995 s. 39 [laiva] ?= suomal.volgal.kk. [lajwa] UEW 1988 s. 682 laiva: itämerensuomi > pohjoissaame laiˈve SSA 2 1995 s. 39
[laiva]:itämerensuomi > pohjoissaame laiˈva UEW 1988 s. 682
laiva < germaaniset kielet Junttila, S. 2012 SUST 2
laiva < germaanisetkielet: SSA 2 1995 s. 39

kantagermaani [flauja-]

muinaisnorja [fley]

fääri [floy]

norja [fløy]
laiva !< germaanisetkielet: LÄGLOS 2 1996 s. 159

kantagermaani flauja-

muinaisnorja [fley]

kantaskandinaavi [flauja]
laiva !< germaanisetkielet: LÄGLOS 2 1996 s.159

kantagermaani [χlaiwa-]

kantaskandinaavi [hlaiwa]

muinaisenglanti [hlāw]

gootti [hlaiw]

laiva ≮ balttilaiset kielet Junttila, S. 2012 SUST

Täysin uskomatonta perseilyä viralliselta valtiolliselta lähteeltä. Jorma Kovulehdon mukaan yksinkertaisesti ”kaikki muut kuin nämä magiset ”persermaanit” olivat liiantyhmiä liikkumaan laivoilla ja tekemään sellaisia”.

Keskustelua:

Jaska [Häkkinen]: ” Arkkis kirjoitti:” ”Laiva” on yhtä kuin liettuan sana ”laivas”, joka on kuurismi sanasta ”lengvas” (lt.,jt.) = kevyt, kelluva,”liegs” (lt.),”lāngus” (pr.), ”*laigūs” (pr.) ”

Jaska [Häkkinen]: ” Tutkijat näyttävät olevan yksimielisiä siitä, että liettuan laivas on lainattu itämerensuomen sanasta laiva, joka puolestaan on germaaninen laina- sana ( ”*laidžvinis sekoittaa sanaan ”laisvas” = vapaa.

Sekin on mahdollista, että -ng- ännettä, joka ääntyy samalla tavalla SAMASSA TAVUSSA kuin suomessakin, on voitu käsitellä tavun lopussa olevan -n-;n, -m-:n tai -p-:n tapaan ja silloin olisi sanasta ”lengvas” suoraan tullut ”laivas”, vaikkapa juuri kuuriulaisen kaavan mukaan. ”

(HM: ”Laiva”, joka alun perin on tarkoittanut ”kelluvaa”, ”kevyttä” ja ”helppoa” ja tulee säännöllisesti kanbaltin sanasta ”lengva”, saattaa myöskin olla vasarakirves- sana, ja sellainea jopa ”laina suomesta”, mutta yhtä kaikki IE-ja balttitaustainen sana! sana ”loiva” on silloin todennäköisesti samaa perua.) ”

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2014/06/suomen-sanat-fraenkelin-liettuan-etymologisessa-sanakirjassa

Lithuanian: laĩvas = laiva

Etymology: ’Schiff’ = laiva,

laĩvė (= laivùžis, laivẽlis) ’Boot = vene, Barke = parkki, Kahn, Nachen’,
(an der letzten Stelle láiwe arba aldia; s. über das zweite Wort s.v. eldijà).
Daukša Post. 527, 9 (Or.) gebraucht noch laiva.

Im Lett. entspricht laiva ’Boot, Kahn, bootförmige Wolke, Schiff, grosser Loffel’,
im Russ. lajba, lojva.

Von einigen Forschern werden die balt. Wörter für einheimisch gehalten, während nach anderen (Hjemselv Et. balt. 182, sowie besonders Mikkola IMM 1930) die in Rede stehende balt. Schiffsbezeichnung aus dem finn.-ugr. entlehnt ist

(vgl. estn. laew ’Schiff, grosses Boot’,

liv. lāja ’Boot, Kahn’ = lotja, lapp. laive ’Schiff’).

Russ. lajba, lojva stammt sicher aus ostsee finn. laiva.

Auch Must leitet balt. laiva(s) usw. aus dem finn. her.

Er meint, dass die finn. Dialekte die diesbezüglichen Wörter aus dem Germ. entlehnt haben, und verweist auf urnord. hlaiwa ’Grab(hügel) = hautakumpu’,
got. hlaiw ’Grab’ usw. Es handle sich um ’Schiffsgräber = laivahauta’.

” hláins, sm. hill.
hláiw, sn. grave, tomb,
hláiwasna, sf. (only found in plural), tomb.
*hlathan, sv. VI, to load, lade = latoa, pinota, kasata, lt. klóti = levittää sijata. OE. hladan, OHG. (h)ladan. ”

Aus got. hlaiw stammt auch abg. chlévú ’Stall = talli, navetta, läävä’, chlévina ’Behausung = asumus, Gebäude = aitaus’ (Meringer, Berneker, anders Machek Slavia, der lat. caulae ’Gehege oder Schranken um Altäre und Tribunale = aitaus alttarin tai oikeusistuimen ympärillä, Schafhürden = lammastarha’ zur Erklärung von slav. chlévú heranzieht).

http://www.tiede.fi/keskustelut/post1106438.html#p1106438

http://www.tiede.fi/keskustelut/post1106672.html#p1106672

http://www.tiede.fi/keskustelut/post1109314.html#p1109314

” Vastine-sanaa käytetään vain sanoista, jotka liittyvät toisiinsa: niinpä *flauja -sanan vastine on laiva, muttei *krausa. Paralleeleja substituutiolle *auj > *aiv löytyy kyllä: kaivata -ie-),preussikielillä tuo muutos olisi ”*langw(a)s”, joka menee muotoon ”langus”. Preussissa on kuitenkin kaksi muutakin laiva-sana: ”laiwan”, joka on jotvingin sanan kaltainen ja ”laigus”, joka jälkimmäinen hieman epäsännöllinen on myös kuuria.

Siloin taas kun -ng- on SUOMEN tapaan miellety yhtenä äänteenä, joka sulkee nenäpuolivo- kaalina tavun leng-vas samoin se olisi len-, lep-, lem tai leb-, kaiki nuo tavut muuttuvat v:n edellä liettuassa yleensä tavuksi -lie- , kuurissa tavallisesti tavuksi lei-, selissä ja jotvingissa tavuksi lai-, skalvissa tavuksi lau- ja preussissa murteesta riippuen tavuiksi lai-, lau-, tai lan-. Seelissäkinse voi muutua tavuksi lan-, ja liettuassa ja latviassa ja jotvingissa taas len- voi säilyä sellaisienaan. Tuo valikoima riippuu myös seuraavasta vokaalista:jos v:n paikalla olsi ollut p tai b, niin jotvingissa en- olisi muuttunut pitkäksi o:ksi, preussissa pitkäksi a:ksi ja kuurissa pitkäksi u:ksi, kuten vartalossa ”lemp-” = liekki: liep- (lt), leip- (lv). lap- (kr.), lop- (jtv.), laip- (sl.).

http://www.suduva.com/virdainas/

” lengvas light, easy
lengvaseilingas light-hearted
lengvaseiliskas simplistic, easy
lenkt to bend (Inf)

laivas Left (direction)

ship laivan ”

Preussi: http://donelaitis.vdu.lt/prussian/Lie.pdf

LAÎWAN [hlaiw + laivas + laiva MK] = laiva

LANGUS [Langiseiliskan 95 VM] = kevyt ”

(Myös suomen san ”loiva”, jolla on myös merkitys heikko, kevyt saattaa liittyyä tähän yhteyteen, mahdollisesti lapin kautta lainautuneena, Sen sijaan Algu-tieto- kannan tähän yhteyteen yhdistmä saamen sana ”låihtto” = loitto liittynee tuohon seuraavaan sanaan ”lieta” = kaukainen ääri, laita. Jos näin on se voisituoda valaitusta sellaisiin sanoihin kuin ”koira” (kuonollinen), Koitere (vrt. Keitele) jne.)

Preussi:
preitlāngus = lievä, mieto

preitlāngus „gelinde – švelnokas“ III 875 [5513–14] (= lengwas VE 375) nom. sg. masc., kurio nei rekonstrukcija, nei kilmė nėra aiški.

Manyčiau, kad pr.(III 875) preitlāngus „gelinde“ taisytinas į *preilāngus ir buvo ne „gelinde“ [t.y. vok. (III 865) gelinde] = „švelnus, lengvas“, o „švelnokas, lengvokas“ – prefikso pr. *prei- „prie“ (žr. prei) vedinys iš adj. pr. *langus „lengvas, švelnus“.

Tą adj. (nom. sg. masc.) pr. *lāngus „lengvas…“ kildinu iš pr. *lēngus „t. p.“, dėl kurio kilmės žr. s.v. lāngiseiliskan.
Tämä liittyy sanaan ”langeta”, mutta ”leng-” voi olla samaa alkuperää:

erlāngi = ylhäältäpäin

erlāngi „erhoͤht (erhöht) – išaukština“ III 977 [6117] (conj.3 sg.reikšme;= paauksch- tintu VE 425), „erhebe – (te)iškelia“ III 13317 [8121] (opt.3 sg. reikšme) praes.3 sg. = er- (žr.) + lāngi – galbūt iš *lāngii̯a, kuriai atsargiai suponuotinas inf. *langītvei. Jis būtų *-ī- sufikso iteratyvinis vedinys (su šaknies vokalizmo kaita) iš pr. verb. *leng- (praes.) resp.(inf.) *ling-tvei (plg.,pvz.,lie.iterat.karp-ý-ti ← ker̃p-a resp. 286 kir̃p-ti = leikata),kuris galėjo reikšti „supti = keinua“ = „kelti↔leisti“ (žr.s.v.v. lanxto, lingo = jalustin(lenkki)), t.y.pr. (iterat.) *langītvei „supinėti = pudota“ = „kil(n)oti ↔ (žemyn) leisdinėti =päästä irti“> „kil(n)oti =siirtää“,plg.lie.(Ds) pasakymą: vìsą nãktį vaĩką añt rañkų nešiójau ir kilójau („supinėjau = tuuditin“). Pr. *langītvei „kil(n)oti = keinua,nousta ja laskea (kellua aalloilla)“ vėliau – ar pačioje pr.kalboje, ar dėl A.Vilio kaltės – lengvai galėjo netekti iteratyviškumo,t.y.išvirsti į „kelti = nostaa“ (pr. erlāngi „erhöht,-hebt = kohottaa“ = „iškelia“). Pr.*langītvei „supinėti“ (> „kilnoti“ > „kelti“) :

lie. langóti „suptis ore, sklandyti = leijailla ilmassa“, lingúoti „supti, siūbuoti = keinuttaa“, liñg-inti „supti(s) = keinua“, lung-úoti „linguoti, siūbuoti“, lìng-ė „kartis lopšiui pakabinti = tanko kehdon ripustamiseksi“,

la. (kurš.) ļengât „wackeln = huojua, keinua, ”lenkata” 0 ontua, sana ei tulekaan turkin sanasta lenk = rampa)“, luodz-îtiês „ļuôdzîtiês“ bei ļuôdz-ît „zum Wackeln, Wanken bringen = saataa huojumaan, keinumaan“, lĩg-uôt „suptis = keinua, siūbuoti = keinuttaa“ ir pan.,

toliau – rus. (dial.) ляг-аться „suptis, siūbuoti“,

s. sl. lǫgъ „δρυμός“ = rus. луг ir kt., (Eivät tule tästä, vaan verbistä *lenk- = taipua, taivuttaa, HM)

s. ind. raṅg-ati „sich hin und her bewegen“ ir kt. < ide. *leng- „supti(s) ir pan.“, plg. Vasmer ESRJ II 527 (s.v. луг), 548 (s.v. ляга I). lingo = jalustin(lenkki) [Ei liity sananaan *leng- = leijua, kellua, vaan sanaa *lenk- = taivuttaa. Kumman- kaan alussa ei ole ollut kanta-IE:ssä/kantabaltissa ollut p-:tä, sillä länsibaltissa olsi pudonnut -l- poiseikä p-, kuten sanassa *plem- > pannu = tuli.]

lingo „stegerefe (Steigbügel = jalustin, ”astinkaari”) – balnakilpė = jalustin, ”satula-silmukka“ E 447 nom. sg. fem. [dėl vok. (E 447) stegerefe „balnakilpė“ plg. v.v.a. stëgereif „t.p.“, v.v. ž. stegerêp „t.p.“(s.v. Stegreif)] = *lingɔ̄, t.y. *lingā. Apie šio pr. (E) substantyvo giminaičius jau ne kartą rašyta, bet pagrindinė jo etimologijos problema – jo darybos istorija nebuvo analizuota.

Manau, kad pr. (E 447) *lingā buvo „kilpa (Schlinge = lasso, silmukka); balnakilpė“ (plg. lie. kìlpa „t.p.“) < *„kilpa“ = „tam tikras lankelio pavidalo lenktumas“ < *„tam tikras lenktas išdubimas (iškilimas)“- fleksijos vedinys iš verb.pr.(balt.) *ling-/*leng- „išdumbančiai (iškylančiai)↔įdumbančiai (nusvyrančiai) linkti/lenkti“ (dėl jo žr. s.v. lanxto);plg.,pvz.,(subst.) lie.skilà „skeveldra…“ 67 (= la.šk̦ila „t.p.“) < *„(at)skilimas“ ← verb. lie. skìl-ti (= la. šk̦il̃-t).
lanxto = ikkuna (myös: kaari)

lanxto „fenster (Fenster) – langas = ikkuna“ E 213 nom. sg. fem. = pr. *lankstɔ̄, t.y. *lankstā (žr. dar perstlanstan) < pr. *langstā „t.p.“ Jis jau seniai laikomas gimi- naičiu su lie. lángas „t.p.“ = la. luôgs „t.p.“. Tačiau šių pr. ir lie. -la. žodžių darybos (bei semantikos) istorija nėra atskleista, o dėl to ir pati jų etimologija vis dar nėra aiški (plg., pvz., Fraenkel l. c.: „Etymologie unklar“).

Pirmiausia reikia pasakyti, kad lie. lángas „langas (Fenster)“ bei la. luôgs „t.p.“ kil- dintini iš (subst.) ryt.balt. *lánga- „tam tikra anga = aukko,skylė = reikä“;pastarą jo reikšmę atspindi la. luôgs „Loch = kolo,Öffnung = aukko;Fenster = ikkuna “ ir lie. lángas „langas (Fenster); tam tikra skylė. 39 Pr. *langstā savo rašytinės fiksacijos (E žodynėlio sudarymo) laikais (t.y. XIII–XIV a.) matyt buvo irgi „tam tikra skylė; langas (Fenster)“ [ar „langas (Fenster); tam tikra skylė“], kildintinas iš (subst.) vak. balt. *langstā „tam tikra anga, skylė“.

Subst.ryt.balt. *langa- „tam tikra anga, skylė“ ir vak.balt. *langstā „t.p.“ [jų reikšmę anksčiau esu kitaip suvokęs] bus atsiradę iš subst. *„lenkta kiaurymė = taivutettu kierous, käyryys“ < *„lenktas įdubimas = kaareva syvennys“, ir jie du darybiškai santykiuoja panašiai kaip, pvz., subst. lie. brãdas „(per)bridimas, brasta (Furt = kahlaamo)“ su lie. brastà „t.p.“, kurie yra fleksijos *-a- (lie. brãdas) resp. sufikso *-(s)tā- (lie. brastà = kahlaamisen ääni) vediniai (su šaknies vokalizmo apofonija) iš verb. balt. *bred- „bristi (waten = kahlata)“ (dėl jo žr. s.v. brast). Kitaip sakant, tie subst. ryt. balt. *langa- „lenktas įdubimas“ ir vak. balt. *langstā „t.p. (”lonksutus”) laikytini fleksijos *-a- resp. sufikso *-stā vediniais (su šaknies balsio apofonija) iš verb. balt. *leng- = *leng-/*ling-, kurio reikšmė buvo, man rodos, *„įdumbančiai (nusvyrančiai) ↔ išdumbančiai (iškylančiai) lenkti/linkti“ (tam tikra enantiosemija, plg. s.v. etwiērpt). Tokią jo reikšmę gana gerai atspindi, pvz., verb. lie. ling-úoti „suptis = heilua, keinua“ = la. lĩg-uôt „t. p.“ (žr. dar s.v. erlāngi = yläpuolelta), kur „suptis“ = „su nusvirimais (tam tikrais įdubimais) bei su iškilimais (tam tikrais išdu- bimais) linkčioti“; tos pačiõs šaknies yra dar verb. lie. léng-ti „silpnėti = heikentyä, nykti = vähetä, kulua hävitä (”lentää”, ”karata”?), džiūti = kuihtua (nuo ilgos lėtos ligos)“ (LKŽ VII 330; < *„dubti + linkti“), ling-ti „svirti žemyn = taipua alas“ ir pan. Žr. dar lingo, nolingo. Iš to verb. balt. *leng-/*ling- „įdumbančiai ↔ išdumbančiai lenkti/linkti“ = balt.-sl. *leng-/*ling- „t.p.“ buvo išvestas subst. sl. *langa- „lenktas įdubimas ↔ išdubimas“ > *lǫgъ → serb.-chorv. lȗg „miškas, krūmai; užžėlusi žemuma“ ir kt. Čia pridera ir verb. sl. *lęg-ati (sę) „supti(s)“ s.v. *lęgati (sę) II, plg. lie. ling-úoti „suptis“ = la. līg-uôt „t. p.“.

Verb. balt.-sl. *leng-/*ling- „įdumbančiai ↔ išdumbančiai lenkti/linkti“ yra iš verb. ide. *leng-/*ln̥g- „t.p.“ (s.v. leng-), kuris galėtų būti verb. ide. *lenk-/*ln̥k- „lenkti“ variantas.

40 Dėl pr. (E) lanxto ir lie. lángas = la. luôgs etimologijos plg. Toporov l.c.” ]

Die Lautentsprechung sollen nach KOIVULEHTO drei weitere Gleichungen stützen. Die Herleitung von fi. raivata ‘urbar machen, bahnen’ aus urgerm *straujan (dt. streuen) ist nach HOFSTRA ”semantisch ‘niederstrecken, (auf der Erde) ausbreiten, bestreuen, ebnen’ und auf fi. Seite Bedeutungen wie ‘roden‚ ebnen, räumen’ ” (1985, 175). Nun genügt aber der Hinweis auf eine gewisse Überlappung des Bedeutungs-Spektrums nicht. Im Hinblick auf die Bedeutung der zugrunde liegenden urindogermanischen Wurzel ist dann einzelsprachlich eine Entwicklung von ‘ausbreiten’ zu ‘ebnen’ anzunehmen, die nicht ohne Bedenken in urgermanische Zeit verlegt werden kann. Mit der letztgenannten germanischen Bedeutung müßte das Verb aber ins Ostseefinnische gekommen sein, wo es dann zu einer Weiterentwicklung von ‘zum Zwecke der Ebnung räumen’ zu ‘roden’ gekommen wäre.

Auch der Umstand, daß in vielen Sprachen Bezeichnungen für ‘Schädel, Kopf’ ursprünglich Bezeichnungen für ”kopfartige Gefäße” sind (HOFSTRA 175), ist etwas zu wenig Evidenz für einen Zusammenhang von fi. raivo ‘Schädel’ mit ae. triz ‘Schüssel, Hohlmaß’ bzw. an. treya ‘eine Art Korb, Tragekorb’.

117.

Die Etymologie erfordert die Zusatzhypothese, daß die Bedeutung ‘Schädel’ im Germanischen oder die Bedeutung ‘Schüssel’ bzw. ‘Tragekorb’ im Osteefinnischen verloren gegangen ist (Vgl. hierzu § 100). Die Annahme einer spontanen Bedeutungsübertragung käme darauf hinaus, daß die Urgermanen beim Anblick der Köpfe der Ostseefinnen an Töpfe erinnert wurden und die Ostseefinnen den Kraftausdruck übernommen haben.

Beim dritten Beweisstück, fi. kaivata ‘vermissen, nachtrauern, sich sehnen’, älter und dialektal auch ‘(an)klagen’, sollen die zum Verb *kaujan (ae. ci[e]zan ‘rufen, nennen, anrufen’, ahd. gikewen ‘nennen’) gestellten Nomina ahd. küma und gotl. kaum ‘(Weh)klage’ die ”semantische Brücke” für die Bedeutung des finnischen Verbs schlagen.

Man hat es demnach mit einer semantisch einwandfreien Gleichung, die eine überraschende Lautentsprechung beinhaltet (Fall laiva) und drei Zusammenstellungen zu tun, bei denen die Brückenköpfe zur Uberwindung der semantischen Diskrepanzen recht weit auseinanderstehen.

HOFSTRA übernimmt die genannten Etymologien ohne zu zögern in seine semantische Gruppierung des Lehnguts. Es bleibt zu erörtern, wie begründet die Annahme – HOFSTRA spricht freilich bereits von ”Entdeckung” – der ”metathetischen Substitution” ist. Wenn das nach KOIVULEHTO aus germ. *flauja zu erwartende ostseefinnische *lapia, *lavia wegen seiner Dreisilbigkeit ”eine noch weniger adäquate Wiedergabe von germ. *flauja als urfi. *lapja” gewesen wäre, so muß hingewiesen werden, daß schließlich auch das zweisilbige darauf urgermanische *ubjön- im Finnischen als dreisilbiges upia realisiert ist. Es spricht mithin nichts dagegen, daß ein urgermanisches *flauja- als *lavia realisiert worden wäre. Andererseits ist eine Metathese 55i -> fit natürlich keine absonderliche Erscheinung 67.

67. Eine Metathese von ui läßt sich auch im Griechischen beobachten: “witj-etos (vgl. lat. auis ‘Vogel’) > (Qflfsrög (rxißsrög Hesych) > griech. (altattisch, Homer) (xieröz; ‘Adler’. Allerdings wird der Vorgang mit einer auch bei. Entwicklung von a/orfli, a/onj eingetretenen Epenthese des t mit anschließender Assimilation des i4 a das voraufgchende i (koukku-) beschrieben (Rix $ 73).

118.

Im Finnischen ist die umgekehrte Entwicklungsrichtung im Falle von avio ‘Ehe’ zu beobachten, das man ungern von dt. Ehe usw. (< ur germ. *aiwo’-) trennen möchte. KOIVULEHTO will die Diskrepanz durch die Annahme eines Homonymenkonflikts mit aivo(t) ‘Gehirn’ bzw. im Falle laiva mit lapia ‘Spaten’ lösen, was dann eigentlich seine Ausführungen über die Tendenz, die Silbenzahl zu erhalten (s.o.), erübrigte.

Bei avio und laiva wäre also unter dem Druck homophoner Formen die Verbindung der beiden Halbvokale jeweils in die andere Richtung verändert worden. Es ist aber zu konstatieren, daß die Ähnlichkeit der semantisch identischen Wörter fi. laiva und an. fley frappierend ist. KOIVULEHTOs Etymologie bleibt auch ohne zusätzliche Evidenz durch andere Entlehnungen die bisher beste Deutung des finnischen Wortes (vgl. § 74).

Den umgekehrten Vorgang zeigt auch lapp. saw jä ‘fresh water, water in river or lake; lake without any (fairly large) river flowing into it …’, das über sai‘vä ”irgendwie mit awn. sjär, sjör, saer m. ‘See usw.’ zusammengehören” müsse (SKÖLD 1961, 125), wobei sich der Vorbehalt darauf bezieht, daß der fehlende Anschluß von urgerm. *saiwa- die Möglichkeit einer Entlehnung ”aus einer ausgestorbenen «Proto»-Sprache” ins Lappische und Germanische nahelegt (125.f.). Das lappische Wort kann auf *saiwi- zurückgehen (l.c.). SKÖLD meint, man dürfe ”aus dem lp. Worte keine positiven Schlüsse auf den urn. Stammauslaut ziehen” (126), da ein urnordisches *saiw durch Anfügung eines ä der lappischen Wortstruktur angepaßt worden sein könnte. Da aber der i-Stamm durch das Althochdeutsche und das Altenglische gesichert ist (BRAUNE/ MITZKA §216, Anm. 5, S. 200) und der gotische Befund zumindest nicht dagegen spricht (BRAUNE/EBBINGHAUS ä 101, Anm. l), ist eine Basis urn. *saiwi- das Wahrscheinlichere‚ wenn man an germanischer Herkunft festhält.

Was fi. raivo (t) betrifft, so ist ein alter Vorschlag KARSTENS ( 1843/44) nicht unbedingt von der Hand zu weisen. Unter der Annahme, daß raivo, raiva ursprünglich ‘Hirnschale, Totenschädel’ bedeutete, läßt sich an eine Abstraktion aus einem germanischen Wort für ‘Leiche’ (got. hraiw, an. hrw ‘Leiche, Wrack, Trümmer’, ae. hräw, ahd. hräo ‘Leichnam, Tod, Grab’) denken. Das germanische Wort wäre dann zweimal entlehnt worden, vgl. – späteres? – räivä (fi. dial.) ‘Wrack, unnützes Ding’ (s. HOFSTRA 1985, 1).

Daß dem Begriff ‘Schädel’ eine Bedeutung ‘Gebogenes, Gekrümmtes’ zugrunde liegt, erscheint ebenfalls denkbar. Man könnte mithin für fi. raivo (t) auch Übernahme eines urbaltischen *kraivas erwägen, das in ostlit. kraivas (vgl. zum Vokalismus lett. krails von der gleichen Wurzel), lit. kreivas ‘schief’ vorliegt; zum Ausgang wäre fi. arm, arto ‘Stangengerüst’ zu lit. afdas zu vergleichen (vgl. auch fi. dial. raiva neben raivo).

119.

Die Bedeutungskonstellation wäre mit der bei KOIVULEHTOS Deutung identisch. Im Baltischen fehlt die durch das finnische Wort belegte Bedeutung ‘Schädel’, im Finnischen gibt es keine Spur einer früheren Bedeutung ‘schief’.

Wenn man so großzügig mit den Bedeutungsdiskrepanzen umgeht, findet man zumeist auf Anhieb eine lautlich passende andere Etymologie: raivata ‘roden’ könnte dann ein Denominativum von einem germanischen *fraiwa- ‘fruchtbar’ (an. fraar; got. fraiw ‘Same’) sein und ursprünglich ‘(den Boden durch Rodung) fruchtbar machen’ bedeutet haben. Andererseits müßte die Nichtzulässigkeit der Segmentenfolge auj dann auch nach traditioneller Auffassung sogar a fortiori für die Periode der baltischen Kontakte gelten. Wenn man mit dieser Metathese rechnet, würde der baltische Verbalstamm rauja- (lit. räuti, lett. raüt ‘ausreißen‚ jäten’, vgl. auch lit. raveti ‘jäten’) semantisch wesentlich besser zu fi. raivata ‘roden’ passen als dt. streuen usw.

§ 48. Germanische Herkunft vermutet HOFSTRA aufgrund des Wortausgangs auch im Falle von fi. valmis ‘fertig, reif, bereit, geneigt, bereitwillig’. Trifft diese Vermutung das Richtige, muß es sich um eine Ableitung mit dem Formans *-mi- handeln, denn eine Wurzelstruktur mit *lm# ist für das Urindogermanische nicht belegbar. Das genannte Formans ist im Germanischen aber nicht produktiv geworden; neben den in den Handbüchern verzeichneten Bildungen dürften schwerlich weitere auszumachen sein. Unter den bekannten Bildungen findet sich auch ae. wielm ‘Kochen, Wallung; Schwellen, Woge, Strom; Flamme, Brand, Entzündung, Glut, Eifer’ zu weallan ‘wallen, wogen, kochen, sieden; quellen, fließen; wüten, toben’. Das Substantiv geht mit Brechung und i-Umlaut auf urgerm. *walmiz zurück. Die Diskrepanz in der Wortklasse würde für das Ostseefinnische keine Rolle spielen. Einer Erläuterung bedarf allerdings die Art der Bedeutungsbeziehung. Eine Entwicklung von ‘siedend, kochend’ zu ‘fertig’ ist aber sehr wohl denkbar. Wer etwas auf Bedeutungsparallelen gibt, mag dt. gar, ae. gearu, as. garo ‘eifrig’ fertig, bereit’, an. gorr ‘bereit, begabt’ zu uridg. *g”er- ‘heiß’ vergleichen.

120

Zur Bedeutung ‘reif’ von valmis vergleicht sich ai. pakvä- zu pac- ‘kochen 68.

Ein ostseefinnisches Adjektiv für ein substantivisches germanisches Original liegt möglicherweise in fi. runsas ‘reichlich’ vor, das zu ahd. runs m., runsa f. ‘Flut, (fließendes) Wasser’ (s. SCHÜTZEICHEL) gehören könnte. Die Metapher bedarf keiner Erläuterung. Auch fi. nauris (< *nakris, vgl. z.B. weps. nagr) ‘Rübe’ ist unter den Wörtern vertreten, die laut HOFSTRA ”eine phonotaktische Struktur haben, die dem Frühurfinnischen fremd ist” (1985, 263) und die aufgrund dieses Umstandes als des germanischen Ursprungs verdächtig erscheinen.

Wenn das hypothetische Original im Germanischen ein Erbwort sein soll, müßte es ein Formans *-ri- enthalten, denn eine urindogermanische Wurzelstruktur (C)CVTR ist nicht bezeugt. Das Adjektive bildende Formans *-ri- ist aber nur spärlich nachzuweisen (KRAHE/MEID § 83). Allerdings ist ein einschlägiges Wort ins Ostseefinnische entlehnt worden: fi. tiuris ‘teuer’ (ahd. tiuri, an. dýrr). Es ist nicht wahrscheinlich, daß sich neben dem letztgenannten germanischen Wort und an. vitr ‘weise’, got. riurs ‘vergänglich’ und skeirs ‘klar’ (l.c.) noch weitere Belege finden lassen.

Allerdings könnten sich unter den zahlreichen Vertretern der -ja-/-jö- Deklination alte -ri-Bildungen verbergen (l.c.). Es mag sich also bei dem germanischen Original von fi. nauris um ein Adjektiv handeln, das aber nicht notwendigerweise ein Merkmal des Referenten selbst, sondern z.B. eine Eigenschaft des Samens charakterisiert (vgl. KLUGE/MITZKA s.v. Runkelrübe).

Fi. ruumis ‘Körper, Leiche’ leitet HOFSTRA (1985, 268 ff.) von urgerm. bzw. urn. *skruma- her, das durch schwed. skrom, skrum ‘etwas, was viel Platz einnimmt, Masse, Gerippe’ belegt sei.

68. HOLTHAUSEN denkt hier allerdings an eine Bildung *gi-arwa- zu ae. earu ‘bereit, flink’, as. aru, an. ærr ‘rasch, schnell (zufahrend); freigebig, mildtätig, großzügig’, die formal genau av. auruua- ‘schnell’ entspricht (uridg. *oryo-). In IEW und bei de VRIES ist dieser Deutung der Vorzug gegeben. Da jedoch allen Vertretungen in den germanischen Einzelsprachen das Merkmal ‘schnell, spontan’ inhäriert, erscheint die Entwicklung bis zu einem Zustandsadjektiv doch recht unwahrscheinlich. Überdies erweckt eine Präfigierung mit ga- außerhalb einer kollektiven Funktion oder den Bahuvrihi-Bildungen bei einem offensichtlich schon urgermanischen Adjektiv Bedenken.

121

Das Akademiewörterbuch macht deutlich, was unter ‘Gerippe’ zu verstehen ist; es gibt für das in Rede stehende Wort die Erklärung ‘viel Platz einnehmendes (Haus-)Gerippe oder Gebäude bzw. Ruine eines solchen Gebäudes; leerer Raum, Universum; umfangreiche und poröse Masse u. dgl.’. HOFSTRA führt noch für die Dialektvariante die Bedeutungen “Gerippe, Körper u. dgl. von unbehaglichem Aussehen und unbehaglicher Unvollständigkeit, z.B. altes Haus, dessen Dach und innere Teile weg sind; Schiffswrack; größere Wagen’ an. Er vermerkt weiter: ”Daß zu einer Wortgruppe Wörter mit so unterschiedlichen Bedeutungen wie ‘Körper, Masse, umfangreich, porös’ gehören können, zeigt auch schwed. skrov” (271), das nach 0rd för 0rd die Bedeutungen ‘Körper, Rumpf, Gerippe, Hauptmasse, Tierskelett, Kadaver, Vogelkarkasse, Schiffsrumpf; Koloß, Klotz, Ungetüm’ habe. Für das vermutete urgermanische Etymon von fi. ruumis läßt sich die Bedeutung ‘(lebendiger oder toter) menschlicher oder tierischer Körper’ aber offensichtlich nicht wahrscheinlich machen. Stört die fehlende Beziehung zum Animalischen nicht, käme ebensogut norw. trumm, schwed. (dial.) trum, trom, dt. Trumm (vgl. Trümmer) ‘Stock, Baumstamm, abgehauener Holzklotz’ in Frage. Bei der Quantität des Tonvokals und des Ausgangs besteht die gleiche Diskrepanz wie im Falle der HoFSTRAschen Deutung, falls man nicht bezüglich der Quantität auf die von HELLQUIST angesetzte ”Variante *skruma- zurückgreifen will.

Ähnliche semantische Beziehungen werden für folgende Herleitungen angenommen. Der herkömmlichen Deutung von fi. runko ‘Baumstamm; Rumpf, Körper’ aus einem germanischen *þrunho’- (an. þró ‘ausgehöhlter Stock’) ist mit HOFSTRA die auf NIKKILÄ zurückgehende Zusammenstellung mit an. skrokkr ‘Körper, Rumpf’ vorzuziehen. Diese Erklärung setzt wohl voraus, daß urgerm. *skrunkaz ursprünglich ‘Baumstamm’ o.ä. bedeutet haben muß, da aus einer Grundbedeutung ‘Körper’ die Bedeutung ‘Baumstamm’ schwer zu verstehen wäre. Das tertium comparationis zwischen ‘Rumpf’ und ‘Baumstamm’ dürfte ‘gestutzt’ sein, vgl. lat. truncus ‘verstümmelt; der Aste, der Glieder beraubt’ bzw. ‘Baumstamm ohne Äste; der Rumpf des menschlichen Körpers’ (WALDE/HOFFMANN). Der Bedeutung ‘stam, kronstam’ bzw. ‘djup skog där trädstammer faller kors o. tvärs’ (KARSTEN) für runko kommt die Bedeutungspalette des deutschen Strunk nahe.

122.

Dieses zwar spät bezeugte, aber durch norw. strokk ‘kleiner Holzkübel, Butterfaß, Tonne’ als ererbt erwiesene Wort bedeutet ‘truncus, caulis’, insonderheit ‘so ziemlich jeder theil des gefällten oder abgebrochenen baumes, wenn nur eine verstümmelung erkennbar ist’ bzw. ‘der lose (abgehauene oder -gebrochene theil des baumes, und zwar in jeglicher gestalt; z.b. der grosze stamm, der im wege liegt’, ‘häufiger jedoch der stehen gebliebene theil des baumes, auch von beträchtlicher höhe’ (GRIMM). Das germanische wort gehört nach KLUGE/MITZKA zu altlit. strùngas gestutzt, mit gekapptem Schwanz’. Geht man für das finnische Wort von baltischer Herkunft aus, läßt sich auch nach traditioneller Auffassung mordw. E rurjga ‘Rumpf, Körper’ anschließen.

Auch für das anklingende ranka ‘gefillter und entästeter Baum- (stumpf)’ wird germanischer Ursprung angenommen. SKES verweist auf an. strangaviör ‘gefällte und entästete lange Bäume’. Von diesem Wort soll fi. rangaista ‘bestrafen’ abgeleitet sein (SKES), wobei auf dial. rankeloita ‘zerstören, schaden’ hingewiesen wird, Bedeutungen, die auch für rangaista nachgewiesen werden können. Geht man von der am weitesten verbreiteten Bedeutung als der ursprünglichen aus, wäre eine Zugehörigkeit zu dt. Strang, an. strengr ‘Strang, Seil, Tau’ zu erwägen. Strangulieren als Mittel zur Vollstreckung der Todesstrafe ist für die Germanen überliefert. Für dt. Strang ist allerdings nur die i-Stämmigkeit als alt zu erweisen. Von einem i-Stamm wäre aber ein *rangita, vgl. villitä ‘anstacheln, wild machen’ u.ä. zu villi ‘wild’, zu erwarten. Das Formans -aise-,-äise- ist überdies deverbal (zu seiner Genese s. SKRK I ä 66.2, S. 245).

§ 49. KOIVULEHTO geht von der Prämisse aus, daß im Urostsee- finnischen eine Sequenz *aic’c’ nicht zugelassen war, und führt ratsas über ein *rac’c’az auf urgerm. *raidjaz (ae. raade ‘beritten’) zurück (l979a, 290; 1981e, 78). KOIVULEHTOs Prämisse bedeutet, daß Bildungen wie paitsi ‘außer’ (Postposition), maitse ‘über Land’ (Prolativ), suitset ‘Zaumzeug’, päitset ‘Halfter’, veitsi ‘Messer’ entweder nicht alt sind oder daß der Diphthong in jedem Fall auf Vrj zurückgeht (wie in päitset < *pärngc’c’et – vgl. SKRK I ä 21, S. 32). Den Entlehnungs-Zeitpunkt vor diesen Lautwandel zu setzen, ist in der KOIVULEHTOSChen Konzeption bezüglich des Alters solcher Entlehnungen natürlich keine Affäre. 123. Wenn aber das j mit der palatalen Geminate ”verschmolzen” sein soll, müßte man motivieren, warum dieses nach dem Wandel *n´g` > j assiert ist. Im übrigen erscheint es nicht plausibel, daß eine Sprache, die Diphthonge der Form Vj hat, ein Vrngc´c’ duldet, ein Vjc´c´ aber eliminiert.

Fi. ratsas, ratsu ‘Reitpferd’ erinnert an ved. rathya- ‘zum Wagen gehörig; Wagenroß’ und (?) av. raixiia- ‘attached to a charriot = draught-animal’ (GRASSMANN 1141 bzw. GERSHEVITCH 191); hier läge voriranisches o vor (vgl. lat. rota ‘Rad’). Die finnische Affrikata ließe sich durch Substitution von arisch *tj bzw. iran. þi- durch *ti (> *c’c’ > ts) oder *c’c’ (vgl. hierzu HOFSTRA 1985, 166) erklären. Die Bedeutungsdiskrepanz (‘Wagenpferd’ vs. ‘Reitpferd’) wäre nicht gravierend. Sie ließe sich durch eine Verlagerung der Wohnsitze aus der Waldsteppe in die Waldzone oder einfach mit der Priorität des Fahrens vor dem Reiten deuten. Auch für den germanisch-keltischen Raum wird offenbar Priorität des Fahrens angenommen (s. GERMANEN 235).

Beide Erklärungen scheinen sich aber in sachgeschichtlicher Hinsicht nicht untermauern zu lassen. In der Literatur zur Vorgeschichte findet sich die Angabe, daß das Pferd erst in der Merowingerzeit in Finnland heimisch geworden ist (vgl. VAJDA 515). Das würde im Falle einer germanischen Herleitung des Wortes bedeuten, daß entweder die ältesten Entlehnungen im Ostseefinnischen – denn zu den ältesten müßte fi. ratsas und seine Sippe aufgrund der Lautverhältnisse gehören – doch kein so hohes absolutes Alter aufweisen, wie angenommen wird, oder daß die Begriffe ‘Reittier’ bzw. ‘reiten’ ursprünglich in den Bereich der Cervidenzähmung gehören. Daß aber gerade die Germanen den Ostseefinnen die Verwendung von Elch oder Ren als Reittier vermittelt haben, wird man kaum annehmen wollen. Im übrigen findet sich laut VAJDA kein Indiz dafür, daß es in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende im Norden domestizierte Elche gegeben hat (l.c.). Mit der Rentierzucht kann man offenbar – jedenfalls bei den Lappen – auch nicht vor den letzten Jahrhunderten des ersten nachchristlichen Jahrtausends rechnen 69.

69. Nach KATZ (mdl.) spricht aber die einschlägige Terminologie für ein hohes Alter der Pferdehaltung.

124.

Im Falle arischer bzw. iranischer Herkunft müßte man annehmen, daß das Wort in der Periode zwischen seiner Ubernahme und der Einführung des Pferdes in Finnland auf die Cerviden bezogen wurde. Die Auffassung ALTHEIMS würde hingegen einer Deutung des Wortes aus dem Iranischen entgegenkommen. ”Reiten, reiterliche Tracht und Waffen” seien erst zur Zeit der ”gotisch-alanischen Mischkultur” Südrußlands ”im Austausch gegen das gesuchte Pelzwerk … zu Finnen und Obugriern” und ”bis … zum baltische Gestade” gelangt (1957, 40)

Die Etymologie von lit. arklis ‘Pferd’ (eigentlich ‘Ackergaul’) läßt den Gedanken an baltische Herkunft von fi. ratsas auflcommen. Die Übernahme des baltischen Wortes für den Wagen (vgl. lit. rätai, fi. rattaat – jeweils Plural vom Wort für ‘Rad’) könnte mit dem Bekanntwerden des Ackerwagens bei den Ostseefinnen zusammenhängen. Fi. ratsas müßte dann ursprünglich ‘das vor den Wagen gespannte Pferd’ gewesen sein. Für ein urbaltisches *ratAias ‘zum Wagen gehörig’, aus dem sich wie in fi. metsä ‘Wald’ (vgl. lit. medis ‘Baum’) die ostseefinnische Affrikate erklären ließe (s. hierzu ausführlich HOFSTRA 1985, 165 ff.)‚ liefern die baltischen Einzelsprachen aber nicht den geringsten Anhaltspunkt.

§ 50. Mit einer phonotaktisch bedingten Restriktion operiert KOIVULEHTO auch im Falle von fi. tahdas, Gen. tahta(h)an ‘Teig, Paste, weiche Masse’ (1981b‚ 357). Während er aber selbst hinsichtlich des germanischen Ursprungs des Wortes noch gewisse Bedenken zu haben scheint (es ”dürfte ein uraltes germ. Lehnwort sein” – ebd.)‚ rangiert sein Vorschlag bei HOFSTRA 1982 als sichere Etymologie (312). Als Etymon postuliert KOIVULEHTO aufgrund von abg. tevsto ‘Teig’ und air. tois, tafs ‘massa farinacea’ ein urgermanisches þajstaz, woraus sich die finnische Form über ein *taštas anstelle von ”phonotaktisch auf die Dauer nicht möglichem” *tajstas erklären lasse. Zur phonetischen Seite der Erklärung verweist KOIVULEHTO auf ein dem finnischen paista- ‘braten’ entsprechendes wepsisches paftaa Der hier zu beobachtende Lautwandel ist aber von Fällen wie vepsA variät (fi. varista, PartSg. zu varis ‘Krähe’), ahtiätab (fi. ahdistaa 3.Sg.Präs.Ind. ‘bedrängen, beengen’), polifik (fi. puolisko ‘Hälfte’), vepsK koivišt (fi. koivisto ‘Birkenhain’)‚ vepsE iškta (fi. iskeä ‘schlagen’) nicht zu trennen (s. TUNKELO 1946, § 119.2). Ein wepsisches lafk (fi. laiska ‘faul’ – TUNKELO l.c.) ist demnach höchstens eine Parallele dafür, daß ein VjsC ”phonotaktisch auf die Dauer” unmöglich ist. In diesem Falle müßte man annehmen, daß in urgerm. *þajstaz das s, wie für einige Anlautsfälle von KOIVULEHTO postuliert wird (1981b‚ 346), durch urostseefi. s, in dem später der palatale Halbvokal aufging, ersetzt wurde.

125.

Entbehrlich wird die wepsische Parallele, wenn man mit einer Substitution eines durch die Einwirkung des Halbvokals palatalen urgerrnanischen Clusters *js’ durch urostseefi. *š rechnet.

§ 51. Oben wurde bereits auf die Hypothese einer Substitution von urgerm. *aur durch urostseefi. *apr (> fi. aur‚ dial. apr) hingewiesen. lnadäquate Wiedergabe eines au-Diphthonges vor r gibt es in baltischen Lehnwörtern. Hier ist Metathese eingetreten: fi. karva ‘Haar’ – lit. gaüras; fi. tarvas ‘elchähnliches Tier’ – lit. taüras ‘Büffel, Auerochse’; fi. torvi ‘Hirtenhorn, Jagdhorn; Röhre’ – lit. taure” ‘Becher, Kelch’, lett. taüre ‘Jagdhorn, Hirtenhorn’ (KALIMA 1936, 75). Daß die Ostseefinnen bei baltischen Wörtern einen anderen Weg gewählt haben, ist natürlich kein zwingendes Argument gegen KOIVULEHTOS germanische Etymologien. Der Umstand verstärkt aber zumindest die Bedenken, die die nicht einwandfreie Semantik der Gleichungen erweckt.

KOIVULEHTO rechnet in einem Fall auch mit der Substitution urgerm. *eu -> urostseefi. *ep (> fi. eu): fi. teuras ‘Schlachtvieh’, estn. Iöbras ‘Hirsch, Elch’ < urgerm. *þeuraz (an. þjór ‘Stier’) – (1979, 284 f). Die alte Herleitung des ostseefinnischen Wortes aus urgerman. *steubraz (< *tibraz; ahd. zebar ‘Opfertier’) ist nach KOIVULEHTO allerdings noch im Auge zu behalten. HOFSTRA steuert eine weitere Erklärung bei. Er schlägt urgerm. *steuraz (got. stiur ‘Stierkalb, Kalb’, ae. stäor ‘Stier’) als Etymon vor (1985, 178), das nach KATZ auch fi. hirvi zugrunde liegt (vgl. § 9). Gegen die ältere Deutung könne man geltend machen, daß die alten Entlehnungen aus dem Germanischen den Wandel *i > e nicht reflektieren würden (HOFSTRA l.c.). Ganz kann man aber auch für teuras ein germanisches *tibraz als Etymon nicht ausschließen. Das Wort könnte zu einem Zeitpunkt entlehnt worden sein, als es Wörter mit ti noch nicht wieder gab (vgl. § 6), die erst im Zuge des verstärkten germanischen Einflusses aufamen.

Bei HOFSTRAS Etymon handelt es sich aber offenbar um die Variante mit s-mobile zu *þeuraz (s. KLUGE/MITZKA s.v. Stier). HOFSTRA vermerkt, daß von den vier Belegen des gotischen Wortes drei im Gleichnis vorn verlorenen Sohn ”als Bezeichnung des (gemästeten) Kalbes, das aus Anlaß der Rückkehr des Sohnes geschlachtet wird” (178) vorkommen. Man wird daraus aber kaum ein Merkmal ‘zum Schlachten bestimmt’ für das urgermanische Wort für den Stier ableiten können.

126.

Dieses Merkmal inhäriert vielmehr dem germanischen *tibraz. Es kommt damit aus semantischen Gründen am ehesten als Etymon für fi. teuras ‘Schlachtvieh’ und seiner Sippe in Frage (teurastaa ‘schlachten, metzeln’, teurasuhri ‘Blutopfer, Opfertier’ u.a.).

Mit Substitution des *u durch ostseefi. p und Metathese operiert KOIVULEHTO gar bei fi. tarpoa, lapp. duor’bot ‘Fische mit der Stange aufstören’, das er aus einem germanischen *stauria- (dt. stören) herleitet (1977a, 145 f.).

§ 52. Sporadisch tritt auch eine Entsprechung ostseefi. k germ. w auf (s. HOFSTRA 1985, 104). Im Falle von fi. raaka ‘roh’ (an. hrár < urgerm. *hráwaz) rechnet KARSTEN (1943/44) mit einer erst altschwedischen Quelle (-w- > aschwed. -gh- ; dagegen HOFSTRA l.c.).

Dieser Wandel ist, wie KARSTEN selbst hervorhebt‚ nicht nach a eingetreten. Er kommt nur dialektal vor, was in Anbetracht der weiten Verbreitung des Wortes (mindestens weps., estn. , wot. vielleicht aus dem Finnischen, liv. aus dem Estnischen) Schwierigkeiten bereitet. Außerdem betrifft dieser Wandel nur das bei Hiat (brōar > brōwar > brōghar ‘Brücken’) aus b (owan > oghan ‘oben’) entstandene und in Lehnwörtem übernommene (mnd. nouwe > nögha ‘genau’) w – NOREEN 1904 5 273, S. 213 f.

Im Falle von fi. aika ‘Zeit’ (got. aiws ‘Zeit, Ewigkeit’) rechnet T. ITKONEN laut HOFSTRA (1985, 104) mit einem durch den Stufenwechsel bedingten Ausgleich. Der Mechanismus wird aber aus HOFSTRAS Angaben nicht klar. Nimmt man an, urgerm. *aiwaz hätte ein zugrunde liegendes ostseefinnisches */aivas/ ergeben, das als aika mit k im Anlaut der offenen Silbe realisiert worden wäre, kommt man mit der Information, daß es im Finnischen den Typ puku/puvun – zwischen zwei u ist *y (schwache Stufe zu k) zu v geworden — und den suffixalen (I) Stufenwechsel k/v gibt (61 f.), nicht weiter. Das Verhältnis aiw : aik erinnert an die wenigen Fälle eines Übergangs uridg. *w > germ. k nach i-Diphthong. Allerdings scheint dieser Wandel von einem u oder silbischem Liquid oder Nasal abhängig zu sein (s. SEEBOLD 1982, 174 f.). In Betracht kommt auch eine k-Ableitung von *aiwa-‚ wie sie in got. *ajuki- (ajukdupi- ‘Ewigkeit’, s. LEHMANN s.v.) verbaut ist.

127.

§ 53. Zu den Fällen, in denen ein urgermanisches *k durch das ostseefinnische *kk ersetzt wird, zählt man neuerdings auch fi. rakas, Gen. rakkaan ‘lieb’, das auf germ. *frakaz (vgl. ae. fræc ‘begierig, dreist’) zurückgehen soll (HOFSTRA 1985, 83, 210). Bei den recht zahlreichen finnischen Wörtern germanischer Provenienz mit der Grundbedeutung ‘gierig’ (fi. kiiras ‘plötzlich’ – ahd. gir; fi. kiivas ‘eifrig, feurig’ – ae. giw ‘Geier’, doch s. § 30); fi. ahnas ‘gefräßig, gierig’ – an. agn ‘Lockspeise’) braucht im Gegensatz zum Fall fi. rakas – ae. frazc keine Umpolung der Bedeutungsbeziehung angenommen zu werden: ‘lieb’ ist eine Eigenschaft des Objektes der Affektion, ‘gierig’ und die anzusetzende Zwischenstufe ‘geil, begierig’ indessen ein Merkmal des Subjektes. Ein solcher Richtungswandel ist in der historischen Semantik natürlich eine häufig zu belegende Erscheinung, stellt aber für die in Rede stehende Etymologie eine zusätzliche Annahme dar. Ohne eine solche Annahme und ohne die Voraussetzung einer komplizierteren Bedeutungsentwicklung als bei der obigen Erklärung käme die Zusammenstellung von fi. rakas mit an. frægr ‘berühmt, bekannt’, ae. gefræge, as. gifrägi ‘id’) aus. Wer ‘gefragt’ ist, ist ‘beliebt’. Für das ostseefinnische Wort wäre dann von einem germanischen *frägjaz auszugehen und anzunehmen, daß ein zugrunde liegendes *rakjaz als rakas realisiert worden wäre. Die bekannten Fälle für die Substitution betreffen allerdings immer germanisches *kj: fi. rikas, urgerm. *rikjaz (an. rikr ‘mächtig’), fi. miekka, urgerm. *me’kja- (got. mäkeis ‘Schwert’).

Auch wäre im vorliegenden Fall bedenklich, daß die Vokalqualität des Originals nicht reflektiert ist. Nicht vergleichbar ist der Ersatz eines urgermanischen *kj durch urostseefi. *kk in fi. rikas oder miekka mit der vermeintlichen Substitution von ”westgermanisch” *(t)tj durch urostseefi. *tt in fi. mitta ‘Maß’ (HOFSTRA 1985, 390, Anm. 19), denn während man im ersten Fall darauf verweisen kann, daß eine Konsonantenverbindung kj im Urostseefinnischen nicht möglich war, wäre eine Substitution von tj unnötig gewesen, da es die Verbindung während der Kontakte schon gab, nachdem zu deren Beginn Substitution durch die Affrikata bzw. den Vorläufer eintrat. Das im Wepsischen nicht zu belegende Wort kann selbstverständlich, wie KARSTEN bemerkt, mittelniederdeutscher Herkunft sein, falls es nicht doch gotisch ist – ”westgermanischer” Ursprung scheidet jedenfalls aus.

128.

§ 54. Fi. mäyrä ‘Dachs’ wird von HOFSTRA zu dt. Marder gestellt (1985, 114), wobei ”der Bedeutungsunterschied ‘Marder’ ‚f ‘Dachs’ ” nicht ins Gewicht falle, da ”der Dachs zur Familie der Marder gehört”.

Eine zoologische Zuordnung, die im vorliegenden Fall im übrigen vorgenommen wurde, obwohl Dachse zu den Mardern ”wenig Beziehungen” haben, ”höchstens in bezug auf die auch bei ihnen vorhandenen Stinkdrüsen am After” (FEHRINGER 112), besagt zunächst einmal nichts 70.

Schließlich gehört auch das Murrneltier, ”ein tier alsö michel sö der igil einer Familie. Onomasiologisch jedenfalls gehört der Dachs eher zur ”Familie” der Schweine, wie die häufigen Benennungen wie fi. metsäsika wrtl. ‘Waldschwein’ oder alb. balädosä wrtl. ‘Bläßschwein’ zeigen. In lautlicher Hinsicht weist die Herleitung von fi. mäyrä, dial. mäkrä aus urgerm. *marþra- zwei Irregularitäten auf. Die Vertretung äk, äy für *ak scheint keine Parallele zu haben, aber immerhin können mögliche Parallelfälle für ursprüngliches *au genannt werden (HOFSTRA 1985, 50 f.); der Übergang von *þ zu k ist indessen nicht vergleichbar mit dem Übergang *þl > kl in fi. neula < urostseefi. *nekla < urgerm. *neþla- seula < urostseefi. *sekla < urgerm. *sēþla- (‘Nadel’ bzw. ‘Sieb’), denn hier handelt es sich um den auch sonst zu belegenden Wandel > kl, wie er im Baltischen und Lateinischen bei den Nomina instrumenti zu beobachten ist, vgl. lett. aukla ‘Schnur’ av. aoδra- ‘Schuh’, lat. pöculum ‘Becher’, ai. pätra- ‘Trinkgefäß’.

Zur Semantik der obigen Herleitung wäre noch zu bemerken, daß selbstverständlich der Wal ein ”Fisch” ist; das Wort beinhaltet alle semantischen Merkmale, die in der Standardsprache den Fisch ausmachen (vgl. auch SEEBOLD 1986, 169). Die abweichenden Kriterien der Fachsprache sind hier irrelevant.

Man kann schließlich in der Standardsprache auch den Begriff ‘Arbeit’ für Erscheinungen verwenden, die sichnnicht als ”Kraft mal Weg” auffassen lassen.

70 Daß in der zoologischen Nomenklatur der Dachs mit einem Namen belegt ist, in den Wörterbüchern des Latein auch mit ‘Marder’ glossiert ist (mäläs), rührt daher, daß die genaue Bedeutung des lateinischen Wortes nicht bekannt ist WALDE/HOFFMANN).

129.

§ 55. KOIVULEHTO hat für drei finnische Wörter mit der Sequenz -aav- germanische Originale mit urgerm. -aww- auszumachen versucht (vgl. § 96). Es handelt sich dabei um fi. haava ‘Wunde’, kaava ‘Gestalt, Umriß, Form, Muster’ und naava ‘Bartflechte’. Es herrscht die Meinung, daß auch urn. *ggw im Finnischen durch v vertreten sein könne, weil es die Konsonantenverbindung *kv im Finnischen nicht gebe, daß also z.B. ein finnisches haava ‘Wunde’ sowohl auf urgerm. *hawwa- als auch auf urn. *haggwa- (an. hagg ‘Hieb’) zurückgehen könne (HOFSTRA 1985,103 mit Literatur). Bezüglich der entsprechenden Konsonantenverbindung mit palatalem Halbvokal wird jedoch die Wiedergabe durch die Klusilgeminate (z.B. urgerm. *kj durch urostseefi. *kk in rikas/rikkaa- ‘reich’, miekka ‘Schwert’ usw.) ebenfalls mit der Nichtexistenz eines urfinnischen Clusters (*kj) begründet (HOFSTRA 1985, 83 und 105), während in Fällen wie aaja (urgerm. *agjö-, dt. Ecke) gemeinhin ein urostseefinnisches *akja usw. vorausgesetzt wird (HOFSTRA 1985, 187). Es fragt sich nun, ob dann nicht auch im Falle eines urnordischen *ggw mit anderen Wiedergabemöglichkeiten zu rechnen ist, d.h., ein *haggwa- entweder durch fi. *hakka oder durch fi. *hakua repräsentiert sein müßte, ebenso wie urgerm. *tanhwa- (an. tá ‘festgestampfter Platz’) ein finnisches tanhua ‘Viehhürde’ ergeben hat (s. HOFSTRA 1985, 33).

Bei Zugrundelegung dieser Gesichtspunkte und unter Berücksichtigung des einschlägigen Falles fi. kuva (urgerm. *skuwwan-) hätte man gegen KOIVULEHTO und HOFSTRA (s. 1985, 173) dennoch ein Indiz für eine relativ späte Gültigkeit der Verschärfung, falls man annimmt, daß die Entlehnung aus einer Vorform des Gotischen oder Nordischen erfolgte und nicht aus dem Westgermanischen oder einer anderen, nicht überlieferten Variante des Germanischen. Für den Schluß, daß es keine urnordischen Entlehnungen im Ostseefinnischen gebe, ist die Anzahl der in Rede stehenden Wörter zu gering. Es könnte durchaus zufällig sein, daß im Zeitraum nach Einsetzen der Verschärfung und vor Beginn der Umlaut-erscheinungen kein einschlägiges Wort ins Ostseefinnische gelangt ist.

130

HOFSTRA nimmt fi. taaja ‘dicht, häufig’ nicht in seine Liste der ”westgermanischen” Lehnwörter auf (s. unten), obwohl er sich bei seinem urgermanischen Ansatz auf diese Wortgruppe beruft; er will seinen Deutungsvorschlag also offenbar nur als Alternativlösung zu der von ihm als ”unsicher” eingestuften Erklärung T. ITKoNENs verstanden wissen, der das finnische Wort auf ein unbelegbares *þakja- ‘(be)deckend’ – von uridg. *(s)teg- – zurückführt. HOFSTRA verknüpft das Wort mit dt. zäh, nl. taai usw. (1985, 409 ff.). Die Möglichkeit einer Bedeutungsentwicklung von ‘zäh’ zu ‘dicht, häufig’ läßt sich natürlich nicht bestreiten, man wird sich den Vorgang aber sicher nicht so vorzustellen haben, wie es HOFSTRA angibt. Er beruft sich auf die Feststellung in TRÜBNERs Wörterbuch, daß zäh ”die Bezeichnung für Körper, deren Teile sich zwar leicht verschieben lassen, die aber einer Trennung dieser Teile größeren Widerstand entgegensetzen”, sei. Dies ist ohne Frage eine zutreffende Beschreibung der physikalischen Gegebenheit, aber wer denkt beim Kauen eines zähen Stück Fleisches oder beim Rühren in einem Teerkübel daran, daß sich dabei irgendwelche Korpuskeln gegeneinander verschieben? Das für einen Bedeutungsübergang von ‘zäh, schwer seine Bestandteile zerlegbar’ über ‘aus (zahlreichen) sehr dicht beieinander befindlichen Teilen bestehend’ zu ‘dicht’ erforderliche gleichsam demokritische Materieverständnis wird man wohl den Urostseefinnen absprechen dürfen. Die Zusammenstellung erweckt aber in erster Linie von der lautlichen Seite her Bedenken. HOFSTRA erwägt für die Wiedergabe des von ihm angesetzten urgermanischen *tanhja- durch das Ostseefinnische zwei Möglichkeiten. Die erste geht von ”urfi.” *tankja- aus, das ”eine ungewöhnliche Sequenz von drei Konsonanten enthalten” würde. Der urostseefinnischen Phonotaktik sei durch Unterdrückung des Nasals entsprochen worden. HOFSTRA führt als Parallelen die von KOIVULEHTO für fi. otsa ‘Stirn’ und ohja(t) ‘Zügel’ gegebenen Erklärungen aus ”frühurgerm.” *anþja- (> ”frühurfi.” *oric’c’a) bzw. *ansja (>*onšja) an. Wegen der unterschiedlichen phonetischen Bedingungen sind diese Fälle jedoch nicht vergleichbar. Ein urostseefinnisches *tankja-hätte als ältere Entlehnung problemlos als /*tankka/, als jüngere als/*tankkia/ realisiert werden können. Die zweite Möglichkeit, die Herleitung des finnischen Wortes von einem schon nasallosen urgermanischen Original, führt zu einem Konflikt mit der relativen Chronologie.

131.

Die Realisierung von urgerm. *tanhwa- (> an. tä ‘festgestampfter Platz, Gang vor dem Haus’) als tanhua zeigt, daß vor dem Schwund des Nasals im Germanischen urostseefi. h bereits dem Phonemsystem angehörte, d.h., das von HOFSTRA als Original von urostseefi. *takja erwogene *Iāhja- wäre a fortiori als *tahja- wiedergegeben worden. Es wäre auch keine Lösung,wenn man mit einer Substitution von urgerm. *h durch *š (> ostseefi. h) im Falle tanhua rechnete, denn diese hätte dann auch bei urgerm. *tähja- erfolgt sein müssen, falls es noch ein š gegeben hat.

Wenn inzwischen der Wandel zu h schon abgeschlossen war, gab es aber keinen Grund mehr, ein k für urgerm. *h zu substituieren. Auffällig ist, daß die für fi. taaja zu belegende Hauptbedeutung auch für das anklingende urgermanische *þeku-, *þekwja- (an. þykkr, þjokkr, þjukkr ‘dicht gedrängt’, afries. thikke ‘zahlreich’) -> fi. tiukka – anzusetzen ist. Eine germanische o-Stufe, die urostseefi. *takja ergeben haben könnte, läßt sich jedoch nicht nachweisen. Allerdings ist ahd. zähi, mhd. zaehe und nl. taai (nach de VRIES – s. HOFSTRA l.c. – aus *tanhu- > ahd. zäh, engl. tough) auch keine hinreichende Evidenz für die von HOFSTRA postulierte urgermanische Stammklasse (s. 5 43).

Das durch got. un-wähs ‘tadellos’, ae. wöh ‘krumm, verkehrt’ und as. wah (HOLTHAUSEN 1934a, 117) vorausgesetzte urgermanische *wanha- könnte in fi. vanha ‘alt’ vorliegen, wobei sich der Bezug auf den Menschen aus der Bedeutung ‘krumm’ ergäbe (krumm, gebeugt gehen).

Es müßte dann eine Verallgemeinerung wie bei alt stattgefunden haben (ursprünglich ‘herangewachsen’, s. KLUGE/MITZKA s.v.). Zu weiteren Anschlüssen der germanischen Sippe s. KLUGE/MITZKA s.v. Wange, HOLTHAUSEN l.c.). Für das finnische Wort gibt es auch eine finnisch-ugrische Etymologie (s. SKES).

§ 56. KOIVULEHTO verweist für haava (vgl. § 96) hinsichtlich der Bedeutung auf schwed. hugg ‘Hieb’ und ‘Wunde’ (l977a, 132 f.). Es käme auch eine Bildung *hawja- ‘das Gehauene’, wie sie ahd. houwi, got. hawi ‘Heu’ voraussetzt, in Frage. Es läge dann eine Parallelbildung zu got. banja, an. ben ‘Wunde’ (uridg. *b”en- ‘schlagen’) vor. Das wj könnte als ältere Entlehnung vielleicht ebenso ein urostseefinnisches */ww/ ergeben haben wie *kj ein kk. Weiter wäre die Genese des finnischen Wortes so darzustellen wie bei KOIVULEHTOS Herleitung. Nicht zu gelassenes zugrunde liegendes */ww/ wäre – möglicherweise unter Ersatzdehung des voraufgehenden Vokals – vereinfacht worden.

132.

Man beachte aber, daß KOIVULEHTO zufolge ein urgermanisches *hawja- als urostseefi. *haiva hätte realisiert werden müssen (laiva < *flauja-; s.§ 47). § 57. Eine von HOFSTRA (1985, 123) gebilligte Etymologie ist die Herleitung von fi. pyrkiä ‘streben’ aus urgerm. *wurkjan (got. waürkjan, an. yrkja ‘arbeiten’) durch KOIVULEHTO. Im Ostseefinnischen finden sich laut SKES für das in Rede stehende Wort die Bedeutungen ‘streben, bitten, fragen, um Erlaubnis zum Gehen (Kommen) bitten, aufrufen, zu sich bitten, versuchen’. In der lappischen Entsprechung liegt neben ‘versuchen, streben, sich beeilen’ auch die Bedeutung ‘arbeiten, tätig sein’ vor, in der offenbar die Rechtfertigung für die Zusammenstellung mit einem germanischen Verb für ‘arbeiten’ gesehen wird. Der statistische Befund spricht indessen eindeutig für den sekundären Charakter der letztgenannten Bedeutung. Auch vom Standpunkt der historischen Semantik neigt sich die Waage zugunsten einer Priorität der bestbezeugten Bedeutungen, denn während ein Übergang von ‘streben’ zu ‘arbeiten’ nichts Erstaunliches böte, müßte eine Entwicklung von ‘arbeiten’ bis zu ‘fragen’ und ‘bitten’ als extrem merkmalhaft gelten. Setzt man dann noch in Rechnung, daß die Etymologie zwei zumindest nicht die Regel darstellende Lautentsprechungen aufweist, nämlich den Ersatz eines anlautenden germanischen velaren Halbvokals durch p und die Wiedergabe eines germanischen *u durch ü auf ostseefinnischer Seite, dann ist die Etymologie als unsicher einzustufen. Wenn man schon unbedingt ein germanisches Original für das ostseefinnische Verb haben möchte, sollte man es mit dem althochdeutschen fergön probieren, für das in den Glossen die Bedeutungen ‘petere, poscere, exigere’ zu belegen sind, also ein semantisches Feld, das der ostseefinnischen Bedeutungspa-lette voll gerecht wird. Das althochdeutsche Verb gehört mit Ablaut nach KLUGE/ MITZKA zu dt. fragen, also zur urindogermanischen Wurzel *perk’-/prek’-. Bezüglich des ostseefinnischen Ausgangs kann auf fi.kauppia – ahd. koufön hingewiesen werden. Der Stammsilbenvokalismus würde in der KOIVULEHTOschen Konzeption keine Schwierigkeiten bereiten. Da ”vorgermanisches” *e in labialer Umgebung im Ostseefinnischen durch ü (fi. y) reflektiert sein könne (Fall jyvä bzw. fugr. *püš, vgl. § 35), wäre auch gegen eine Ausgangsform *perg- nichts einzuwenden. 133. Zur Not könnte man das *u (> y) auch von der schwundstufigen Bildung *fi4rskön (> ahd. forskön) < uridg. *p_rk’-sk’o- bezogen sein lassen. Auch die Wiedergabe der germanischen Media durch die ostseefinnische einfache Tenuis entspräche der Erwartung. Da bei beiden anderen Belegen für ostseefi. p-/urgerm. *w- mit einem Homonymenkonflikt als Ursache für die exzeptionelle Substitution operiert werden muß (s. HOFSTRA 1985, 170), kann diese Entsprechungsregel ad acta gelegt werden. § 58. Fremdes e > ostseefi. ü wäre aber nicht in fi. evä ‘Flosse, Finne (eines Fisches)’ eingetreten, zu dem KOIVULEHTO meint: ”Man kann kaum umhin, auch dieses Wort aus idg. *ieuo- ‘Korn’ herzuleiten.

Man erinnere sich daran, dass das idg. Wort besonders für ‘Gerste(nkorn)’ galt, deren Körner ja lange Borsten, Grannen, Stacheln haben; mehrere Wörter für ‘Gerste’ bedeuten denn auch ursprünglich ‘stachlig o. dgl.’ …” (1986b, 87). Er bringt weiter Parallelen dafür, daß sich ”der

Begriff des Stachligen, Borstigen, Spitzen’ andererseits als ‘Finne, Flosse’ manifestieren” könne. Er führt weiter aus: ”Für idg. “jeyo- selbst kann zwar ein etymologischer Zusammenhang mit ‘Stachel, Spitze, Granne, Achel o. dgl.’ nicht nachgewiesen werden, doch vermag dieser Umstand die aufgestellte Herleitung für f1. evä nicht sonderlich zu gefährden, denn in der außersprachlichen Erscheinungswelt und in der Anschauung der Sprachteilhaber ist der Zusammenhang auf jeden Fall vorhanden; jeder Drescher weiß, wie die Grannen stehen – und darauf kommt es ja an. Die lehnnehmende Sprachgemeinschaft weiß ja ohnehin nicht um die etymologischen Zusammenhänge der fremden Originale, und ein Lehnwort kann mit der Zeit neue Bedeutungen annehmen. Und wir können außerdem zeigen, dass die fiugr.

Parallelentwicklung *jüvä aus derselben (sie!) idg. *j’eyo- Bedeutungen wie ‘Achel u. dgl.’ aufweist” (88). Gegen die Möglichkeit eines Bedeutungswandels von *‘Getreide’ über *‘Getreidegranne’ und *‘Spitze’ zu ‘Flosse’ ist natürlich nichts einzuwenden; daß die Zwischenglieder für evä nicht zu belegen sind, mindert allerdings die Wahrscheinlichkeit der Etymologie erheblich. Man könnte sich allerdings vorstellen, daß die sprachlichen Vorfahren der Ostseefinnen aus einem indogermanischen Dialekt ein Wort für ‘Getreide’ – oder speziell ‘Gerste’ – übernommen haben und daß ein inhärentes Merkmal des Referenten die Bedeutung des Wortes in der lehnnehmenden Sprache bestimmt hat.

134.

Die Entlehnungssituation rnüßte man sich dann etwa so vorstellen, daß die Indogermanen den Finno-ugriern fieyo- verkauft haben, das zum größten Teil aus bloßen Grannen bestand, d.h., das Wort müßte ursprünglich minderwertiges Getreide bezeichnet haben.

Die der vorausgesetzten Bedeutungsentwicklung (‘Getreide, Korn’ zu ‘Stachel, Granne’) entgegengesetzte nimmt KOIVULEHTO für ein anderes Wort an. Er sieht in estn. tang (-u-) ‘Korn, Körnchen; Finne (im Gesicht und in Schweinen)’ ein germanisches *stangö- zu ‘tstenga-‘stechen’ (op. cit. 89). ”Den semantischen Anschluß wieder über ‘Stachel, Spitze, Granne’ u. dgl.” (89). ”Wie nun bereits oben ausgeführt, können sich Inhalte wie ‘Korn, Hülse, Finne’ (> estn. lang) mit ‘Spitze, Stachel, Borste, stechend, scharf” in einem Wort oder einer Wortsippe leicht verbinden: Körner sind spitz und haben stechende Grannen, Acheln. Den hier nächstliegenden Parallelfall liefert uns fiugr. *s’uka- = mordw. s’uva ‘Granne’ = syrj. s’u ‘Roggen, Korn, Getreide, Getreidekörner’, dessen idg. Original u.a. in aind. fükah ‘Granne des Getreides, Stachel eines Insekts’ weiterlebt” (90). Nun handelt es sich bei der Parallele um einen Stoffnamen – ‘Getreide, Roggen, Korn (als Kollektivum)’ – , während als Grundbedeutung für estn. rang offenbar ‘Korn, etwas Kornförmiges’ anzusetzen ist (89), also ein Individuativum. Die Etymologie setzt demnach eine weitere zusatz- annahme voraus; ein Ableitungsverhältnis, also ‘Korn, Körnchen’ als ‘das mit Grannen versehene’, ist ja nicht gegeben.

§ 59. Eine Labialisierungsregel ergibt sich ferner implicite, wenn HAAVIO Ymir, ”das doppelgeschlechtige Urwesen der germanischen Mythologie” (FROMM 1967, 86), den lettischen Jumis, den arischen Yima (av.) bzw. Yama (ai.) mit fi. jumi ‘mythologisches Wesen, von dem erzählt wird, daß es mit einer Borste o.ä. auf Menschen schieße Bohrkäfer, dessen Klopfen in der Wand den Tod anzeigt’ (FROMM 1.0.) zusammenstellt. ”Die allen gemeinsame Wurzel ist, wie bekannt, *gem- (vgl. lat. geminus, griech. yocuöq – sic!), welche die Träger des Namens als zweigeschlechtig, doppelgestaltig u.ä. ausweist”, führt FROMM aus.

135.

Bekannter dürfte indessen sein, daß uridg. *g weder dem germanischen Namen gerecht wird, noch ai. und av. y oder lett. j ergibt, sondern im Indischen die Affrikata j, im Avestischen und Lettischen z. Eine Beziehung zwischen geminus und ai. yamä- ‘gepaart’ hat FAY unter Annahme eines adhoc-Lautwandels *je- > ge- hergestellt (164), was natürlich ebenso abzulehnen ist (SOMMER/PFISTER i} 110; WALDE/HOFFMANN s.v.) wie jetzt der Ansatz bei GAMKRELIDZE/IVANOV (132 bzw. 778).

§ 60. Die Belege für eine Substitution von urgerm. *st- durch urostseefi. *s erwecken den Eindruck, daß die Ostseefinnen sozusagen mit dem ”Pokorny” in der Hand entlehnt haben: vier der sieben Beispiele (s. HOFSTRA 163-65) gehören zur urindogermanischen Wurzel *steh2-‘stehen’ (IEW 1004 ff.). Fi. saura, (dial.) sa(a)pra, sapro, ‘(Pfahl im) Schober’, weps. sabr ‘Heuschober’ werden über ”frühurfi.” *sapra auf frühurgerm. *staura- (> an. staurr ‘Stützpfahl, bes. Zaunpfahl’, vgl. IEW 1009) zurückgeführt. In fi. suuri wird ein urgermanisches *stüra- (ahd. stür ‘stark, groß’, vgl. IEW 1009) gesehen. Fi. sietää ‘dulden, vertragen, aushalten’ beruhe auf urgerm. *ste’- ‘stehen’ und f1. (dial.) suota ‘Pferdeherde’ reflektiere ein urgermanisches *stöda- (an. stöö ‘Gestüt, Herde’). Bei den drei anderen handelt es sich um fi. sara ‘Segge’, das mit Substitution der im Urostseefinnischen zum Entlehnungszeitpunkt noch unbekannten Geminata *rr auf urgerm. *starrä- (> an. starr ‘Segge’) zurückgehe, fi. salpa ‘hölzerner Riegel, Schlagbaum, Kolben’, weps. saub ‘Deckel; Fensterladen’, das mit schwed. (dial.) salpe ‘Pfahl’, an. salpi (Personenname) in Verbindung gebracht wird, und fi. sija ‘Raum, Platz, (Lager-)Stelle’, weps. sija, sijä ‘Platz, Bett, Haus’, dem ein urgermanisches *stija- (an. stia ‘Einhegung, Gehege bes. für Kleinvieh’) zugrunde liege. Mit der nämlichen Substitution des Anlauts rechnet man seit langem schon bei drei baltischen Lehnwörtern des Ostseefinnischen. Hier ist die Sachlage aber insofern anders, als man in zwei Fällen die zu erwartenden Formen mit anlautendem t im Livischen und Estnischen belegt hat, die aber jünger sein mögen. Fi. seiväs, weps. seibaz ‘Stange’ entspricht ein nordestnisches teivas und livisches täibaz ‘Zaunpfahl’ (lit. stiebas ‘Stock, Pfeiler, Mast’), fi. sapa ‘Schwanz (ohne Haare), saparo ‘kurzer Schwanz’ lautet im Livischen tabär (lit. stäbas ‘Pfosten, Säule’, stäbaras ‘trockener Baumast’).

136.

Fi. sammas, sampas ‘lapis terminalis’, estn. sammas ‘Säule, Pfosten’ hat offenbar keineEntsprechung im Livischen (zu den genannten Wörtern s. KALIMA 1936, 63 und s.vv.). Der baltische Befund kann aber schon deswegen nicht für die germanischen Verhältnisse ins Treffen geführt werden, weil im Baltischen mit einer Metathese von *st- zu *ts (> s) zu rechnen ist, da urslav. *storz’b (russ. cmopom) ‘Wächter’ kaum von lit. särgas, lett. safgs ‘Wächter, apr. but-sargs ‘Haushalter’ zu trennen ist (s. ENDZELIN 50, mit weiteren Metathesefällen). Im Ostseefinnischen könnten die Beispiele mit anlautendem Sibilanten mithin auf baltische Varianten zurückgehen, die später zugunsten der Ausgangsformen eliminiert wurden, wogegen sich bei dem Wort für ‘Wächter’ die sekundäre Variante erhalten hat.

Vergleicht man die Entlehnungen, für die eine Substitution von *#st durch s angenommen wird, mit den Beispielen für die Wiedergabe von germanisch #st durch t, so muß man unter Berücksichtigung des baltischen Befundes — wobei in Rechnung zu setzen ist, daß für die baltischen Elemente #st > t gar nicht belegbar zu sein scheint (s. KALIMA l.c.) — konstatieren, daß der Beweiswert der neueren Gleichungen erheblich geringer einzuschätzen ist:

Bed. *Bed. Ausl. Lautl.

Schober Pfahl au > ap

Segge rr > r

groß

Riegel

Platz

dulden

Herde

Stange

Stiege

Steuer

137

Freilich findet KOIVULEHTO Parallelen für *au > ap und wertet den Einbau des a-Stammes in die e-Klasse als Indiz für eine frühe Entlehnung; es bleiben aber vom Standpunkt der traditionellen Konzeption Zusatzannahmen (im Falle sara sieht HOFSTRA eine mögliche Parallele in fi. talas ‘GeräteschuppenVurgerm. *stallaz > an. stallr ‘Gestell, Krippe, Stall’ – 102). 127. Auch die Diskrepanz in der Bedeutung läßt sich natürlich irgendwie erklären. Im Falle von sija suggeriert die Bedeutungsangabe ‘(Lager-)Stelle’ eine Beziehung zur Bedeutung ‘Gehege’ des nordischen Wortes. Doch liegt hier eine ganz banale Polysemie vor. So kann man aus einem ungarischen megcsinälom a helyet ‘ich mach das Bett’ auch nicht auf eine ursprüngliche Bedeutung ‘Bett’ für hely ‘Platz, Ort’ schließen. Was die Zusatzhypothese für sara betrifft, kann man mit einer ähnlichen das Wort aus einem urgermanischen *sahra- (ahd. sahar, bair. Sacher; s. KLUGE s.v. Segge) erklären: *sahra (vgl. fi. tahra ‘Fleck’, an. tär, dt. Zähre – FROMM 1961) > sara wegen sahra ‘Art Pflug’. Aus einer Ableitung der ostgermanischen Entsprechung von ahd. sahar, got. *sahrja bzw. burgundisch *sarrj’a sollen span. sera ‘Kohlenkorb’, port. ceira ‘Feigenkorb’ bzw. prov. und katal. sarria kommen (MEYER-LÜBKE 7518). Die einzige laut obiger Tabelle einwandfreie Gleichung erweist sich bei Berücksichtigung aller Dialekte als kaum haltbar, denn es gibt keinen Grund suotia ‘läufig sein’, suotainen ‘läufig’ von suota zu trennen, da sich die Bedeutung ‘Herde’ unschwer aus einer älteren Bedeutung ‘Herde läufiger Stuten’, die UEW als Hauptbedeutung von suota angibt (28 – ”läufische Stutenherde”), verstehen. Dann kann aber das finnische Wort mit lapp. N cuoööe- ‘go outside the herd to look for female reindeer (of a weak male reindeer in the rutting season, of one recently castrated, or of one with its antlers cut, but not castrated)’‚ syrj. Ud. öual- ‘läufig, brünstig sein (Hund, Pferd, Katze, Schwein)’ u.a. unter fugr. *c’aöa bzw. *saöa vereinigen läßt (UEW). Der Vokalismus (urostseefi. *6) ist in Anbetracht der beiden Parallelen suoja ‘Schutz’ und suola ‘Salz’ (fugr. *saja ‘Schatten’ bzw. *sala ‘Salz’; die in SKES erwogene baltische Herkunft von fi. suola ist aus lautlichen Gründen ausgeschlossen) kein Hindernis (vgl. UEW s.vv.).

§ 61. Das von KOIVULEHTO als ”vorgermanisch” bestimmte pohtaa ‘worfeln’ (< *poyHejo- > urgerm. *fauja- > ahd. fewen, Vgl. HOFSTRA 1985, 375), das aus phonotaktischen Gründen den velaren Halbvokal eingebüßt haben müßte‚ läßt sich ohne Not aus ostsee- finnischem Material deuten. Dialektal sind für fi. pohzaa, pohtia, puahtia auch die Bedeutungen ‘puhaltaa, huokua, huohottaa’ bezeugt.

138.

SKES gibt die Belege tuuli pohtaa huoneisiin ‘der Wind bläst in die Stuben’ und lämmin ilma pohtii vastaan ‘warme Luft wehte entgegen’. Es fallt nun schwer, sich vorzustellen, daß aus einer Bedeutung ‘Getreide reinigen’ die Bedeutung ‘wehen, blasen’ entstanden sein soll, auch wenn das Worfeln unter Ausnutzung des Windes durch Hochwerfen des Korns vonstatten geht. Umgekehrt läßt sich jedoch die Entwicklung der Bedeutung ‘worfeln’ aus der Bedeutung ‘wehen, blasen’ verstehen. Die Betonung des Anteils des Windes am Vorgang des Worfelns scheint onomasiologisch merkmallos – was für KOIVULEHTO ja stets ein entscheidendes Argument ist, s. § 101 – zu sein: vgl. russ. eeamb ‘blasen, wehen’ und ‘worfeln’, estn. tuulama (tuul ‘Wind’), ung. szelel (szäl ‘Wind’), wog. K vuotli (vuoti ‘wehen’), tscher. pualtas” (puas’ ‘blasen’).

Wenn es nun im Finnischen ein puhua ‘sprechen’ gibt, das dialektal wie die Entsprechungen in den anderen ostseefinnischen Sprachen und im Lappischen (bossot) ‘wehen’ bedeutet – das also zweifellos die Grundbedeutung von fi. puhua ist – , muß man analog der Argumentation KOIVULEHTOS im Falle von mordw. kaäoms, fi. kasvaa vs. tscher. kuikam die Annahme einer zufälligen Ähnlichkeit des Wortes mit pohtaa, das ‘worfeln’ und ‘wehen’ bedeutet, entschieden verwerfen. Schließlich besteht die Abweichung nur in einer Stufe des Öffnungsgrades des Vokals, da sich pohtaa zu puhua formal so verhalten kann wie dial. vaartaa ‘neigen, biegen’ zu vaarua ‘sich neigen’, bzw. kierfää ‘drehen’ zu kieriä ‘sich drehen’ (SKRK I § 65.12, S. 240), wobei sich der Vokalismus unschwer durch eine Kontamination eines der mordwinischen Basis *pondža- ‘worfeln’ (suffigiert pondäaflonts [Inf.]) entsprechenden ostseefinnischen *ponta- (vgl. § 24 kynte-) mit dem zu puhua gehörenden *puhta- erklären läßt. Man kann hierzu auf die gemeinlivische Form pu’ont’e ‘puhaltaa’ für westlivisches pu’0t’t5, das wiederum haargenau dem finnischen pohtaa entspricht, verweisen – die livischen Wörter werden in SKES zweifelnd zu fi. puhua gestellt. Sogar puhdas ‘rein’ dürfte man dann kaum als zufällig an *puhtaa anklingend erachten; das Muster mag ahdas ‘eng, gedrängtVa/ztaa ‘drängen, stopfen’ gewesen sein, wobei belanglos ist, daß das Nomen vielleicht baltisch ist.

139

Im übrigen müßte man auch bei dieser Erklärung von pohtaa und puhdas (nach KOIVULEHTO uridg. *puHtas > ai. pütä-) nicht von einem zufälligen Anklarig heirEtyl/Iilnna reden denn uridg. *peyh- vermeint.

[HM: Ei ole kandaindoeurooppaa eikä kantabaltti.]

‘(Getreide) reinigen lndogermamäc h eine deskriptive Wurzel der Bedeutung ‘wehen, liegt sicherlich dsucgvidenz für die urindogermanischen Laryngale kann blasen’ Zugrllll – mit solchem Material jedenfalls nicht gewonnen werden‘

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2015/12/suomalaisten-ja-germaanisten-kielten-varhaisimmista-lainakosketuksista-ajalaskun-alun-aikaan

Zur Beweiskraft des Finnischen

§ 62. KORHONEN ”warnt vor der Gefahr, daß germ. Wörter in der vom Finnischen vorausgesetzten Form rekonstruiert werden und Rekonstruktionen, die mit der fi. Form nicht in Einklang sind, aus diesem Grunde abgelehnt werden und daß auf diese Weise die Auffassung, daß das Finnische konservativ sei, ständig gestärkt werde” (HOFSTRA 1985, 415). Es ist nicht klar, an welche Adresse diese Warnung gehen soll. Es hätte schon der Mitteilung wenigstens eines Falles bedurft, in dem eine aus dem einzelsprachlichen Befund rekonstruierte urgermanische Form, die auch mit dem Urindogermanischen im Einklang ist, aufgrund einer Unvereinbarkeit mit dem ostseefinnischen Befund verworfen wurde 71.

Denn nur dann wären die zitierten Bedenken gerechtfertigt. Wenn die rekonstruier- bare urgermanische Form dem vom Urindogermanischen her zu Erwartenden nicht entspricht,ist mit Recht zu erwägen,ob nicht vielmehr die durch das Osteefinnische nahegelegte Form das Ursprüngliche widerspiegelt und das Germanische bzw. die jeweiligen Einzelsprachen zu einem späteren Zeitpunkt geneuert haben. Dies gilt unter der trivialen Voraussetzung,daß die ostseefinnische Abweichung nicht ander- weitig erklärt werden kann. Die Berechtigung aber, das Ostseefinnische ins Treffen zu führen, liefert die Empirie. Es handelt sich dabei streng genommen nicht um Re- konstruktion, die per definitionem die Erschließung eines historisch nicht verifizier- baren Zustands mit Hilfe der belegbaren Fortsetzer ist, sondern um einen Ansatz aufgrund des Befundes der Nebenüberlieferung. Bei dem Ausdruck ”konservativ” handelt es sich nun um keinen definierten linguistischen Terminus, sondern um einen relativen, die Erfahrung des historischen Sprachwissenschaftlers wiedergebenden Begriff.

71. Sollte KORHONEN dabei bestimmte germanische Etyma KOIVULEHTOS im Auge gehabt haben, so muß man ihm recht geben, vgl. KOIVULEHTOS Deutung von fi. paljas (§ 42) oder fi. paula (ä 79).

142

Wenn an. tá im Finnischen tanhua lautet (vgl. § 55), so ist das Finnische vom ger- manistischen Standpunkt als eine ”erzkonservative” Sprache zu bezeichnen 72.

Wenn mit dem in Rede stehenden Begriff in der Finnougristik Schindluder getrieben wird, geht das den Germanisten nichts an. Natürlich muß die Zeugniskraft des Ost- seefinnischen von Fall zu Fall überprüft werden. Tatsächlich beweisen fi. viina ‘Branntwein’, punta ‘Pfund’ oder kattila ‘Kessel’ nicht, daß sie ”an das Finnische weitergegeben wurden,als die germanische a-Deklination, in die diese Wörter über- getreten waren, ihr auslautendes a noch nicht verloren hatten” (VON POLENZ 25), denn *vin, *punt und *katil hätten im Ostseefinnischen – zumindest auf analogis- chem Wege – auch in die a-Klasse eingebaut werden können statt in die bei kon- sonantischem Auslaut des Originals häufigeren Klassen (i und u).Gegen die Stich-haltigkeit des Einwandes‚ daß schwedische auf Konsonant auslautende Wörter im Finnischen ganz verschiedenen Stammklassen zugeordnet wurden, im Zusammen- hang mit der Frage, ob die ostseefinnische Stammklasse eine Aussage über den Stammvokal des urgermanischen Originals gestatte, hat sich mit Recht KOIVU- LEHTO gewandt (198lb, 174 f., Anm. 7).

Generell ist festzustellen, daß nicht immer unbedingt vom Nominativ des Originals auszugehen ist. Da germanische n-Stämme i.a. zu Ostseefinnischen a-Stämmen führen, ist daran zu denken, daß maskulinen a-Stämmen, deren ostseefinnische Entsprechung kein s im Auslaut aufweist, der Akkusativ zugrunde liegt, etwa im Falle von fi. havukka ‘Habicht’ (an. haukr, s. HOFSTRA 214). Wenn ein germa-nischer a-Stamm im Ostseefinnischen durch einen e(h)e-Stamm reflektiert ist (vgl. HOFSTRA 1985,214f.), läßt sich an den Genitiv als Entlehnungsgrundlage denken, denn beispielsweise hat auch ein urgermanischer Stamm *kalbez- im Finnischen kalve ‘junger Ochse’ (l.c.) ergeben. Freilich gilt es von der Semantik her wahr- scheinlich zu machen, daß ein bestimmter Kasus als Basis in Frage kommt; im Falle des Genitivs z.B. käme bei Nomina materiae die partitive Funktion in Betracht. Daß neben fi. ruhtinas ‘Fürst’ auch ruhtina existiert, könnte auf den Vokativ neben dem Nominativ deuten.

72 ”Die konservative Rolle des Finnischen wird erneut bestätigt” (SCHMID 1986‚190), falls fi. olut tatsächlich aus einem baltischen *alut stammt – mit Verlust des Dentals apr. alu und mit Übergang in die maskulinen u-Stämme lit., lett. alüs(SCHMID 189)

143

Fi. kuningas ‘König’ und ruhtinas sind mit ihren Ausgängen verhältnismäßig iso- liert (vgl. noch ahingas ‘Fischgabel’, estn. toomingas ‘Faulbeerbaum’, möningas ‘manch-‚ gewiss’). Es erscheint völlig un-plausibel, daß hier ostseefinnische Zwei- silbler auf -as oder die Mehrsilbler mit dem Formans -kas/-kkaa-‚ dem eine klar zu bestimmende Funktion zukommt und bei dem noch dazu die Konsonantenstufe ab- weicht, einen Einfluß ausgeübt haben sollen. Freilich könnte aufgrund der verwand- ten Bedeutung ein *kuninka nach ruhtinas oder ein ruhtina nach kuningas umge- bildet worden sein, es ist aber die Annahme wahrscheinlicher, daß mindestens in einem der beiden Fälle der Auslautkonsonant auf das germanische Original zurückgeht.

§ 63. Oben wurde die Frage des Reflexes unverschobener germanischer Klusile im Ostseefinnischen erwähnt. COLLINDER hat versucht, das seiner Meinung nach einzige prinzipiell diskutable der beiden von KARSTEN für einen Entlehnungszeit- punkt vor der Tenuisverschiebung beigebrachten Beispiele (reipas, reippaa-, vgl. an. rifr) mit folgenden Überlegungen zu entkräften: ”Der Schluss, dass reipas auf eine vorgermanische form mit tenuis zurückzuführen sei, ist natürlich nur unter den folgenden Voraussetzungen zulässig:

1) dass in urnordischen oder späteren lehnwörtern eine finnische geminierte tenuis nie einer nordischen frikativa oder media gegenübersteht;

2) dass im finnischen wortvorrat entgleisungen aus der wechselreihe t – d,etc.in die wechselreihe lt – I, etc. nie oder jedenfalls nur selten stattgefunden haben” (1932).

Von den fast vier Dutzend Gegenbeispielen ist aber nur in einigen wenigen Fällen die zu erwartende Vertretung nicht daneben belegbar. Im Falle von fi. reipas gibt es offenbar keine Variante, denn sonst erübrigte sich die Diskussion. Ferner fällt auf, daß es sich überwiegend um Beispiele handelt, in denen vor der fraglichen finnis- chen Tenuis bzw. Tenuisgeminata Liquida oder Nasalis steht. Nun ist aber im Fin- nischen die Quantität in den Verbindungen von Liquida bzw. Nasalis und Tenuis(ge- minata) so geregelt,daß vor einfacher Tenuis die Liquida und Nasalis lang artikuliert wird, d.h., es gilt RRT vs. RTT. Der Finne steht demnach bei der Übernahme eines schwedischen Wortes mit RD vor der Wahl, die schwedische Media adäquat – in seinem System – mit der Tenuis wiederzugeben und die Liquida bzw. die Nasalis davor lang zu ar tikulieren oder den akustischen Eindruck der fremden Liquida oder Nasalis ”korrekt” nachzuahmen, was aber die Längung der darauffolgenden Tenuis bedingt hätte.

144

Dialektal und diachron könnte von beiden Möglichkeiten Gebrauch gemacht worden sein, z.B. fi. tonki und tonkki (schwed. stang ‘Stange’) 73.

Gegen KARSTEN hat man auch die Doppelvertretung baltischer Tenues ins Treffen geführt.Als Urheber der Erklärung,daß die unterschiedlichen Reflexe der baltischen Tenues chronologisch bedingt seien, gilt in der jüngeren Literatur STEINITZ (s. z.B. HOFSTRA 1985,150 f.). In älteren Arbeiten zitiert man THOMSENs ”Andeutung, daß die Vertretung durch finnische lange Tenues aus einer späteren Zeit stamme als die Vertretung durch kurze Tenues” (WIKLUND 1917/20, 60).

Ein entscheidendes Argument THOMSENs und WIKLUNDs war die Tatsache, daß die Elemente aus einer der baltischen vorausgehenden arischen Kontaktperiode ebenfalls einfache Tenues zeigen. STEINITZ läßt in seiner Wiederentdeckung der THOMSENschen Vermutung dessen Hinweis auf ”diese vereinzelten und nicht systematisch untersuchten Fälle wesentlich ausser Betracht” (1965, 300, Anm. 1).

STEINITZ nimmt an, daß die Ostseefinnen während der ersten Kontakte mit den Balten den Unterschied zwischen Tenuis und Media nicht realisierten, weil diese Opposition in ihrem phonologischen System nicht vorhanden war, und sie erst mit wachsender Intensität der Zweisprachigkeit den Gegensatz wiederzugeben lernten (300 f.). Eine andere Möglichkeit wäre folgende: Unter der Voraussetzung, daß es den ostseefinnischen Stufenwechsel zu Beginn der Berührungen mit den Balten noch nicht gab, wären die Fälle mit einfacher Tenuis für die baltische Tenuis als Normalfall anzusehen.

Die Wiedergabe durch die zugrunde liegende Geminate ließe sich damit begrün- den, daß die betreffenden Wörter erst nach Herausbildung des Stufenwechsels entlehnt wurden. Es ist dabei zu berücksichtigen, daß bei der Substitution durch eine einfache Tenuis an vielen Paradigmastellen eine den fremden Klusil nur unvollkommen wiedergebende Spirans auftreten mußte.

73. Allerdings ist auch im heutigen Schwedischen teilweise eine den finnischen Verhältnissen entspre-chende Artikulation festzustellen. ELERT gibt z.B. für hird ‘body of housecarls’ die phonetische Reali-sation /hir:d/ (neben /hi:rd/) usw. (andererseits aber auch /ga:rden/ u.a.) – 58 f. Die finnische Längung ist aber schon mit dem ”bloßen Ohr” wahrnehmbar.

145.

Demgegenüber war die Geminate eine verhältnismäßig getreue Nachahmung der fremden einfachen Tenuis, die an den Paradigmastellen der schwachen Stufe die völlig adäquate Entsprechung zeitigte. ”Die Bestrebung” des Finnischen, ”das Grundwort genau und unversehrt wiederzugeben”, demonstriert WIKLUND an eini- gen neueren Entlehnungen (1917/20, 55 f.). Es spricht a priori nichts dagegen, daß das nämliche für die ältesten Entlehnungen galt.

In diesen sachlichen Zusammenhang mögen noch die folgenden germanischen Entlehnungen gehören: Fi. kimppu ‘Bündel’ erklärt LIIMOLA mit KARSTEN 1915 aus dem Altschwedischen, während das Wort in SKES zögernd zu syrj. kep ‘Büs- chel (Hanf, Stroh)’ gestellt wird, aber auch erwogen wird, ob das dialektale kimppu gleicher Bedeutung hierherzustellen sei, und man vermutet, daß ”wenigstens teilweise” (?)

[HM: *Kimp(s)ti on baltissa ”lisätä objekti isompaan kokonaisuuteen” kuten halko pinoon, tai yksi tietty kukka kimppuun. Kuurin kimpsut ja kampsut: laivan lasti toisaalta yksittäisten tavaroiden ja toisaalta laivan kannalta. Kun objektina on laiva, verbi on *kampsti,liettuan kamšyti (kamšo),josta tulevat mm. suomen kansi, kansa = tungos, väki laivan miehistö, kama = lasti ja Hansa. Täältä tulee myös ”kerääjä, varastoija *kampsreris,josta slaavin kautta hamsteri verbistä,jossa edestakaisuutta tarkoittavan k:n paikalla on kuurissa -k- (ja liettuassa: kenk- = piinata, kiduttaa), tukee kuurista, alkuperäiskiellä, *kanksteris.]

Einfluß einer nordischen Wortsippe mit den Vertretungen schwed. (dial.) kippa, kippe, norw. kippe ‘Bündel’ vorliegt. Man vgl. aber auch an. kimbull ‘Bündel’ zu kimbla ‘bündeln’.In sachgeschichtlicher Hinsicht käme die germanische Herleitung der Feststellung VILKUNAs entgegen, daß die kleine Heumengen bezeichnenden Wörter sämtlich germanisch seien (s. § 4, Anm. 13, § 16).

Die in SKES nicht behandelten Wörter lutus, lutka ‘Hure, Schlampe’ erinnern an die urindogermanische Wurzel *(s)leyt- ‘schlaff = löysä, veltto; herabhängen = roikkuva’ (IEW),

[HM. Tämä *(s)leyt- ei ole kantaindoeuroopan juuri, vaan vastaava sellainen olisi *s-len-s-, ”pois-irrot-el-”, eikä tämäkään siis ole juuri vaan johdin on molemmin puo- lin. Muoto *sleid- on lähinnä itäbalttia, joski alun s- on usein, mutta ei aina korvattu omalla pois-etulitteellä: lt. iš-, lv (sl) aiz-, kr.-is-, jtv. -iz. Esimerkiksisi löysyyttää tasainen maa kuten tulvatasanko on liettuaksi slėnis. Samaa juurta kuin *len-s kantabaltista ovat suomessa mm.laistaa, laittaa (sivuun),laita,loitto, mahdollisesti myös lentää.

”Lutka” tulee venäjän sanasta ”bludka”, jolla ei ole tekemistä samaän sanueen kanssa. Se mies on blud, (naisten)harhauttaja, huijari. Tulee tarkkailua, havain-nointia tarkoittvasta sanasta, pelkän väärä kuvan luomisesta sellaiselle.]

die u.a. in dt. liederlich = huolimaton irstas, Lotterbube = roisto, ”arpaveijari”, an. lydda f. ‘träger Mensch, Nichtsnutz, Strolch = turhimus’ – vgl. noch die wohl altnor-dische Entlehnung air. lot ‘Hure’ – vorliegt. Im Finnischen hätte das germanische Wort am ehesten ein *lutV ergeben, die Eingliederung in die Personenbezeichnun- gen auf -us (van/zus ‘Greis’, lurjus ‘Schurke’) muß aber von einer Basis *luttV aus geschehen sein.

[HM: Lurjus voi olla vaikka kermaania mun puolestani…]

Die Variante lutka verdankt ihre Existenz vielleicht der Anlehnung des Grundwortes an die Tiernamen sotka ‘Ente’, kotka ‘Adler’, wobei hier vor allem das erstgenannte Wort in Betracht kommt.

[HM: Näillä SU-/paleosanoilla ei ole tekemistä IE_kielten kanssa.]

Über das Ostfinnische (KALEVALA: lutus) hinaus scheint die Sippe im Ostseefin-nischen nicht nachweisbar zu sein. Für fi. lurjus ‘Schurke’ wird von KARSTEN (1943/44) eine Deutung aus schwed. luri (lurifax ‘Flegel = varsta’) vorgeschlagen. Prinzipiell könnte aber auch schwed. lurk ‘Flegel’ bzw. an. lurkr ‘Knüttel’ vorliegen. Als ältere Entlehnung hätte das Wort einen Stamm *lurkV- ergeben können, zu dem eine schwache Stufe mit rj gehören würde.

[Mitäs ”lurjusmaista” varstassa eli ”nykyiaikaisessa” varsinuijassa, on?

Tulee liettuan sanasta varstyti (varsto) = sito (lenkillä).]

146

§ 64. Wenn man aufgrund der frühesten Entlehnungen aus dem Lateinischen fest- stellen kann,daß die Lautverschiebung im 3. oder 2. Jahrhundert v.Chr. abgeschlos- sen war (VON POLENZ 17), ergäbe sich ein möglicher Zeitpunkt für die frühesten germanisch-ostseefinnischen Kontakte, der ohnehin von niemandem in Abrede gestellt wird.

Die Festlegung des Beginns der germanisch-ostseefinnischen Kontakte in die Bronzezeit hingegen ist mit der Ansicht zu konfrontieren, daß die germanisch-kel- tischen Kontakte erst der Eisenzeit zuzuweisen sind (SCHMIDT 1986, 243). Das würde bedeuten, daß die Ostseefinnen bereits lange aus dem Urgermanischen entlehnten, als dessen Sprecher erste Kontakte mit den Kelten knüpften.

Fi. rikas wäre demnach eine Entlehnung, die durch das germanische Sprachgebiet von der germanisch-keltischen Grenze in den östlichen Ostseeraum gewandert ist (zur keltischen Herkunft von germ. *rikjaz s.op.cit.238). Das Wort würde beweisen, daß die Ostseefinnen schon vor der Durchführung der Lautverschiebung Kontakte mit den Germanen hatten, denn die ”eisenzeitliche” Entlehnung des keltischen *rīgio- setzt sie voraus.

Die Auffassung, daß die germanisch-ostseefinnischen Kontakte bereits um das Jahr 1000 v.Chr. begonnen haben könnten, verleiht zwangsläufig der in der ”traditio- nellen Phase” der germanisch-finnischen Lehnwortforschung z.T. heftig diskutierten Frage, ob das Ostseefinnische Reflexe unverschobener Klusile zeige, wieder Aktu- alität. Der Umstand, daß es bisher nicht geglückt ist, einen sicheren Fall für eine Übernahme vor der Lautverschiebung beizubringen, würde vom Gesichtspunkt einer in den letzten Jahrzehnten entwickelten neuen Theorie bezüglich des urindogerma-nischen Konsonantensystems eine triviale Erklärung finden.

Nach dieser Theorie hätte das Germanische gar keine Lautverschiebung – jeden- falls nicht im gewöhnlichen Sinne – gekannt. Das urgermanische System der Verschlußlaute

[kuva)

(p)

wäre nämlich aus folgendem urindogermanischen System hervorgegangen

(s. GAMKRELIDZE/IVANOV 1973, 152; 1984, 39):

147

[kuva]

Dabei handelt es sich in der ersten Reihe des urindogermanischen Systems um glottalisierte Phoneme, wie sie aus Kaukasussprachen bekannt sind. Der Ansatz dieses Systems werde u.a.durch folgendeangebliche Schwächen des traditionellen Systems nahegelegt:Ein System der Art T – D – D” sei typologisch nicht nachweis- bar. Die Lücke bzw. schwache Frequenz in der ersten (labialen) Position der ersten Reihe sei nicht zu begründen, während die Seltenheit der entsprechenden Position in einer glottalisierten Reihe typologisch nachweisbar sei. Ferner ließen sich die urindogermanischen Wurzelbeschränkungsregeln in dem neuen System im Gegen- satz zur alten Konzeption ebenfalls typologisch erklären (s. GAMKRELIDZE/ IVANOV 1973, 152 ff.).

Für die ältesten germanischen Entlehnungen – bzw. ”vorgermanischen”, mit denen KOIVULEHTO rechnet – wäre demzufolge zu überlegen, wie dieses neue System von Verschlußlauten im Ostseefimiischen wiedergegeben worden wäre. Da eine aspirierte Tenuis als Fortis a fortiori eine ostseefinnische Geminata gezeitigt hätte, wäre lediglich in der ersten Spalte ein anderes Ergebnis zu erwarten als bei Zugrundelegung des traditionellen Systems

[kuva]

(b) b“ p

d d“ t

g g“ k

wenn man der Einfachheit halber nur eine Tektalreihe berücksichtigt. Da aber in der neuen Konzeption zur Erklärung der Veränderungen in den übrigen – traditionell nicht verschiebenden – Sprachen bzw. der Entglottalisierung im Germanischen, Armenischen und Hethitischen mit einer ”niedrigen Intensität” der Phoneme der ersten Spalte gerechnet wird (GAMKRELIDZE/IVANOV 1973, 155 f.), wäre wiederum im Ostseefinnischen die gleiche Vertretung wie bei den Mediae, nämlich die einfache Tenuis, das wahrscheinlichste.

148

Relevanz hätte die Neuordnung des urindogermanischen Systems der Klusile aber ebensowenig für die baltischen Entlehnungen des Ostseefinnischen, obwohl das Baltische eine Verschiebung der Glottalisierten vorgenommen haben müßte:

[kuva]

(IT) b“ P“

t’ d“ t“

K’ G“ K“

k

l

b

d t

g

Die Affinität von Glottalisierten und Mediae zeigt auch das Karatschaisch-Balka-rische, eine Turksprache des Kaukasus, die über die Klusile b, d, g – p, t, k, q (”tiefer Hinterzungenkonsonant”) verfügt (JNSSSR 215) und die tscherkessischen Glottale häufig auch durch die Media substituiert: tscherk. käpxǝn ‘Schürze = esi- liina’, kärx°ǝ ‘Revolver’, pastǝ ‘dicker ungesalzener Hirsebrei’ > kar.-balk. gefxin, gerox, basta (MYCYKAEB 69 f.).

§ 65. Der Status von ”Fossilien” kann auch für Entlehnungen mit noch nicht durch-geführtem SIEVERSschem Gesetz beansprucht werden.

Die ”generellste Formulierung” des ”Sievers” ist aber durchaus nicht ”die Regel, wonach die idg. Halbvokale/Sonanten i/ und u/ (=/y/ und /w/),… in der Stellung vor Vokal nach leichter (’kurzer’) Silbe unsilbisch (j, y bzw. j, w), nach schwerer (´lan- ger’) Silbe jedoch silbisch (i, u) realisiert werden” (so KOIVULEHTO 1986a, 249). In der allgemeinen von SCHINDLER gegebenen Form erfaßt das Gesetz alle Sono- ranten. Die für die Grundsprache anzusetzende, vom Wortende aus iterativ operie- rende Regel besagt, daß die unsilbischen Sonoranten zwischen unsilbischen Seg- menten und zwischen Wortgrenze und einem unsilbischen Segment silbisch realisiert werden.

149.

Auf die so erzeugten Kontexte wirkt der eigentliche ”Sievers”,die silbische Realisa- tion der Sonoranten nach schwerer Silbe. Ein Spezialfall ist das LINDEMANsche Gesetz, das Auftreten von SIEVERSschen Varianten im Wortanlaut von Einsilblern.

KOIVULEHTO führt in seiner Spezialuntersuchung über die SIEVERSsche Regel im Spiegel der germanischen Entlehnungen des Ostseefinnischen aus, daß das traditionelle Material keinerlei Aufschlüsse über die Gültigkeit des SIEVERSschen Gesetzes – in seiner eingeschränkten Ausgestaltung – im Urgermanischen ergibt. Er zeigt jedoch an einer Reihe von neuen Etymologien,daß das Auftreten der soge- nannten langen Affrikata die nichtsilbische Realisation des palatalen Halbvokals nach schwerer Silbe in der darreichenden Sprache voraussetzt – eine Vorausset- zung, die durch den innergermanischen Befund abgesichert werden kann (s. RAS- MUSSEN 209 ff.). Die Affrikata sei für die germanische Verbindung *T]’ substituiert worden. Für die Substitutionshypothese gegenüber der anderen Möglichkeit, der Annahme einer Übernahme als *tj und eines Wandels über *t’t’ zu *c’c’ (fi. ts), entscheidet er sich u.a. aufgrund der lappischen Affrikata anstelle einer nordischen Verbindung tj. Hier läge jedoch nur eine typologische Parallele vor; ein Beweis für ein gleiches Verfahren im Ostseefinnischen ist dadurch nicht gewonnen. Die zweite Möglichkeit ist vorzuziehen, weil bei KOIVULEHTOS Auffassung unverständlich bliebe, warum nicht auch ein baltisches *martjan mit Substitution durch die lange Affrikata zu *mortsan geworden war, sondern zu morsian, was im Einklang mit der communis opinio aus einer ostseefinnischen Realisation als *martian mit dem Übergang *ti > si erklärbar ist.Bei der Diskussion spielte auch das ostseefinnische Wort für die Melde (fi. maltsa 74) eine Rolle.

Ein dem Wort für ‘Melde’ homophones Lexem liegt in estn. malts ‘schlammige Lache, Moor’, karel. malc´c´a, weps. moyč(kivi) ‘Schiefer, leicht bröckelndes Gestein, Kalkstein vor.

74. Die Behauptung, daß im Finnischen in einer Verbindung von drei Konsonanten, wenn der zweite ein Plosiv ist, der dritte nur derselbe Plosiv sein kann, korrigiert HOFSTRA zwar nach FROMM 1982 durch rts (60), fi. lts läßt er aber unerwähnt, obwohl er fi. maltsa mehrmals behandelt.

150.

HOFSTRA meint, daß die genannten Wörter ”bei der Herleitung von fi. maltsa aus dem Germ. besser unberücksichtigt” bleiben sollen (1985, 207). Er begründet die Auffassung damit, daß die Bezeichnung für die Melde ”wegen der weißlich (mehlar- tig) bestäubten Blätter der Pflanze (KLUGE/MITZKA 1967;MARZELLI 1943,510 f.)” zu uridg. *melh ‘mahlen’ gestellt wird.

Es wird leider nicht ausgeführt, wie man sich denn genau die Genese des urgerma-nischen *mald(i)j(n)- vorzustellen hat. Das Merkmal ‘weißlich, mehlartig’ inhäriert ja nicht der Wurzel *melh- ‘mahlen’, und das germanische Wort für ‘Mehl’ ist eine 510-Ableitung von dieser Wurzel.

[HM: ”Maltta” tarkoitti ainakin Sääksmäen murteessa pehmitä nopeaksvuisia rikka-ruohoja,erityisesti pihatähtimöä,mutta myös maltsaa,jauhosavikkaa (vuohenputkea, maitorsmaa), joita kerättiin sianporsaille koska a) nämä kovasti tykkäsivät tällai- sesta ”salaatista” ja b) koska nuo kasvit haittasivat puutarhassa tärkeämpiä kasve- ja.Olen kerännyt pikkupoikana sellsita ”malttaa” varmaan tonnikaupalla sioille. Jau- hoisuuden tai ”valkoisuuden” kanssa sillä ei ole tekemistä. Nuo ovat kasveja, joita ihmisetkin olisivat voineet syödä, ainakin maitohorsmaa on itärajan pinnassa viljel- tykin keväsiten ensimmäisten versojen takia. Ensin söivät ihmiset, sitten kesällä lehmät.]

Die Dentalerweiterung dieser Wurzel hat aber gerade die Bedeutung ‘zermahlen, zerbröckeln’,und die liegt ganz offensichtlich in den oben zitierten ostseefinnischen Wörtern vor. Diese können mithin im Zusammenhang mit fi. maltsa durchaus nicht beiseite bleiben. Was die ”gängige Etymologie von Melde” angeht, so kann sie in der Form, wie sie in der Literatur dargestellt wird, schwerlich das Richtige treffen.

Die jo-Ableitung meint offenbar ”zu einem *mald- gehörig”, aber dieses *mald- heißt wie gesagt weder ‘Weißes’ noch ‘Mehl’, sondern ‘Zerbröckeltes, Erde’, allen- falls ‘Staub’.Aber in diesem Fall muß ‘Melde’ nicht notwendigerweise ‘die Bestaub- te’ heißen, sondern die Benennung kann mit dem Boden zusammenhängen, auf dem Artriplex vorzugsweise wächst, wie weps. porohiin ‘Melde’ (zu poro ‘Pottas- che’) und fi. saviheinä (zu savi ‘Lehm’) zeigen (weps. hiin, fi. heinä ‘Gras, Heu’). Diese Möglichkeit wird auch dadurch nicht ausgeschlossen, daß in anderen Spra- chen bei der Namengebung für ‘Melde’ ein Merkmal ‘weiß’ zugrunde gelegt wurde,

vgl. russ. lebeda, das mit lebed´ ‘Schwan’ zu lat. albus usw. gestellt wird, und lit. balánda, in dem die Wurzel *bhel- vorliegen dürfte.

[HM: Liettuan balandis tarkoittaa ”huhtikuussa”. Liettuan hutukuussa ei ole erityi-semmin mitään valkoista, mahdollinen lukin on jo harmaata jäätä, paitsi ehkä muu- tolta vähän etelämpää palaavat kyyhkyset ja joutsenet. Balanda, saksaksi Garten-melde, tarkoittaa ”huhtikuunsalaattia”. Sillä on luultavasti torjuttu keripukkia. Puu- tostautien torjunta oli korkealla tasolla jo kivikaudella.Se oli yksi asia, joka ratkaisi, kuka elää ja kuka kuolee. Se on vaikuttanut ihmisen evoluutioonkin, esimerkiksi vaaleaverisyyteen.]

In griech. bliton ‘Melde’ hat man ebenfalls uridg. *melh- gesehen. Auf jeden Fall bezeugen die genannten ostseefinnischen Wörter für ‘bröckelndes Gestein’ die Existenz einer Bedeutung ‘mürbe’ o.ä. für ein zu uridg. *melh- ‘mahlen’ gehöriges urgermanisches *mald(i)jö(n)- 75.

75. HOFSTRAS Kritik wäre vermutlich unterblieben, wenn KOIVULEHTO seinen Aufsatz zur SIEVERS- schen Regel vor HOFSTRA 1985 veröffentlicht hätte. KOIVULEHTO hält die ostseefinnischen Wörter für ‘bröckelndes Gestein’, ‘weiches Holz’ usw. mit dem Wort für die Melde für ”etymologisch …identisch” und Benennungsmotiv: ”Die Melde-Arten wurden wohl nicht so sehr nach ihrer leichten Mehlbestäu- bung benannt, sondern der Name bezieht sich vielmehr allgemeiner auf die weiche, zarte Konsistenz dieses Unkrautes, …” (258 bzw. 260).

151

Der Schauplatz der germanisch-ostseefinnischen Kontakte

§ 66. Die gängigen Darstellungen der germanischen Vorgeschichte bieten einen re- lativ begrenzten Siedlungsraum der Germanen zu einem im Verhältnis zu den neu- eren Ansichten über das Alter der germanischostseefinnischen Kontakte sehr spä- ten Zeitpunkt. Beispielsweise gibt die Karte über ”die Ausbreitung der Kelten und Germanen vom 5. bis zum 3. Jh. v.u.Z.” im A.z.G. als ”ursprüngliches Siedlungsge- biet” der Germanen das heutige Dänemark und Schonen, Schleswig-Holstein und das Gebiet zwischen Weser und dem Oberlauf der Havel – im Süden etwa durch die Nordgrenze Sachsens beschränkt (Bd.I,S.11,Karte III). Die Ausdehnung vom 5. bis 3. Jahrhundert erfolgt in ein kleines Territorium südlich von Bremen, ins historis- che Sachsen und nach Vorpommern und in die westliche Hälfte Pommerns hinein.

Zu den Neuerungen, die in der modernen germanisch-ostseefinnischen Lehnwort-forschung zu beobachten sind, gehört auch die Berücksichtigung Finnlands als das Gebiet, auf dem der größe Teil der alten germanischen Elemente des Ostseefin-nischen übernommen worden sein soll. Evidenz für eine solche Annahme könnten Erkenntnisse über die urgeschichtliche Verbreitung des Referenten eines bestim- mten entlehnten Lexems liefern, in erster Linie einer Nutzpflanze”. Bedauerlicher- weise läßt sich beim Namen des Roggens, der in diesem Zusammenhang eine Schlüsselstellung einnehmen könnte, die germanische Herkunft nicht mit letzter Sicherheit erweisen.

76. Auch das Verbreitungsgebiet von Tierarten kann in Betracht gezogen werden. Das nördlichste Brutgebiet von Storch und Reiher ist die Südküste Finnlands (PAREY 34 bzw. 42). Es ist daher wahrscheinlicher, daß haikara von im Baltikum siedelnden Germanen übernommen wurde.

152

Die konkurrierende Erklärung aus dem Baltischen kann immerhin als unwahr-scheinlich bezeichnet werden. In baltischen Entlehnungen des Ostseefinnischen, denen offensichtlich der Nominativ des Typs auf -ys zugrunde liegt, ist der anzuset- zende urbaltische Ausgang *-ijas im Ostseefinnischen reflektiert estn. tak(i)jas‚ fi. takiainen ‘Klette’ (vgl.lit. dagis),estn. angerias, fi.ankerias ‘Aal’ (vgl.lit. ungurys), wobei im vorliegenden Fall auch ein baltisches Original auf -Cias im Finnischen un- silbische Wiedergabe des Halbvokals gezeitigt hätte.Auf jeden Fall wäre für die Be- zeichnung des Roggens keine Form auf -is zu erwarten.

HOFSTRA ist der Ansicht, daß dieser Typ erst durch die germanischen Entlehnun- gen etabliert wurde, was im übrigen eindeutig dafür spräche, daß die baltischen Entlehnungen im Verhältnis zu den germanischen eine ältere Stufe repräsentieren.

Setzt man nun für fi.ruis germanische Herkunft voraus,so gerät man bei der Annah- me, die Übernahme sei in Finnland erfolgt, mit den Angaben über das urgeschicht- liche Verbreitungsgebiet des Roggens in der einschlägigen Literatur in Konflikt.

Laut BERTSCH hatte Secale cereale in römischer Zeit noch nicht einmal das Balti- kum erreicht! In einer prähistorischen Siedlung bei Bremerhaven, deren ältester Ho- rizont dem ersten nachchristlichen Jahrhundert zuzuweisen ist, findet sich noch keine Spur von Roggen. Im Einzelfall dürfte freilich immer zu berücksichtigen sein, daß vielleicht die Bodenbeschaffenheit in dem fraglichen Gebiet für das Wachstum dieser Pflanze nicht günstig war;der Roggen verträgt keine hohe Bodenfeuchtigkeit.

HOFSTRA (1985, 285) bemerkt: ”Der Roggen ist als Kulturpflanze zwar verhältnis- mäßig jung und in Mitteleuropa erst nach dem um 800 v. Chr. Geb. erfolgten Klima- sturz von Bedeutung geworden, er war aber bereits viel früher zusammen mit dem Emmer, einer der ersten Getreidearten,als Unkraut nach Europa gekommen”. Aber auch als Ackerunkraut läßt sich eine Grasart prähistorisch nachweisen, etwa als Verunreinigung des Mehles bzw.als Rückstand beim Worfeln.Im Sinne der jüngsten Ansichten über das Kontaktgebiet von Germanen und Ostseefinnen wäre mithin zunächst das Vorkommen des Roggens in Finnland für die urgeschichtliche Perio- de nachzuweisen. In einschlägigen Veröffentlichungen scheinen entsprechende Angaben aber nicht vorzuliegen.

153

Im Falle eines negativen Befundes wäre anzunehmen, daß die Ostseefinnen den Namen des Roggens südlich des finnischen Meerbusens übernommen und mit der Sache – sei es als Nutzpflanze oder als Unkraut im Saatgut bei der Ausdehnung ihrer Wohnsitze nach Finnland dort heimisch gemacht haben. Die andere Möglich- keit, nämlich Einführung der Sache und Ubernahme des Wortes auf dem finnlän-dischen Schauplatz, würde eine relativ späte Entlehnungszeit bedeuten, etwa die skandinavische Periode. Hierauf könnte der Gegensatz an. (aber auch ae.) rugi- – as., ahd. *rugan- deuten. Im Hinblick auf die zweifellos bequemste – wenn auch linguistisch weniger wahrscheinliche – Annahme baltischer Herkunft des ostseefin-nischen Wortes wäre der Gesamtbefund des Namens in der europäischen Indoger- mania zu berücksichtigen. Auch die slavische Entsprechung gilt als urverwandt.

Bei dem traditionellen urindogermanischen Ansatz *urughio- bleibt unverständlich, warum sich im Altsächsischen oder Angelsächsischen der anlautende Labial nicht zumindest in einer dialektalen Variante nachweisen läßt.

Wenn man das Wort aus dem Thrakischen entlehnt sein läßt,wäre zwar der Anlaut des germanischen Wortes verständlich, es ergäbe sich aber das Problem, den Inlautskonsonanten im Baltisch-Slavischen und Germanischen auf einen Nenner zu bringen. Im übrigen dürfte es sich bei dem ”thrakischen” βρίζα (briksa) um weiter nichts als eine griechische dialektische Variante von pica (ritsa?) ‘Wurzel = juuri’ handeln (zum Germanischen s. noch LÜHR 1988, 291).

Aus einer östlichen indogermanischen Sprache sollen nach VASMER (s.v. рожь ) syrj. rud´zegg, wotj. ǯiǯеk und mordw. roz´ 77. entlehnt sein, während bei KLUGE/ MITZKA ausdrücklich festgestellt wird, daß den ”östlichen indogermanischen Spra- chen” eine Entsprechung abgeht.Nach SHEVOROSHKIN sollen auch ostkaukasis- che Wörter für ‘Roggen’ die Existenz eines ”Early Indo-Iranian *wrughyo- : ‘rye’ < Proto-West-Indo-European *wrug´hio-” (234, s. auch DOLGOPOLSKY 28) bezeugen.

Die Annahme östlicher Herkunft des westeuropäischen Wortes vertrüge sich mit einer älteren Ansicht, daß der Emmer – allerdings schon im Neolithikum – über das Baltikum nach Norddeutschland gekommen ist, wenn man voraussetzt, daß der Roggen mit dem Emmer als Ackerunkraut bekannt wurde (s. oben).

77. Nach KATZ 1985 aus lautlichen Gründen nicht hierher, sondern russisches Lehnwort (266).

154

Die Annahme einer späten Verbreitung der Sache in der umgekehrten Richtung stünde im Gegensatz zu einer Feststellung bei BERTSCH: ”Die Slaven sind nicht die ersten Roggenzüchter gewesen. Sie haben den Roggen bei ihrer Einwanderung nach Norddeutschland vorgefunden, und ohne ihr Zutun, allein durch die natürliche Entwicklung ist er schließlich zum Hauptgetreide des Ostens geworden.Im 11. und 12. Jahrhundert war er im Gebiet von Smolensk … überhaupt nicht vorhanden. (61)

Die Hypothese des finnländischen Schauplatzes der wesentlichen ältesten Berüh-rungen muß zu der Lehrmeinung in Beziehung gesetzt werden, daß sich das lap- pische Sprachgebiet erst in relativ junger Zeit auf den äußersten Norden Skandina- viens reduziert hat. Es käme nur der schmale Küstenstreifen nördlich des finnis- chen Meerbusens als Berührungsgebiet in Betracht.

Daß die lehnnehmende urostseefinnische Bevölkerung so gering an Zahl gewesen sein soll, daß sie nur zu einem kleinen Teil auch südlich und östlich des finnischen Meerbusens angesiedelt gewesen wäre, erscheint nicht sehr plausibel.

[HM: Ei ole ehdottoman mahdotonta silti, etteikö juuri tuo alue nykyisen Oulun tie- noilla olisi ollut Sakandinavian rantoja pitkin purjehtineiden ja sieltä vanhoja löysästi sitoutuniita rana-asukkaista muualle karkottaneiden Jastof-kultturin germaanien ensimmäinen kohtauspaikka suomalaisten kanssa.]

Es bliebe demnach nur die Alternativerklärung, den südlichen historischen lappis- chen Wohngebieten schon für die früheste Zeit den Charakter von Streusiedlungen beizulegen oder die traditionelle Auffassung bezüglich des Schauplatzes der ger- manisch-ostseefinnischen Berührungen beizubehalten. VAJDA vermutet, daß das lappische Siedlungsgebiet am Ende des 1. nachchristlichen Jahrtausends seine größte Ausdehnung gehabt hat:

”Lappische Gruppen gab es damals am südlichen Gestade des Weißen Meeres, in Ostkarelien und Ingermanland, zwischen dem Ladoga- und Onegasee‚ in großen Teilen von Finnland,auf der Kolahalbinsel sowie im Norden und Nordwesten Skandi- naviens” (431). Nach VAJDA gestalten sich die frühen Bevölkerungsverhältnisse in Finnland folgendermaßen:

”Die Indizien u.a. das Beibehalten der nicht-finnisch-ugrischen Namen der im Wei- ßen Meer lebenden Seesäuger – lassen darauf schließen,daß die im 2.Jahrtausend v. Chr. von den Finno-Ugriern wahrscheinlich schon beeinflußten, z.T. sogar finno- ugrisierten protolappisch-frühlappischen Gruppen vorwiegend an der Weißmeerküs- te, nördlich vom Hauptblock der Finno-Ugrier lebten.- Spätestens im 1. Jahrtausend v. Chr. hat der Fernhandel auch die nördlichsten Gegenden des heutigen Rußlands erreicht.

155

Damit hängt vielleicht zusammen, daß die frühesten Lappen (beziehungsweise die restlichen Protolappen) sich zu dieser Zeit, wie es scheint, in großen Teilen von Nordwestrußland verbreitet haben: Im ganzen Raum zwischen der Mezeri-Mündung und Leningrad, in südlicher Richtung vielleicht bis zum Il’mensee‚ die Mehrheit hat aber vermutlich in der Ladogagegend gelebt. Etwa von der gleichen Zeit an rechnet man auch mit der Einwanderung von Lappen nach Finnland und der Kolahalbinsel” (430).

Nach OZOLS ist in Estland und Südfinnland erst von der Mitte des ersten vorchrist-lichen Jahrtausends an mit Ackerbau und Viehzucht “als Haupterwerbsquelle neben Jagd und Fischfang” zu rechnen (1986, 346).

In den Jägern und Fischern der Kammkeramik sieht OZOLS die ”Vorfahren der spä- teren Ostseefinnen”, in den viehzuchttreibenden Trägern der Bootaxtkultur die Vor- bzw. Urbalten (347).

[HM: ensimmäiset tulijat eivät olleet kanbaltteja vaan jo voimakkaasti ”(volgan)suo-malaistuneita” itäbaltteja, vasarakirveskansaa. Niin paradoksaalista kuin asia onkin lähimpä kantabaltteja olleita kantalatvialaisia/muinaisliettualaisia tuli etelästä vasta vasarakirvesitäbalttien JÄLKEEN. He eivät olleet vasarakirveskansaa, vaan muita nuorakeraamikkoja.]

Die Kammkeramiker seien um die Mitte des 3. vorchristlichen Jahrtausends von Osten in ein Gebiet eingewandert,das um die Wende des 3. zum 2. Jahrtausend von den Trägern der Bootaxtkultur besiedelt wurde (346). Diese Kultur läßt sich im gesamten Baltikum und in Südfinnland nachweisen (344). Demzufolge wären die Vorfahren der Ostseefinnen ein halbes Jahrtausend vor Ankunft der Urbalten in Südfinnland autochthon.

§ 67. Die Annahme der Autochthonizität der Osteefinnen im Baltikum und in Finn- land verträgt sich schlecht mit der Tatsache,daß die Namen der beiden wichtigsten Nutzfische dieses Gebietes, des Lachses und des Aals, baltischer Herkunft sind: fi. lohi bzw. ankerias (vgl. lett. lāzis, lit. unguris). Dieser Umstand läßt vielmehr vermuten, daß sich die Herausbildung der ostseefinnischen Grundsprache in einem Gebiet vollzog,in dem die genannten Fischarten nicht vorkamen oder keine wesent- liche wirtschaftliche Bedeutung haben konnten. Freilich ist dies nicht der einzig denkbare sachgeschichtliche ”Hintergrund für die Entlehnung. Auch VILKUNA er- klärt aber die Übernahme von lohi und ankerias mit Zuwanderung der Ostseefin- nen ins Baltikum (1965, 39).

156

Zusätzliche Evidenz könnte eine Etymologie von fi. taimen bieten, wenn die ge- wöhnliche Bedeutung ‘salmo trutta’ (SKES), also ‘Meeresforelle’‚ die ursprüngliche ist. Das Wort macht durchaus einen ”baltischen” Eindruck. Mit fi. vermen ‘Ober-haut’, das zu ai. vännan- ‘Panzer, Schutz- (wehr)’ gestellt wird, sind es die baltis- chen Lehnwörter fi. siemen ‘Same’ und paimen ‘Hirt’, die einen erklecklichen Teil der finnischen Wörter auf -men ausmachen. Ein klares baltisches Etymon läßt sich für taimen jedoch nicht finden. Allenfalls könnte man an Übernahme eines urbaltis- chen *daigmen-, dem ein litauisches *diegmuo entsprechen würde, denken. Es handelt sich bei -muo um ein äußerst produktives Formans.

[HM: Johdin -m- on kanbaltin ja vasarakievekielen agenttipartisiipin pääte ja -en on neutrin pääte. Päätteestä -en on tullut liettuassa säännöllisesti -uo, josta on tullut yksi maskuliinin pääte, kun taas latviassa ja mm. kuurissa -en- on liitetty vartaloon ja isketty perään uusi nominatiivin pääte: s tai -e. Preussissa -en -päättestä on joko tullut -u (pannu = tuli, pekku = karja) tai se on siirretty vartaloon: kaimens = pai- men (jotka muuten EIVÄT tule sanasta, *kaimen tulee puolustamista tarkoittavasta sanasta *ken- , mutta *paimen juottamista tarkoittavasta kb. verbistä *pen-; hyvä paimen panee hensäkin lampaiden edestä kun taas paha paimen tekee toisin päin…

Die hierfür voraus-zusetzende Behandlung der inlautenden Konsonantenverbindung im Ostseefinnischen könnte durch fi. ynnä < *yknä (s. SKRK I §27. 7, s. 54) gestützt werden. Die Kürzung von *taimmen zu taimen wäre erwartungsgemäß. Die Basis müßte der urbaltische Vorläufer von lit. degti ‘Pflanzen setzen’ sein, zu dem noch lit. daigas, diegas ‘Keim = oras, Sproß = verso’ gehört. Die Grundbedeutung wäre mithin als ‘junge Saat’ anzusetzen, aus der sich die Bedeutung ‘junge Fischbrut’, weiter ‘junge Forelle’ ergeben haben müßte. In der Bedeutung ‘junge Saat’ läge das Wort im dialektalen taimen vor, aus dem das weiter verbreitete taimi entstanden sein müßte 78. [HM: Verbi on todennäköisemmin ollut kb. *dengti > vsk. *daigti = kattaa, peittää, istuttaa. Neutri *daigmen tarkoittaa ”istutettua”, vaikka kalaa. (Tätä ei pidä sekoittaa ”aitauksessa” VILJELTYYN kalaan, joka taas on ollut *tautainen = ”kansankala, ky- läkala”, josta tulee kaikkiruokainen sitkeähenkinen ”pula-ajan karppi” toutain, liettu- aksi muuten salatis = eritetty, tarhattu, josta tulee salaatti: nauriista ja suolakalasta tehty rosolli, entisaikojen yksi perusruoka. Ja kuten sanottu vasarakirveskansa oli aina kynnet pystyssä muuttamassa ja parantelemassa kaikkea, myös kasvistoa ja eläimistöä, ei vain maata ja vesiä, kun taas heidän naapureilleen (jotka muuten lopulta kulttuurisesti ”voittivat” täällä meidän oloissa, muualla ”hävisivät”, sellainen oli uskonnoliten tabujen kieltämää toimintaa. Heimot hyötyivät objektiivisesti toisistaan, varsinkin suomalaiset balteista, vaikka nuo veivätkin kaikkein parhaat peuran-, hirven- ja majavanlaitumet. Kts. daigus. Juuresta tulee myös vsk. *daigwas = ”ylle kaareutuva” > taivas.]

78. Mit seiner Segmentenfolge -min- erhebt sich auch bei dem finnischen Wort für ‘Mensch’ (ihminen) der Verdacht einer entsprechenden Herkunft. Allerdings gilt hier aufgrund der altfinnischen Formen inhiminen, inheminen und der Entsprechungen der Dialekte, der übrigen Ostseefinnischen Sprachen und des Mord- winischen (z.B. inehminen; weps. inehmoi; mordw. E inäe) die schriftfinnische Vertretung als Neuerung. Demnach müßte das m, da ein Einfluß von fi. ihme ‘Wunder’ kaum in Frage kommt, auf Dissimilation beruhen. Andererseits würde sich der dentale Nasal bei einer ursprünglichen Segmentenfolge *šm unschwer mit einer Assimilation an den homorganen Sibilanten nach einer Metathese erklären. Bei dieser Konstellation erinnerte die Konsonantenfolge š-m-n stark an das baltische Wort für den Menschen:

lit. Pl. žmónės, apr. smünent- Die Beseitigung eines Clusters mit anlautendem Sibilanten durch Vokalprothese, insonderheit durch i, ist zwar typologisch wohl dokumentiert, für das Ostseefinnische ist dieses Verfahren jedoch nicht nachweisbar.

Eine weitere Schwierigkeit bedeutete bei der Herleitung des Ostseefinnischen und mordwinischen Wortes aus einem urbaltischen *žmän-‚ žmün- oder – wenn man das Preußische berücksichtigt – žmänent- bzw. *žmünent- der palatale Binnen-silbenvokal, denn ein *išmanen, *išmunen oder ‘tiimonen wäre an sich möglich gewesen. Für den Ansatz einer baltischen Kontinuante eines urindogermanischen *g´men-, aus der sich die ostseefinnischen Formen mit -i- am ehesten erklären ließen, gibt es aber keine Evidenz. In Anbetracht der identischen Bedeutung des baltischen und des ostseefinnischen Wortes, der auf das Mordwinische und das Ostseefinnische beschränkten Belegbarkeit und der merkmalhaften Phonemstruktur der Ostseefinnischen Vertretungen erscheint die Zusatzannahme einer alten Metathese, die im Finnischen teilweise rückgängig gemacht oder, was freilich nicht wahrscheinlich ist, nicht eingetreten ist, nicht schwerwiegend genug, um den Gedanken von vornherein zu verwerfen. KATZ (1985, 212 f.) sieht in dem Wort ein *ənəš ‘Nicht-Arier’ < ”frühurarisch” *énuš (ai. ánu- ‘Mensch, Bezeichnung nicht-arischer Leute’). KOIVULEHTO (1990,8 ff.) geht von ”idg./vorgerm./vorar.*gnh‚-, bzw. *g´nh‚-e/o- oder *g’nh‚-ye/o- (urind.*genh,- ‘erzeugen = siittää, synnyttää’) aus. Für die Substitution von *g´ durch *j (> i) verweister auf fi. aja- ‘fahren’ (uridg. *h‚ego-), das aber wegen des Fehlens des Laryngalreflexes einer ganz anderen – späteren – Zeit und/oder einem ganz anderen Areal zugeordnet werden müßte – es könnte sich also schon um eine präpalatale Affrikate gehandelt haben, die natürlich mit j wiedergegeben werden konnte – und überdies ein Inlautsfall ist.

157

§ 68. Die herkömmliche Auffassung der Einwanderungshypothese wird noch 1980 von E. ITKONEN vertreten. Er sieht sich durch das Zahlenverhältnis der baltischen Lehnwörter im Ostseefinnischen und Lappischen zu dem Schluß genötigt, daß die Urostseefinnen zwischen den Balten zur Zeit der Kontakte in ihren heutigen Wohn- sitzen und den Urlappen ansässig waren und erst in den ersten Jahrhunderten vor der Zeitenwende nach Finnland gekommen sind (1980, 6 f.). Das Verhältnis ändert sich nur unwesentlich,wenn man die Termini aus Ackerbau und Viehzucht,für deren Entlehnung aufgrund der ökologischen Verhältnisse bei den Urlappen kein Bedarf bestand, nicht berücksichtigt.

Eine vorgermanische, ”alteuropäische” Bevölkerung – nach KILIAN würde es sich ”mit hoher Wahrscheinlichkeit” um die Bootaxtleute handeln (298 f.) – scheint durch den Namen des südwestfinnischen Flusses Aurajoki (fi. joki ‘Fluß’) bezeugt, falls SCHMIDs Heranziehung der anklingenden alteuropäischen Gewässernamen das Richtige trifft (1973). Beipflichten muß man SCHMID in seiner Ablehnung eines Zusammenhanges des finnischen Flußnamens mit fi. aura ‘Pflug’.

Dagegen ist ein Zusammenhang mit fi. aura, auer ‘Dampf, Dunst’ nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen, wenn auch der Dunst über dem Aurajoki sicher nicht größer als über anderen der zahlreichen südwestfinnischen Gewässer ist.

[HM: Vasrakirveskielen *aura-t- on kyntää on todennäköisimmin ”ILMATA”, kutenkin muodenkin balttikielten ja venäjäjän aurata verbit!

Ja vasarakirveskielen *aura = ilma, liettuan oras, jotvingin aure. Suomen aura on ”jostakin nouseva ilma”, häyry, usva, viron aur.

Eantabaltin sana lienee *en-(e)r- = ”sisään (ja ulos) menevä”, hengitysilma.

Samaa juusrta on liettuan ”kaatosade/rajuilma,tulva” = audra,jossa d voi olla muo- dostunut eri tavoin: se voi olla johtopääte: se voi olla loiskonsonatti (jolla äänneyh-distelmä saadaan luvalliseksi) *enra > endra > audra, tai se voi tulla verbinjohti- mestä en-s-t-, prees. en-d- = mennä toistuvasti sisään (ja ulos), mikä tosin viittaisi enemmän hengitykseen kuin rajuilmaan.

Ei ole kuitenkaan varmaa, että Aurajoki tai Eurajoki tulisivat tästä. Suomessa on vähän liikaa aur-, aul-, our-, oul-, eur-, eul- alkuisia joennimiäja liian laajalla alueella, että ne voin tästä tulisivat.

”Suuri joki” on vasarakirveskielellä *Akwa > Akaa, Oka (goljadi), aava, aapa (saame).

Veden jumala, ”Vesimies” = Akw(a)r-> Ahri (EI siis **Ahti tämän teorian mukaan!) Aquarius, norja AEgir, ja tästäkin parvesta voi tulla myös *Aura-joki (ilman ilmaakin), kuten siitä tulee ežeras (linkissä väärin), latvian ezers, venäjän ozero, påuola jezior = järvi, diminutiiveja.]

Die Variante aure kommt jedenfalls in der Gewässernamengebung vor: Aurejärvi (järvi ‘See’)‚ ”dessen Name Aurajoki verdächtig ist” (KILIAN 293 f.‚Anm.22b). Sach- lich gerechtfertigt ist jedoch auch die Deutung als ‘Geröllfluß’ (KARSTEN 1943, 75).

178

KARSTEN bringt ein Lemma fi. aura ‘stenig, ofruktbar sjö- l. åstrand’, das er einer Mitteilung VILKUNAS verdankt. In SKES ist diese Angabe nicht berücksichtigt wor- den, was Bedenken hinsichtlich ihrer Vertrauenswürdigkeit erweckt. Die Existenz eines solchen finnischen Wortes ist jedoch für die Erklärung des in Rede stehenden Flußnamens durch KARSTEN belanglos.

Das für das Appellativum genannte Etymon, urnord. *aura- (an. aurr ‘sten, grus’, schwed. ör ‘stengrund, Sandbank; mindre klippig holme’ usw.), kann ja direkt die Benennungsgrundlage für den Flußnamen abgegeben haben; wir hätten es mithin mit einer Namengebung germanischer, d.h. nordischer Besiedler zu tun. Damit wäre auch der von KILIAN zugunsten der alteuropäischen Deutung von Aurajoki verwen- dete Umstand, daß ”Aurajoki der einzige Flußname in Finnland ist, der das Bestim-mungswort aura enthält” (293) die Betonung liegt offenbar auf Fluß (s.o.) – verständ-lich”.

159

Westgermanische Elemente im Urostseefinnischen?

§ 69. Der Germanist muß aber nicht nur die herkömmlichen Vorstellungen über das Verbreitungsgebiet des Urgermanischen über Bord werfen, auch hinsichtlich der Gliederung dieses Territoriums kann KOIVULEHTO mit einer Überraschung aufwar- ten. Der Umstand, daß sich ein finnisches Wort germanischer Provenienz bzw. die im Finnischen belegbare Bedeutung eines germanischen Lehnworts oder eine laut- liche Besonderheit im ”Gotonordischen” nicht nachweisen läßt – das einschlägige Material ist in HOFSTRA 1985 zusammengestellt (384-87) – , hat eine scheinbar äußerst einfache Deutung gefimden. KOIVULEHTO stellt 1981b fest, daß ”bereits vor oder spätestens um Christi Geburt in unmittelbarer Berührung mit dem Urfi.eine germ. Mundart gesprochen worden” sei, ”die den Wandel ā > a vollzogen hatte und auffallende lexikalische Gemeinsamkeiten mit dem späteren Wgerm.aufwies”(343).

Einen anderen Weg schlägt SKÖLD ein: ”Wenn man von der Weichselmündung nach Estland und Finnland fahren kann,dann kann man auch von Schleswig dorthin fahren. Die Angeln und Sachsen, die über die Nordsee fahren und Südengland ero- bern konnten, konnten auch über die Ostsee fahren und Handelskolonien anlegen” (1983, 258).

Niemand wird ernstlich bezweifeln,daß zur Zeit der Besiedlung Englands und einige Jahrhunderte davor auch die finnische Küste hätte erreicht werden können. Das Nachrücken in ein vom römischen Reich geprägtes Gebiet, das in der Tradition des germanischen ”Drangs nach Süden” steht, besagt indessen nichts für die Möglich- keit westgermanischer Koloniengründung in Nordosteuropa zur Zeit der Völkerwanderung oder in den Jahrhunderten davor.

Es fragt sich, ob die Argumentation mit wenn-dann-Behauptungen in der frühge-schichtlichen Ethnographie angebracht ist.Den Ausführungen SKÖLDs könnte man dann mit ebensolchem Recht das folgende an die Seite stellen: Wenn die Kimbern und Teutonen von Jütland nach Pannonien und von dort bis nach Südfrankreich ge- zogen sind, dann können sie – bzw. ein Teil von ihnen – auch nach der Niederlage gegen die Boier die verhältnismäßig geringe Entfernung bis ins Baltikum hinter sich gebracht haben.

160.

Die Eruierung von Lehngut sollte sich zunächst auf die linguistische Evidenz beschränken. Hat man hinreichende Indizien, die auf einen bestimmten Lehngeber deuten, ist es belanglos, ob es eine geographische Wahrscheinlichkeit für den an- zunehmenden Kontakt gibt. Läßt sich das einschlägige Lehngut mit linguistischen Mitteln feststellen, so beweist es diesen Kontakt, mag er historisch noch so über- raschend sein. Man kann sich dann post festum darüber Gedanken machen, wie diese Kontakte zustandegekommen sind. Wenn die linguistische Argumentation nicht stichhaltig ist, sollte man natürlich die Erkenntnisse über die historischen

Sitze der mutmaßlichen Lehngeber berücksichtigen. Eben diese Sachlage ist bei den angeblichen bronzezeitlichen germanischen Elementen des Ostseefinnischen und dem von der Frühgeschichte erarbeiteten Ursprungsgebiet der Germanen gegeben (s. § 66).

Es wäre noch anzumerken, daß in der Vorgeschichtsforschung gelegentlich tatsäch- lich von ”finnisch-angelsächsischen Beziehungen” die Rede ist. So meint ERÄ- ESKO, daß der Stil der Hülse von Loima ”durch angelsächsische Goldschmiede direkt und ohne Vermittlung des übrigen Skandinavien übertragen worden” sei.

VIERCK indessen äußert ”Zweifel an der Unmittelbarkeit” von ”angelsächsischfin- nischen Werkstattbeziehungen” und plädiert für gotländische Vermittlung, wobei er die Hülse von Loima als ”Vorläufer dieser mittelbaren Beziehungen zwischen Finn- land und dem angelsächsischen England” wertet. Aus den Angaben,daß die Bronze- hülse in die Zeit um 500 n.Chr. bzw. an den Anfang des 6. Jahrhunderts datiert wer- den kann und ”eine sicher südenglische Sachform” ist, ”auch wenn sie vielleicht nur einem importierten Stück nachgeahmt wurde”, darf man wohl schließen, daß die Prähistoriker in der Lage sind, mit Sicherheit Angelsächsisches zu identifizieren.

Prinzipiell dürften also angelsächsische Siedlungen in Finnland archäologisch nach- weisbar sein. Bedenklich bleibt dann aber, daß die angelsächsische Geschichts-schreibung von dem sicher erwähnenswerten Ereignis einer Besiedlung Südwest-finnlands durch Angeln und Sachsen offenbar keine Kunde bewahrt hat.

161.

Es handelt sich hier um eine schwerwiegende historische Hypothese, die zur Lö- sung von Problemen der germanisch-finnischen Lehnwortforschung aufgestellt wur- de, bevor konsequent alle linguistischen Mittel ausgeschöpft waren. Die Problema- tik konzentriert sich auf zwei Punkte:

l. das argumentum e silentio,

2. die geminierte Liquida bzw. der geminierte Nasal in einigen Lehnwörtern. Es ist mithin für jedes einzelne der fraglichen Lexeme zu prüfen,ob das belegbare Original bzw. die belegbare Bedeutung dem Urgermanischen nicht angehört bzw. im Urger- manischen mit Sicherheit keine Geminata gehabt haben kann.

Bezüglich des argumentum e silentio ist festzustellen, daß gerade das Nordische stark geneuert hat. Man denke nur daran,daß heth. tehhi, toch. A tä-, ai. dadháti, av. daðáiti, ap. dä-, mp. datan, pers. dadan usw., griech. riönut, phry/g. aö-öocxsr, arm. dnel, lat. facere, osk. fagiat, venet. vhaxsö, lit. de’ti‚ lett. dät, abg. däti, russ. Demb usw., dt. tun usw. ausgerechnet im Ost- und Nordgermanischen keine Entsprechung haben. Es nimmt sich eigenartig aus, wenn für fi. hakata ‘hacken’ westgermanische Herkunft erwogen wird (HOFSTRA 1985,384). Im Nordischen kann genau das eingetreten sein, was ohne das hochdeutsche Korrektiv höchst-wahrscheinlich als Fortsetzung einer Entwicklung, die sich seit dem Frühneuhoch-deutschen anbahnt, für das Norddeutsche konstatiert werden müßte‚ nämlich, daß hier ‘hacken’ durch ‘hauen’ vertreten ist.

Auch die anderen Merkmale, die für westgermanische Herkunft eines Wortes spre- chen sollen, sind sehr unspezifisch. So gründet sich der Verdacht westgermanis- cher Provenienz von fi. kalja ‘glatt,schlüpfrig’ – angeblich aus germ. *häl(i)ja- (ahd. häli ‘lubricus, caducus’, vgl.§ 43) – ausschließlich auf das Formans -ja des Althoch- deutschen. Bei fi. malja ‘Schale’ ist es einzig die im Altenglischen zu belegende Bedeutung Schale, Becher’ – gegenüber sonstigem ‘Scheffel, Maß’ – , die das Wort zu einem Kandidaten für westgermanische Herkunft macht. Sonst ‘ist man aber bei der Semantik wesentlich großzügiger, wenn man etwa im Nordischen ein Etymon findet. Die verhältnismäßig geringe Bedeutungsdiskrepanz zwischen fi. malja und an. maälir sollte dann erst recht keine Rolle spielen.

162

Im Falle von fi. lanka ‘Schwager’ ist das angebliche westgermanische Original nur im Althochdeutschen zu belegen: gilange ‘verwandt’ (Glossen und Isidor). Die Zu- sammenstellung setzt in semantischer Hinsicht eine Bedeutungsspezialisierung im Ostseefinnischen voraus,inlautlich-morphologischer eine Abstraktion des Stammor- phems bzw.die Existenz einer unpräfigierten Entsprechung im Westgermanischen.

Es ist nun aber höchst zweifelhaft, ob man das althochdeutsche Wort in gemein-westgermanische Zeit reprojizieren darf. Das Wort gehört ohne Frage zu einem durch ahd. gilangön ‘wohin gelangen, erreichen’ vertretenen westgermanischen Verb. Die Bedeutung ‘verwandt’ ist aber nur denkbar,wenn man von einer Zwischen- stufe ‘benachbart’ ausgeht (‘bis an etwas reichend’ [vgl.as. gilang ‘id.’] -> ‘zugehö- rig’ -> ‘verwandt’ – vgl. LÜHR 1980,S.50), d.h. gilangön ‘contingo, attingo, pertingo’ -> gilange ‘contiguus, affinis’. Die skizzierte Bedeutungsentwicklung ist nun nicht sonaheliegend, daß das lateinische Vorbild ‘affinis (benachbart, cognatus)’ außer acht gelassen werden kann. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß man es hier mit einer der zahlreichen Lehnprägungen nach lateinischem Vorbild im Althochdeuts- chen zu tun hat. Damit wäre aber ausgeschlossen, daß fi. lanko eine westgerma-nische Entsprechung von ahd. gilange zum Etymon hat.

Im Falle von fi. köyhä ‘arm’ ist die für das germanische Etymon anzusetzende Form in der Tat nur im Westgermanischen zu belegen:*skeuhwa- in mhd.schiech, ae. scēoh. Für das dazugehörige schwedische skygg ‘scheu’ (mit mnd. schäwe, nl. schuw ‘id.’ aus *skugwa KLUGE/MITZKA s.v. scheu) ist jedoch keine Basis nachweisbar, aus der diese Variante hätte neu gebildet werden können. Die germa-nische Sippe stammt offensichtlich aus einem ablautenden Paradigma mit gram- matischem Wechsel, also vorgerm. *skäyk-/skuk-, d.h., das Ostseefinnische hat aus einer urgermanischen oder urnordischen Variation *skeuhwa-/sku(g)wa- die vollstufige Form ausgewählt, die später – anders als im Nordgermanischen – im Westgermanischen auf Kosten der schwundstufigen Variante verallgemeinert wur- de“. Die Behauptung,daß das in Rede stehende finnische Wort nur aus dem West- germanischen stammen könne,impliziert die befremdliche Prämisse,daß das Nord- germanische schon unmittelbar nach Beginn seines Eigenlebens die vollstufige Variante aufgegeben haben muß.

80. In anderen Fällen sind vor ein und demselben Formans zwei Ablautstufen erhalten geblieben, vgl. z.B. urgerm. *röwö- ‘Ruhe’ (ahd. ruowa‚ an. ró) neben *rēwö’- ‘id.’ (ahd. ráwa).

163

Um Ablautvariation in thematischen Stämmen geht es auch in einem Aufsatz von LINDGREN über fi. kiuas, kiukaa- ‘Saunaofen’. Es handele sich um eine ”Pilot-studie”, die zum Ziel habe, durch ”Einbeziehung phonologischer Gesichtspunkte der etymologischen Forschung zu neuen Einsichten” zu verhelfen (207).

LINDGREN verbindet das finnische Wort mit der Sippe dt. hoch, Hügel, schwed. hög ‘Haufen, Hügelchen’, got. hiuhma ‘Haufen, Menge’, die einen Stamm idg. *keyk-/köyk-/kuk- voraussetzen sollen (200).

[HM: Nämä eivät ole ”kantaindoeurrooppaisia juuria” (vaikka jotkut vääriksi todetut mallorylaiset luettelot yhä niin väittävätkin, paitsi ehkä viimeinen. Kaksi ensimmäi- stä ovat lähinnä vasrakirvestä:itäbalttilaista kentum-kieltä.Kantakindoeuroopan juuri oli lähennä *ken- tai *kem-, loppu-k- on johdin (jos se on balttia, että kyse on tar- koituksella ja johdetusti tehdystä rakennelmasta. Jos se on -p- se kertoo kasasta, jota kasataan puretaan, kauppakasasta! Preussiksi muten – ”kassa”!]

In semantischer Hinsicht weist der Verf. darauf hin,daß die älteste Feuerstelle ”aus einem Steinhaufen in einer Ecke des Zimmers” bestand (201). Ein urgermanisches *haugäz, *häuhaz ‘hoch’ bzw. ‘Hügel’ (an. haugr, mhd. houc, s. KLUGE/MITZKA s.v. hoch) würde dem Konsonantismus und der Stammklassenzugehörigkeit des finnischen Wortes voll gerecht werden. Die durch das Gotische bezeugte Ablaut- stufe *eu kann im Finnischen durch iu vertreten sein

(z.B. in liuta ‘große Menge’: germ. *leuda-, vgl. an. ljödr ‘Volk’, s. HOFSTRA 1983, S. 45).

[HM: Nämä ovat balttisanoja, jo ennenkin käsitellytä sanasta *len- = löysätä irrottaa, vapauttaa, sallia.],

Daß ein *heuhaz oder *heugaz nicht direkt rekonstruierbar ist, vermindert natür- lich die Plausibilität der Zusammenstellung.

[HM: Kermaanin h:sta ei voi tulla lainautessa suomen k:ta. Päinvastaista on yritetty niin vimmatusti ja väärennetysti todestaa, että se todistaa paöinvastaisen!]

Unverständlich ist zunächst der Aufwand, den LINDGREN um die lautliche Seite seiner Etymologie treibt. Am Anfang steht die Behauptung, ”die Linguistik hat sich und das hat zu einer durchgreifenden Wandlung unserer Auffassung vom Wesen der Sprache geführt und die Einzelheiten der Sprachentwicklung in neues Licht gerückt” (201). Ob der hier zum Ausdruck gebrachte Optimismus generell berech- tigt ist, sei dahingestellt. Sicher ist, daß LINDGRENS weitere Ausführungen nicht dazu geeignet sind, seine Feststellungen zu erhärten. Er fährt fort: ”Gegen diesen Hintergrund möchte ich nun versuchen, eine Phase in der mutmaßlichen Entwick- lung synchron zu vergegenwärtigen, wie sie wahrscheinlich etwa im späten Indo- germanischen oder frühen Urgermanischen geherrscht hat: Der Ablaut war etwas früher eingetreten, mithin regelte sich die Verteilung der unterschiedlichen Vokal-qualitäten offenbar noch ganz mechanisch nach dem jeweiligen Wortakzent – es handelte sich also um stellungsbedingte Allophone in komplementärer Distribution, die nur zusammen ein Phonem bildeten.

164

Phonemisch wurden die Ablautstufen erst später, vielleicht zu der Zeit, als der Ab- lautwechsel in der germanischen Konjugation morphemisch wurde, und spätestens dann, als der indogermanische bewegliche, musikalische Wortakzent der germa-nischen dynamischen Erstsilbenbetonung weichen mußte. Demnach schreiben wir unseren Stamm besser phonologisch:

[Kuva]

eu

spätidg. *k ou k-

u

(203) ”.

Der Allophoncharakter der Ablautvarianten war aber – wie sich aus dem Befund aller für die Rekonstruktion wichtigen altindogermanischen Einzelsprachen ergibt – höch- stens im frühesten Urindogermanischen gegeben.Eine ”phonologische Schreibung” ist für das Spätindogermanische fehl am Platze.LINDGREN meint dann weiter, man müsse ”wohl prinzipiell damit rechnen, daß jede im Flexionsparadigma eines Wor- tes vorkommende Lautform den Aus- 1 gangspunkt für eine etwaige Entlehnung bilden kann” (204). Das hat noch nie jemand bezweifelt. Auch mit seiner These, ”daß die Entlehnung etwa eines urgermanischen Wortes ins Urfinnische auch von einem solchen Allomorph ausgehen kann, das in den späteren germanischen Toch- tersprachen nicht mehr zu belegen ist” (204), rennt LINDGREN offene Türen ein. Da er aber gleichzeitig im Falle kiuas folgende Meinung vertritt: ”Der stammbilden- de Vokal a im Finnischen weist auf ein a im Urgermanischen hin, das dem indo- germ. Themavokal -o- zu entsprechen scheint”, ist seine vorhergehende Äußerung hinfällig, da thematische Stämme keinen Ablaut haben. Die dem finnischen Wort zugrunde liegende germanische Form könnte höchstens eine Thematisierung einer o-stufigen Paradigmastelle einer ablautenden Stammklasse sein.

165

Es mag angehen, ”in dem iu unseres finnischen Wortes eine Substitution für spät- germanisches eo oder gar indogermanisches eu zu sehen, da es offenbar die nächstliegende, im Urfinnischen geläufige Diphthongqualität darstellt” (205) — wenn man davon absieht, daß man diese Ansicht zu der Tatsache eines finnischen eu für germanisches *eu in einer Reihe von Entlehnungen in Beziehung zu setzen hat – ; die Begründung für diese Erklärung ist aber unverständlich: ”… nur im Gotischen finden wir ein iu, … Die finnische Formen sind dises iu zu enthalten, es steht aber vor einem a, was wiederum im Spätgermanischen, nach Eintritt der Brechung eine Unmöglichkeit wäre” (2O5) 81.

LINDGRENs Ansicht, ”daß wir bei der Hypothese bleiben können, daß wir also mit der Möglichkeit rechnen sollten, daß fi kiuas ein Lehnwort aus dem späten Urger-manischen ist”, könnte man sich anschließen, wenn es nur das finnische Wort zu erklären gällte. Lüd kiudug, weps. küuduk/küuduga blieben indessen unverständ- lich. Die in SKES gegebene Erklärung des ostseefinnischen Wörtes (Kompositum *kivikota Gen *kivikodan) würde allen Vertretungen gerecht, und daß in dem, Wort ein kivi ‘Stein’ verbaut sein kann, von der Sache her plausibel.

Die Auffassung, daß fi. mainita ‘erwähnen’ nur aus dem Westgermanischen stam- men könne, wo das Wort allein zu belegen ist, impliziert, daß es erst nachurger-manisch gebildet worden ist. Dies erfordert wiederum zusätzlich Annahme der Existenz einer nominalen Basis. Das anltbulgarische Präsens mänjo (1.Sg. Inf. meniti) läßt indessen vermuten, das es sich bei urgerm. *mainjan um eine schon vorgermanische Präsensbildung handelt. Die Entlehnung ins Ostseefinnische kann also auch in urgermanischer Zeit erfolgt sein. Im Nordgermanischen starb das Wort wie so viele andere aus.

Wenn für lakata ‘aufhören, nachlassen’ auf ae. slacian ‘nachlassen, erschlaffen’ hingewiesen wird, so muß zunächst festgestellt das altenglische Wort die Bedeu- tung ‘slacken, relax on effort´ hat: gif he lithwon slacode … his handa ne slacedon ´sin autom paulum remissit … factum est , ut manus illius non lassateur´ (Ex 17) hat. Die Bedeutung ‘nachlassen’ wird von HOLTHAUSEN neben den Bedeutungen ‘er- schlaffen, ermüden;schlaff machen, lösen’ für das präfigierte a-slacian angege- ben. BOSWORTH/TOLLER geben ‘to slacken, loose, untie, remit, dissolve, ener- vate’ bzw. ‘laxare, remittere, (dis)-soIvere, dimittere’, hebetare, enervare’. Wie auch ae. slcec ‘schlaff’ zeigt, ist von einer westgermanischen Grundbedeutung ‘erschlaf- fen’ auszugehen, und eben diese Bedeutung setzt auch an. slokna ‘erlöschen’ voraus, vgl. gaus upp stundum eldrinn en stundum sloknaöi niär (‘sank es nieder’). Das finnische Wort kann also gut auch nordischen Ursprungs sein.

81. Vgl. aschwed. kiüsa! Der Aufsatz enthält noch eine Reihe anderer Unstimmig; keiten, z.B. S. 202: ”Die Vokaldehnung im zweiten Allomorph” eines ”urfinfllschen *kiuya-/kiukaa- ”wird eine Urfinnische Erscheinung sein, die nach der Entlehnung Sekundär eingeführt wurde, um das Wort dem finnischen ‘Deklinationssystem anzupassen”.Ein ”Anomorph” kiukaa- hat es weder im Urfinnischen gegeben,noch gibt es dies heute außerhalb der dem Schriftfinnischen zugrundeliegenden Dialekte; schrift fi. kiukaa- ist aus kivkasa- (< *kiukasa-) entstanden.

166.

Die Auffassung, daß es sich bei germ. *kuningaz um eine relativ späte, nachurgermanische Bildung handelt, hat die verwunderliche Weiterung, daß im West- und Nordgermanischen unabhängig eine Ableitung von *kunja- ‘Geschlecht’ jeweils mit einer Variante des Formans *-inga-/-unga- vorgenommen wurde, die in beiden Sprachzweigen die gleiche Bedeutung ‘König’ angenommen haben soll, es sei denn, man operiert mit der kaum wahrscheinlichen Annahme einer Lehnbildung nach dem Muster eines der Wörter im anderen Dialekt. Zieht man die referierte Etymologie des Wortes in Zweifel, verstärkt sich die Schwierigkeit, da dann in beiden Zweigen unabhängig von der gleichen nicht zu belegenden Basis eine Ableitung identischer Bedeutung entstanden sein müßte.

Die Abweichung im Formans zwischen dem West- und dem Nordgermanischen ist aber belanglos, da die beiden Ablautvarianten zunächst sicher promiscue bei der gleichen Basis verwendet werden konnten, bis bei einzelnen Lexemen eine der Varianten fest wurde. Vielleicht kamen im Urgermanischen noch beide Varianten in einem Paradigma vor, handelt es sich doch bei dem Formans offenbar um eine Ablösung von w-Stämmen mit -k-Erweiterung, so daß sich der bei den n-Stämmen heimische Suffixablaut in dem sekundären Formans fortgesetzt haben kann. Es ist besonders darauf hinzuweisen, daß im Altnordischen -inga- deverbal und denomi- nal gebraucht wird, -unga- aber offenbar nur denominal (vgl. § 15, Anm. 34), so daß von hier aus eine Attraktion bestanden haben kann. Vgl. noch ae. Scyldingas, °ungas, an. Skjoldungar.

Daß dieses Formans schon urgermanisch vorhanden war, kann aufgrund seiner Belegbarkeit in früh bezeugten Namen der Nebenüberlieferung (s. KRAHE/MEID III ä 150) und der völlig gleichen Funktion im West- und Nordgermanischen als sicher gelten. Wenn hier und in einigen anderen Fällen das Ostseefinnische zum West- germanischen stimmt, besagt das nichts, da in einer ebenso großen Anzahl von Fällen, in denen urgermanische Herkunft angenommen wird, auch nur ein nordger-manischer Fortsetzer erhalten ist. Bedenklich erscheint im übrigen im Zusammen- hang mit der Herkunft von f1. kuningas auch das argumentum e silentio bezüglich des Gotischen.

167.

Aus der Tatsache, daß dieses das von einem Wort für ‘Volk’ abgeleitete germanis- che Lexem für ‘König’ erhalten hat (þiudans), kann man nicht folgern, daß es ein *kunings nicht gekannt hat. Letzteres könnte eine Bedeutung gehabt haben, die es dem Übersetzer als Entsprechung von griech. apxwv (arkhon) oder basileus ungeeignet erscheinen ließ. Gerade in der Völkerwanderungszeit ist mit Verschie-bungen innerhalb der Sozialstruktur und damit einer Bedeutungsveränderung der entsprechenden Termini zu rechnen.

Die Fragwürdigkeit des argumentum e silentio zeigt auch fi.kalma ‘Tod;Leichnam“. Obwohl ein germanisches Original nur durch das Westgermanische bezeugt ist ahd. skalmo < urgerm. *skalman- ‘Tod, Pest, Viehseuche, Leichnam’, die nordis- chen Entsprechungen sind dem Deutschen entlehnt – , fehlt die Zusammenstellung in HOFSTRAS Liste der möglichen westgermanischen Elemente des Ostseefinnis- chen. Der Grund dafür ist, daß das finnische Wort angeblich eine mordwinische Entsprechung hat (E kalmo ‘Grab’, s. HOFSTRA 1985,351, Anm.3). Es ist darauf hinzuweisen, daß für fi. kalma auch ein anderes germanisches Original in Frage kommt, wenn man für den Anlaut die Zusammenstellung von fi. keisa ‘Geschwür’ mit an. kveisa < *kwaisön- ‘id.’ (s.SKES s.v.,KATZ 1990,31) heranzieht. Es han- delt sich dabei um das zu dt. Qual, quälen gehörige althochdeutsche qualm ‘Pein, Untergang’, vgl. as. qualm ‘id.’, ae. cwealm ‘Tod, Mord; Qual, Pein, Pest’, engl. qualm ‘Schwäche, Übelkeit’; entlehnt sind wohl dän. kvalme, schwed. kvalm ‘Übelkeit’. Für die Anlautsvertretung wäre die oben genannte Parallele heranzuziehen.

Ein weiteres Indiz für westgermanische Herkunft wurde in zwei Wörtern mit gemi- niertem m bzw.l vor einem auf germanischen Halbvokal zurückgehenden i gesehen, da das Gotische und Nordische bei Liquida und Nasalis keine Gemination vor j kennen. Nun ist die Gemination durch j wahrscheinlich nicht die einzige Quelle für geminierte Liquida oder Nasalis im Germanischen. Auch Verbindungen von Liquida bzw. Nasal und Laryngal kommen in Betracht (vgl. LÜHR 1976). Im Falle des tradi-tionell für fi. kunnia ‘Ehre’ in Anspruch genommenen Etymons (an. kyni usw. ‘Ge- schlecht’) liegt aber eine Wurzel ultimae laryngalis vor: uridg. *genh1- ‘erzeugen’ (ai. jätá-; lat. nätus).

81. Im Kalevala der personifizierte Tod (s. FROMM 1967, 101).

168.

Aber auch das fi. sallia ‘erlauben’ zugrunde liegende germanische Verb (vgl. got. saljan ‘opfem’) geht auf eine Wurzel zurück, deren griechische Entsprechung auf einen Laryngal hinweist (s. KLINGENSCHMITT 1982, 268, Amn. 2). Die ostseefin-nischen Wörter könnten mithin ältere urgermanische Formen mit *RR (< *RH) re- flektieren, die später unter dem Einfluß von Formen, in denen der Laryngal lautge-setzlich geschwunden war, die Geminata eingebüßt hatten (zu den Ausgleichser-scheinungen s. LÜHR 1976).

Die Herleitung von fi. kunnia ‘Ehre’ aus einem durch got. kuni ‘Geschlecht, Ver- wandtschaft, Art’ und an. kyn ‘Geschlecht, Familie; Art’ bezeugten *kunja- wird im SKES mit einem Fragezeichen bedacht – in erster Linie wohl wegen der unerwarte- ten Geminata. KOIVULEHTOS Vermutung eines Bestrebens auf ostseefinnischer Seite, mit *kunnia (statt *kunia für unzulässiges *kunja) die Silbengrenze der germanischen Vorlage besser zu markieren, läßt sallia ‘erlauben’ unerklärt (*salja- wäre möglich) und macht upia ‘hochmütig’ (statt *uppia – urgerm. *ubja-) zu einem Problem. Daneben erweckt auch die Bedeutungsdifferenz Bedenken. HOFSTRA konstatiert, daß ”ein auffälliger Bedeutungsunterschied zwischen fi. kunnia ‘Ehre’ und an. kyn, got. kuni, ahd. kunni ‘Geschlecht’ vorliegt. Die semantische Kluft zwischen urgerm. *kunja und fi. kunnia ist aber nicht so breit,wie es den Anschein hat. Im Altenglischen kommt ein Adjektiv cyn (n) < *kunjaz in den Bedeutungen ‘akin, suitable, fit, proper, becoming’ vor; substantiviert erscheint es in Ausdrücken wie hit is cynn, swa is cynn ‘justum est, dignum est’ … ” Warum das ”substanti-vische” (?) cynn in Phrasen für ‘dignum est’, also ‘es ziemt sich’ der Bedeutung ‘Ehre’ nähersteht als der Bedeutung ‘Geschlecht’ usw. bleibt unerfindlich. Gegen die Alternativlösung, das finnische Wort mit an.kynni ‘Besuch bei Verwand- ten oder Freunden’ (vgl. noch kynnis-fierd, -for ‘Besuchsfahrt (zu Verwandten oder Freunden’); kynnis-gjof ‘Geschenk eines Gastgebers an seinen Gast’; ókynni ‘Mangel an Bekanntschaft’) zu verbinden, gibt HOFSTRA zu bedenken, daß die Voraussetzung des höheren Alters des Wandels *nþ > nn gegenüber dem in die- sem altnordischen Wort zu beobachtenden i-Umlaut ”angesichts der nur nordgerm. Verbreitung des Lautwandels mþ/ > /nn/ einerseits und der sowohl nord- wie auch westgerm. Verbreitung des i-Umlauts andererseits nicht ohne weiteres selbstverständlich” sei.

169.

Bei der Umlautserscheinung würde es sich aber um die dritte Phase des ”jüngeren i-Umlauts vor erhaltenem i” handeln, dessen zeitliche Grenze um 850 n. Chr. ange- setzt wird, also um eine späte nordische Erscheinung, und es ist für die Etymolo- gie völlig belanglos, daß es auch im Westgermanischen einen i-Umlaut gibt. Wenn HOFSTRA meint, ”die relative Chronologie der beiden lautlichen Erscheinungen be- darf noch einer näheren Untersuchung”,so ist ihm darin recht zu geben.Die Germa- nisten sind aufgefordert, sich der Frage anzunehmen. Solange nichts Gegenteiliges verlautet, kann die letztgenannte Etymologie der herkömmlichen zumindest als ebenbürtig an die Seite gestellt werden.

Die in der Erklärung des finnischen kunnia durch germ. *kunþja vermutete Bezie- hung zwischen ‘Ehre’ und ‘Besuch’ könnte für die Herleitung eines weiteren finnis- chen Wortes in Anspruch genommen werden. Got. swärs, das als Entsprechung des deutschen schwer gilt, übersetzt griech. etnos Germ. *swēraz ergäbe fi. vieras, das ‘fremd, Fremdling’ bedeutet. Die Verallgemeinerung von ‘Gast’ über ‘Fremdling’ zu ‘fremd’ wäre auf dem Wege einer Bedeutungsentlehnung vorstellbar.

Sollte diese Erklärung das Richtige treffen, wäre ein Kandidat für gotische Herkunft eruiert, denn ungeachtet eines lateinischen grauis ‘schwer; gewichtig, würdevoll’, auf das KLUGE/MITZKA hinweisen, muß eine solche Bedeutungsentwicklung als merkmalhaft eingestuft werden, d.h., es ist höchst unwahrscheinlich, daß in der für das Gotische belegbaren Bedeutung eine urgermanische Erscheinung vorliegt, die in allen anderen germanischen Sprachen verlorengegangen wäre, zumal das gotis- che Wort auch zahlreichen Ableitungen zugrunde liegt, von denen sich doch die eine oder andere im Falle urgermanischer Herkunft irgendwo außerhalb des Gotis- chen erhalten haben sollte. Freilich ist im vorliegenden Fall die Bedeutungsbezie- hung nicht so leicht nachvollziehbar wie im Falle fi. kunnia vs. an. ókynni ‘Mangel an Bekanntschaft’, wo daran erinnert werden kann, daß Adam von Bremen berich- tet, man wetteifere bei den Schweden um die Ehre, Gäste bewirten zu dürfen. Be- such stellt also eine Ehrung des Gastgebers dar. Die Beziehung zwischen ‘geehrt’ und ‘Gast’ ließe sich mit der Sitte, dem Gast mit einem Geschenk seine Ehrerbietung zu erweisen, in Zusammenhang bringen (vgl. WEINHOLD 448).

170.

Allerdings ließe sich fi. vieras auch mit vieri (vieressä ‘in der Nähe’) Verbinden (s. SKES). Eine solche Ableitungsbeziehung scheint aber sonst nicht belegbar zu sein.

Die von T. ITKONEN als Alternativlösung für fi. laaja ‘weit,breit’ – gemeinhin zu dt. flach, an. fláki ‘Flunder’ gestellt – vorgeschlagene Zurückführung auf germ.*lāgja- ist inkonsequenterweise nicht für eine westgermanische Entlehnungsschicht veran-schlagt worden,denn ein geeignetes Original ist nur durch mnd. läch, lege ‘niedrig’ bezeugt; an. lágr ‘niedrig,tief; klein (von Wuchs); gering; unbedeutend; leise’ ist ein a-Stamm. Obwohl die Verteilung der im Germanischen belegbaren Varianten wie bei dem für fi. kalja vermuteten Original ist, fehlt laaja in HOFSTRAS Liste.

Es scheint auch kein Verfechter einer westgermanischen Schicht von germanis- chen Lehnwörtern im Ostseefinnischen mit der Möglichkeit zu rechnen, daß auch die Wörter mit *ē? für urgerm. *ē´ hierher gehören. Warum sollen ”die Westgerma- nen, die Südengland eroberten und dort Königreiche errichteten” (s. HOFSTRA 1985, 386), ausgerechnet keine Lexeme mit aus *ā (< *ē) rückverwandeltem *ē – bzw. *āē, das möglicherweise dem ostseefinnischen näherstand als dem *ä – hinterlassen haben? Im einzelnen würden jedenfalls im Falle von fi. neula ‘Nadel’ der Zurückführung auf ein angelsächsisches nädl keine unüberwindbaren Schwierigkeiten im Wege ste- hen. Die Unzulässigkeit der Verbindung -tl- würde auch für den anzunehmenden Entlehnungszeitpunkt gelten. Auch wird man noch mit einem Stamm *ne’dla- als Basis der Entlehnung rechnen dürfen (vgl. BRUNNER 5 252). Problematischer wäre die Sachlage im Falle von fi. miekka ‘Schwert’,da für ae. mäce allenfalls auf einen Gen. Sg. *mecas (nach den o-Stämmen, vgl. dæzæs neben dwges, KRAHE/MEID II 5 4, S. 10) verwiesen werden könnte und der Plural wohl als Basis ausscheidet. Man könnte allerdings geltend machen, daß mece nur in poetischen Texten über- liefert ist (BRUNNER § 62, Anm. 2). Westgermanische Entsprechungen von an. läg ‘gefällter Baumstamm’(fi. lieko) und an. säld ‘Sieb’ (fi. seula) scheinen nicht belegt zu sein. 171. Zusammenfassend läßt sich mit KOIVULEHTOS in einer früheren Arbeit geäußer- ten Worten feststellen, daß die westgermanisch aussehenden Elemente des ost- seefinnischen Wortschatzes ”kaum als Beweis für einen namentlich westgerma-nischen Einfluß auf das Urfinnische verwertet werden können, bei gewissen Wör- tern denkbar wäre”, wobei er auf fi. saippua ‘Seife’ verweist. Damit wäre die Frage der westgermanischen Lehnwörter ähnlich zu beantworten wie die der gotischen: ”Das Vorhandensein gotischer Lehnwörter kann nicht ausgeschlossen werden,aber es ist bisher noch nicht gelungen, die got. Herkunft auch nur eines einzigen osfi. Wortes eindeutig nachzuweisen“ (HOFSTRA 1985,383) – was aber einige Forscher nicht daran gehindert hat, eine ”gotische” Schicht für die ältesten germanischen Lehngeber in Anspruch zu nehmen (vgl. § 4). 83. Bei einem der Paradebeispiele stimmt die Angabe, es sei nur im Ootischen belegt (so KYLSTRA 1961, 59), offenbar ohnehin nicht; das wie got. aipez ‘Mutter n-stämmige althochdeutsche eidi in fiwtar-eidi ‘Ziehmutter’ ist schwerlich von diesem zu trennen (vgl. BRAUNE/MITZKA 1967, ä 231, S. 212). 173 Gemeinsame germanische Elemente des Ostseefinnischen, Slavischen, Baltischen und Romanischen § 70. Für die prähistorische Periode können wir kaum über Kenntnisse von der Sachgeschichte des einem Begriff zugehörigen Referenten verfügen. Manchmal ist es jedoch möglich, aus der Übernahme des nämlichen Lexems in eine andere Sprache den sachgeschichtlichen Hintergrund der Entlehnung zu entschlüsseln. So ist es z.B. zunächst verwunderlich, daß die Ungarn von den Vorfahren der heutigen Osseten oder einem diesen sprachlich nahestehenden Stamm oder Volk ein Wort für ‘Grube = kuoppa, kaivanto, hauta’ entlehnt haben sollen: ung. verem – oss. iron. uærm. Das ossetische Wort ist nun auch ins Georgische gedrungen (ormo) und bezeich- net dort speziell die Vorratsgrube = varastokuoppa. (s. ANDRONIKASVILI 102). Diese Bedeutung ist seit der ältesten Zeit auch für das ungarische Wort häufig zu belegen, z.B. búzaverem ‘Weizensilo = vehnäsiilo’.Es ist demnach zu vermuten, daß sich bei den Vorfahren der Osseten die Technik der Getreidelagerung auf einem besonders hohen Niveau befand. Tatsächlich hat man für ein Gebiet, das in antiken Quellen als Siedlungsgebiet der Skythen und Sarmaten bezeugt ist und auf dem Sprachdenkmäler gefunden wurden,die dem Iranischen zuzuweisen sind, stei- nerne Silos, die zur Aufbewahrung des Korns dienten, archäologisch nachgewiesen (s. KAЛOEB 70). Die solchermaßen belegbare Verwendungsweise des vorossetis- chen Wortes steht im Einklang mit der Bedeutung der Entsprechungen in anderen iranischen Sprachen und mit seiner Etymologie (var- ‘bedecken’). Man könnte nun versuchen, aus der Verbreitung germanischer Wörter in anderen Sprachen Aufschlüsse über den sachgeschichtlichen Hintergrund der Entlehnung ins Ostseefinnische zu gewinnen. Hier kommen in erster Linie die germanischen Lehnwörter des Slavischen in Betracht. Es ist überdies zu vermuten, daß in einigen Fällen auch Licht auf das Lautliche fallt. 174. In der slavistischen Literatur wird ausdrücklich die gotische Herkunft von slav. kane(d)zb, und zwar aus der Zeit der vermuteten Siedlung der Goten in der Weich-selgegend, genannt (z.B. BRÄUER I 34). Damit wäre dieses Wort älter als diejeni- gen einer gotischen Schicht der germanischen Lehnwörter des Slavischen, in der auch griechische und lateinische Wörter an die Slaven vermittelt wurden (l.c.). Slav. pane(d)zb ‘Geld’ wird dagegen – offenbar aus sachgeschichtlichen Gründen, denn es reflektiert alle alten und keine jüngeren Merkmale als kane (d)zb – aus dem Westgermanischen hergeleitet. Germ. *kuningaz wäre demzufolge vor 150 n. Chr. ins Slavische gelangt (l.c.) Mit den ältesten germanischen Entlehnungen im Slavis- chen befände man sich mithin in einer Epoche, die dem Zeitpunkt des Beginns der germanisch-finnischen Kontakte – jedenfalls der ”gemäßigten” Auffassung nach – schon sehr nahe kommt. Bei Berücksichtigung der neueren Auffassung hat man aber zumindest für einen Teil des germanischen Lehnguts des Ostseefinnischen ein Vergleichsmaterial aus einer identischen Entwicklungsstufe der germanischen Stämme, denn die Kontakte der Germanen mit den Ostseefinnen sind ja in den Jahrhunderten sicher nicht abgerissen. § 71. Zu den ersten germanischen Entlehnungen, die mit einem Aufenthalt der Goten in der Weichselgegend im Zusammenhang stehen sollen, wird auch urslav. *šelmb ‘Helm’ (> abg. *šlémb usw.) gezählt (BRÄUER I 34). Das Wort muß noch die 1. Palatalisation mitgemacht haben (BRÄUER I‚E; 107, S. 188). KIPARSKY erwähnt zwar die Ansicht, daß der Schluß nicht zwingend sei, da es auch später analoge Fälle gebe (1934,S.188). Beispiele für den Inlaut sind aber nicht vergleich- bar, da sie auf einer synchronen Regel beruhen, die sich in abg. boga ‘Gott’, Vok. bože, vlbkb ‘Wolf’, Vok. vlče, sucha ‘trocken’ (präd.), Komp. suše manifestiert. Im Anlaut dürften aber die wenigen Fälle wie choditi ‘gehen’, 551a ‘gegangen’ (zu iti ‘gehen’) kaum ein kopierbares Muster abgegeben haben. Es wird kein Zufall sein, daß KIPARSKYs Beispiel für ein anderes Verfahren, eine fremde Folge von velarem Konsonanten und palatalem Vokal zu eliminieren, ein Anlautsfall ist: abg. skle(d)zb (statt *Skbl°) < westgerm. *skilling (vs. russ. Лyчeca, lit. Laukėsa). Althochdeutsche Herkunft von russ. menoma (tepota) ‘Helm’ usw. kommt mithin nicht in Betracht, und Urgermanisches im Slavischen ist – jedenfalls, wenn man die traditionelle Lokalisierung der slavischen Urheimat voraussetzt – nicht zu erwarten. 175. Wenn das Wort aber gotisch ist und ein e zeigt, läßt sich dies nur unter der An- nahme verstehen, daß zu der Entlehnungszeit der Wandel *e > i noch nicht einge-treten war. Da nun auch für das Ostseefinnische gotische Entlehnungen nicht aus- zuschließen sind, kann dann fi. teljo nur unter der Voraussetzung als beweiskräf- tig angesehen werden, daß auch das Gotische vor dem generellen Wandel *e > i einen i-Umlaut gekannt hat. Die Fachliteratur spricht freilich von einem gemeinger-manischen Wandel (z.B. RAMAT 1976, 52)“.

Lit. midùs ‘Met’ neben ererbtem medùs ‘Honig’ müßte dann aber so interpretiert werden, daß die Balten noch nach den frühesten Berührungen zwischen Slaven und Goten Kontakt mit den letzteren gehabt haben,was den historischen Gegeben- heiten zu widersprechen scheint. Man könnte allenfalls an Entlehnung aus der Sprache eines westlich der Balten siedelnden ostgermanischen Stammes, etwa der Burgunden denken.

Allerdings zeigt in einem Falle auch das Altpreußische einen ”bibelgotischen” Vokalismus; apr. ilmis ‘Scheune = lato, aitta’ gilt als Entlehnung eines gotischen *hilm(a)s ‘Helm = kypärä’.Bezüglich der Bedeutung wird auf an. hjálmr ‘überdach- ter Schober für Heu od. Getreide, Feldscheune’ (BAETKE) neben ‘Helm’ hingewie- sen (TOHOPOB). Eine ältere Entlehnung liegt in kelmis ‘Mütze’ vor.

§ 72. Als weniger aufschlußreich können von vornherein wegen des entfernteren Schauplatzes der Beziehungen die germanischen Entlehnungen in den romanis- chen Sprachen gelten. Vereinzelte Entlehnungen aus dem Germanischen gab es schon zu römischer Zeit, z.B. säpö ‘Seife = saippua’. Zu einem verstärkten germa-nischen Einfluß auf die Romania kommt es hingegen erst zur Völkerwanderungs- zeit. Für das spätere französische Sprachgebiet ist es vor allem das Fränkische, das als Superstratsprache auf das gallische Romanisch einwirkt; in Italien sind es Gotisch und Langobardisch,in Spanien Gotisch und Vandalisch. Der Umstand, daß sich die im Kontakt mit den Franken übernommenen Lexeme – darunter auch zahl- reiche Adjektive und Verben – vor allem aus den Bereichen Kriegswesen, Staat und Gesellschaft, Kleidung,Wohnung,Tier- und Pflanzenwelt rekrutieren (s. BERSCHIN/ FELIXBERGER/GOEBL‚ 175), macht diesen Kontakt mit dem germanisch-ostsee-finnischen komparabel.

84. Die Theorie SVERDRUPs‚ daß dergenerelle Ersatz eines alten e durch i im Gotischen nicht spontan erfolgte, setzt diesen Umlaut sogar voraus (vgl. BRAUNE/ EBBINGHAUS ä l0, Anm. 1, S. 17 mit Literatur).

176.

Freilich spiegelt er eine spätere Entwicklungstufe des Germanentums wider. Er läßt sich etwa mit dem frühmittelalterlichen Einfluß aus Skandinavien vergleichen.

§ 73. In der folgenden Tabelle sind den erwälmten Sprachen gemeinsame Entleh-nungen aus dem Germanischen zusammengestellt. In der Spalte ”germanisch” sind die altnordischen Beispiele von den gotischen durch Unterstreichung unter-schieden. Die Wörter louba‚ zebar, seifa sind althochdeutsch, slimp ist mittel-hochdeutsch. Die Bedeutung der fettgedruckten Wörter weicht von der in der ersten Spalte angegebenen in stärkerem Maße ab.

[kuva]

germ. fi. slav. balt. roman.

Amt andbahti ammatti ambassier kelttiä.

Bohrer nafarr napakaira nebozez

Brot hlaifs leipä chläba kläzps Brot ei liity

Falte fegt palle falda Palle ei liity noihin. Se on kaukaa samaa kuin field

Ger gerr keihäs guiret keihäs ei liity näihin

Grab hlaiw ?laiva chläva (nämä eivät liity yhteen; laiva on kyllä vasarakirvestä)

Hemd paida paita pata (nämäkään eivät liity yhteen, (läski) paita on balttia)

Hopfen humli humala houblon

kaufen kaupön kauppia kupiti käupiskan balttia, verbistä ”kasata ja purkaa” = kempti (myös kamppailla)

Kessel katils kattila kotblb .?kätilas

König konungr kuningas kane(d)zb künigas Yksi menee ”kaanin” puolelle.

Korb tainjö tainio zana Tuskin yhteyttä

Laube louba laupio loggia Tuskin yhteyttä

Lehen leiga laih(v)o lichva Ei yhteyttä

Lerche lävirgi leivo laverca Ei yhteyttä

Made maþa mato man Ei yhteyttä

Magen magi; mako magun

Opfer zebar ?teuras (a)toivre Ei yhteyttä

177.

germ. fi. slav. balt. roman.

Pfütze pyttr puutio Puits ???

reich reikeis rikas fikljs ”die kelttiä (riks)

Reiher häggri haikara héron vain heron ja heggri liittyvät

Ring hriggs rengas (use)rezb ringas rang Kiittyvät, varmaan kelttiä

Roggen rugr, ruis; raon balttia

schief slimp ?limppa Sghembo eivät liity

Schnur fetill ?paula ?petlja Schnur ei liity

Schutz verja varjo guarire tuskin liittyvät

Schwert mäkeis miekka ?mecb ???

Seife seifa saippua sapo liittyvät, suopa, balttia aknta-IE *sempa”

Stange stong tanko istanga liittyvät, balttia

Tanz laiks (leikki) likb eivät liity

Tisch piuþs pöytä bljudo liittyvät, paisi Tisch

Urteil dómr; tuomio duma todennäköisesti eivät liity

üppig ufjo‘ upia ufana

Vieh nauþs nauta nuta varmaan liityvät, patsi vieh

wählen kiusan kiusata kusiti Chüisir ???

warten varδa vartoa guardar Yhteys on kantabaltista

Weg leiδ laita laie Yhteys kantabaltista

Wein wein viina vino“ Yhteys kantaindoueroppasta, tislaamisesta

Woge vagr; vaa ‘as Vague Vaikea sanoa

Zeichen taikn taika lache luultavasti ei

Zwiebel laukr laukka luka vaikea sanoa

Amt: Afr. ambassier soll ein fränkisches *andbahtjan ‘einen

Auftrag geben’ zugrunde liegen (MEYER-LÜBKE 448). .

Bohrer: Das altcechische Wort weist im Gegensatz zur finmschen

Entsprechung noch auf ein Original ohne Rhotazismus.

Brot: Das lettische Wort steht mit seiner Bedeutung ‘großes, rundes

Brot; Brotlaib’ dem germanischen Original näher.

Falte: It.; das Wort ist in der gesamten Westromania belegbar (MEYER—LÜBKE 3162).

Ger: Das provenzalische Wort bedeutet ‘Wurfspieß’.

178.

Hemd: Die romanischen Bedeutungen weichen erheblich ab: pata bedeutet im Piemontesischen ‘Lumpen’, im Lombardischen u.a. ‘Hosenlatz’, ‘Riemen’, ‘Oberleder der Schuhe’ , im Provenzalischen ‘Kopftuch’ (MEYER-LÜBKE 6153).

Hopfen: Wesentlich älter als fr. houblon ist nach VON WARTBURG homlon (1950, 8).

kaufen: Das altpreußische Wort ist ein Substantiv der Bedeutung ‘Handel’ (TOIIOPOB).

Kessel: Das litauische Wort stammt vermutlich aus dem Slavischen.

König: Das litauische Wort bezeichnet den Geistlichen.

Korb: Das italienische Wort stammt aus einem langobardischen verschobenen *zaina (MEYER-LÜBKE 9596).

Lerche: Für das galizische und nordportugiesische Wort wird ein gotisches *laz’werko angesetzt (MEYER-LÜBKE 4954).

Made: Fr. man bezeichnet die Made bzw. Larve des Maikäfers, den Engerling.

Magen: Das friaulische Wort bedeutet wie in anderen Idiomen Norditaliens ‘Kropf’. Die lothringische Entsprechung bedeutet ‘Geflügelmagen’.

Opfer: Afr. (a)toivre bedeutet ‘Zugtier’ (MEYER-LÜBKE 8726).

Pfütze: S. KLUGE/MITZKA. Das französische Wort stammt aus dem Altfränkischen. Das germanische Wort ist seinerseits dem Lateinischen entlehnt: puteus ‘Brunnen’.

reich: Das altpreußische Wort steht mit seiner Bedeutung ‘Herr’ dem Etymon näher (Grundbedeutung ‘mächtig’).

Reiher: Das Wort ist in der Romania weit verbreitet. Aus dem Französischen stammen nach MEYER-LÜBKE span. airon und port. airao. Vgl. noch it. a(gh)irone‚ prov. aigru und katal. agro’ (3991).

Ring: Das russisch-kirchenslavische Wort soll aus dem Balkangotischen stammen (BRÄUER I, 35). Für fr. rang und prov. renc ‘(Zuschauer)reihe bei Kampfspielen’ (KLUGE/MITZKA s.v. Ring) gibt MEYER-LÜBKE got. hriggs als Etymon an (4209); KLUGE/MITZKA verweisen auf ein altniederfränkisches *hring (l.c.). Da sich nicht ausmachen läßt‚ als Bezeichnung welchen ringförmigen Gegenstandes urgerm. *rengaz ins Ostseefinnische gekommen ist, sind hier mit archäologischen Befunden keine chronologischen Aufschlüsse zu gewinnen.

179.

Roggen: Zu prov. raon gesellt sich u.a. altwall. ragon. schief: Zur Möglichkeit einer Verbindung des finnischen Wortes s.NIKKILÄ 1982 257. Das italienische Wort hat eine altfranzösische und rovenzalische Entsprechung.

Schutz: Das italienische Wort bedeutet ‘heilen’.

Seife: Das lateinische Wort ist seit Plinius belegt (WALDE/HOFF-

Stange: Das italienische Wort bedeutet auch Riegel ( EYER- LÜBKE 8227).

Tisch: Abg. bljudo bedeutet ‘Schüssel’; es wird zur zweiten Schicht der gotischen Lehnwörter des Slavischen gerechnet (BRÄUER I, 34).

üppig: Das finnische Wort bedeutet ‘prächtig, stolz’, das proven- zalische ‘eitel’ (MEYER-LÜBKE 9031).

wählen: Fi. kiusata bedeutet ‘verführen, versuchen; plagen , .

Wein: Die Bedeutung des finnischen Wortes ist ‘Branntwein’;

‘Wein’ heißt viini. Abg., aruss. suno gilt aus sachgeschichtlichen Gründen als Entlehnung aus dem Balkangotischen (BRÄUER I, 35).

Zeichen: Das französische Wort bedeutet ‘Fleck’.

§ 74. Da im Slavischen das germanische Wort für das Grab (got.hlaiw usw.) eben- falls vorhanden ist, und zwar auch in einer von der des Originals erheblich abwei-chenden Bedeutung (‘Stall’) kommt der Verdacht auf, daß sich hinter dem ostsee-finnischen (Schiff) und Slavischen Gebrauch des Wortes eine ältere germanische Grundbedeutung verbirgt. Ein ”quartum comparationis” ist indessen nicht könnte allenfalls an eine Bedeutung ‘Verdeck’ denken, augenfallig‘. Man decke’ zu ‘Grab’, über ‘Schutzdach’ zu ‘Stall’ und die uber Grabdecke und ´Grab´, uber ´Schutzdach´ zu Stall und über Deck zu ‘Schiff’ wurde. Gegen eine solche Deutung spricht aber die formale Gleichung mit lat. cliuus (< kleiuos), die eine Bedeutung ‘Hügel als die älteste nahelegt. Schiffe mit Deck dürften Jedoch sein”. Die Bedeutung ‘Grab’ könnte damit ”nicht allzu alt Grabstätten mit einem Steinschutz versehen zusam-menhangen,‘ daß die oder pflasterartig überdeckt wurden. Diese Sitte verschwand im 1. nachchristlichen Jahrhundert (GERMANEN 183).

85. In nordischer Zeit hieß das Deck þil-far (WEINHOLD 128).

[HM: þil – samaa juurta kuin silta ja talo.

Itämeren rannikon laivanmuotoiset kivirakennelmat 1. vuosiatunnlta e.a.a. eivät ole hautoja.

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2014/01/itameren-laivahaudat-eivat-ole-hautoja-1

Mitä ne olivat, se varmasti vielä selviää. ]

180

HOFSTRA bezeichnet eine Bedeutungsentwicklung von ‘Grab’ zu ‘Schiff’ als ”nicht völlig ausgeschlossen” (1985,174). Es kann ein Zusammenhang zwischen den bei- den Referenten angegeben werden, der vielleicht die Möglichkeit einer Bedeutungs- beziehung noch etwas weniger wunderlich erscheinen läßt‚ als es auch bei Beru- fung auf die Ähnlichkeit der bronzezeitlichen Grabhügel mit Schiffen der Fall ist. Denkbar wäre die Bedeutungsentwicklung eher im Zusammenhang mit der seit dem 6.

Jahrhundert n.Chr. in Skandinavien aukommenden Sitte der Bestattung in Schiffs-gräbern. An der südwest- bzw. nordwestfinnischen Küste sind Boote in Brandgrä- bern des 7. und 8. Jahrhunderts n.Chr. nachgewiesen.

Auch aus der Wikingerzeit (9.—11. Jh.) sind Brandbootgräber aus Südwestfinnland bekannt (RGA 3, 251, 260, 263). Eine Ausdrucksweise ‘ins Grab legen’ oder ‘zu Grabe tragen’ konnte möglicherweise von den Ostseefinnen als ‘ins Schiff legen’ verstanden worden sei, woraus sich *hlaiwa- in der Bedeutung ‘Schiff’ herausge- löst haben mag 86, etwa in der Art, wie engl. bead ‘Gebet’ in den Bezeichnungen der Rosenkranz-litanei wie ‘counting one’s beads’ oder ‘telling one’s beads’ die Bedeutung ‘Perle, Kugel’ erhalten hat (JESPERSEN 156f.).

Bei der Identifikation von ‘Schiff’ mit ‘Grab’ könnte allerdings auch die Homonymie von an. naust ‘Schiffsplatz, Bootshaus’ und ‘Grabhügel’ eine Rolle gespielt haben, das eine zu lat. nauis usw., das andere zu got. naus ‘Toter’ gehörend. An. naust enthält das Formans -stra-‚ das auch in dem durch got. ga-nawiströn vorausge-setzten *nawistr vorliegt (s. KRAHE/MEID III g 128.3 und 5 139) 87.

86. Wenn die mit Vorbehalt geäußerte Vermutung richtig ist, daß sich das ”kupferne Boot” im KALEVALA (50, 485) auf Schiffsbestattungen bezieht (Literatur bei FROMM 1967, 327), läge hier die umgekehrte Metapher vor.

87. RAMAT stellt fest: ”Im Germanischen fehlt bekanntlicherweise die Entsprechung des indogerm. Erbwortes lat. näuis” (1976, 76); wie verhält es sich aber mit an. när ‘Schiff (poetisch)’?

181.

$ 75. Fi. kattila wird einhellig aus dem Germanischen hergeleitet. HOFSTRA benutzt dieses Wort dazu, die Verbreitung einer germanischen Entlehnung als ”ein ausreichendes Argument für die Annahme einer Entlehnung um oder kurz vor Chr. Geb.” zu problematisieren (1985,143) da sein ”germ.Original selber auf Entlehnung aus dem Latein wir [zur Debatte obwohl ein slavisches *kotblb genau ein finnisches kattila ergeben hätte. Man vergleiche die folgenden slavischen Lehnwörter des Fin- nischen: katitsa ‘Fischzaun’ < *kotbcb, värttinä ‘Spindel’< *vertbno, kotta, kotti ‘Pantoffel’ (russ. komeц, ‘Damenschuh’). Die ältesten slavischen Entlehnungen вepemeнo, komы können sich uber das gesamte ostseefiniiische Sprachgebiet ausgebreitet haben.

§ 76. In sachgeschichtlicher Hinsicht bemerkenswert ist laipio < urgerm, *laubjö- ‘Laube’ 88, zumal es zu den auch fi.westgermamscher Herkunft verdächtigen Lehn- wörtern des Ostseefinnischen gerechnet wird (HOFSTRA 1985, 384). Laut GRIMM gehört es zu Laub und eine besondere art des nationalen bauwesens, das aus ”be- zeichnet reisig, asten, hürdenwerk errichtete kleinere oder schlichtere werk im ge- gensatz ”zu dem festeren gebäu, welches aus Stämmen oder bohlen zusammen- gefugt ward)”, also etwa das, worin nach Tacitus die Fenni gehaust haben sollen. GRIMM weist darauf hin, daß bei Gregor von Tours (6. Jh.) ähnliche Vorrichtungen durchaus an Gebäuden der Vornehmen vorhanden waren: slabat rex juxta tabema- culum ramis factum und Oratorium … intextis virgultis in sublime construxerat (l.c). Die Bedeutung Decke,Trennwand’ des finnischen Wortes legt die Vermutung nahe, daß bei den Germanen mit *laubja- ursprünglich die Flechtwände bezeichnet wur- den, die im Wohnstallhaus den Wohnteil vom Stallteil und die einzelnen Ställe von- einander trennten (Vgl. die Abbildung der Rekonstruktion eines Wohnstallhauses von der Feddersen Wierde in GERMANEN S. 311). 88. Nach HOFSTRA reflektieren ostseefinnische Diphthonge i.a. nur jeweils bestimmten urgermanis- chen Diphthong (1931 52 f.) einen laipio, derzufolge ostseefi. ai nicht nur auf urgerm. *ai, sondern auf: ur germ *au zurückginge ist nach HOFSTRA unerheblich (53). In der Tat handelt es sich hier um eine späte Umgestaltung, denn es ist auch das zu erwartende laupio belegt. Diese ”unerklärte ‘Entglei-sung”’ (l.c.) dürfte rein dürfte rein phonetisch begründet sein. Es fällt nämlich auf, daß sich in der näm- lichen Umgebung (analutender Lateral bzw. labialer Obstruent) auch im Lateinischen ‘in einem aus velarem Vokal und u bestehenden Diphthong ein Ubergang des zweiten Bestandteils in zarem in i vonstattengeggangen ist: uridg. *(h‚)leudero: > ”urital.” *louber (vgl. osk. Luvfreis loiber ´Liberi´Gen. SG. (vgl. falisk. Loifirtato ‘Libertatis´, lat. loebertatem – Paul Fest.) > liber. (LEUMANN 1928 ä 42, S. 67; SOMMER/PFISTER 5 66, S. 70).

182.

Die ebenfalls aus Flechtwerk bestehenden Außenwände mögen demgegenüber mit der Ableitung von der ‘winden’ bedeutenden Wurzel, got. waddjus, ahd. want, be- zeichnet worden sein. Denkbar wäre,daß die Zwischenwände aus Ruten geflochten wurden, an denen das Laub belassen wurde. Da ohnehin Laub bzw. Laubheu als Viehfutter Verwendung fand (s. GERMANEN 448), erübrigte sich ein Entlauben.

§ 77. Slav. *līchvä- bedeutet ‘Zinsen, Wucher = korko’. Das Wort ist auch zu dem mit der germanischen Bildung urverwandten licha ‘böse, überflüssig u.a.’ gestellt worden (s. VASMER s.v.). Da aber im Slavischen keine verbale Basis vorhanden ist (zum Ansatz einer urindogermanischen Basis *leikswā- für das slavische Wort s. KIPARSKY 1934, 207),

[HM: Tämä ”(yli?)läiskyvä (ploiskotus)” EI OLE KANTAINDOUROOPPAA, vaan ilmeisen selvää kuuria.

Sanan ilmeisimmin *(p)lëikstum, mutta preesens on kuitenkin *(p)lëiskja, joka ääntyy sääksmä-keläisen korvaan [(p)läiskiä] ja tulee varmasti ymmärrettyä ilman kuurinkielen peruskusssiakin.
http://www.letonika.lv/groups/default.aspx?cid=917344&r=10631062&lid=917344&g=2&q=pleiksti&h=5722

Tällä sanalla ei ole mitään tekemistä laiva-sanan kanssa,jonka eteen ei myöskään kuulu ainakaan enää kantabaltissa sen enempää p/f:ää kuin k/h:takaan.]

muß diese Möglichkeit angesichts der formalen Übereinstimmung mit dem germa-nischen Wort beiseite gelassen werden. KIPARSKY sah bei der Entlehnungshypo- these die Schwierigkeit, daß sich kein gotisches *leiiua oder eine entsprechende Bildung in anderen germanischen Sprachen nachweisen lasse (l.c.). Mit fi. laihvo sieht die Sachlage aber etwas günstiger aus.

Umgekehrt könnte das slavische Wort die Frage entscheiden helfen, ob fi. laihvo auf urgerm. *laihwōn- oder *laigwōn- (> an. leiga ‘Miete, Pacht, Zins, Lohn’) zurückgeht (vgl. HOFSTRA 1985, 167 f.).

[HM: HELVETTI! TÄMÄ EI OLE KANTA- EIKÄ MITÄÄN MUUTKAN KERMAANIA, VAAN VASARAKIRVESKIELTÄ kantabaltin sanasta *lengwa = kelluva, josta tulee myös liettuan lengvas = levyt!]

In der Tat würde das Slavische keinen Reflex einer stimmhaften Spirans mehr zeigen, d.h., es wäre g zu erwarten. Slav. ch müßte man auf jeden Fall auf germ. h oder *x zurückführen.Allerdings bleibt der Vokalismus problematisch.Das slavische Wort setzt älteres *i oder *ej voraus,man muß aber für das Slavische wohl auf ger- manischer Seite schon ein *līhwōn- < *leihwōn- zugrunde legen. Ein urgermanis- ches *leihwōn- würde möglicherweise auch der finnischen Form gerecht. Man hat für das gewöhnlich aus dem Baltischen hergeleitete finnische taivas ‘Himmel’ auch germanische Herkunft erwogen. Wenn *ej in urgerm. *teivaz im Finnischen durch ai vertreten ist, ließe sich das auch im Falle von urgerm. *leihwōn- voraussetzen.

[HM: Helvetti. Suomen tai(h)vas on vasarakirveskielen *daigwas ”ylle kaareutuva” (liettuan dangus) EIKÄ SILLÄ OLE MITÄÄN TEKEMISTÄ MINKÄÄN KERMAANIN EIKÄ MYÖSKÄÄN MINKÄÄN JUMALIEN KANSSA!]

Man könnte für das Urostseefinnische aber auch mit dem Einfluß des germanis- chen Wortes *laihwna- (fi.laina < laihna, vgl. auch karel. laihina, olon. laihnu – s. SKES) rechnen.

[HM Laina ei tule tästä, vaan kantabaltin verbitä *len-, irrottaa, vapauttaa, sallia vasarakirveskielen kautta. Silläkään ei ole mitään tekemistä minkään kermaanin kanssa. Juuret *len- ja *leng- voivat olla, tai olla olematta samaa lähtöä. Sikäli voivat ollakin, että kummankaan alusta ei ole tipahtanut tiettävästi konsonatteja pois (kiuten taas juuren *plem- = palaa alusta on.]

Eine andere Möglichkeit wäre, für Slavisch und Ostseefinnisch von einem urgerma-nischen *laihwōn- auszugehen und slav. lichva der Einwirkung von lichb zuzuschreiben.

183.

In sachgeschichtlicher Hinsicht ist die Bedeutung der slovakischen Entsprechung bemerkenswert. Wenn slk. lihva ‘Hornvieh’ die ursprüngliche Bedeutung reflektie- ren sollte – was allerdings höchst unwahrscheinlich ist – , so könnte man in Anleh- nung an KOIVULEHTOS Feststellung, die Bedeutung ‘Feldertrag’ für fi. laihvo zeige, ”daß urgerm. laihwōn- ursprünglich in den agrarischen Bereich gehöre” (s. HOFSTRA 1985, .420), für das germanisch-slavische Gebiet mit Vieh als Zinszahlung operieren.

Im Finnischen mag es sich aber ebensogut um eine spätere Bedeutungsentwick- lung zu ‘Feldertrag’ handeln, wie höchstwahrscheinlich im Slovakischen eine zu ‘Vieh’ vorliegt.

Für fi. saih(v)o werden von HOFSTRA die Bedeutungen ‘Aufbewahrungsbehälter, Aufbewahrungsgrube (für Fleisch), Pferch, (gehegeartige) Vogelfalle, Fuchsgrube, Streifen, unterirdische Wasserader’ angegeben (1985, 117, 300). Er vermerkt, daß KOIVULEHTO das finnische Wort ”mit Vorbehalt zu germ. *saihwa- ‘Geflecht, Gebinde’ gestellt“ habe (117) und – ohne auf die erste Erwähnung zurückzukommen – daß ahd. tala-seiga ‘Talsenkung’ und schwed. (dial.) säigo ‘Regennebel’ die ger- manischen Entsprechungen seien (167). Die Bedeutung ‘unterirdische Wasserader’ stimmt zu dt. Siel ‘Schleuse, Abzugsgraben’, das die l-Bildung repräsentiert, die in fi. sihvilä ‘Sieb’ reflektiert ist, und zu ae. sīc.‚ sīce f. ‘Wasserlauf, Bach’, an. sík, síki ‘stehendes Gewässer, natürlicher Graben’ (s.GRIMM 1984 s.v. Seige). Aus der Verallgemeinerung einer Bedeutung ‘Sickergrube’ (vgl.mhd.seige ‘vertiefte rinne, wo sich das Wasser sammelt’, bair. die seigen ‘vertiefte stelle auf dein felde, wo sich das regenwasser zu sammeln und später als anderswo zu versiegen pflegt’ – l.c.) lassen sich die speziellen Bedeutungen ‘Fuchsgrube’ und Vorratsgrube’ verstehen.

Man kann mithin ohne Not von einem ‘Vor.-urgermanischen *saihwōn- ‘Abzugsgra- ben, Sickergrube’ als Grundwort für dt. Siel ausgehen. Die Überlegungen zur Her- kunft von fi. -hv- aus *g (HOFSTRA 1985,167 ff.) erscheinen müßig. Das Problem der Genese der von HOFSTRA genannten weiteren Bedeutungen bleibt in dem einen wie dem anderen Falle bestehen. Es ist angesichts der sonst praktizierten Fossiliensuche im Ostseefinnischen verwunderlich, daß man ausgerechnet bei einem durch Rekonstruktion erschließbaren urgermanischen *-hw- in den vorlie-genden Wörtern die exakte phonetische ostseefinnische Emsprechung gewaltsam auf phonetisch weniger einleuchtende Weise erklären will.

184.

Für urgerm. *g wird auch in anderen Fälle Substitution durch urostseefi. *h als sicher angesehen: fi. maha ‘Magen’ (< urgerm, *magan-), fi. saha ‘Säge’ (< urgerm. *sagō-), fi. paha ‘böse, schlecht, beschwerlich, schlimm’) und fi. laho ‘morsch, faul; – morscher Baum’ (< germ. *lägo’-, an. läg ‘gefallener Baumstamm’ – s. HOFSTRA 1985, 93, 168). [HM: ”Paha” ja ”laho” tulevat kantabaltin ja liettuan sanasta blogas = paha. huono, venäjän plahoi (plahaja), valkovenäjän błahij, błaha. Laho tulee latgallin kautta, paha ruteenin. Paha lienee kristinuskon mukana tullut ”kirkollinen” laina.] Es sind dies nun aber Fälle mit einer einheitlichen Lautumgebung auf finnischer Seite: a(h)a 89. Bei erwartungsgemäßer Substitution müßten die fraglichen Wörter *maka, Gen. *ma’an usw. lauten (vgl. haka, ha’an ‘Haken’ bzw. ‘Zaun, Hecke’), dem ein urostseefinnischer Wechsel *maka-: *mayan vorausgegangen sein müßte. Bei anderem Vokalismus findet sich später im Finnischen” z.T. eine andere Vertretung für urostseefi. *k – *g: z.B. suku, Gen. suvun ‘Stamm, Geschlecht, Sippe usw.; zwischen gleichen Labialvokalen erscheint mithin ein labialer Konso- nant anstelle des urostseefinnischen velaren Reibelautes. Entsprechend könnte man annehmen,daß auch in einem Genetiv mahan das intervokalische h den urost- seefinnischen stimmhaften velaren Reibelaut – durch die beiderseitige unmittelbare Nachbarschaft eines a bedingt – vertritt, d.h., wir hätten es zum Zeitpunkt der Ent- lehnung nicht mit einer Substitution von urgerm. *g durch urostseefi. *h zu tun. Die Verallgemeinerung des h in den Kasus, wo die Bedingungen für die starke Stufe vorliegen, könnte dadurch bedingt sein, daß anders als v (vgl. Gen. tavan zu tapa ‘Sitte’) h sonst nicht als Entsprechung eines Konsonanten der starken Stufe vorkommt. Es bliebe aber zu motivieren, warum bei dem Typ haka/hayan nicht das nämliche eingetreten ist; die einzige Lösung scheint die Annahme eines chronolo-gischen Unterschieds zu sein.Sollte die hier gegebene Erklärung richtig sein, hätte man ein weiteres Indiz für den ehemals gemeinostseefinnischen Charakter des Stufenwechsels, da die Wörter nicht nur finnisch sind. 89. Fi. laho könnte sekundär sein, am ehesten nach dem bedeutungsverwandten etymologischen Pendant lieko ‘liegender Baum’. 90. Es handelt sich hier also nur um eine typologische Parallele! 185. $ 78. Fi. leivo, Dim. leivonen, leironen, estn. lõo(kene), südestn. lõiv ‘Lerche’ rangiert bei HOFSTRA als sichere Entlehnung aus dem Germanischen (1985, 48, 324) SKES versieht die Zusammenstellung mit laiw(a)rikōn-‚ mit einem Frage-zeichen. KLUGE sieht in den osfseefinnischen Wörtern ”selbständige lautmalende Bildungen”. Nun wäre es erstaunlicher Zufall, wenn im Ostseefinnischen nicht nur gleichen ein ähnliches Verb für ´tönen´ wie im Vorgermanischen (vrg. kr. laiein) existiert hätte, sondern auch ausgerechnet mit diesem der Gesang der Lerche nachgeahmt worden wäre. ’ Es hat aber weder der Gesang der Feldlerche (Alauda arvensis) noch der der Hei- delerche (Lullula arborea) – nur diese beiden Arten kommen für Skandinavien in Be- tracht (s.PAREY 204) – Elemente,die als laiw oder leiw beschrieben werden könn- ten. Die l.c. beschriebenen Triller der Heidelerche werden nur dem lateralen Anlaut und dem r in den germanischen und estnischen Vertretungen gerecht.In Anbetracht der geringen Ähnlichkeit der Wörter mit der Segmentenfolge des Ler- chengesangs wäre im Falle einer – unvollkommenen – Lautnachahmung bei der Namengebung im Germanischen und Ostseefinnischen die nahezu vollkommene Übereinstimmung der beiden Lexeme ein erstaunlicher Zufall.Es kann mithin kaum bezweifelt werden, daß das ostseefinnische und das germanische Wort zusam-mengehören. Dann stellt sich aber angesichts der Entlehnung des nämlichen ger- manischen Wortes In die Romania die Frage nach dem besonderen sachgeschichtlichen Hintergrund der Übernahmen. Da die estnische Variante mit k einen Einflull des schwedischen lärka reflektieren kann, ist am ehesten von einem urostseefinnischen *leivo auszugehen, das die am weitesten verbreitete finnische Form darstellt. ’ Welche sachgeschichtlichen Ursachen die Ubernahme gehabt könnte, läßt sich nicht ausmachen.“ VON WARTBURG (1950, 8). haben erwägt im Falle der germa-nischen Elemente des Französischen freux Krahe und choue(tte) ‘Eule (Kauz)’ – zum letzteren anders MEYER-EUBKE (1785) – eine Entlehnung wegen der Weis- sagung aus dem Flug dieser Vogel und weist bei fr. mésange ‘Meise’ darauf hin, daß der Vogel nach germanischem Recht unter besonderem Schutz stand. Mög- licherweise stand die Lerche als Frühlingsbote mit irgendwelchen Kulten der Winteraustreibung im Zusammenhang. 91. Bei fi. haikara ‘Storch, Reiher’ könnte man wie VON WARTBURG für die Romania (a.a.O.) an die Jägersprache denken (Vgl- 5 66’ Anm 76)‘ 186. In der finnischen Variante leipuri könnte man zur Not freilich eine Umbildung eines aus *laiw(a)rikōn- zu erwartenden ostseefinnischen *leivari sehen. Ein ähnlicher Fall ist vielleicht der folgende: Fi. laituri ‘Bootssteg, Landungsbrücke’ hat nach SKES keine Etymologie. Hierher werden estn. laider (Gen. laidri) ‘von den Ruder-bänken gesondertes, dreieckiges Hinterteil des Bootes,das beim Ausschöpfen des am Boden angesammelten Wassers hochgehoben wird’ und das dialektale estnis- che lauter ‘Bootsanlegestelle,zwischen den Brücken,neben der Brücke befindlicher Standplatz der Wasserfahrzeuge’ gestellt, wobei bei letzterem wohl Einwirkung von estn. laud ‘Brett’ anzunehmen ist. Geht man davon aus, daß das in Rede stehende Wort zunächst nicht den festen Anlegesteg bezeichnete, sondern eine Vorrichtung, die es erlaubte, vom Schiff ans Ufer zu gelangen, bietet sich der urgermanische Vor- läufer von dt. Leiter als Etymon für fi. laituri an. Für das deutsche Wort läßt sich die Bedeutung ‘Schiffsbrücke’ belegen: leyter oder bruck vom Schiff an das land (GRIMM s.v.). Das für das gesamte Westgerinanische zu belegende Wort geht auf eine Grundform *hlaidri’- zurück (KLUGE/MITZKA s.v.). Unter der Annahme einer Einwirkung der Gerätenamen auf -uri, wie vesuri ‘Schnitzmesser’ oder dial. nahkuri ‘Schafsfell’ (s.SKRK I § 53, 46,S.152) läßt sich das finnische Wort lautlich einwandfrei auf die germanische Form zurückführen. Die Zusammenstellung setzt freilich voraus,daß die Bildungen auf -uri ein beträcht- liches Alter haben.Bedenklich bleibt auch,daß fi. laituri selbst ziemlich spät beleg- bar ist;es tritt laut SKRK zum ersten Mal im Jahre 1745 im JUSLENIUSschen Wör- terbuche auf. Die in SKRK propagierte Ableitung von laita ‘Seite, Rand’ ist natürlich auch nicht von der Hand zu weisen. Das finnische Wort mag zunächst die an der Außenseite des Schiffes angebrachten Leisten zum Schutze der Planken bezeich- net haben (vgl. dt. Leiter l.c.). 187 § 79. Fi. paula, dial. pakla ‘Schnürriemen‚ Riemen zum Festbinden, Netzsimm’ wird von KOIVULEHTO aus einem germanischen *fatla erklärt (1979a, 271), das als Nebenform von urgerm. *fatila-angesehen wird (an. fetill, ahd. fezzil ‘Fessel, Schulterband). HOFSTRA rmerkt hierzu (1985, 180): ”Germ. *fatla, ist zwar in keiner germ. gerache belegbar aber KOIVULEHTO stützt seine Rekonstruktion von Fatla- mit Wortpaaren wie germ. *setla- (> got. sitls,ahd. sezzal Sessel’) und *se- tula- (> an. sjotull ‘Bank’)”. Nun kann letzteres aber durchaus nicht als ”Stütze” für KOIVULEHTOS Ansicht gewertet werden, denn es ist doch offensichtlich etwas anderes, wenn zu einem ererbten, mit einem im Germanischen unproduktiven For- mans gebildeten Wort (vgl. lat. sella, griech. elle ‘Sitz(gelegenhät)’ – Formans Io-/ leh2) eine Variante mit einem produktiven Formans (-ula-) entsteht, als wenn man für eine mit einem produktiven germanischen Formans (-zla-) gebildete Form eine Variante mit einem unproduktiven Formans postuliert. Es müßte schon ein seman- tisch und formal ähnlicheres Paar ins Treffen geführt werden, um die Entstehung eines *fatla- zu *fatila- auf analogischem Wege plausibel erscheinen zu lassen; got. stikls vs. an. stikill (KOIVULEHTO l.c.) ist dieses Paar jedenfalls nicht! Die fi paula mit dt. Fessel usw. muß mithin als eine Verbindung von hochst unsichere Etymologie bezeichnet werden, zumal eine Fülle von Möglichkeiten für den Anlaut des fremden Originals besteht *sp‚ *f, *p, *b. Für den Silbenschließenden Konso-nanten kommen neben t, k auch die stimmhafte Entsprechung (d, g) in Frage. 16 mögliche Originale und eine nicht völlig übereinstimmende Bedeutung sind ein recht bedenkliclier Befund. im Hinblick darauf, daß das für KOIVULEHTOS Herleitung benötigte germanische Original nicht belegbar ist.

In dieser Güteklasse findet sich immer ein Etymon. Geht man z.B. davon aus daß Schnüre usw. früher aus Werg hergestellt wurden, kann man für fi. paula, weps. pagl Entlehnung eines russischen naкля annehmen das wiederum auf lit.pakulos zurückgehen soll.Die Palatalität des Laterals muß dann sekundär sein.Neben russ. *naкля hätte aber auch die belegte Form fi. *pakla ergeben, vgl. fi. rupla < russ. fi petla ‘paula, Schlinge’ < russ. neтля.‘ Nur die einem anhaltendem russischen Einfluß ausgesetzten ostseefinnischen en-ter Idiome haben später palatalisierte Konsonanten entwickelt, vgl. weps. rubl, Gen. rubl´jan.

188

§ 80.Bei der Annahme germanischer Herkunft des slavischen Wortes für ´Schwert´ ist der Vokalismus problematisch. Die slawischen Einzelsprachen weisen mit Aus- nahme des Serbokroatischen (mač < *mbčb) auf *e‚ während germanisches *e ein slavisches e’ ergeben hätte. Die gelegentlich im älteren Serbokroatischen belegten Formen mit e werden von KIPARSKY als Schreibfehler angesehen (1934).

Bei der Frage nach dem sachgeschichtlichen Hintergrund der Entlehnung von germ. *mēkja- ergibt sich zunächst das Problem, welche Blankwaffe bei den Germanen mit diesem Namen belegt wurde. Das Wort ist gesamtgermanisch (got. mēkeis, an. mækir, ae. mæce, as. mäki).

Griech. uöxaipo (mahaira), das mit dem gotischen Wort wiedergegeben wird, bedeutet gewöhnlich ‘großes Messer, Schlachtmesser; kleines (einschneidiges) Schwert’. Unter der – natürlich nicht zwingenden – Voraussetzung, daß sich Ulfilas der genauen Bedeutung des griechischen Wortes der Vorlage jeweils bewußt war, könnte man für das germanische Wort die Bedeutung ‘(einschneidiges) Kurzsch- wert’ in Anspruch nehmen. Man liest bei SEITZ:

”Das Schwert erscheint bei fast allen germanischen Stämmen der römischen Kai- serzeit einschneidig, ein schlichter Waffentyp, der wahrscheinlich in ostgermanis- chem Gebiet aus dem Hiebmesser der Hallstatt- und derfrühen Latenekultur stammte. Diese einschneidige germanische Waffe wurde zu dem messerartigen Schwert, welches mit dem Wort sax verknüpft ist (…). Ein derartiges ‘großes Messer’ wurde ursprünglich sowohl als Hausgerät als auch als Wafle verwendet, nach bestimmten Autoren sogar als Wurfwajfe” (81).

Er stellt jedoch andererseits fest:

”In der archäologischen Literatur wird der Praxis entsprechend das Wort sax für das lange Messer gebraucht – oder wenn man will, das kurze Schwert mit gerader einschneidiger Klinge, das in der Völkerwanderungszeit in Gebrauch war und in der darauffolgenden Epoche oft als fränkisch ausgegeben wird. Die heutige Sprachfor-schung zeigte mittlerweile, daß eine derartige Auslegung vielleicht nicht ganz richtig ist.

Im Norden kann mit dieser Benennung ausnahmsweise auch ein ‘großes’ Schwert gemeint sein, aber auch, was die Sache noch komplizierter macht, in Einzelfällen Schwerter mit sowohl einer als auch zwei Schneiden … (82 f)

189.

Für den Sprachwissenschaftler sind hier also keine Aufschlüsse zu gewinnen.

§ 81. Die Genese von fi. vartoa und der romanischen Sippe (fr.) läßt sich am leichtesten vom Wachdienst an der Grenze verstehen und zwar insbesondere wenn man die Beteiligung der Lehnnehmer an diesem Dienst voraussetzt. Es scheint kaum wahrscheinlich, dass die Germanen deren Uneinigkeit im Verhältnis zu den Römern bekannt ist nun ausgerechnet den Ostseefinnen gegenüber standig Einig- keit an den Tag gelegt haben sollten. Auch im Norden werden germanische Stam- mesverbände, Stämme oder Sippen gegeneinander agiert haben und vermutlich auch mit Beteiligung verschiedener Gruppen der Ostseefinnen die höchstwahr-scheinlich ebensowenig eine eindeutige Haltung im Kollektiv den Germanen gegenüber eingenommen haben werden.

[HM: ”Vartoa” (oik. VARROTA tulee vasarakirveskielestä, samaa juurta kuin ”varus-” = sota.]

§ 82. AБAEB macht auf folgende Parallele aufmerksam (346). Auf die Bedeutung des Bieres als Kultgetränk bei. den weist, daß in den Kalevalagesangen eine Episode die Entstehung des Bieres betrifft. Auch im NARTENEPOS – und zwar nur in der ossetischen Fassung – ist dem nämlichen Ereignis eine gesonderte Erzählung gewidmet: ”Wie das Bier erschien” (s. KAЛOEB 167) – Die Ubereinstimmung daß sowohl die Narten als auch die Kaleviden mit der Erfindung des Bieres zusammengebracht werden, erörtert etwas ausfürlicher zu werden, da sie in FROMMS Kalevalakommentar nicht erwähnt wird. Die Parallele wird dadurch noch bemerkenswerter‚ daß in beiden Versionen ein Vogel eine Rolle spielt. Im KALEVALA singt Gimpel (Blutfink, fi. Punalintu ”Rotwogel”) bzw. eine Drossel (rastas) das Lob des Bieres (20, 407 ff.). FROMM erwähnt eine andre fassung vom Ursprung des Bieres, in der der Vogel das erstfalls gebraute Getränk benennt: ”Bier dein richtiger Nahme! Sehr Böse‚ nicht süß, viel Hopfen dazugetan, reichlich Wasser zugegossen, mit Fichtenzubern eingefangen”. (FROMM 1,967 15l’ Anm. zu 407 ff.). Im NARTENEPOS pickt ein Vogel Hopfen, fliegt zu den Narten, pickt ein wenig Malz und wird flugunfähig. Man bringt ihn zur Heldin Satana, die ihn auf Weizen setzt, nach dessen Genuß sich der Vogel erholt und davonfliegt. Nach dein von dem Vogel gewiesenen Verfahren braut Satana das erste Bier.

190.

Sie ”mahlt Malz”, kocht es, seiht die Brühe und fügt einen kräftigen Sud von Hop- fen hinzu. Die Brühe fängt an zu zischen und zu funkeln und bedeckt sich mit wei- ßem Schaum (107 f.). Im KALEVALA füllt die ”Herrscherin des Nordlands”, nach- dem sie von der Entstehung des Bieres erfahren hat, Wasser in einen großen Topf und beginnt aus Gerste und viel Hopfen Bier zu brauen. In dem Lämminkäinenlied und in den Biersprüchen ist es die Kalevalatar, die das Bier zubereitet (FROMM 1967, 151 zu 189).

Im Lichte der Parallele ist natürlich das Nebeneinander von oss. æluton und fi. olut auffällig.

[HM: Olut on siis osseetiksi (suomaisen korvaan) ”ÄLYTÖN” Ei taida ihan olla sukulaiskieliä…].

Die Herleitung von olut aus einer iranischen Schicht läßt sich allerdings nur mit der ad-hoc-Annahme eines Einflusses des folgenden Laterals oder Labialvokals auf das a bewerkstelligen (vgl. § 40). Es kommt hinzu, daß die lautlichen Verhältnisse für germanische Herkunft des ossetischen Wortes sprechen. Im Falle eines osse- tischen Erbwortes wäre -d- statt -t- zu erwarten (SCHMID 1986,188; für germanis- chen Ursprung plädierte bereits AБAEB – 1949) 92.

Vor diesem Hintergrund erhält die genannte mythologische Parallele einen anderen Stellenwert. Der Ursprung des alanischen und finnischen Motives der Entstehung des Bieres wäre dann im Germanischen zu suchen.

Ein weiterer identischer Terminus aus dem Bereich der Bierherstellung ist fi. hu- mala ‘Hopfen’, das übereinstimmend als gerrnanisches Lehnwort angesehen wird (SKES, HOFSTRA 1985, 310). Oss. iron. xuymællæg (xumallag) käme prinzi- piell als Etymon für humala in Frage (oss. -ag ist Formans). Ae. hymele setzt ein *humilön- voraus (vgl. ae. cymen < lat. cuminum), für das ein finnisches *humila zu erwarten wäre (vgl. fi. verkilo” ‘Öse, Aufhänger’ < germ. *wergilō-). Auch ein *humla hätte am ehesten ein *humila ergeben, vgl. fi. hamina ‘Hafen’ – schwed. hamn. 92. Möglicherweise ist eine oss. Form mit -d- in den georg. Wortformen aludi und ludi sowie in dem georg. PN aluda repräsentiert (s. ANDRONIKAŠVILI 140). 191. Die Übereinstimmung zwischen Iranisch und Germanisch betrifft auch die Perso-nennamengebung; zu Alu- im Germanischen s. BIRKHAN 1970, 337; zu dem in Inschriften der nördlichen Schwarzmeerküste vorkommenden Namen Alovxayog (Alonksagos) (AБAEB). Für iranische Entlehnungen im Ostseefinnischen gibt es freilich sonst keine Evi- denz. Die auf den arischen Bereich weisenden Lehnwörter reflektieren gewöhnlich den durch das Urindogermanische vorauszusetzenden Vokalismus, z.B. fi. porsas ‘Ferkel’ (uridg. *porkos, vgl. lat. porcus‚ av. parasa-; SCHMID spricht indessen von einem ”Wandel a > o in einer Gruppe baltischer und jranischer Lehnwörter” – o.c. 189). Eine Ausnahme wäre fi. vasa, vasikka ‘Kalb’ (mordw. vaz) zu oss. dig. uæs, dessen beweiskräftige Kognaten e-Vokalismus sichern (das Wort gehört zu uridg. *uetos- ‘Jahr’, IEW).

Es wäre natürlich auch möglich, daß das Motiv der Bierentstehung über die russis- chen Bylinen nach Finnland gelangt ist, es scheint jedoch im Ostslavischen nicht belegbar zu sein.

192

193

Sachgeschichte

§ 83. Es seien noch einige Ansichten zu Realien außerhalb der im vorhergehenden behandelten Gruppe von germanischen Entlehnungen mitgeteilt. Wenn PENZL be- züglich der germanischen Altertumskunde betont,”daß der historischen Sprachwis- senschaft als solcher nicht die Aufgabe zufallen soll und kann, in erster Linie Urhei- mat, Wanderungen, Umgebung, politische Schicksale der germanischen Stämme und deren kulturelle,gesellschaftliche,ethnische Organisation zu erfassen” (149), so kann man dies zustimmend auf die ostseefinnischen Verhältnisse übertragen.

Auf die germanischen Verhältnisse mag auch PENZLs Begründung zutreffen: ”Mit sprachlichen Mitteln können wir direkt ja nur Sprachliches erkennen, für Außer-sprachliches müssen wir uns in Methode und Quellmaterial auf die Archäologie und Geschichtsforschung verlassen”. In der Finnougristik sind aber, wo Archäologie und Geschichtsforschung mangels ”Quellmaterial” untätig bleiben mußten, beachtliche sachgeschichtliche Erkenntnisse von der historischen Sprachwissenschaft geliefert worden, etwa im Falle der ungarischen Vorgeschichte.Die vor der Landnahme über- nommenen Turkismen des Ungarischen ergeben ein detailliertes Bild von der mate- riellen Kultur der Vorungarn, und auch ihre Migrationen lassen sich aufgrund ver- schiedener Lehnwortschichten für die Zeit vor dem Einsetzen der ersten schrift-lichen Fremdquellen annähernd bestimmen. Im Hinblick auf die gotisch-nordischen Isoglossen oder die ”kontrastive Wortzählung ” als Beweismittel für die Urheimat der Goten dürfte PENZLs Skeptizismus berechtigt sein (s.Op. cit. 151 bzw. 157).

§ 84. Oben (§ 17) wurde erwähnt, daß man die Entlehnung von fi. nauta usw. mit einer Besteuerung der Ostseefinnen durch ihre germanischen ”Herren” in Zusam-menhang gebracht hat. Man darf hier nicht von der Grundbedeutung des germanis- chen Wortes absehen, die als ‘Besitz, Vermögen, Nutzung’ anzusetzen ist, vgl. auch lit. nauda ‘Ertrag, Habe’, das im übrigen durchaus nicht als Etymon von fi. nauta usw. ausge schlossen werden kann, was die Überlegungen VILKUNAS ohnehin hypothetisch macht.

[HM: Nauda on todennäköisimman vasrakirveskieltäja tarkoittaa hyöty(eläin).]

194.

Die Übernahme von nauta könnte aber gänzlich undramatisch damit zusammen-hängen, daß die Ostseefinnen von den Germanen lernten, das Rind als Währung zu verwenden – vgl. WEINHOLD 51 ff. zu kügildi ‘Wert einer Kuh (als Zahlungsein- heit)’. Auch das Fehlen des semantischen Merkmals ‘jung’ bei lammas ließe sich damit erklären,daß die Ostseefinnen als ”Kleingeld” den Wert einer Schätzkuh den Germanen in Lämmern entrichteten — vgl. hierzu WEINHOLD 52 f. – , wobei für die Ostseefinnen die Opposition zu ‘Kuh’ die Bedeutung bestimmte.

Schließlich ließe sich auch die abweichende Bedeutung von germ. *hanan- im Ostseefinnischen (z.B. fi. kana ‘Huhn’) mit der Unterdrückung der beim ”Geldwert” ‘Hahn’ als akzidentiell angesehenen Merkmals ‘männlich’ erklären.Die Bedeutungs- änderungen wären freilich auch im Falle von Besteuerungseinheiten plausibel. Die Übernahme eines germanischen Wortes für den Begriff ‘Schaf’ ließe sich damit erklären, daß die Ostseefinnen nach germanischem Vorbild von einer überwiegen- den Nutzung der Wolle und der Milch, die ein frühes Schlachten der Tiere unrenta- bel macht, zur Verwendung des Fleisches übergingen. Bei den Germanen des 1.-2. Jahrhunderts wurde etwa ein Drittel der Schafe vor dem zweiten Lebensjahr ge- schlachtet (GERMANEN 442). So könnte sich die Bezeichnung des Jungtieres als Gattungsname etabliert haben. Mit einem solchen Übergang in der Nutzung des Schafes hat man jedenfalls den entsprechenden archäologischen Befund in der finnisch-ugrischen Vorgeschichtsforschung interpretiert (MATOLCSI 140, 141). Für die von dem Gebrauch in den meisten germanischen Sprachen abweichende Bedeutung des ostseefinnischen Wortes müßte man dann nicht unbedingt ein germanisches Idiom mit der Bedeutung ‘Lamm’ bemühen.

Denkbar ist auch, daß die Ostseefinnen unter gerrnanischem Einfluß t dazu über- gingen, das Schaf vorwiegend für die Milchwirtschaft zu nutzen.

Mit lammas könnte dann zunächst das zur Aufzucht als Milchlieferant ausgeson- derte Jungtier bezeichnet worden sein. Vor diesem Hintergrund würde verständlich, warum die baltische Entlehnung jäärä (vgl.lit. ėras ‘Lamm’) den Widder bezeichnet (ursprünglich dann ‘männliches Jungtier’). Die Veränderung der Wirtschaftsform konnte dadurch bedingt sein, daß die Ostseefinnen durch die Germanen mit Schaf-rassen, die für die eine oder andere Nutzung besonders geeignet waren, bekannt wurden.Allerdings soll die Schafzucht hauptsächlich der Fleischversorgung gedient haben (GERMANEN 144)”.

195.

$ 85. HOFSTRA faßt bedenkenlos Wörter wie fi. lanta ‘Dünger, Mist’ (an. hland ‘Harn’), tunkio ‘Dünger-, Abfallhaufen’, tade ‘Dünger, Mist’ (an. tað) als ”Düngemit- tel” zusammen. Die Entlehnung dieser Wörter kann aber einen ganz anderen sach- geschichtlichen Hintergrund haben. Tacitus erwähnt (26), daß die Germanen ”arva per annos mutant”, was impliziert, daß sie die Felder nicht düngten. Ob sich die Germanen der Zeitenwende um Bodenverbesserung bemühten,ist umstritten (GER- MANEN 131,444). Für eine Düngung durch Mist scheinen keine Indizien vorhanden zu sein. Für Mist bestand aber eine Reihe anderer Verwendungsmöglichkeiten.

Nach Tacitus (16) hoben die Germanen Gruben als Zufluchtsorte für den Winter und als Speicher aus und bedeckten sie – vermutlich zur Wärmeisolierung – mit Mist (fimus).Auch die Verwendung des Dunges als Beimischung zu einem Lehm- fußboden, wie es in Teilen Europas bis in die jüngste Zeit üblich war, ist denkbar. Die Übernahme der Wörter für ‘Mist’ und des Namens des Torfes (fi. turve) könnte auch mit der Heizung zusammenhängen (vgl. WEINHOLD 235). Daß die in Rede stehenden Termini mit einer Entwicklung in der Landwirtschaft im Zusammenhang stehen, wäre ein voreiliger Schluß.

§ 86. BIRKHAN hält es für möglich, daß in an. rauði- der ”vorkelt(ische) Eisen-N(ame)” erhalten ist, wobei er meint, daß die keltische Herkunft von germ. *īsarna- ”als sehr wahrscheinlich zu gelten hat” (141). Die Übernahme des germanischen Wortes – ob ”vorkeltisch” oder nordische Neubildung – dürfte am ehesten mit dem Einsetzen des prähistorischen Eisenexports aus Schweden im Zusammenhang stehen.

93. Es wird angenommen, daß in der ”finnisch-ugrischen” Wirtschaft der waldreichen Wolga-Kama- Gegend das Schaf mehr (MATOLCSI l.c); fi. villa (< urbalt. *vilna‚ vgl. lit.Fleisch- als Wollelieferant war vilnos ‘Wolle) konnte darauf deuten, daß die Wollegewinnung in baltischer Zeit wieder in den Vordergrund ruckte.

196.

Die einzig belegbare Kontinuante der vorauszusetzenden schen Vorform von fi. rauta, an. rauði (< *rautan-), bedeutet ‘Sumpferz’. Es gibt keinen Grund anzuneh- men, daß das urostseefinnische Wort etwas anderes als das Sumpferz oder das daraus gewonnene bezeichnete. Das Wort kann nun im Ostseefinnischen schwer- lich als der Beginn der Ausbeutung der Sumpferzvorkommen in Schweden. der Literatur zur Vorgeschichte findet sich hierfür die Zeitangabe ”vermutlich seit dem frühen ersten nachchristlichen Jahrtausend” (MÜLLER-WILLE 224). Selbst wenn man konzediert, daß prinzipiell eine Entlehnung des Namens vor der Verwendung des Produktes Ausmaße,der archäologisch nachweisbar wäre, stattgefunde könnte – der Anfang des ersten vorchristlichen Jahrtausends, der punkt, der der herkömm-lichen Periodisierung zufolge bei Annahme Entlehnung des germanischen Wortes durch die ”Frühurfinnen” vorauszusetzen ist, erscheint unplausibel. FROMM ver- merkt, daß Südwestfinnland Schlackenreste für die römische Eisenzeit nachgewie- sen sind (1967, 67). Selbst wenn seither Funde vorliegen sollten, die zu datieren sind – daß der Zeitpunkt dermaßen zu verschieben wäre, nicht nachvollziehbar.

Das Vorkommen eines von derselben Basis gebildeten Wortes Eisen im Slavis- chen besagt in diesem Zusammenhang nichts. Daß ockergelbe bis braunschwarze Limonit, der Hauptbestandteil Rasenerzes,mit einem Wort für ‘rot’ benannt wird, ist nicht merkmalhaft 94. Bei BIRKHAN findet sich der eigenartige Passus ”Das Finn. rauta ‘Eisen’, das zwar nicht aus dem Germ. stammen kann, weil ð nicht als finn. t erscheint, aber doch wohl beweist, daß die zeichnung auch für das Metall verwendet werden kann, was ja eigentlich befremdet.

94. Auch ein weiteres germanisches ”Buntmetall” ist ins Ostseefinnische worden: fi. kulta ‘Gold’. Ohne Etymologie ist bisher das Wort für ‘Silber’: fi. hopea. Vermutlich ist es identisch mit hopea ‘weich’, da es a priori wahrscheinlicher das Silber als ‘das weiche (Metall)’ bezeichnet wurde, als daß die Eigen-schaft Metalles, die es von einem anderen häufig zu Schmuck verarbeiteten, im Gegensatz zum Gold ebenfalls ”anlaufenden” Metall, dem Kupfer, erheblich unterscheidet, trahiert wurde. Es dürfte hier kein fremdes Kulturwort vorliegen. Fi. vaski ‘Kupfer’ ist ebenfalls Erbwort.

197

Das finn. Wort soll nach SENN entweder aus lit. raudas ´rot´ oder – noch wahr- scheinlicher – aus slaw. rūda < *rouda ´Erz´ (so als kirchenslaw Lehnwort in Lit.)” – 141 f., Anm. 142. Nach HOFSTRA liegt ”die Substitution von urgerm. /ð/ durch urfi. /t-/ etwa 10 Fällen vor”; die Wiedergabe der stimmhaften Reibelaute durch die entsprechende finnische Tenuis ist ausnahmslos (HOFSRTA 1985, 11). Im Falle slawischer Provenienz von rauta bedürfte es ein Erklärung des ”urslavis- chen” Vokalismus des finnischen Wortes. TERENTJEV hat sich kürzlich für eine Herkunft von fi. rauta aus den Dialekten von Pskov und Novgorod (”Krivich”) ausgesprochen.Auf diesem Dialektgebiet sei altes *au (die übrigen ostslavischen Dialekte haben u) bewahrt geblieben (31 f.): Die Herleitung aus dem Baltischen ist in lautlicher Hinsicht einwandfrei; da jedoch im Baltischen keine Bedeutung ‘Eisen’ im Finnischen keine Farbbezeichnung zu belegen ist, kommt lit. raudas als Kontinuante des Etymons von fi. rauta nicht in Betracht. Wenn an. rauði tatsächlich ein ja-Stamm wäre, als der das Wort bei BIRKHAN rangiert (”vorgerm *roudhios, urgerm. *raudiaz”, was aber an. *reuði ergeben hätte), wäre allerdings nicht rauta, sondern *rautij‘a(s) zu erwarten. Aus einem raudan (d.h. n-Stamm) an. rauði, läßt sich das finnische problemlos herleiten (s. HOFSTRA 1985, 9.1). Unbedenklich ist Wort auch die von BIRKHAN problematisierte Bedeutungsdiskrepanz zwischen dem nordischen und dem finnischen Wort. § 87. Für fi. rasia werden in SKES folgende Bedeutungen angegeben: ‘ziemlich kleine, ovale, Schachtel mit gefaß verwendet’, ‘Schachtel, in der Deckel, bes. als. Buttergefäss befördert werden’, ‘runder, Kleider auf Reisen oder. bei weiten aus einer Wurzel gefemgter Korb’ in dem man Käse zubereitet’, ‘den Mühlstein umge- bender und von oben schützender Korb oder Rahmen’, für estn. rast: ‘aus geboge- nem dunnem Holz gefertigte ovale oder runde Schachtel mit Deckel. Die Beschrei-bungen passen vorzüglich auf die aus dem bronzezeitlichen Dänemark, aus nordis- chen Baumsärgen, aus dem Salzbergwerk in Hallstatt und dem wikingerzeitlichen Haithabu bekannten aus sehr dünnem Material hergestellten Spanschachteln:”Sie sind rund oder oval und haben stets senkrechte Seiten. Die Wandung ist jeweils aus einem langen Stück: gebogen und dann zusammengenäht, gebunden oder gernetet. Die Beiden platte besteht aus einer einzigen, meist etwas stärkeren Scheibe. Zuweilen gehört ein übergefalzter Deckel zu den Schachteln. 198. Die Abdichtung erfolgte in der Regel mit Harz. Dadurch waren die Spanschachteln auch geeignet,Flüssigkeiten aufzunehmen” (CAPELLE 402,mit Abbildung). Handelt es sich bei den Vorläufern der finnischen rasia-Schachteln um die skandinavischen Spanschachteln, erscheint eine Namengebung nach dem Rand, wie sie KOIVU- LEHTO vermutet (vgl. HOFSTRA 1985, 158), nicht motiviert”. Das Merkinalhafte wäre dann die Rundung. § 88. HOFSTRA zählt fi. astuva, dem er die Bedeutung ‘Astegge’ beilegt, zu den sicheren Entlehnungen aus dem Germanischen. Zweifel an der germanischen Her- kunft äußert SKES. Als Etymon wird urgerm. *astaz (got. asts, dt. Ast) vermutet. Die Genese des Ausgangs -uva bleibt dabei im dunkeln. Die Bedeutungsangabe HOFSTRAS scheint zudem im Interesse der germanischen Etymologie erfolgt zu sein. Fi. astuva ist in den Ostdialekten der Allgemeinbegriff für den andernorts durch des, karhi oder hara bezeichneten Gegenstand (ANTTILA, vgl.auch die Karte 1, S. 10). Die Verbreitung des Wortes legt die Annahme russischer Herkunft nahe. MÄGISTE stellt astuva daher mit dem in den östlichen Dialekten zu belegenden astala, astalo ‘Schlagwerkzeug; Prügel, Keule’ zusammen und leitet beide Termini von einem Stamm asta- russischer Provenienz her (s. ANTTILA 8). Da die Egge auch zur Zertrümmerung von Erdbrocken verwendet wird, erscheint die Zusammen-stellung von der Semantik her einleuchtend, die Heraushebung eines Funktions-merkmals – die Egge dient daneben auch zur Auflockerung des Erdreichs und Einebnung des Bodens sowie zur Einbringung des Saatguts in den Akker – erweckt nichtsdestoweniger Bedenken. Unter den Entsprechungen – karel. aftuva, aftiva, atova, olon. astavu, ast’ivo, aštivo, lüd. ašivo, ašt´šivo, aštuu – kommt der Vari- ante astuva der Status einer forma facilior zu, da sie als Nomen agentis zu astua ‘steigen, gehen’, aber auch ‘zertrampeln’ (in Verbindung mit rikki ‘entzwei’) verstan- den werden kann. Der Ausgang -ivo ließe sich indessen zwanglos als das russis- che Nominalformans (-ivo) deuten, vgl. (ognivo) ‘Feuerstein’ zu (ogon´) ‘Feuer’. 95. Das mag im Falle von air. rinde, laut KLUGE/MITZKA urverwandt mit dt. Rand, anders sein. 199. Angesichts der auffälligen Beschaffenheit der Egge, aufgrund derer auchdas germa-nische Wort benannt ist (s.KLUGE/MITZKA s.v. Egge),könnte man an russ. rocmb (gost´) ‘Granne, Spitze’ als Basis denken. Für eine ältere Entlehnung wäre die Be- tonung des russischen *ocmu6o (ostivo) belanglos, da russ. o als ostseefi. a er- scheint (s.KALIMA 1952,30 f.).Im Falle eines rezenteren Zeitpunkts der Übernahme müßte eine Betonung *ocmu’eo mit Akanje vorausgesetzt werden; die ueo-(ivo-) Bildungen sind allerdings in der Regel stammbetont,doch vgl. (ognivo).Ein *ocmu6o läßt sich jedoch nicht ausmachen,die Zusammenstellung hat daher nur den Status einer Arbeitshypothese. § 89. Fi. teljo ‘Ruderbank’ ist aufgrund seiner prägnanten und mit der des Originals identischen Bedeutung prinzipiell für eine absolute Zeitbestimmung geeignet. Das Aukommen von Sitzplanken gäbe einen terminus post quem für die Übernahme ins Ostseefinnische und damit für den i-Umlaut des *e. Da aber das Hjortspring-Boot (Süddänemark) schon Ruderbänke – eigentlich Ruderplanken – aufweist, ergibt sich fur teljo ein terininus post quem, der nicht weiterbringt; aufgrund einer Pollenana- lyse des Moores der Fundstatte bestimmt sich ein Zeitpunkt um 350 v.Chr. § 90. Im Falle von fi. impi ‘Jungfrau, unverheiratete Frau, junges Mädchen’ mag das Merkmal ‘unberührt’ – wie im ältesten Griechisch bei nocpöävog )parthenos) (s. KLINGENSCHMITT 1973,275) – sekundär sein. Diese Vermutung wird durch die Be- deutung ‘Gebärmutter’ für die Ableitungen immyt, immikko nahegelegt. Bei einer Grundbedeutung ‘geschlechtsreifes Mädchen’ erscheint es denkbar, daß hier eine Entlehnung von germanisch = *imb(i)ja- ‘Bienenschwarm, Biene’ (ahd. imbi, ae. imbe ‘Bienenschwarm, Schweiz immi n. ‘Biene’, imb m. ‘Bienenschwarm’, nhd. Imme ‘Biene[nschwarm]’) vorliegt. Eine metaphorische Verwendung (mit einer Bie- nenkönigin) zur Gründung eines neuen Bienenvolkes ausschwarmende bzw. ausge-schwärmte Bienen’ für ein Kollektiv geschlechtsreife Madchen (einer Sippe)’, aus dem sich die heutige Individuativbezeichnurig entwickelt haben könnte, scheint im Bereich des Möglichen zu. sein. Allerdings wäre aus dem obigen urgermanischen Ansatz einflfinnisches *impia/*impiä zu erwarten, das jedoch der Annahme eines Uberganges zum Individuativum entgegenkommt. 200. Man müßte voraussetzen, daß ein *impiä als Bezeichnung für das Kollektiv eine Umdeutung zu einem pluralischen Partitiv, der als Subjekts- und Objektskasus so- wie im nominalen Syntagma häufig ist, erfahren hat und auf einen Stamm *impe- ‘geschlechtsreifes Mädchen’ bezogen wurde. Die Wörter für ‘Gebärmutter’ ließen sich prinzipiell auch aus dem Merkmal ‘zur Fortpflanzung bestimmt’ verstehen. Falls diese Ableitungen in den Ostdialekten entstanden sind, käme ein Einfluß von russ. Mamxa ‘Gebärmutter, Tierweibchen, Bienenkönigin’ in Betracht, was aber voraussetzt, daß sich die Bedeutung des germanischen Wortes bis in die Zeit der russisch-finnischen Kontakte gehalten hätte. Sollte doch das Merkmal ‘unberührt’ zugrunde gelegen haben, hat hier vielleicht folgender Umstand eine Rolle gespielt. FROMM weist darauf hin, daß aufgrund der vermeintlichen Ungeschlechtlichkeit der Biene eine Beziehung zur Jungfräulichkeit Marias hergestellt wurde und daß Biene und Gottesmutter auch in finnischen Gebetsliedern zusammen vorkämen (1967, 112). Die Vorstellung von Ungeschlecht-lichkeit bzw. Jungfräulichkeit der Biene mag älter sein. Nach HdDA gab es sie jedenfalls schon im Altertum (I 1229). § 91. Zu den sicheren Entlehnungen aus dem Germanischen zählt HOFSTRA fi. tuppi ‘Hülse, Scheide’. Es wird ein urgermanisches *duppa- angesetzt, für das einzig mnd. dop ‘Schale, Kapsel’ als Fortsetzer angegeben wird (80). Es handele sich wegen der lappischen Vertretung (lapp. N dop’på ‘id.’; man beachte aber lapp. doppädit ‘stick, Pass. get stuck in’; doppit ‘seize, seize or take hold of, seize or take and put somewhere or take with one somewhere’) um eine frühurfinnische Entlehnung (323). Das Wort wäre demnach älter als fi. huotra, das mit den anderen Belegen für die Entsprechung osteefi. h- : germ. f- ”keine lautlichen Kennzeichen früher Entlehnung” aufweise (69 f.). Als einziger Vertreter von HOFSTRAS seman-tischer Gruppe ”Waffen und deren Behälter” sei tuppi ”allgemein osfi.” Von den südlichen Sprachen kennt es laut HOFSTRA aber nur das Livische, was impliziert, daß HOFSTRA estn. tupp in der Bedeutung ‘Scheide’ für ein Lehnwort aus dem Finnischen hält. In der Gruppe ”Spreu, Hülsen, Stroh” ist das Wort nicht für das Livische, wohl aber für Wot. und Estn. verzeichnet (311). 201 Das kann wohl nur heißen, daß für HOFSTRA die Entlehnung sowohl im Bereich des Ackerbaus als auch des Kriegshandwerks erfolgte, denn anderenfalls hätten auch sonst sämtliche Bedeutungsentwicklungen eines Wortes berücksichtigt werden müssen (im Falle von tuppi hätte dann auch wegen des Estnischen ein Eintrag in der Gruppe ”Körperteile” erfolgen müssen). Für dt. dop, doppe, dopf werden bei GRIMM die Bedeutungen ‘die äuszerste ründung einer sache, runde schale, deckel’ u.a. angegeben. Bei KLUGE/MITZKA liest man: ”Nach Abwanderung der Angeln und Sachsen werden nd. dopp(e), hd. topfe auf versch. Gegenstände angewendet, die nach einer sich einsenkenden oder oberflächlichen Berührung oder nach einer Berührungsspur benannt erscheinen. Neben der Bed. ‘kleine Hohlform (Eierschale,Fruchtschale)’ ist auch die des Küchengefäßes anzusetzen” (s.v. Topf 1). Ein derartiges Bedeutungs- spektrum – das Wort gilt als Verbalabstraktum zu einer Wurzel *deyp-, *daup-, *dup- ‘vertiefen, einsinken’ (KLUGE/MITZKA l.c.) – abef allenfalls zu ledernen Mes- serscheiden, nicht zu den früheren Schwertscheiden, die im später als germanisch bezeichneten Gebiet gefunden wurden. Aus einem Moorfund in Dänemark (100-300 n.Chr.) stammt eine Kurzschwertscheide, die ”aus zwei Holzplatten hergestellt und von schmalen Eisenbändern zusammengehalten war” (SEITZ I, S. 83). Dieses Beispiel gibt Anlaß, ausführlicher auf die Einteilung der Lehnwörter nach Sachgruppen einzugehen. 202 203 Zur semantischen Gruppierung der Entlehnungen § 92. HOFSTRA hat eine umfangreiche semantische Analyse der älteren germanis- chen Bestandteile des ostseefinnischen Wortschatzes unter Einschluß der Vertei- lung der Lexeme auf die Einzelsprachen geliefertg 96. (1985, 292-350), wobei er die Lexeme nach Wortarten trennt. Für die Sachgeschichte ist die Wortart aber eigent- lich belanglos; man hätte eher eine Zusammenfassung aller Substantive, Adjektive und Verben unter dem jeweiligen Realienbegriff begrüßt. § 93. Es fragt sich auch, ob die Zuweisung eines Lexems zu verschiedenen sach- lichen Gruppen vertretbar ist. Fi. hauta z.B. tritt an drei verschiedenen Stellen in HOFSTRAS Gliederung auf: ”Fanggeräte und -methoden” (300), ”Sonstiges im Be- reich der Schiffahrt” (316) – wozu er vermerkt: ”Teer war ein wichtiges im Schiffbau verwendetes Dichtungsmaterial. Die Übernahme der Bezeichnung der Teergrube (hauta) aus dem Germanischen kann daher nicht verwundern” (318) – und ”Sons- tige Geländebezeichnungen und Bodenarten” (326). Der Hinweis auf die Bedeutung des Teers impliziert,daß HOFSTRA prinzipiell den sachgeschichtlichen Hintergrund zur Zeit der Übernahme eines Wortes zum Maßstab macht. In der Tat kann man z.B.fi. tehdas nicht nach seiner jetzigen Bedeutung ‘Fabrik’ einordnen. Es hätte jeweils erörtert werden müssen, ob alle Bedeutungen aus der Gebersprache stammen. 96. In einigen Fällen, in denen laut HOFSTRA ein finnisches Wort im Karelischen (Seitenzahlen in Klammern) keine Entsprechung hat, finden sich aber Belege aus dem nordkarelischen Dialekt von Jyvälahti und dem Südkarelischen (Rukajärvi,Suojärvi): Zu fi. ali(j)o ‘Hure’ (327), ahmo ‘Schachtelhalm = korte’ (310), kappa ‘Brunneneimer; Getreidemaß’ (313), jukko ‘vorderstes Querholz am Schlitten; Leine, an der das Rentier zieht; Schindelholz; Oberfläche (nasse) der Fichte, aus der Latten abgespalten werden’ (315), keula ‘Vorderteil des Schiffes’ (315), naparja, napakaira ‘Bohrer’ (323), murha ‘Mord’ (329), nauttia ‘genießen, zu sich nehmen‘ (347) – BRUSE. 204 § 94. Wenn also HOFSTRA fi. raha ‘Geld’ in die Gruppe ”Handel, Geld, Maß” ein- reiht, so ist das nur unter der Voraussetzung zu akzeptieren,daß der Ubergang von der Bedeutung ‘Fell’ zu ‘Zahlungsmittel’ in direktem Zusammenhang mit dem Ent- lehnungsvorgang steht, d.h.‚ keine spätere Bedeutungsveränderung im Finnischen vorliegt. Unter diesem Gesichtspunkt gehörten aber auch, falls VILKUNA mit seiner Interpretation als Steuertermini recht hat, nauta und lammas hierher.Die ursprüng- liche Bedeutung von raha ist in rahasaari ‘Pelzinsel’ (KALEVALA 26, 165, 488) erhalten (s. FROMM 1967, 297). § 95. Die Problematik solcher Gruppierungen wird auch z.B. an zwei Unterabteilun- gen der Rubrik ”Ackerbau” deutlich.HOFSTRA sondert die ”Nutzpflanzen” humala ‘Hopfen’, kaura ‘Hafer’, laukka ‘Lauch,Zwiebel’, liina ‘Flachs; Hanf’ und ruis ‘Rog- gen’ von den ”Unkräutern” (vesi-)ahma ‘Schachtelhalm’, kattara ‘Trespe’, luste ‘Lolch’ und maltsa ‘Melde’ ab. Auch ”Unkräuter” können nun Nutzpflanzen sein. Knöterich und Gänsefuß kommen in prähistorischen Samenkörnerfunden in einer Menge vor, die mit mangelnder Fähigkeit, das Erntegut von Unkräutern zu befreien, nicht zu erklären ist. Die Samen der ”Unkräuter” dürften gesammelt und dem Ge- treide beigemischt worden sein (OXENSTIERNA 22 f.). Zum Verzehr von ”Unkraut-samen” vgl. auch GERMANEN 126 f. FROMM stellt fest (1977, 138), daß ”erst auf der Grundlage einer semantischen Untersuchung Archäologie möglich sei” (zitiert nach HOFSTRA 1985, 292). Aufgrund des Beispiels ”Unkräuter” könnte man indes- sen eher sagen, daß nur mit Hilfe der Archäologie eine sinnvolle semantische Gruppierung möglich ist”. 97 Zum Verhältnis von Semantik und Archäologie (Frühgeschichte) s. GULYA 205 Methodisches § 96. Als Beispiel für das phonotaktische Vorgehen KOIVULEHTOS seien folgende Herleitungen referiert. Für fi. haava ‘Wunde’ findet sich in SKES folgender Eintrag: ”… , karel. hoava, (fi. > lapp. hâwie …) = ? mordw.E tšavoms, ´züchtigen’ | ?tscher. KB tšaηgḙm ‘(ein)schneiden, schnitzen’.

– Die Bedeutung ‘Mal’ in den Wendungen täällä (tällä,HM) haavaa ‘diesmal’, yhtä haavaa ‘einmal’ usw.,estn. haaval ‘auf einmal’ einer früheren ‘Schlag,Hieb’ auf die nämliche Weise entwickelt wie z.B. lit. kartas ‘Mal’,eigtl. ‘Schlag, Hieb’ (kertù ‘ich schlage’, slav. raz´ id., raziti ‘schlagen’, ukr. vraza ‘Wunde’ oder fr. coup ‘Schlag’: à tous coups ‘jedesmal’ . . . ” . Die Unsicherheit dieser Zusammenstellung erlaubt KOIVULEHTO festzustellen: ”Es liegt nun nahe, auf die Möglichkeit einer alten Entlehnung zu achten. Und tatsächlich: wenn man sich nach einem passenden Original umsieht, braucht man nicht lange zu suchen: als solches bietet sich germ *hawwa. > urn. *haggwa-, das in awn. hagg (n.) Wendungen und ihre Parallelen aus den anderen Sprachen führt KOIVULEHTO unter Berufung auf SKES dann als Stütze für seine Herleitung des finnischen Wortes an (134). Für zwei weitere fin- nische Wörter mit der Phonemsequenz -aav- findet er dann ebenfalls germanische Originale: fi. kaava ‘Umriß‚ Gestalt,Form, Muster’ < germ. *skawwa- (> ahd. scou ‘habitus’; fi. naava ‘Bartflechte’ < germ. *fnawwa- (> schwed. fnugg ‘Flaum, Fus- seln’ (137 ff.bzw.143 ff.).Die Lautgestalt der finnischen Wörter erklärt KOIVULEHTO mit der Unzulässigkeit der Phonemverbindung -auv zum Zeitpunkt der Entlehnung (135).

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In ähnlicher Weise wie bei der Sequenz aav verfährt KOIVULEHTO im Falle der ”finn. Stämme auf -rte” (1979 h, 129 ff.). KOIVULEHTO stellt fest, daß sich von den neun einschlägigen Nomina nur eines auch außerhalb des Ostseefinnischen, und zwar nur im Wolgafinnischen belegen läßt, und führt aus: ”Die -rte-Stämme bilden einheitliche Gruppe, die auch altersmäßig ziemlich homogen ist; alle Wörter haben offenbar innerhalb einer bestimmten, nicht allzu langen Periode in der Spra- che Heimatrecht erhalten. Diese Periode ist zugleich auch die Periode des baltis- chen und germanischen Einflusses auf das (Früh)urfinnische. Von unseren Sub- stantiven sind denn auch schon drei, orsi, virsi und … hirsi als baltische Lehnwör- ter erkannt worden. So erhebt sich die Frage, ob nicht auch andere Vertreter des- selben Strukturtyps alte, bisher noch nicht erkannte Lehnwörter sein könnten. Die- ser Frage bin ich nachgegangen, und ich meine,sie positiv beantworten zu können” (129 f.). ” Nun braucht man der Frage, ob die restlichen rte-Stämme Lehnwörter sein könnten, nicht ”nachzugehen”; natürlich müssen die übrigen keine Erbwörter sein. Die Frage ist vielmehr, ob die von KOIVULEHTO beigebrachten baltischen und germanischen Wörter die Etyma der übrigen -rte-Stämme sein können.

Tatsächlich lassen sich keine Kriterien finden, aufgrund derer diese Etymologien als falsch oder zumindest ganz unwahrscheinlich zu bezeichnen wären. Im Falle der hier interessierenden drei germanischen Deutungen müssen aber einige Beden- ken angemeldet werden. Zunächst ist bedenklich, daß keines der vermeintlichen germanischen Originale eine Stammklasse aufweist, die im Finnischen zu einem e-Stamm geführt hätte.

KOIVULEHTO glaubt, diese Schwierigkeit mit dem Hinweis auf einige baltischen a-Stämme, die im Finnischen in die e-Klasse eingebaut wurden, und auf seine Etymologie von fi. palsi < *falþa- beseitigen zu können.

Nun ist die letzte Gleichung mit ziemlicher Sicherheit verfehlt, und bei den baltis- chen Lehnwörtern läßt sich ein Grund für die abweichende Stammklasse ausma- chen, der bei den germanischen Wörtern nicht gegeben ist. Den Schlüssel für eine Erklärung liefert fi. virsi ‘Kirchenlied‚ Gesangbuchlied, Lied’, dessen baltisches Ori- ginal ‘Wort’ bzw. ‘Name’ bedeutet: lit. vardas ‘Name’, lett. vārds ‘Wort; Vorname’, apr. wārds ‘Wort’ (KALIMA 1936, 180). Das ostseefinnische Wort meint also ‘(ge- sungene oder rezitierte) Worte’.Das baltische Original von fi. orsi ‘Sparren, Balken’ wird im Lettischen vorwiegend pluralisch verwendet, und pluralische Verwendung ist auch im Falle von reist’ ‘Schenkel’ markant: wot. redjeD ‘reidet; kärryn aisat’, süd- estn. adra-raied ‘Pflugstangen’, vgl. lit. rietai (Pl.) ‘Zochbaum am Pfluge’ (sie KALIMA l.c.).

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Die Übernahme geschah demnach vermutlich aus dem Plural; im Falle von virpi ‘Zweig, Reis, Gerte, Stange, Rebe’ (vgl. lit. virbas ‘id.’) ist häufige pluralische Verwendungsweise zumindest nicht auszuschließen.

Ein urbaltisches *ardai beispielsweise konnte aber – zumal urbaltisches *ai sogar in der Stammsilbe gelegentlich durch ostseefi. ei vertreten ist (s.KALIMA 1936, 73) – durchaus einen zugrunde liegenden urostseefinnischen obliquen Pluralstamm *ortei- liefern, wozu später das singularische orte- gebildet worden wäre. Dabei ist belanglos, ob sich der Typ sota/soti- ‘Krieg’ – der Pluralstamm dann analogisch fur *sosi- (s. SKRK §1; 23.C,S.39) – schon auf der Stufe sota/*sotei- (< sota/*sotai-) befand denn der Aufbau des Singularparadigmas wäre natürlich nach dem unmar-kierten Typ *lume/ *lumei- ‘Schnee’ erfolgt.Es ist auch denkbar daß das baltische Wort als *ortai- übernommen wurde und auf der Stufe *ortei- die Herausbildung des Singulars geschah. Da sich im Germanischen die pronominale Endung des Nom. Pl.bei den Nomina nicht durchgesetzt hat,ist der beschriebene Mechanismus hier nicht möglich. Die Annahme, daß die in Rede stehenden baltischen Wörter strukturell zu einer kleinen Gruppe von e-stämmigen Erbwörtern gehören, die auf ältere a- bzw. (ä-Stamme zurückgehen (orta- > *orte- wie *järvä > järve- ‘See’, s. hierzu SKRK I § 23.B, S.37), widerrat die große Menge isomorpher a- und ä-stäm- miger baltischer Lehnwörter: harja ‘Bürste’ härmä ‘Tau, Reif´, karva ‘Haar’, kelta ‘gelb, luhta ‘Aue’, mäntä ‘Quirl’, silta ‘Brücke’, tarha ‘Garten’, tyhjä ‘leer’ u.a.

Was die einzelnen Etymologien betrifft, so stellen die Erklärungen KOIVULEHTOS erhebliche Ansprüche an die Vorstellungskraft des Rezipienten. Für fi. parsi ‘Rie- genstange eruiert KOIVULEHTO z.B. ein urgermanisches *barđa ‘Bart = parta, liettuan baržda’, das ”offenbar ursprünglich identisch oder zumindest eng zusam-mengehörig mit *barda- ‘Rand’ (> fi. parras ”id.”) sei. Eine passende Bedeutung glaubt KOIVU- LEHTO im niederlandischen baard gefunden zu haben, das ”bei Deichbau und Uferschutz ein aus mehreren Lagen Reisig bestehendes Gefüge’ bedeutet, wobei ”unter Reisig hier gerade zähe Gerten oder dünne Stangen, vor allem aus Weide zu verstehen” seien, ”wie sie vor allem von Schneitel- und Kopfholzbäumen gewonnen werden” (l44) 98.

98. Was Schneitelbäume (oder Schneitelholzbäume?) und Kopfliolzbäume sind, wird nicht erklärt; das muß man als zünftiger Etymologe wohl parat haben.

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Zur Sachgeschichte führt KOIVULEHTO noch aus: ”Diese Etymologie setzt voraus, daß die Anwendung des Wortes *barđa für Konstruktionen aus Reisig und Stan- genholz, wie sie etwa bei holländischen Uferbefestigungen vorkommen, schon sehr alt ist. Eine solche Annahme ist aber gut möglich, vorstellbar wäre, daß es erst in der neueren Deichbautechnik zur Bedeutungsentwicklung etwa ‘Bart’ > ‘Reisiggefü- ge’ gekommen wäre, und man darf davon ausgehen, daß auch in diesem Bereich hier alte Vorstellungen konserviert worden sind – wie oft in Sondersprachen”. Da aber dt. Wasen ‘Reisigbündel‚ Faschine, zusammengebundenes Stangenholz’ und seine nordischen Kognaten im Niederländischen offenbar keine Entsprechung ha- ben, wie KOIVULEHTO bemerkt, ist es durchaus vorstellbar, daß das Niederländis- che geneuert hat, zumal diese Sprache für die in Rede stehende Sache noch eine ganze Reihe anderer Bezeichnungen hat, wie aus den Wörtern ruwaerschouw, rijsschouw, tuinschouw, ruitschouw und spijkschouw neben baardschouw erhellt, z.B. 1374 Rysscouwe ‘Schouw over het rijswerk aan een dijk’, 1390 Ruytschouwe (ruware, ruwaer usw. ‘Rijshout, riet, stro, ”ruige waar” of ruygte aan dijkwerken’, pakdijk ‘dijk, aan de buitenzijde gesteund door een berin of een soort van bekleedingsmuur van pakwerk, gemaakt van rijshout en riet,…’) – VER- WIJS/VERDAM Bd. 11. ”Zur weiteren Begründung” wird dann noch auf TRIER ver- wiesen,der von einer Bedeutung ‘junge Loden’ ausgeht und in der Bedeutung ‘Haar- wuchs im Gesicht des Mannes’ ”eine uralte Metapher” sieht. Diese müßte in der Tat ”uralt” sein, denn auch die lateinische, baltische und slavische Kognate bedeuten ‘Bart’.

Geht man von der genauen Bedeutungsbeschreibung aus,die KOIVULEHTO für das in Rede stehende Wort liefert, liegt die wahrscheinliche Etymologie auf der Hand. KOIVULEHTO schreibt: ”Mit parsi, parret werden also vor allem Stangen und Lat- ten bezeichnet, die eine Schicht, eine Stangenlage bilden und so als Unterlage die- nen, insbesondere als Unterlage für Getreidegarben oder Heu. Im weitaus größeren Sprachgebiet stößt man auf diese Bedeutung; lediglich im Osten (Wepsisch, Lüdisch) ist die allgemeinere Bedeutung ‘Balken’ alleinherrschend” (1979 b, 143).

Eine Unterlage ist gewissermaßen eine ‘Stütze’. Eben diese Bedeutung haben bal- tische Bildungen von der urindogermanischen Wurzel *sper-, zu der mhd. sparre ‘Stange, Balken’ und russ. noдnop(K)a ‘Stütze’ gehören: lit. sparas ‘Stütze, Strebe(balken), (dial.) spyris ‘Strebebalken’, spiris ‘Leinweberrute, (Leiter)sprosse’.

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Hierher gehören auch ´Unterstützung; Stütze’ und ablautend (dial) paspartìs Unter-stutzung, Stütze’, man vergleiche paspirà, paspiras und paspyris, paspyrys, sowie paspara, pasparas mit den. nämlichen Bedeutungen.

Die zugrunde liegenden Verben sind spirti ‘sich widersetzen, (nieder-,an-) drücken: Refl ‘sich stützen’, paspirti ‘stützen’ (FRAENKEL, Lkžd.). Angesichts dieses Be- fundes ist der Ansatz eines urbaltischen *spartis ‘Stutze, Balken, Sparren’ (vgl. o. -spartìs) als Original des finnischen parsi gerechtfärtig. Die Alternation Schwund-stufe/o-Vollstufe ist ein gängiges Muster in der baltischen Wortbildung,man vgl. nur das Etymon von fi: virsi, lit. vardas, lett. vārds gegenüber apr. wirds.

KATZ leitet parsi von einem urgermamschen sparrjon (>sperra ‘Dachsparren’ her, wobei er in dem s des finnischen wortes den germanischen Anlautkonsonanten sieht (Korpsion-Fall, s.o). Die Etymologie setzt voraus, daß das finnische Wort in die e-Klasse übergegangen ist,denn eine Form parsi sollte eigentlich als Lehnwort: einen Genitiv *parsin haben. Die Basis parsi müßte aus einem alteren parsia hervorgegangen sein (1990, 44).

§ 97. Bedenklich ist, daß sich die Lautentsprechungen, die die ”neuen Entwicklun- gen in der germanisch-ostseefinnischen Lehnwortforforschung” Charakterisieren’ auf eine relativ kleine Anzahl von Gleichungen konzentrieren, dergestalt, daß sich in den neuen Funden häufig zwei oder mehrere der neuen Entsprechungsregeln manilfestieren.

So soll fi. hakea – got. sökjan nicht nur ein Beispiel für die Entsprechung fi. a – ”fruhurgerm.* ā sein, sondern auch für ”frühurfi” *š – urgerm. *s- (und für die Vertre- tung einer urgermanishen Tenuis durch einfache ostseefinnische Tenuis).Man könn- te die Methode folgendermaßen beschreiben: Für die Etablierung der Vertetung fi. a für urgerm. *ā mittels fi.hakea braucht man weitere Beispiele für fi.h<kgerm.*s-.

Als solches gilt unter anderen fi. hauras, dial. hapras ‘spröde, morsch´, das zu an saurr ‘Schlamm, Kot’ gestellt wird (”frühurgerm.” *sauras).

Dazu braucht man aber wieder Beispiele für die traditionell nicht beigebrachte Entsprechung urfi. *ap – urgerm. au: Hier muß auf fi. saura ‘Schober’ verwiesen werden, das ein germanisches stauras (an staurr ‘Stutz-‚ Zaunpfahl ) sein soll.

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Für die substitution germ. st- durch urfi. *s- läßt sich wiederum fi. salpa ‘hölzerner Riegel, Schlagbaum‚ Kolben’ anführen (”frühurgerm.” *stalpan-, vgl. den altnordis- chen Personennamen Stalpi und schwed. dial. stalpe ‘Pfahl’). Da hier eine germa-nische Tenuis nicht wie gewöhnlich mit der urfinnischen Geminate wiedergegeben ist, wäre man wieder bei fi. hakea. Nun könnte man zu bedenken geben, daß es sich ja zumeist um sehr frühe Entlehnungen handeln müßte und daß man eben die einen Entsprechungen nicht gefunden hat, weil man die anderen nicht kannte. Der Einwand wäre nicht von der Hand zu weisen, wenn man es in der Mehrzahl mit se- mantisch zwingenden Zusammenstellungen zu tun hätte. Dies ist jedoch durchaus nicht der Fall. Das Bedenkliche bei den neuen Ansichten ist aber nicht allein die Hypothese, sondern auch das Auswuchern der Beweismittel.

Die Zusammenstellung von fi. laiva ‘Schiff’ mit an.fley < *flauja ist ein im Hinblick auf Sachgeschichte und Phonotaktik des Urostseefinnischen akzeptabler Vor- schlag. Bei den Bemühungen, weitere Evidenz für eine bei dieser Etymologie vor- auszusetzende Metathese der Halbvokale zu liefern,bietet KOIVULEHTO mit seiner Erklärung der Wörter fi. raivo ‘Schädel’ und raivata ‘roden,ebnen’ Etymologien an, die er vermutlich nicht zur Diskussion gestellt hätte, wenn die fragliche Metathese zu den gesicherten Phänomenen gehören würde. Bei HOFSTRA werden raivo und raivata bedenkenlos zu den unbezweifelbaren germanischen Elementen des Ostseefinnischen gerechnet (1985, 297 bzw. 345). § 98. KOIVULEHTO bemerkt – mit einer ”gewissen Reserve” (HOFSTRA 1985, S. 141) – bezüglich seines Materials für die Entsprechungsregel urgerm. *ē’ – frühurfi. *ā: ”Vielleicht treffen nicht sämtliche Zusammenstellungen genau das Richtige 99. (…) aber an der Lautentspechung an sich glaube ich festhalten zu müssen:vernünf- tigerweise können nicht alle aufgeführten Fälle wegerklärt werden …” (s. HOFSTRA a.a.O.) 99. Daß eine Etymologie ”vielleicht nicht genau das Richtige” trifft, ist an sich schon eine sehr eigen-tümliche Formulierung. Es geht doch hier nicht darum,ob das Etymon in dieser oder jener Stammklas- se vorgelegen hat o.ä. Wenn KOIVULEHTO seine ”Erklärungsvarianten” für die Bedeutungsentwick- lung ‘Brett’ > ‘Kahn’ und ‘Schüssel’ mit den Worten kommentiert, ”die Hauptsache jedoch, nämlich die germ. Herkunft von pursi, wird durch das Vorhandensein verschiedener Erklärungsmöglichkeiten nicht weniger wahrscheinlich, sondern eher das Gegenteil ist der Fall” (l979b, 148), so liegt hier die gleiche Auffassung zugrunde.

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KOIVULEHTOS Appell an die Vernunft des Rezipienten mag hier und da nicht sei- ne Wirkung nicht verfehlen.An dieser Stelle läßt sich jedoch die Frage nicht vermei- den,was KOIVULEHTO so sicher macht,daß unter Dutzend seiner etymologischen Vorschläge einige Treffer sein müssen, denn er deklariert nicht etwa bestimmte der betreffenden deklarierungen als zwingend! Gegen KOIVULEHTO ist festzustellen, daß sehr wohl alle in Rede stehende Entsprechung ins Treffen geführten Beispiele falsch sein können: Daß nicht alle richtig sind, dafür spricht der etymologische Empirie. So zeigen die lateinischen Elemente in Germanischen, daß das Belegma-terial für eine bestimmte Entsprechung nur zu einem geringen Teil semantisch problematisch ist. Daß die Kritik möglicherweise in dem einen oder anderen Fall die Wahrheit ”wegerklärt”, ist nat¨rlich sehr gut möglöich. Dann ist es ein unglück- liges Zufall, dass im urostseefinnischen gerade bei den weigen Fällen mit den in Rede stehenden Substitution eine Bedeutungsverschiebung stattgefunden hat.

Aber einer Gleichung wie vähä wenig – ahd, wāhi ´fein, zierlich, kunstvoll’ kann man beim besten Willen nicht den gleichen Status zubilligen wie fi. ´lammas‘ Schaf – ‘dt. Lamm’; die einzige in semantischer Hinsicht befriedigende Gleichung der oben erwähnten Gruppe, fi käydä, got. skewjan wandern‚ ist morphologisch bedenklich (urostseefi. *käve-!).

§ 99. Bei der Datierung beginnt KOIVULEHTO mit der Vermutung, daß von den Lehnwörtern ”einige … vesentlich älter siond gemeinhin angenommen” (l971c, 806). 1984 wird der Zeitpunkt mit 1500-500 13c.” angegeben.In FROMMs Darstellung der KOIVULEHTOschen Konzeption wird bereits nur noch das Jahr 1000 angegeben (1986,213). Diese Verschiebungen des frühesten Entlehnungspunktes beruhen nun aber nicht auf der Interpretation eines Materials, das sich aus Menge von Etymolo- gien rekrutiert, die sich zufallig, aus er vorurteilsfreien Beschäftigung mit der Her- kunft bestimmter Lexeme und ihrer selbst willen ergeben haben, sondern es wurde der Wortvorrat offensichtlich gezielt auf mögliche Kandidaten fur bestimmte alter-tumliche Lautveränderungen sondiert. Daß bei einem solchen Vorgehen mit jedem vermeintlichen neuen Zeugnis die Meßlatte für die Akzeptabilität einer Etymologie etwas heruntergesetzt wird, verwundert nicht.

212

§ 100.Bei der Beurteilung der Beweiskraft der neuen Etymologien für die Geschich- te des Ostseefinnischen und seiner Sprecher ist entsprechend der Polysemie des Wortes ”Etymologie” zu verfahren. ”Etymologie” wird einmal im Sinne von ”Deu- tungsversuch” verwendet (”Die von XY vorgetragene Etymologie kann nicht akzep- tiert werden” u.ä.)‚ zum anderen ist damit die tatsächliche Herkunft eines Lexems gemeint (”Dieses Wort hat keine Etymologie”). Die Güte einer Etymologie im erst- genannten Sinne des Wortes hängt – wenn die lautliche, morphologische, seman-tische, sachgeschichtliche und gegebenenfalls wortgeschichtliche Seite der Deu- tung hinreichend fundiert ist – noch von der Anzahl der Zusatzhypothesen ab. Es ist nicht zu bezweifeln, daß das für die neuen Ansichten über die gerrnanisch-ostsee-finnischen Kontakte ins Treffen geführte Material in der Regel das Ergebnis ange- strengten Etymologisierens ist. Die Frage ist, ob diesen Etymologien ein Sicher-heitsgrad zukommt, der zu weitreichenden Folgerungen berechtigt.

Ein Beispiel einer mustergültigen Etymologie ist KOIVULEHTOs Darstellung der Genese des finnischen Wortes für die Gerste, ohra,wobei eine Vermutung OJAAN- SUUs aufgegriffen wird. Der Ausgangspunkt ist eine phonotaktische Besonderheit. KOIVULEHTO stellt fest, daß von den vier finnischen Wörtern, die eine durch das Nebeneinander von fi. -hr- und (mundartlich) -tr- sowie weps. -zr- erwiesene urost-seefinnische Sequenz *-str- bzw. *-s’tr- aufweisen, zwei auf ein fremdes Original zurückgehen (fi. ihra‘Speck’ < urn. *istra- < *instra- > an. istr‘ Fett’; fi. ahrain ‘Fischgabel’, dem russ. ocmpoea (ostrova) zugrunde liegt, (s. KALIMA 81). Die Ar- beitshypothese, daß auch die anderen beiden Entlehnungen fremder Lexeme sind, die eine für das Urostseefinnische vermutlich nicht zulässige Konsonantenverbin- dung enthalten, führt über den onomasiologischen Befund, daß die Gerste häufig nach ihren spitzen Grannen benannt ist,zu einem baltischen Etymon *astra- ‘spitz’ (vgl. lit. aštrus, aštras ‘scharf’). Lautlich ist die Zusammenstellung einwandfrei; die Diskrepanz im Vokalismus wird durch eine hinreichend große Anzahl von Parallel-fallen unproblematisch. KOIVULEHTO verweist weiter darauf, ”daß ohra als Name einer Kulturpflanze eine solche semantische Gruppe vertritt, in der Entlehnungen zahlreich sind” (1979, 69 f.).

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Dem Umstand, daß aber die Namen zweier anderer wichtiger Getreidearten dem Germanischen entlehnt sind (fi. ruis ‘Roggen’ und kaura ‘Hafer’), weiß KOIVULEH- TO mit dem Hinweis zu begegnen, daß die Gerste als Kulturpflanze älter als Roggen und Hafer sei.

Wenn man von dem Widerspruch absieht, der darin besteht, daß KOIVULEHTO es schon 1976 für möglich hielt, daß die germanisch-ostseefinnischen Beziehungen vor den baltisch-ostseefinnischen begonnen haben (vgl. HOFSTRA 368), handelt es sich hier um eine tadellose Etymologie, aber nicht unbedingt um die Etymologie. Die Zusammenstellung ist für Schlußfolgerungen irgendwelcher Art unbrauchbar, solange sich kein urbaltisches *aštra- in der Bedeutung ‘Gerste’ zumindest indirekt – etwa in einem anderen Lexem verbaut oder als Bezeichnung eines anderen Getreides – nachweisen läßt 100.

Es handelt sich hier um das nämliche Problem wie im Falle von raivo ‘Schädel’ vs. an. treya ‘Korb’ (vgl. § 47).

§ 101. Die für das ”semantische Verhältnis” ‘Ose, Schlinge’ – ‘Zügel’ beigebrachte Parallele fi. lämsä ‘Lasso; Zugseil am Schlitten; Öse; Fangschlinge’, karel. lämššü ‘Lederschlinge im Pferdegeschirr, Schlinge, Öse am Stiefel’, lapp. law’če ‘Zügel, Lenkseil des Rentiers’ (KOIVULEHTO l986a, 275;vgl.§ 41) ist entbehrlich. Die Mög- lichkeit einer solchen Bedeutungsentwicklung würde von niemandem geleugnet. Daß aber im ”Vorgermanischen” die Sippe von an. 42s ‘Ose am Schuh’ auch tatsächlich die Bedeutung ‘Zügel’ hatte, wird durch die Parallele nicht im geringsten erhärtet.

HOFSTRA ist der Ansicht, daß die von KOIVULEHTO angeführten romanischen Reflexe von germanisch *falþa- dessen Zusammenstellung mit fi. palsi ‘harte Erd- schicht’, karel. palzi ‘Abhang’ ”stütze” (1985, 132): ”Ital. falda bedeutet ‘Abhang’ und – u.a. in geologischem Sinne – ‘Schicht’ …” hang ohne Relevanz ist, braucht wohl nicht näher erläutert zu werden.

100. Wenn OJAANSUU und KOIVULEHTO damit recht haben,daß fi. ohra ‘Gerste’ aus dem Baltischen stammt, ergibt sich eine völlige ‘Parallele zum Ungarischen, das sein Wort für ‘Gerste’ vor der Land- nahme dem Türkischen (arpa) und die Namen fur ‘Roggen’ und ‘Hafer’ dem Slavischen (rozs bzw. zab) entlehnt hat.

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Dass ein geologischer Fachausdruck in diesem Zusammenhang ohne Relevaz ist, brauch noch nicht näher erläutert zu werden.

Was die andere Bedeutung anlangt, so handelt es sich um eine ganz elementare Metapher; der Fuß eines Berges – dies ist die genaue Bedeutung des italienischen Wortes nach dem GRANDE DIZIONARIO; die Bedeutung ‘Abhang’ (ältere Literatur) kann sich hieraus natürlich leicht entwickelt haben – ist in der Tat die Stelle,wo das Gelände einen Knick bekommt, sich faltet. Hier wird schwerlich eine schon germa-nische Bedeutung bewahrt sein. Daß das Italienische – wie auch das Spanische – diese Bezeichnungsweise, die ja nachgerade eine Definition von ‘Fuß des Berges’ darstellt, nun tatsächlich wählt, kann nicht als zusätzlicher Beweis für die Richtig- keit der Etymologie von palsi usw. herangezogen werden. Die romanischen Reflexe von germ. *falþa- sind für das ostseefimiische Problem völlig belanglos.

Mit dem Bestreben, eine vorausgesetzte Bedeutungsbeziehung durch analoge Ent- wicklungen in der närnlichen Sprache oder in anderen verwandten oder nichtver-wandten Sprachen zu belegen, steht KOIVULEHTO in der Tradition der finnougris-tischen etymologischen Forschung. Bei einer Konfrontation dieser Forschung mit anderen vergleichbaren Disziplinen – insonderheit der Indogermanistik – fällt auf, daß in der Finnougristik das Augenmerk in ungleich stärkerem Maße auf die semantische Komponente einer Etymologie gerichtet wird. In der Indogermanistik scheint man auch bei erheblich abweichender Bedeutung von Explikandum und Etymon weniger Skrupel zu haben.

In der Finnougristik würde man eine Erklärung wie die folgende ohne eine Bedeu-tungsparallele kaum wagen. In den einschlägigen Kompendien findet man mit mehr oder weniger Bestimmtheit die Vermutung ausgesprochen, daß das urindogerma-nische Wort für den Vogel (h2ṷoḭ- bzw. *h2ṷeḭ-) zu dem Wort für ‘Ei’ in Beziehung stehe. Nach den neuesten Erkenntnissen läßt sich diese Verknüpfung am ehesten als Hypostasierung eines präpositionalen Ausdrucks ‘das beim Vogel befindliche’ deuten (SCHINDLER 1969, 166 f.). Es stellt sich die Frage, wie die größere Reser-viertheit der Finnougristen gegenüber ähnlichen Zusammenstellungen zu erklären ist. Man könnte vermuten, daß es an der dem Sprachtyp gemäßen Art des Rekonstruierens liegt.

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In der Finnougristik rekonstruiert man im günstigsten Fall – d.h., wenn man auch über seine definitive Aussage machen uber den grundsprachlichen Vokalismus eine definitive Aussage machen kann, Folgen von lautlichen segmenten, die die Sogenannte Stammform repräsentieren, an die die Kasussuffixe antreten. In der Indogermanistik Idealfall eine Rekonstruktion im Prinzip erst dann abgeschlossen, wenn man bei Verb und Nomen auh die Akzent- und Ablautklasse‚ d.h. das gesam- te Paradigma, angegen kann. Hinzu kommt der Umstand, daß in vielen Fällen eine Beziehung zwischen Akzent / Ablaut und Stammklasse bzw. Bedeutung beteht.

So könnte mann z.B.der Zusammenstellung des armenischen Wörtes für das Rad (aniw) mit dem indogermanischen Wort für die Nabe darauf Verweisen daß die vor- auszusetzende Bedeutungsbeziehung ´zur Nahe gehörig‘ formal in Ordnung ist, da die für Vȓddhi-Bildungen charakteristische Dehnstufe vorliegen würde: h3nebho-. Zusätzliche Evidenz bedeutete der Umstand, daß das armenische Wort in alter Zeit sowohl als o-Stamm als auch als i/a-Stamm, d.h. alter ā-Stamm flektiert was auf ursprünglichen adjektivischen Status weist.

Man verfügt hier mithin über eine ganze Reihe von Bestimmungsstucken was die Wahrscheinlichkeit eines zufälligen Anklage verringert den Makel daß die Bildung außerhalb des Armenischen nicht belegbar ist, teiweise wettmacht. In der Finnou-gristik, wo solche zusätzliche Indizien nicht zu Gebote stehen, ist man gezwungen, die semantische Seite einer Herleitung anderweitig untermauern. So führen die Rekonstruktion des finnisch-ugrischen bzw. uralischen Wörtes für die Ameise (fi. ´kusiainen’ ung. hangya usw.) und die des Wortes für ‘Harn’ (fi. kusi ung. hugy usw.) jeweils auf ein *kun´c´e. Hier kommt den onomasiologishen Parallelen nd. pismīre, md. sechamsņ besondere Bedeutung (TESZ nach Lywy FUF XIII 306) wobei die abwegige Reserviertheit gegen die Zusammenstellung in MSzSV (s.v. hangya) das sich auf abweichenden Vokalismus der permischen Vertretungen beruft‚ nichtsdestoweniger aber völlig identische Grundformen rekonstruiert! — unberücksichtigt bleiben kann.

Der wert einer bedeutungsparallele wird in der Finnougristik aber oft übersätzt. Das führt einerseits dazu daß ganz elementare semantische Beziehungen sorgsam belegt werden. Beispielsweise wird im Falle der Erklärung von ung. nép, für das in MSzSV die bedeutungen 1) Volk 2) Leute, Volk 3) (dial.) ‘Weib, Frau, Gattin, Ge- mahlin’ angegeben werden, eine Entwicklung ´Frau´ + ‘Sohn´ -> Mensch -> ‘Volk, Leute’ angenommen,wobei man die letztgenannte Beziehung mit lit.žmonės (Plur.) ‘Menschen, Leute, Landbevölkerung’ – žmogus (Sing.) ‘Mensch, menschliches Wesen, Person, Mann’ ”untermauert”.

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Hier wird also linguistischen Rezipienten demonstriert, daß der Plural von ‘Mensch’ neben ‘Menschen’ auch das Kollektiv meinen kann,d.h.eine Erkenntnis,die Nestroy offenbar bei seinem Publikum voraussetzen konnte, als er den Kalauer So gibt’s viel gute Mensch’n, aber grundschlechte Leut’ (”Frühere Verhältnisse” Szene 5, Lied 2) formulierte.

Andererseits hat die Konzeption,daß zu einer vollkommenen Etymologie unbedingt eine Bedeutungsparallele gehört, offensichtlich zu einer unreflektierten Suche nach Parallelen in der linguistischen Literatur geführt. Die jeweilige Bedeutungsgeschich- te wird dabei völlig außer acht gelassen. In TESz wird eine etymologische Bezie- hung zwischen wog. (AL) märi ‘glauben, vertrauen’ und ung. mer ‘wagen’ erwogen und u.a. auf dt. (jemandem) trauen und sich trauen verwiesen. Im GRIMM liest man nun das folgende: ”neben der bed. ‘hoffen’,die im Laufe des l7. jhs. abstirbt, meldet sich seit dem anfang des 16. jhs. die bed. ‘wagen’, der die zukunft gehört. sie ent- wickelt sich aus der schon im mhd. vorhandenen bedeutungsnuance des zuver-sichtlichen hoffens, …” (s.v. trauen). Wenn diese Angaben zutreffen, läßt sich mit den deutschen Verhältnissen aber nur eine Entwicklung von ‘trauen’ über ‘hoffen’ zu ‘wagen’ belegen. Die Verwendung der Parallele für die ugrischen Wörter impliziert mithin eine zusätzliche Hypothese zur Vorgeschichte des ungarischen Wortes; es müßte einmal auch in Kontexten gebraucht worden sein, in denen dem Wort die Bedeutungsnuance ‘hoffen’ zukam. Diese Annahme ist nun gänzlich überflüssig. Die Entwicklung kann auch über das häufig in erklärenden Wörterbüchern für ‘wagen’ angeführte ‘glauben, etwas tun zu können’ gegangen sein.

Ähnliches ist auch der Indogermanistik nicht fremd. So hat BUGGE arm. stanam ‘erwerben’ mit lat. *stanäre in praestinäre ‘den Preis vorher feststellen, kaufen’ auf die urindogermanische Wurzel für ‘stehen’ zurückgeführt, wobei er unter Hinweis auf dt. erstehen eine Grundbedeutung ‘durch Stehen erwerben’ ansetzt (KZ 33, 26). KLINGENSCHMITT (1982, 112, Anm. 5) weist aber darauf hin, daß das deutsche Wort in der Rechtspflege entstanden ist (‘durch Stehen vor Gericht erwerben’), womit es für das armenische Wort als Parallele entfällt – es sei denn, man versteigt sich dazu, das mittelhochdeutsche Gerichtswesen mit dem urarmenischen gleichzusetzen.

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Ein weiterer finnougristischer Fall ist die in UEW fur ung. mutatni angenommene Bedeutungsentwicklung ‘Verstehen (Wissen, kennen) lassen, erinnern, mahnen beigebrachte Parallele lat. monēre mahnen – mönsträre ‘zeigen’. Es gibt im Latei- nischen aber kein Verbaformans -strā-; lat. mōnstrāre liegt mōnstrum (< *monist- rom) Mahfllölchen, Weisung der Götter durch ein widernatürliches Ereignis; Unge- heuerzugrunde (LEUMANN S. 313 und ä 412 A. l, S. 546). Die Bildung auf -āre hat hier im Einklang mit der Funktion des zugrunde liegenden Substantivs instrumenta- tive Bedeutung. Die lateimschen Verben belegen mithin nur einen Übergang von ‘mahnen’ zu ‘zeigen’ über ein Nomen instrumenti.

Wie trügerisch eine solche ”Parallele‘ sein kann, zeigt auch sehr schön die Be- handlung des Lemmas orgona Flieder und Orgel in TESz. Hier werden die gelehrte Bezeichnung lat. syringa (< griech. UUPlYE (surinx) ‘Pfeife; Flöte’) sowie engl. pipe-tree und dt. Pfeifenbaum, -strauch angeführt, mit dem Hinweis, daß neben der Blütenform auch der Umstand die Benennungsgrundlage abgegeben haben könn- te, daß das Holz des Flieders zur Herstellung von Pfeifen verwendet wurde. Nun ist aber, aus der Fachliteratur erhellt, das Holz des Flieders für diesen Zweck völlig un- geeignet (MARZELL). Die genannten fremden Worter sind ur sprünglich Bezeich-nungen für den Holunder. Mithin entfallen sie für die Benennung des Flieders mit dem Wort für Orgel(pfeife). Die Genese von ung. orgona ist anders zu beurteilen. Es muß von ung. orgovany (< skr. jorgövän oder bg. aproBan (argovan) < türk. erguvan ‘Judasbaum´) ausgegangen werden das unter dem Einfluß von dt. Pfeifenbaum in der Bedeutung ‘Flieder’ an orgona ‘Orgel’ angeglichen wurde.

Eine weitere Fehlinterpretation liegt bei ung. nyers 1. natürliche Feuchtigkeit ent- haltend (Pflanzen); feucht, schleimig; 2. … 3. ‘ungekocht, ungebraten´ (Speise); 4. ‘unverarbeitet, unbearbeitet´…5. ‘unreif, grün’; 6. ‘lebhaft, kräftig’ (TESz) vor. Es wird vermutet, dass die erstgenannte Bedeutung die Grundlage für die restlichen gebildelt habe. Als Parallelfall wird auf engl. raw roh, unbearbeitet, unverheilt und ’feucht (von der Witterung)’ (< ae. hreaw ‘blutig, von Blut feucht) verwiesen.

218.

Nun ist in diesem Fall das Merkmal ‘feucht’ akzidentiell. Die Entwicklung hat im Englischen nicht bei dieser Bedeutung eingesetzt, sondern das ”nasse” Wetter ist im milden britannischen Klima das ‘unangenehme, rohe’ Wetter und besagt für die vorausgesetzte Entwicklung im Ungarischen überhaupt nichts.

Das im vorliegenden Zusammenhang gravierendste Beispiel liefert MSzFE (Mittei- lung von KATZ). Zur Etymologie von ung. mag 1. ‘Same’, 2. ‘Korn’, 3. ‘Fruchtkorn’, das mit syrj.V P mig ‘Schoß (am) Kleid;Leib (am Hemd),P miger ‘Wuchs,Rumpf’, wotj. K mugor ‘Körper, Wuchs’ zusammengestellt wird, solle man in semantischer Hinsicht lat. corpus ‘Körper, Leib’ – ‘Mark,Kern’ vergleichen, wobei auf WALDE ver- wiesen wird.Die erstaunliche Bedeutungsangabe bezieht sich auf eine idiomatische Verwendung des Wortes, deren deutsche Entsprechung das Wort ‘Kern’ enthält: ‘der Kern, das Wesen einer Sache’ (GEORGES).

Die Behandlung der semantischen Seite der Etymologien durch KOIVULEHTO er- weckt den Eindruck, daß er den Bedeutungsparallelen über den Zweck der ”Absi-cherung” – d.h. des ”Nachweises”, daß die angenommene Bedeutungsentwicklung ”möglich” ist“ 101 – hinaus einen Beweiswert zubilligt.Da eine Benennungsparallele vorliegt,komme schlechterdings kein anderes Etymon in Betracht,und daher müsse man gegebenenfalls die neue Lautentsprechungsregel akzeptieren. Die Zuversicht, daß der Nachweis anderer Benennungen nach dem gleichen Schema die Wahr- scheinlichkeit erhöht,daß in der zur Diskussion gestellten Etymologie die nämliche vorliegt – die in einigen Fällen sogar zum Ansatz von Lexemen in der vermeintlichen lehngebenden Sprache geführt hat (vgl. die Fälle raivo und ohra §§ 47 bzw. 100), erinnert an den Glauben, daß die Anzahl der bisher gezogenen Zahlen die Wahr- scheinlichkeit, daß in einer Ausspielung dieselben Zahlen gezogen werden, verrin- gere. Jeder Benennungsakt ist ebenso ein unabhängiger Vorgang, wie bei einer Ziehung jede Zahl unabhängig von ihrer bisherigen Frequenz mit der nämlichen Wahrscheinlichkeit auftreten kann. Würde die Häufigkeit eines Benennungsmotivs die Wahrscheinlichkeit bestimmen, mit der in einem konkreten Fall das nämliche Motiv angenommen werden kann, müßte umgekehrt eine auf einer weniger häufig bzw. überhaupt nicht anderweitig nachweissbaren Bedeutungsbeziehung bruhende Erklärung der a priori unsicherer sein.

101 Dies ist aber ohnehin kaum einmal strikt zu leugnen.

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Man müsste z.B. an der Tatsache, dass der Dachs überaus häufich nach seiner weißen Maske benannt ist (fr. der Dachs (fr. blaireaux, alb. balëdosë ‘Weiß-schwein’ usw.) der Identifizierung von fi. metsä in (dial.) metsäsika ´Dachs´ (sika ‘Schwein’, vgl, § 54) als ‘Wald’ eingeschränkte Wahrscheinlichkeit zubilligen müssen was eine groteske weiterung wäre 102.

Wenn man eine Ware Bedeutungsentwicklung durch Aufzeigung der einzelnen Phasen plausibel machen kann, ist sie Selbstverständlich zu akzeptieren. Kann es nicht, weist auch eine Parallele nichts, da sie auf Voraussetzungen linguistischer oder pragmatischer Naturberuhen kann, die in der anderen Sprache nicht unbedingt gegeben sein müssen.

Bei den Konkreta kann eine parallele natürlich einen Hinweis auf einen Sachzu-samwenhang liefern. Eine sorgfältige Sachgeschichte hat aber auch dann Beweis-kraft, wenn keine onomasiologische Parallele beigebracht werden kann. Als Univer-salien können nur die abstrakten Bedeutungs-beziehungen wie Metapher, ”pars pro toto” usw. angesehen werden.

§ 102. Wenn fi. havas, gen. hapaan ‘Netzgewebe für Fischereigeräte’ eine Entleh- nung von urgerm. *häbaz < hēbaz (an hafr ‘Hamen; Fischreuse) sein soll muß es ja offenbar einmal die Bedeutung des germanischen Wörtes gehabt haben.’

102. Ein beredtes beispiel in diesem Zusammenhang KOIVULEHTOs Etymologie von fi. lahja ‘Ge- schenk´: germ. *lazja < (urfi. lašja). Er ”beleuchtet die semanflsche Seite mit Hilfe von mhd. vergeben ’(ver)schenken”, vergebens ‘unnütz, vergeblich‘ und nhd. vergeblich” (HOFSTRA 1985,185). HOFSTRA muss die Bedeungsparallele für überzeugend halten, wenn POSTIs Deutung von fi. lahja als ”noch überzeugender” einstuft.

POSTI geht davon aus, daß die Entsprechungen des finnischen Wortes in anderen ostseefinnischen Sprachen die speziellere Bedeutung „Brautgabe´ haben. Da diese Gaben häufig ausTextilien beste- hen, führt POSTI das in Rede stehende Wort auf ein aus urgerm. blahjon entstandenes nordisches blahja- (an. blæja ‘Laken, Bettuch’) zurück Ial (POSTI 1981 6 ff). POSTI kann keine Bedeutungsparal- lele für den Bedeutungswandel ´Linnen´ zu ‘Brautgeschenk’ beibringen.

Niehtsdestoweniger ist seine Etymologie evident da sie einen universell gültigen Typ von Bedeutungs-wandel voraussetzt und sachgeschichtlich abgesichert ist. KOIVULEHTOS Erklärung hingegen erscheint trotz der semantischen ”Beleuchtung” schlichtweg indiskutabel.

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Unter der nämlichen Vorausset zung ließe sich havas dann aber auch mit lit. žabas ‘Gerte, Rute’ in Verbindung bringen, wenn man berücksichtigt,daß die ältes- ten Reusen nach Ausweis von an.teinur (Plur.) ‘Reuse’ zu got.tains ‘Zweig’,tainjo’ ‘Korb’ offenbar aus Flechtwerk bestanden. Selbstverständlich ist hier der Zusam- menstellung mit häfr wegen der besseren Bedeutungsübereinstimmung der Vorzug zu geben. Bei HOFSTRA wird aber z.B. auch raivo, bei dem etwa die gleiche Dis- tribution der Bedeutungen vorliegt wie bei der baltischen Herleitung von havas, als sichere Etymologie eingestuft (297).

Wenn keine in lautlicher Hinsicht ebenbürtige Herleitung mit größerer Bedeutungs-übereinstimmung vorliegt, rangiert offensichtlich eine mit einer semantischen Zusatzannahme belastete Etymologie als sichere Gleichung.

Wenn erklärbare Bedeutungsdiskrepanzen prinzipiell für den Akzeptabilitätsgrad keine Rolle spielen, müßten sie aber auch dann als vernachlässigbar angesehen werden, wenn eine andere Etymologie mit einer engeren semantischen Überein-stimmung vorhanden ist. Der Standpunkt, daß eine Gleichung so lange als sicher zu gelten hat, bis eine Etymologie beigebracht werden kann, die ohne Zusatzan- nahme auskommt, ist äußerst fragwürdig, Freilich spielt die Art der Bedeutungs-beziehung zwischen den für Beginn und Ausgang der Entwicklung angesetzten Bedeutungen eine Rolle; im vorliegenden Fall wird man aber schwerlich einen unterschiedlichen ” Natürlichkeitsgrad ” zwischen Bedeutungsbeziehungen der Art Rohr und Reuse, got. tains und an. teinur einerseits und lat. testa und fr. téte usw. andererseits annehmen dürfen.

§ 103. Die neuen Etymologien werden teilweise mit einer zumindest in der finno- ugristischen Forschung unüblichen Bestimmtheit präsentiert (KOIVULEHTO 198lb, 187 f., Anm. 20): ”Hat doch auch fi. otsa ‘Stirn’ germ. (vorgerm.) Lehnwort sein: < frühurgerm. *anþja- (bzw. vorgerm. *antjo-) >> ahd. endi, an. enni ‘Stirn’ (Vortrag vor der Kotikielen Seura am 13.10.1977)”. Besonders befremdlich ist, daß der Anspruch auf bedingungslose Gültigkeit der Zusammenstellung angemeldet wird, obwohl die Etymologie noch gar nicht veröffentlicht war 103.

103. Im Falle von fi. otsa kommt im übrigen möglicherweise auch das Ungarische hinzu (GULYA in UEW 339 f.): agy ‘Gehirn, Mark’, älter auch ‘Schädel’ bzw. agyar ‘Hau-, Fangzahn’ mit permischen und obugrischen Entsprechungen (fugr. *on´c’a-re‚ s. UEW 340).

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Widersprechen muß man KOIVULEHTO auch,wenn er feststellt,daß laikka ‘Fleck- Splitter’ ”kaum etwas anderes” sein könne als eine entlehnung eines germanis- chen *blaika- (in norw. dial. bleikja ‘blasser Lichtstreifen am Himmel, weißer Fleckauf einer, Klippe’) – 198121, Anm. 4. Norw. flika ‘abgeschlitztes Fleischstuck legt die Annahme nahe, daß dieses Wort und seine Verwandten an. flikki, ae. flicce, mnd. vlicke ‘Speckseite’ (s. HOLTHAUSEN 1934b, 108) auf ein Verb der Bedeutung ‘schneiden abtrennen’ zurückgehen. Dieses Verb könnte (mit Vollstufe) in fi. leikata ‘schneiden’ (nach KOIVULEHTD urgerm. *blaikjan-‚Vgl.dt- bleichen) erhalten sein, und fi. laikka ware dann ursprünglich Abgeschnittenes, Abgespalte- nes’ (s. mnd. vles ‘Fleisch´, an. ‘flís´ kleines [Holz-]Stück, Splitter’). Zur Herkunft von fi. -ei- in germanischen Lehnwörtern vgl. HOFSTRA 1985, S. 48f.

[HM: Kuurin/sääksmäen ”pleikua” = näyttäytyä, esiintyä silmiinpistävästi, liettuan pliekti (pliekia) on yksi kandidaatti suomen balttilaisen, mutta uudella kaavalla taipunan liekki-sana etymologiaksi.]

§ 104. Es wäre zu erwarten daß auch von den vertrauten finnisch-ugrischen Etymo-logien des Ostseefinnischen einige zugunsten einer Erklärung aus dem Germanis- chen aufzugeben sind. Neue germanische Etymologien wurden aber in der Regel nur bei Ostseefinnischen Wörtern gesucht, für die die einschlägige Literatur keine sichere finnisch-ugrische Etymologie angibt, oder wenn eine Zusammenstellung ”von berufener Seite angezweifelt” (KOIVULEHTO 1977, 21, 132) wird. So dürfte es sich erklären, daß für fi. puna ‘Rote, Blut‚ punainen ´rot‘ keine Zusammenstellung mit got. fōn ‘Feuer’ riskiert wurde zu dem die obliquen Kasus von einer schwund-stufigen Basis gebildet sind (Gen. funins).

SCHULZE hat für das Urgermanische ein Adjektiv feuerfarben angenommen (116): Von einem *fanija- mit dieser Bedeutung leitet er got. fani ‘Sumpf’ u.a. her. Ein germanisches *fun- könnte im Ostseefinnischen durchaus‘ ein puna ergeben haben. Als finnisch-ugrische Kognaten puna,estn.puna ‘Röte’ usw.werden mordw. pona ´Haar, Wolle´‚ tscher. U pun ‘Haar (von Tieren), feines Haar (am Menschen-korper), Flaum(fedem), Daunen’, ostj. V pun ‘Haan Feder’, wog.P pun Feder, Haar, ung. fan, fon (dial.) ‘Dickicht’ (altung) angegeben (UEW 402).

UEW vermerkt: ”In den ostseefinnischen Sprachen kann ein Bedeutungswandel ‘Haar, Wolle’ —> ‘rotes Haar, rothaarig’ —> ‘rot, Rote; Blut eingetreten sein” (l.c.).

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Dieser Bedeutungswandel muß vielmehr erfolgt sein, wenn die Zusammenstellung richtig sein soll,woran in UEW nicht gezweifelt wird. Die genaue Bedeutungssphäre von fi. puna ist nach SKES ‘Röte (z.B. der Wangen), auch ‘Morgenröte’‚‘Blut (eines geschlachteten Tieres)’.Die letztgenannte Bedeutung kann dialektal auch die Ablei- tung punainen (Gemeinsprache: ‘rot’) neben ‘Röteln’ haben. Weitere Ableitungen werden als Namen rotfarbener Haustiere verwendet. Verwendungen, die speziell auf eine ursprüngliche Bedeutung ‘feuerrot’ weisen würden, sind nicht auszumachen, so daß von hier aus die Möglichkeit einer germanischen Herkunft nicht untermauert werden kann. Wie man aber angesichts einer komplementären Verteilung der Be- deutungen ‘Röte’ und ‘Haar’ auf das Ostseefinnische und die verwandten Sprachen die herkömmliche Zusammenstellung als sicher ansehen kann, ist rätselhaft.

Daran ändert nichts, daß z.B. fi. karva ‘Haar’ in der älteren Sprache ‘Farbe’ bedeu- ten konnte (s. RAPOLA 92) und eine Beziehung ‘Haar’ – ‘Farbe’ auch in estn. karv ‘Haar; Farbe, Aussehen’, liv. kōra ‘Haar des Viehs; Farbe’ (s. KALIMA 1936 s.v. karva) zu beobachten istw”.

§ 105. KOIVULEHTO geht im Falle von fi. joukko ‘Gruppe, Schar’ überhaupt nicht auf die alte (s. die Literaturangaben im UEW) Zusammenstellung der ostseefinnis- chen und permischen Sippe mit ung. gyakor ‘häufig, dicht’ ein. Im UEW wird die Etymologie als sicher angesehen.

In der Tat gibt es weder semantische noch lautgeschichtliche Schwierigkeiten. Ein grundsprachliches *joukk3 hätte ungarisch gyak- ergeben können (vgl. zum Anlaut fi. jalka ‘Fuß’ – ung.gyalog ‘zu Fuß’,zum Stammauslaut syrj.ček ‘dicht’ – ung. sok ‘viel’)‚und r ist ein gebräuchliches Formans.Zur Monophthongierung im Ungarischen vgl. fi. löyly ‘Dunst’, ung. lélek, Akk. lelket ‘Seele, Geist’. Zumindest zu diesem Zeitpunkt wäre ugrisches Vorkommen eines Wortes aber noch als zwingendes Ar- gument gegen germanische Herkunft anerkannt worden. Es könnte sich allerdings bei dem Wort um eine schon urarische Entlehnung ins Finnisch-Ugrische handeln.

104. Man kann sich vorstellen,mit welcher Vehemenz die germanische bzw. ”vorgermanische” Herkunft von fi. puna vertreten worden wäre, wenn die ”Berufenen” (s.o.) nicht eine sichere finnisch-ugrische Etymologie vertreten würden!

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$ 106. Sehr befremdlich ist, daß KOIVULEHTO hinsichtlich seiner Hypothese von den germanischen Entlehnungen ins Wolgafinnische seinen potentiellen Rezipien- ten sozusagen prophylaktisch einen circulus vitiosus unterstellt: ”Wenn man hier noch von Zufall spricht, bewegt man sich dann nicht im Kreise?; man denkt etwa: im Wolgafinnischen sind keine germ. Lehnwörter nachgewiesen stimmungen auf Zufall beruhen” (1972, 626, Anm.1). Niemand wird KOIVULEHTOS Zusammenstel-lungen deswegen ablehnen,‘ weil vor ihm nichts dergleichen nachgewiesen wurde. Tatsache ist, daß die Herleitungen mit der Empirie der Rezipienten in Konflikt gera- ten. Diesbezüglich kommen auch HOFSTRA Zweifel (1985, 401). Lehnbeziehungen beginnen nun einmal nicht mit ‘Rinne’, ‘aushalten’, ‘Schlamm’ und ‘Stirn’.

Man vergleiche hiermit die baltischen Elemente des Wolgafinnischen (KALIMA 1936 191):Handwerk:mordw. (k)šna, tscher. šaštə ‘Riemen,Leder’, mordw. l´en´g´e lindenbast’, tscher. pört ‘Stube’, mordw. p´ejel´ ‘Messer’; Maße: mordw. k’irda, tscher. kerdə ‘Mal, Zeit’, mordw. t’oža, tscher. tüžem ‘tausend’; Gesellschaft: mordw. s´im´en´ ‘Stamm,Geschlecht’, mordw. t’äxt’ir’ M s´tir’ ‘Tochter, Mädchen’. Die vermuteten germanischen Elemente haben die Bedeutungen ‘Tod’, ‘Rinne’, ‘leiden’: ‘Schlamm’, ‘Stirn’, ‘Körper’, ‘Falle’ und kleines Netz. Nur zwei – bzw. drei, wenn man ‘Rinne’ einbezieht – betreffen demnach die Technologie.

HOFSTRA konstatiert, daß der Anteil an den als germanisch angesehenen Ele- menten im Mordwinischen und Tscheremissischen ungefähr gleich ist, während im Falle der baltischen Lehnwörter der Anteil der mordwinischen überwiegt.Da bei Erb- wörtern die mordwinisch-ostseefinnischen Gleichungen die Mehrzahl ausmachen, ist letzteres erwartungsgemäß und müßte auch für die germanischen Elemente der gemeinsamen Grundsprache von Ostseefinnisch-Lappisch‘ und Wolgafinnisch gel- ten. Die von HOFSTRA beobachtete Distribution spricht entschieden gegen KOIVULEHTOS Ansichten.

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Zusammenfassung

§ 107. In der Untersuchung wird dargelegt, welche Aussagen über Alter, Umfang und Schauplatz der germanisch—ostseefinnischen Sprachkontakte beim derzeiti- gen Stand der Kenntnisse möglich sind: Vor dem Auftreten der ersten germanis- chen Runeninschriften beginnen die Ostseefinnen aus dem Germanischen zu ent- lehnen. Ob und wie weit der Beginn der Lehnkontakte vor der Zeitenwende anzusie- deln ist, läßt sich nicht ausmachen. Germanische Entlehnungen in das ”Frühurfin-nische”, d.h. in der Zeit vor der Auflösung der ostseefinnisch-lappischen Sprachein- heit,sind bisher nicht zwingend nachgewiesen worden.Sie hätten aber ohnehin kei- nen Wert für die absolute Chronologie der Kontakte,da für die Datierung des Endes der ostseefinnisch-lappischen Periode nur eine naturgemäß vage archäologische Argumentation zu Gebote steht. Schlüsse auf soziale Aspekte der Symbiose las- sen sich aus dem Lehngut ebensowenig ziehen,wie es eine genauere Bestimmung des im Ostseeraum anzusiedelnden Kontaktgebietes erlaubt. Die traditionelle Auf- fassung, daß der Beginn der baltisch-ostseefinnischen Lehnkontakte vor dem der germanisch-ostseefinnischen liegt, hat von einer neuen Richtung der finnischen Lehnwortforschung nicht widerlegt werden können. Der Charakter des baltischen Lehngutes im Ostseefinnischen scheint die bisherige Ansicht zu stützen.

Der mit der neuen Datierung des Beginns der germanisch-ostseefinnischen Bezie-hungen im Zusammenhang stehende Versuch, germanische Elemente im Wolga-finnischen (Mordwinischen, Tscheremissischen) nachzuweisen, muß ebenfalls als gescheitert betrachtet werden. Die etymologische Methode,mit der diese und ande- rem spektakuläre Ergebnisse auf dem Gebiet ostseefinnischen Lehnwortkunde erzielt worden sind, erweckt starke Bedenken.

105. Hier kann auch die uralische ”Evidenz” für die urindogermanischen Laryngale genannt werden.

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Die Kritik richtet sich in erster Linie gegen das Verfahren, anhand einiger weniger in semantischer Hinsicht fragwürdiger Gleichungen neue Lautentsprechungsregeln aufzustellen, die dann für die Etablierung weiterer Entsprechungsregeln in anderen Etymologien als gesichert vorausgesetzt werden, und gegen die Überschätzung des Beweiswertes der aus anderen Sprachen herangezogenen onomasiologischen Parallelen. Vielfach können zu den Schlüsseletymologien der neuen Konzeption Alternativerklärungen angeboten werden, für die ein mindestens ebenso hoher Wahrscheinlichkeitsgrad beansprucht werden kann; einige der in der Arbeit vorge-schlagenen neuen Etymologien, z.B. die Deutungen der vermeintlichen germanis- chen Lehnwörter kalja ‘glatt; Glatteis’, runko ‘Baumstamm; Körper’, parsi ‘Sparren’ u.a. aus dem Baltischen oder die Herleitung des Wortes pohja ‘Boden’ aus einem anderen germanischen Original erscheinen wesentlich plausibler als die Erklärun- gen der neuen Richtung.

Das nämliche gilt im Falle einiger im Verlaufe der Diskussion vorgelegter Etymolo- gien finnischer Wörter,für die bisher kein germanisches Original vorlag (z.B. runsas ‘reichlich ’‚ valmis ‘fertig’, vanha ‘alt’).

Die Aussagekraft des Ostseefimiischen für die Geschichte des Urgermanischen ist als äußerst gering zu veranschlagen; insbesondere gibt es entgegen einer kürzlich geäußerten Ansicht keine ostseefinnische Evidenz dafür, daß der Wandel urgerm. *ē1 > nordwestgerm. ā früher stattgefunden hat, als in den germanistischen Hand- büchern angegeben wird. Hingegen verspricht eine Untersuchung der dem Ostsee-finnischen‚ dem Baltischen,Slavischen und Romanischen gemeinsamen germanis- chen Etyma, die in der Untersuchung für den Versuch einer Klärung des sachge- schichtlichen Hintergrundes der Entlehnung ins Ostseefinnische in Angriff genom- men wurde, Aufschlüsse über die materielle,soziale und geistige Kultur der Germanen.

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One thought on “Suomalaisten ja germaanisten kielten varhaisimmista lainakosketuksista, ajanlaskun alun aikaan

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